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Tag: Serge Gnabry

Jogi Löw zeigt es seinen Kritikern

Und er kann es doch! Der überraschende 3:2-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Amsterdam über die Niederlande zum Start der EM-Qualifikation war vor allem ein Triumph für Bundestrainer Joachim Löw. Er hat es seinen Kritikern gezeigt, aber er hat seinen Triumph nicht in Jubelpose, sondern still genossen. Die Stimmen, die nach dem missratenen Fußball-Jahr 2018 lautstark und nach der unglücklichen Ausbootung der Bayern-Nationalspieler wiederholt seinen Rücktritt forderten, werden jetzt erst einmal verstummen. Löw hat bis zu den nächsten Qualifikationsspielen im Juni Ruhe, aber er weiß auch, beim nächsten schwachen Spiel stehen die Kritiker wieder auf der Matte.

Am Spiel in Amsterdam gibt es allerdings nichts zu mäkeln. Löw, der schon so oft taktisch daneben lag, hatte diesmal das richtige Konzept ausgeklügelt und Gegenspieler Koeman überrascht. Die Mannschaft folgte willig, glänzte mit Einsatz, Spielfreude und hielt sich mit Kampfgeist in der kritischen Zeit über Wasser. Sie hatte neben Können und Willen aber auch das nötige Spielglück. Wie heißt es so schön, das hat nur der Tüchtige. Kapitän Manuel Neuer mit zwei glänzenden Paraden (auch er ein Sieger gegen seine Kritiker), Süle, Kimmich und Kroos gingen voran, Sane und Gnabry spielten ihre Schnelligkeit aus und beeindruckten mit ihren Schüssen. So treffen sie allerdings nicht immer! Ein Glücklicher war zudem Nico Schulz und durch seinen Treffer zum 3:2 ganz ohne Zweifel eben auch Joachim Löw. Der hatte das glückliche Händchen, um Gündogan und den ein wenig angeschlagenen Marco Reus zur richtigen Zeit aufs Feld zu bringen. Eines der seltenen Spiele wo alles klappte.

Sah nach der Ausbootung von Hummels, Boateng und Müller der FC Bayern München in Sachen Nationalmannschaft als Verlierer aus, so war der Rekordmeister diesmal ebenfalls ein Sieger. „Nur mit einem starken Bayern-Block haben wir eine starke Nationalmannschaft“, ist das Credo von Uli Hoeneß, das trotz der Ausbootung der Stars diesmal wieder zutraf. Mit Neuer, Süle, Kimmich, Goretzka und Gnabry startete Jogi Löw mit einer starken Bayern-Achse, der Rest kam aus sechs verschiedenen Vereinen!

Ruhm und Ehre kann Jogi Löw jetzt ein bisschen auskosten, es wird ihm wieder mehr Spaß machen, die Bundesliga-Stadien zu besuchen. Die nächsten Spiele stehen erst wieder nach der Saison an, am Samstag, 8. Juni, in Weißrussland und Dienstag, 11. Juni, in Mainz gegen Estland. Da gibt es dann vielleicht andere Probleme, frustrierte Spieler müssen nach einer verkorksten Saison eventuell moralisch aufgebaut werden. Die Juni-Termine sind nicht immer die glücklichsten.

Die Bundesliga ist in Gefahr

Sorgen gibt es im Fußball genug, international tickt eine Zeitbombe. Die ECA, die Vereinigung der europäischen Vereine, verstärkt offensichtlich ihre Bemühungen, die Champions League aufzuwerten und aus ihr eine wirkliche europäische Meisterschaft zu machen. Die Bundesliga ist dabei in Gefahr, die Gedanken gehen nämlich dahin, die Champions League künftig an den Wochenenden auszutragen und dafür die nationalen Punktrunden auf Spieltage Mitte der Woche zu verlegen. Ein Unding! Hier müssen UEFA und Ligen konsequent und hart bleiben, um diese Gedanken im Keim zu ersticken. Man kann nur wiederholen: Gerade die Bosse der großen Vereine haben nur noch das Geld im Auge. Der Fußball ist für sie das Vehikel zum Geldverdienen, aber nicht der Volkssport, den sie pflegen sollten. So machen sie nämlich die Basis kaputt und über kurz oder lang würde dem Fußball der Nachwuchs fehlen. Doch geldgierige Funktionäre denken über ihre prall gefüllten Geldbeutel nicht hinaus.

Wenn aber Europas Dachverband und die nationale Verbände zu schwach sein sollten, dann gibt es noch einen Gegner, der Wirkung erzielen kann – nämlich die Fans! Könnte sein, dass eine Champions League am Wochenende plötzlich unter Stimmungsmangel leidet und die Bundesliga unter der Woche vor leeren Rängen spielt!

Alles wartet auf den 6. April

Am kommenden Wochenende gibt es allerdings noch Bundesliga, aber der Endspurt der Saison ist alles andere als Alltag. Alles wartet auf den 6. April, wenn sich die heute punktgleichen Spitzenklubs Bayern München und Borussia Dortmund gegenüberstehen. Eine Entscheidung wird es nicht geben, aber durchaus eine Vorentscheidung. Die Spieler beider Teams strotzen vor Selbstbewusstsein und beiderseits gibt es eine Kampfansage: „Wir wollen alle Spiele gewinnen“. Vielleicht gibt es zum Ende ein Wettschießen um die bessere Tordifferenz! Die Frage wird dann sein, wer stellt einem Meisterschaftsanwärter ein Bein? Das ist das Restprogramm:

Bayern München: Freiburg (auswärts), Dortmund (zu Hause), Düsseldorf (A), Bremen (H), Nürnberg (A), Hannover (H), Leipzig (A), Frankfurt (H).

Borussia Dortmund: Wolfsburg (H), München (A), Mainz (H), Freiburg (A), Schalke (H), Bremen (A), Düsseldorf (H), Gladbach (A).

Ein bisschen zur Schicksalsfrage wird natürlich der Abstiegskampf, denn der Sturz in die zweite Liga ist schließlich mit erheblichen finanziellen Einbußen verbunden und das Geld regiert bekanntlich die Welt, vor allem (siehe oben) die Fußball-Welt. Ob zum Beispiel Hannover nach einer Revolution im Verein (die Opposition eroberte den Vorsitz im Verein, Martin Kind regiert im ausgegliederten Fußball) die nötige Ruhe aufbringt, um die rettenden Punkte einzufahren? Die Nagelprobe gibt es gleich am Sonntag gegen Schalke, zwei bedrohte Teams stehen sich zudem im bayerischen Derby mit Nürnberg und Augsburg gegenüber. Stuttgart hat es aber in Frankfurt auch nicht leichter. Der Kampf gegen den Relegationsplatz könnte wie das Titel-Duell bis zum Saison-Ende spannend bleiben. Noch hat Augsburg (25 Punkte) gegenüber Schalke (23) und Stuttgart (20) die besten Karten, Hannover (14) und Nürnberg (13) müssen erst einmal den Anschluss schaffen. Für sie ist der Start in den Endspurt gleichzeitig so etwas wie die letzte Chance.

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DFB-Team 2018: Der Absturz und ein bisschen Hoffnung

Die Bilanz der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Jahr 2018 ist furchterregend und deshalb bestimmt ein Ausdruck die Diskussionen um das Team von Bundestrainer Joachim Löw: Ein Horrorjahr. Der stolze Weltmeister von 2014 hat 2018 einen Absturz erlebt. Zwei offizielle Turniere, zweimal Gruppenletzter, sowohl bei der Weltmeisterschaft in Russland als auch bei der neu geschaffenen Nations League. Da gab es nicht einmal einen Sieg, sondern nur zwei Unentschieden und zwei Niederlagen gegen Weltmeister Frankreich und Gruppensieger Niederlande. Das letzte Spiel gegen die Holländer sollte „das Beste zum Schluss“ bringen, wie Jogi Löw hoffte, doch nach 80 Minuten, die Mut machten, und nach einer 2:0-Führung brachten die letzten Minuten erneut einen Absturz. Wieder nur 2:2, bezeichnend, dass der Ausgleich in der Nachspielzeit fiel. Eben ein Horrorjahr.

Die Jahresbilanz ist wirklich erschreckend für eine einst so stolze Mannschaft wie die DFB-Elf: Gerade mal vier Siege und drei Unentschieden, aber sechs Niederlagen. Die bittere Erkenntnis für Jogi Löw, der gern an seinen treuen (und lange Zeit überragenden) Weggefährten festgehalten hätte, den Weltmeistern von 2014. Doch die Zeit des Tempo-Fußballs ließ die einstigen Rennpferde wie lahme Gäule ausschauen. Spät, fast zu spät und eigentlich nur gezwungenermaßen hat sich Löw zum Umbruch entschieden und erntet am Ende für die Zukunft auch ein bisschen Hoffnung. Die jungen Wilden können es richten, wenn sie noch ein bisschen Erfahrung sammeln und auch entsprechend gelenkt werden. Diese richtige Mischung zu finden, ist die Hauptaufgabe des Bundestrainers, um nach dem Absturz den Aufbruch in eine glorreiche Zukunft zu schaffen.

Joachim Löw hat bereits Zeit verloren, weil er eben zu lange an den Weltmeistern festgehalten hat. Jetzt beklagt er, dass er 2019 mit der Qualifikation zur Europameisterschaft 2020 (12. Juni bis 12. Juli) keine Testspiele mehr hat. Kommt Deutschland bei der Auslosung am 2. Dezember in eine Sechser-Gruppe, wird es für das DFB-Team in den Länderspielpausen mit Doppelspieltagen im März, Juni, September, Oktober und November nur Pflichtspiele geben. Keine Zeit für Experimente also.

Eine Basis hat der Bundestrainer allerdings gefunden. Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sane sind ein modernes Tempo-Trio, das jede Abwehr zur Verzweiflung bringen kann, weil eben jeder unberechenbar ist. Bezeichnend, dass den Deutschen der Sieg aus den Händen glitt, als diese drei vom Feld gegangen waren. 80 Minuten lang hatte Jogi Löw gegen die Niederlande quasi seine Mannschaft der nahen Zukunft auf dem Feld mit Neuer – Süle, Hummels, Rüdiger – Kehrer, Kimmich, Kroos, Schulz – Werner, Gnabry, Sane. In der Abwehr sollte Boateng noch nicht abgeschrieben sein, stehen auch Ginter und Hector auf der Liste, in Mittelfeld und Sturm gehört die Zukunft vor allem dem 19-Jährigen Kai Havertz, Julian Brandt und ein bisschen auch Marco Reus. Alle anderen, vor allem auch Thomas Müller, der dies ausgerechnet in seinem 100. Länderspiel erkennen musste, müssen sich hinten anstellen. Spieler wie Goretzka oder Rudy suchen ihren Platz und bekommen Konkurrenz aus der U21, die in diesem Jahr ungeschlagen blieb und 2019 nach dem EM-Titel greift. Auch da also ein bisschen Hoffnung für die Zukunft.

Die Niederlande machte es den Deutschen vielleicht vor, denn bei den beiden letzten großen Turnieren fehlte das Land und es durchschritt ein tiefes Tal. Jetzt das strahlende Comeback mit dem Gruppensieg in der Nations League gegen die Weltmeister von 2014 und 2018. Wer hätte das gedacht. Überhaupt zeigte die viel kritisierte Nations League, dass sie eine Zukunft haben kann, die Großen müssen um ihre Pfründe kämpfen, die Kleinen haben ihre Erfolgserlebnisse gefeiert, siehe Zwerg Gibraltar. Eine Endrunde der Liga A (im Juni 2019 in Portugal) mit Gastgeber Portugal, Niederlande, Schweiz und England hätte so keiner erwartet. Aber Trost ist das für Deutschland nicht.

Der Bundestrainer hat jetzt die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Deutschland nicht so tief fällt und nicht so lange unten bleibt wie die Niederlande, also bei den großen Turnieren fehlt. So weit sollte der Absturz dann doch nicht gehen. Bei der EM 2020 muss Deutschland dabei sein, zumal in jeder Quali-Gruppe der Erste und Zweite weiterkommt (mit einem dicken Brocken ist zu rechnen). Bei der nächsten Austragung der Nations League wird sich das DFB-Team in der ungewohnten Umgebung der Zweitklassigkeit bewegen, in Liga B mit Gegnern wie Island, Polen, Österreich, Tschechien, Finnland aber auch Vizeweltmeister Kroatien. Mal sehen, wie dann die Fans auf die Gegner reagieren, die ja keine Großen sind. Auf Schalke war es erstaunlich stimmungslos.

Wir sehen, die Zukunft ist ein Stück weit sehr ungewiss, aber nach dem Absturz bleibt auf jeden Fall ein bisschen Hoffnung.