Der Sport – Grantler

Kommentare rund um Fußball und anderen Sport

Ist Deutschland jetzt unschlagbar?

Das war ein Paukenschlag, der die Fußball-Welt aufhorchen ließ: Deutschlands U 21 wurde am Freitag, 30. Juni, Junioren-Europameister, zwei Tage später holte Deutschland in St. Petersburg auch noch den Confed Cup. Das Besondere an der Situation: Bundestrainer Joachim Löw hatte auf das Gros der Weltmeister von 2014 beim Confed Cup verzichtet und acht Spieler im jüngsten Kader des Turniers, die noch in der U 21 hätten spielen können. Und dennoch wurden die U 21 Europameister! Welch ein Potential hat der deutsche Fußball! Die Fußball-Welt ist in Aufruhr: Ist Deutschland jetzt unschlagbar?

In beiden Endspielen gab es das gleiche Muster. Der Gegner war jedes Mal Favorit. Da die jungen Spanier, die teilweise bereits in der Champions League für Furore gesorgt hatten und schon als künftige Stars gehandelt werden. Dort der Südamerika-Meister Chile, der in Person von Anführer Arturo Vidal tönte: „Wir werden siegen und dann sind wir die Besten der Welt.“ Deutschland gewann jeweils mit 1:0. Nicht mit spielerischem Glanz, aber doch mit hohem technischem Niveau, aber vor allem mit Kampfgeist und Siegeswillen. Der kann bekanntlich Berge versetzen – und damit kann man Pokale gewinnen. Auch wenn die meisten Weltmeister sich eine Ruhepause gönnen.

Jogi Löws Vorgänger und Ex-USA-Nationalcoach Jürgen Klinsmann schaut bewundernd auf das deutsche Aufgebot und konstatiert: Jogi Löw hat eine Auswahl von 50 Spielern für die Weltmeisterschaft 2018. Da ist das A-Team, das mehr oder weniger Pause hatte, da sind die Gewinner des Confed Cups, die an der Tür zur Nationalmannschaft rütteln und da sind die Junioren-Europameister, die davon träumen, das zu wiederholen, was Neuer, Höwedes, Boateng, Khedira, Özil und Co. schafften: 2009 Europameister und dann 2014 Weltmeister. Heißt: 2018 in Russland werden noch andere den Vortritt im DFB-Team haben, aber 2022 in Katar sind die Europameister von 2017 dran. Die Fußball-Welt hat nur eine Hoffnung: Nicht immer werden die Junioren-Europameister später auch Weltmeister. Das wäre zu einfach.

Bundestrainer Joachim Löw hat das Glück, dass er Spieler für jede taktische Ausrichtung hat und jede Menge flexibler Spieler, die für ein WM-Aufgebot unheimlich wichtig sind. Aber jetzt hat er eine einfache und eine schwere Aufgabe. Die einfache Aufgabe ist, die 23 besten Kandidaten für das WM-Team zu finden. Er kann dabei fast keine Fehler machen und Verletzungssorgen wird er kaum kennen, denn es steht auf jeder Position adäquater Ersatz bereit. Seine Aufgabe wird es sein, die Jungs in Form zu bringen und wie bei der U 21 und beim Confed Cup sowie 2014 in Brasilien eine echte Mannschaft zu formen.

Die schwere Aufgabe hat es in sich, Löw muss die Euphorie in Deutschland dämpfen. Logisch, wenn ein B-Team den Confed Cup gewinnt, wird das A-Team Weltmeister. Doch Löw beginnt bereits jetzt die Schwierigkeiten herauszuarbeiten: Die Talente sind noch nicht so weit, eine Weltmeisterschaft ist ein anderes Kaliber als ein Confed Cup, gegen Argentinien, Brasilien, Italien, England oder Spanien geht es anders zur Sache. Der Bundestrainer muss Kritik vorbeugen, ein frühzeitiges Scheitern bei der WM würde als Bumerang auf ihn zurückkommen, nach dem Motto: Bei so einer Auswahl muss herauskommen.

Doch das ist Zukunftsmusik oder die Zukunftsangst des Herrn Löw. Zunächst muss erst die WM-Qualifikation bestanden werden und da ist Deutschland (noch ohne Punktverlust) auf einem guten Weg. Und dann muss man wirklich erst sehen, wie stark die Gegner sind und was sie auf die Beine stellen. Favoriten sind oft gescheitert, wie jetzt bei der U 21-EM und beim Confed Cup. Joachim Löw muss sich die nächsten zwölf Monate vielleicht mehr mit Ausreden für den Fall der Fälle beschäftigen als mit der Taktik gegen die künftigen Gegner.

Das könnte nach heutigem Stand das WM-Aufgebot Deutschlands sein:

Tor: Neuer, ter Stegen, Trapp. – Abwehr: Boateng, Hummels, Rüdiger, Mustafi, Kimmich, Hector, Henrichs, Toljan. – Mittelfeld: Kroos, Khedira, Goretzka, Stindl, Rudy, Özil. – Angriff: Müller, Gomez, Werner, Reus, Draxler, Sané. Und dabei fehlen in dieser Aufzählung Höwedes, Gündogan, Can, Ginter, Götze, Schürrle, Weiser, Gnabry und andere, die sich ebenfalls in den Vordergrund gespielt haben. Welch eine Auswahl!

Bei der „Tour der Leiden“ leiden viele

Das Dutzend wird voll. Ist das ein Grund zum Feiern? Früher wäre die Begeisterung übergeschwappt, heute herrscht Zurückhaltung. Die Tour de France macht zum zwölftem Mal Station in Deutschland. Das größte Radrennen der Welt, angeblich das drittgrößte Sportereignis überhaupt, startet am Samstag, 1. Juli in Düsseldorf, als vierter Startort nach Köln (1965), Frankfurt (1980) und Berlin (1987). Die Stadt am Rhein lässt sich das einige Millionen Euro kosten und hofft auf die entsprechende Werbung weltweit. Diese wird vielleicht geringer ausfallen als erhofft. Schon die erwartete Zuschauerzahl wurde reduziert. Früher war von einer Million Fans die Rede, jetzt werden vorsichtig 700.000 erwartet. Am Ende wird die Stadt vielleicht ein bisschen leiden, weil die Erwartungen nicht erfüllt wurden. Bei der „Tour der Leiden“ werden viele leiden, nicht nur die Fahrer.

Die Fahrer stehen natürlich an erster Stelle. Sie leiden wirklich, wenn sie sich die Berge hinauf quälen, wenn sie in sengender Hitze in die Pedalen treten. Erstmals seit Jahren sind wieder alle Bergmassive im Programm, aber nicht alle „Berge des Leidens“. Doch schwer genug wird die Tour dennoch, sie muss ihrem Namen schließlich gerecht werden. Früher wurden die Fahrer ob ihrer Qualen bedauert und für das Durchstehvermögen bewundert. Die Bewunderung ist weniger geworden, seit bekannt wurde, dass es auch eine „Tour des Dopings“ ist. Da hat die Tour viel an Renommee verloren und die neue Generation der Rad-Profis leidet immer noch unter dem schlechten Ruf. „Wir sind sauber“, betonen die vier deutschen Spitzenfahrer Tony Martin, John Degenkolb, Marcel Kittel und Andre Greipel fast verzweifelt. Wir möchten ihnen ja glauben, aber Zweifel bleiben halt immer. So leiden halt auch die Fans, sie möchten gern unbefangen jubeln, aber die Zweifel…

So wird eben auch der Sieger leiden. Er kann sich nicht unbeschwert über seinen Erfolg freuen, denn gegen die Zweifel kann er nicht anfahren. Ganz im Gegenteil, siegt er überzeugend, werden die Zweifel eher größer. Startet er einen großen Coup, ist die erste Frage, „wie ging das?“. Der Star der letzten Jahre war der Brite Christopher Froome, er holte sich das berühmte Gelbe Trikot 2013, 2015 und 2016 und gilt wieder als Favorit. Ist diese Überlegenheit ohne Doping möglich? Die Zweifler horchten auf, als im Umfeld des Teams Dopingverstöße aufgedeckt wurden. Der Radsportverband will das Doping verbannen, kämpft aber gegen eine Krake. Jeder Fall, der aufgedeckt wird, ist ein Erfolg und ein Verlust zugleich. „Prima, dass der Sünder entdeckt wird“, sagen die einen, „wussten wir es doch, es wird immer noch gedopt“, sagen die anderen. Doping-Leiden ohne Ende.

Leiden werden auch die Fernsehanstalten. Die ARD hat sich nach einer Doping-Pause wieder für den Radsport entschieden, überträgt jeden Tag, auf ARD One sogar ebenso live wie Eurosport. Und dennoch will keine Begeisterung aufkommen, die Zuschauerzahlen erreichen nicht die Quoten früherer Jahre. Was war das für eine Begeisterung, als Jan Ullrich vor 20 Jahren als erster Deutscher die Tour gewann. Heute ist er ein Geächteter, er wurde des Dopings überführt. Ullrich hat nie gestanden, sich immer nur auf die Aussage „ich habe niemanden betrogen“ zurückgezogen. Er wird leiden, wenn die Tour in Deutschland startet und er nicht dabei sein kann.

Leiden müssen auch die zwei Rennställe, die unter deutscher Flagge starten. „Bora hansgrohe“ gehört mit Weltmeister Peter Sagan (Slowakei) und dem Polen Rafal Majka als Top-Zehn-Kandidaten sogar zu den auffälligsten Teams, das „Team Sunweb“ wird eher um diverse Aufmerksamkeiten bei einzelnen Etappen buhlen. Sie aber wünschen sich keine Zweifel in Deutschland, sondern Begeisterung. „Deutschland ist eine Radsport-Nation“, hat Bora-Sportchef Ralph Denk, ein ehemaliger Rennfahrer, erkannt und meint die vielen Freizeitsportler. Aber damit allein lässt sich keine Begeisterung für die Profis auslösen, solange das Damoklesschwert Doping über dem Radsport hängt. Ein Teufelskreis. Viele leiden angesichts der „Tour der Leiden“.

Neue Fußball-Regeln als Ablenkungsmanöver von Infantino

Da staunte die Fachwelt und der Laie wunderte sich: Die Regelhüter des Fußballs gingen mit geradezu revolutionären Vorschlägen an die Öffentlichkeit. Es sieht so aus, als gebe es nur ein Ziel: Alles muss anders werden. Die Vorschläge kommen vom International Football-Association Board (IFAB), bisher als Altherren-Klub der dem Fortschritt im Wege steht bekannt. Umso erstaunlicher diese Kehrtwendung. Aber sie hat ganz eindeutig einen Hintergrund: Initiator ist FIFA-Präsident Gianni Infantino, der ja das Versprechen abgegeben hat, die FIFA und den Fußball zu modernisieren und jetzt ist die Gelegenheit günstig. Alle reden über die Regeln, keiner mehr darüber, wie die Ethik-Fahnder abserviert wurden, damit die FIFA-Funktionäre nicht in Not (oder vielleicht sogar hinter Schloss und Riegel) kommen. Also dienen die neuen Fußball-Regeln ganz einfach als Ablenkungsmanöver.

Es ist ja auch hanebüchend, was da aufgetischt wird. Nach dem Motto, „man muss über alles reden“ werden die abstrusesten Ideen in die Welt gesetzt. Vorneweg der Gedanke, dass wie im Eishockey auf die effektive Spielzeit umgestellt wird und bei jeder Unterbrechung die Uhr angehalten wird. Auch im Handball und Basketball wird immer wieder die Uhr angehalten. Zweimal 30 Minuten sollen es dann sein, in Untersuchungen wird jetzt im Schnitt eine effektive Spielzeit von 57 Minuten ausgemacht.

Aber was soll das? Will der Fußball zu einer beliebigen Sportart werden? Warum haben Eishockey, Handball und Basketball nicht das Renommee des Fußballs, wenn die effektive Spielzeit der Stein des Weisen ist? Ist er nämlich nicht, die Spielunterbrechungen dauern dann nämlich noch länger als jetzt und können quälend lang sein. Beispiel Basketball, wo sich die entscheidenden letzten zwei Minuten manchmal über 15 und mehr Minuten hinziehen. Hier darf der Fußball seine Seele nicht verlieren, Schiedsrichter müssen nur konsequenter handeln. Aber als Ablenkungsmanöver ist die Idee gut.

Folgende Punkte hat die IFAB herausgestellt: Verbesserung des Verhaltens und Erhöhung des Respekts (Blabla… da sollten die Funktionäre die FIFA nicht mehr als Selbstbedienungsladen sehen und vorangehen). Erhöhung der effektiven Spielzeit (bitte andere Ideen als die Uhr stoppen). Steigerung von Fairness und der Attraktivität (immer gerne, da muss auch ein Lernprozess bei den Spielern stattfinden. Mehr Respekt gegenüber Schiedsrichtern und Gegnern wäre wünschenswert).

In der Tat muss sich der Fußball überlegen, in welche Richtung er gehen will. Gilt der Fußball nur als Mittel zum Zweck um viel zu verdienen (Spieler, Vereine, Berater, Funktionäre), steht deshalb der Event-Charakter, die Unterhaltung im Vordergrund, oder geht es doch noch in erster Linie um Sport? Leider ist es ja so, dass der Profi-Fußball heute gar nicht mehr richtig eingeordnet werden kann, ob er Unterhaltung oder Sport ist. Salomonisch könnte es heißen „beides“. Es wäre die eigentliche Aufgabe der FIFA und ihres Präsidenten, den Fußball wieder vermehrt in Richtung Sport zu führen. Selbst auf die Gefahr hin, dass die eigenen Verdienstmöglichkeiten darunter leiden.

Money, Money, Money – Geht der Fußball im Geld unter?

Was haben die Zeichentrickfigur Dagobert Duck und der Fußball gemeinsam? Sie schwimmen beide gern im Geld. Während aber Dagobert der eher unsympathische Reiche ist, will der Fußball sympathisch bleiben und weltweit Fans anziehen. Derzeit ist er allerdings eher dabei, in eine unsympathische Rolle abzugleiten und Fans abzustoßen. Es geht fast nicht mehr um den Sport, sondern nur noch ums Geld. Spieler, Berater und Funktionäre haben die Dollar-Zeichen in den Augen. Das Motto heißt „Money, Money, Money“ und der Sport-</em>Grantler fragt sich: Geht der Fußball im Geld unter?

Das Thema ist ja nicht neu, kam aber jetzt mit der Vergabe der TV-Rechte für die Champions League wieder neu auf den Tisch. Vor allem in Deutschland war der Aufschrei groß, weil ab 2018 die Königsklasse des Fußballs im Pay-TV verschwindet. Das sind die Fernseh-Zuschauer in England, Spanien und Italien gewöhnt, aber nicht die in Deutschland, die ja sowieso eine monatliche Gebühr für die öffentlich-rechtlichen Sender zahlen müssen. ARD und ZDF müssen mit diesen Geldern haushalten und haben Proteste geerntet, wenn sie viele Millionen Euro für die Übertragungsrechte im Sport ausgegeben haben. Hohe Einschaltquoten bewiesen eine gewisse Berechtigung. Jetzt aber erleben sie eine Niederlage nach der anderen. Die Rechte für die Olympischen Spiele haben sie ebenso verloren wie die nun für die Champions League. Bisher zeigte das ZDF 18 Spiele live, ab dem Finale 2018 in Kiew ist dies vorbei. Das Angebot war zu niedrig, „wir sind an unsere Grenzen gegangen“, gestand der ZDF-Boss, „mehr war nicht drin“.

Schon bei den Bundesliga-Rechten wurde es für ARD und ZDF knapp, aber die Sportschau und das Sportstudio wurden gerettet, es gibt weiter ein paar Live-Spiele im ZDF, aber alle Spiele weiterhin nur im Bezahl-Fernsehen, wobei dem Platzhirsch Sky Konkurrenz erwachsen ist. Vor allem der Streamingdienst DAZN mischt die Branche auf und schmeißt mit Geld um sich. Ob sich das lohnt? Dem Sport, vor allem dem Fußball, ist das egal: Hauptsache die Kasse stimmt. Es könnte aber auf lange Sicht auch ein Eigentor werden. Bleibt der Fußball wirklich Volkssport, wenn er im Pay-TV und Internet verschwindet?

Die Grenzen gesprengt haben vor allem die Fernsehsender in England, die der Premiere League das Geld quasi hinterher werfen. Da entstanden auch gesteigerte Begehrlichkeiten in anderen Ländern, vor allem in Deutschland, wo die Vereine jammern, dass sie nicht mehr wettbewerbsfähig sein können, wenn der Letzte der Premiere League mehr TV-Gelder kassiert als der Erste in Deutschland, Bayern München. Dazu kommen Scheichs aus den Golfstaaten, Oligarchen aus Russland, Milliardäre aus Asien und Afrika, die sich im Fußball Europas verwirklichen wollen und quasi mit dem Geld um sich werfen. Als Beispiel zwei Überschriften zum Saisonschluss: „Geld aus Nigeria hilft beim Titel“ hieß es zum Titelkampf in Kroatien, „Investoren aus China feiern“ zur Meisterschaft in Tschechien. Money, Money, Money – das Geld regiert überall.

Es ist ein riskantes Spiel, das der Fußball derzeit spielt. Die Bundesliga kassiert jetzt auch Milliarden über das Fernsehen, aber dieses Geld stößt anderweitig sauer auf. Immer drängender wird die Frage, ob die Fußballvereine nicht für den Polizei-Einsatz zahlen müssen. Immer mehr Leute sehen nicht ein, dass die öffentliche Hand Gelder zum Bau von Fußball-Stadien in die Hand nimmt. Darf der Staat die reiche Unterhaltungsindustrie Fußball unterstützen? Dazu kommen die Probleme mit den Hooligans, die vor Gewalt nicht zurückschrecken und manchen davon abhalten können, auf einen Besuch im Stadion zu verzichten. Dann aber wird es gefährlich: Weniger Leute im Stadion, keine Zuschauer mehr vor den Bildschirmen (im ZDF sahen bisher 7 – 9 Millionen Zuschauer die Champions League, auf Sky höchstens 2 Millionen), da ist der Werteverlust programmiert. Money, Money, Money kommt in den großen Geldspeicher. Dagobert schwimmt im Geld, der Fußball geht in der Geldmenge vielleicht eines Tages unter. Vernunft wäre ein guter Rettungsring.

Zwei Turniere, ein Ziel – die Zukunft

Dass der Fußball-Weltverband FIFA in erster Linie ans Geld denkt und dann erst der Sport kommt, das mussten wir schon des Öfteren leidvoll erfahren. Auch die Terminplanung wird dem unterworfen, sonst würden die Gedankenspiele nicht um die Aufblähung von verschiedenen Turnieren kreisen. Unsinnig ist auch, dass jetzt der Confed Cup in Russland und die Europameisterschaft der U 21 sich terminlich überschneiden. Beides sind Turniere bei denen es um die Weiterentwicklung des Nachwuchses geht. Doch das will die FIFA nicht wahrhaben, sie sieht blauäugig den Confed Cup als „Fest der Meister“. Aus deutscher Sicht aber heißt es: Zwei Turniere, ein Ziel – die Zukunft.

Der Confed Cup oder „Confederation Cup“, wie er offiziell heißt, hatte seinen Vorläufer im „König Fahd-Pokal“, der 1992 und 1995 in Saudi-Arabien ausgetragen wurde. 1997 übernahm die FIFA, der Pokal wurde bis 2005 alle zwei Jahre ausgetragen, dann war es den meisten Nationen zu viel und danach galt der Vier-Jahres-Rhythmus und der Confed Cup als Test für den WM-Ausrichter ein Jahr vor der eigentlichen Weltmeisterschaft. Doch immer mehr Nationen sprechen sich dafür aus, den Confed Cup ganz abzuschaffen. So dürfte Russland mit dem Turnier vom 17. Juni bis 2. Juli der Abgesang sein. Vor allem 2021 in Katar ist eine Austragung undenkbar, weil der Confed Cup dann aus klimatischen Gründen wie die WM selbst 2022 auch im Winter stattfinden müsste und die Kontinentalverbände da kaum mitspielen. Geld hin und Geld her.

Beim Confed Cup starten die Meister der sechs Kontinentalverbände sowie der Weltmeister und der Ausrichter. Russland ist Gastgeber für Neuseeland (Ozeanien), Portugal (Europa), Mexiko (Mittelamerika), alle in der Gruppe A, sowie Deutschland (Weltmeister), Kamerun (Afrika), Chile (Südamerika) und Australien (Asien), alle in der Gruppe B. Die jeweils Ersten und Zweiten jeder Gruppe kommen ins Halbfinale, die Sieger sind im Finale (Sonntag, 2. Juli, 20.00 Uhr), die Verlierer spielen um Platz drei (Sonntag, 2.7., 14.00 Uhr, wo gibt es das noch?).

Es ist bei der FIFA nicht gut angekommen, dass Bundestrainer Joachim Löw von Anfang an dem Confed Cup nur eine geringe Bedeutung beigemessen hat und vielen Stammspielern für den Sommer freigegeben hat. Sein Argument ist stichhaltig: „Ziel ist die WM 2018, da wollen wir nach Möglichkeit unseren Titel erfolgreich verteidigen. Viele Spieler sind laufend im Einsatz, die brauchen auch mal einen Sommer Pause.“ Gastgeber Russland ist verschnupft, der Eintrittskartenverkauf gestaltet sich zäh, aber nicht alle Nationen denken so. Portugal und Chile zum Beispiel kündigten ihre besten Mannschaften an (mit Cristiano Ronaldo bzw. Vidal und Sanches). Aber eigentlich ist jeder gewarnt, den Confed Cup ja nicht zu gewinnen, denn der Sieger wurde noch nie Weltmeister! Bitter war dies vor allem für Rekordteilnehmer und Seriensieger Brasilien (vier Siege). Außerdem trugen sich Mexiko (1999) und Frankreich (2002 und 2005 in Deutschland) als Titelträger ein. Deutschland war bisher nur Mitläufer und gerade mal beim eigenen Turnier 2005 Dritter.

Dritter, damit wäre Löw auch in Russland zufrieden und jeder Spieler dürfte außerdem vom DFB 30.000 Euro Prämie einstreichen (50.000 Euro für den Sieg). Der Bundestrainer hat ein anderes Ziel: Wer kann den Stammspielern im Hinblick auf die WM Druck machen? Könnte sein, dass sich sein Kreis erweitert. Wer beim Confed Cup überzeugt, der ist einen Schritt weiter und hat die WM-Teilnahme vor Augen. In den ersten Länderspielen galt dies vor allem für Torjäger Sandro Wagner.

Im Vorfeld der beiden Turniere haben die Trainer Löw und Stefan Kuntz für die U 21 genau abgestimmt, wer in welcher Mannschaft antreten soll. Auch die Europameisterschaft gilt als wichtiger Meilenstein für die Zukunft, frühere Europameister der U 21 wurden später auch Weltmeister (Torhüter Manuel Neuer zum Beispiel). Das wünscht man sich auch für die Zukunft. So galt es, für die Spieler eine Perspektive beim Confed Cup zu finden, andererseits eine starke Mannschaft zur Europameisterschaft zu schicken, denn dort ist durchaus der Titel das Ziel. Die Konkurrenz ist allerdings beim Turnier in Polen (16. bis 30. Juni) stark. Zwölf Nationen spielen zunächst in drei Gruppen, nur die Gruppensieger und der beste Zweite kommen ins Halbfinale. Ein harter Modus. Deutschland bekommt es in der Gruppe C mit Tschechien, Dänemark und Italien zu tun (Gruppe A Polen, Slowenien, Schweden, England, Gruppe B Portugal, Serbien, Spanien, Mazedonien). Einige A-Nationalspieler sind dabei, einige U 21-Kandidaten auch bei Löw. Im Hinblick auf den WM-Kader werden die Augen vor allem auf Abwehrchef Jonathan Tah (Leverkusen), die Mittelfeldasse Max Meyer (Schalke) und Mahmoud Dahoud (Gladbach) sowie Torjäger Serge Gnabry (Bremen, bald Bayern) gerichtet sein. Auch Mitchell Weiser (Hertha) und Davie Selke (Leipzig, bald Hertha) könnten sich noch in den Vordergrund spielen.

Dies zeigt, an Talenten mangelt es in Deutschland nicht. Deshalb gibt es bei zwei Turnieren nur ein Ziel – die Zukunft. Es könnte eine gute Zukunft sein.

Der Fußball und die Probleme der Gesellschaft

Die Bilder der vergangenen Woche, die man vom deutschen Fußball sah, waren erschreckend. Chaoten reagierten in den Stadien ihren Frust über Niederlagen und Abstiege ihrer Mannschaften mit Gewalt ab. Leidtragende waren in erster Linie die Ordner der Vereine und die Polizei, die teilweise in Hundertschaften aufmarschieren mussten, Leidtragender war aber auch der Fußball, der von manchen Kritikern als Verursacher der Gewalt hingestellt wird. Doch das falsch. Der Fußball muss diesbezüglich die Probleme der Gesellschaft ausbaden.

Die Bundesliga hat nicht allein mit diesen Probleme zu kämpfen. England hat sie gehabt, Italien kämpft einen verzweifelten Kampf vor allem gegen Rechtsradikale und Schmähungen von den Tribünen aus, in Polen und Russland gehören Krawalle fast zum normalen Spielbetrieb, „Kampfbrigaden“ aus Russland haben schon die Fußball-Welt erschüttert. In Deutschland hieß es bisher immer, „wir haben die Probleme der Hooligans und Chaoten im Griff“, doch die Vorkommnisse der letzten Wochen beweisen das Gegenteil. Platzsturm in Braunschweig, Attacken von den Rängen aus mit dem Werfen von Sitzschalen und Stangen auf das Feld in München, Aufmarsch der „Fans“ von Dynamo Dresden in Kampfkleidung mit einer „Kriegserklärung“ gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) in Karlsruhe, Randale und tätliche Angriffe in Dortmund gegen Anhänger von RB Leipzig schon vor dem Stadion. Nur ein Teil, denn die Liste des Horrors ist lang – zu lang.

Der Fußball leidet, ein Zuschauer-Rückgang wird folgen, weil sich zum Beispiel Familien in diesem Umfeld nicht mehr sicher fühlen. Dazu kommt, dass Großereignisse auch im Sport verstärkt ins Blickfeld der Krake Terror rücken. Und die komplette Sicherheit gibt es nicht, unverständlich, dass zum Beispiel immer noch verbotene Pyrotechnik in die Stadien geschmuggelt werden kann. Sind es demnächst Bomben? Ob jemand Unbeteiligter Schaden nimmt, ist diesen Chaoten egal. Sie wollen bewusst gegen Verbote verstoßen. Ein Experte für Fan-Projekte erläutert in einem Interview aber ganz klar: „Ich erkenne kein fußballspezifisches Problem, sondern generell ein gesellschaftliches. Der schwindende Respekt gegenüber Mitmenschen ist eine bedauernswerte Entwicklung, die ich leider auch in anderen Bereichen des Lebens zunehmend registriere.“

Fast ein Hohn ist es, das zur gleichen Zeit darüber diskutiert wird, ob der Fußball nicht für die Einsätze der Polizei zahlen muss. Das Land Bremen hat eine Vereinbarung zwischen Liga und den Bundesländern ignoriert und die Polizei-Einsätze in Rechnung gestellt. Dies wurde zwar in erster Instanz vor Gericht zurückgewiesen, aber vor allem wegen formeller Fehler. Viele Kritiker sehen aber nur das Geld, das im Fußball verdient und umgesetzt wird, aber nicht, dass Polizei-Einsätze grundsätzlich eine Pflicht des Staates sind. Für den öffentlichen Raum ist nur die Polizei als Gesetzhüter verantwortlich. Im Zuge der Gerechtigkeit müssten künftig alle Veranstalter für die Polizei zahlen. Aber nicht sie – oder eben der Fußball – sind Schuld an den Auswüchsen, sondern die Gesellschaft, in der eine gewisse Verrohung immer weiter fortschreitet. Was ja auch nicht verwunderlich ist, wenn sich schon Staatsoberhäupter als Pöpler gefallen.

Was den deutschen Fußball angeht, so muss der Verband die Relegationsspiele überdenken. Gerade diese Endspiele um Auf- und Abstieg beinhalten ein hohes Konfliktpotential. Die Emotionen sind in diesen Spielen besonders stark. Mit einem ausschließlich direkten Auf- und Abstieg könnten sich DFL und DFB viel Ärger ersparen. Eine Änderung diesbezüglich wäre keineswegs ein Einknicken vor den Chaoten. Außerdem sind harte Strafen gegen diese Chaoten in den Fußballstadien angebracht. Aber auch hier kann der Fußball nur zum Teil tätig werden.

Was bedenklich stimmt, ist die Tatsache, dass in vielen Vereinen die sogenannten „Ultras“, die harten Fans, die für Stimmung in den Stadien sorgen, aber für sich auch einen Teil der Macht reklamieren, tatsächlich eine gewisse Macht erreicht haben und die Vorstände unter Druck setzen. Hier müssen die Vorstände eine Grenze ziehen und notfalls auf Stimmung verzichten. Wie in England könnte man mit der Abschaffung der Stehplätze die Grenze deutlich machen. Weniger Begeisterung bedeutet in diesem Fall auch weniger Krawall. Der Fußball darf nicht den Ultras gehören! Und dann würden sich die Spieler auf dem Feld vielleicht auch nicht mehr so sehr genötigt sehen, den Torjubel teilweise aufreizend und den Gegner missachtend auszudehnen. Auch dies heizt die (negative) Stimmung an.

Trotz allem: Fußballstadien können keine Insel der Glücksseligkeit werden, wenn die Menschheit generell verroht.

Juve und das „lachende Triple“

Cardiff war das Ziel aller Träume in der Champions League, der 3. Juni ist jener Samstag, bis zu dem die Klubs aller Nationen gerne ihre Saison verlängert hätten. Nur zwei konnten es schaffen, dass der eine davon Titelverteidiger Real Madrid ist, überraschte niemanden, dass Juventus Turin der Gegner ist, war zwar für möglich, aber nicht für sehr wahrscheinlich gehalten worden. Der FC Barcelona muss ebenso zuschauen wie der FC Bayern München, für den die Saison sogar schon vorzeitig beendet ist. Mit dem fünften Meistertitel in Folge, ein Rekord in Deutschland, ein Titelansammlung, die auch die „alte Dame“ Juve in Italien geschafft hat. Und Juve kann noch mehr schaffen, könnte neben Bayern und Real der „lachende Dritte“ sein, in diesem Fall das „lachende Triple“ erreichen, was Real (im nationalen Pokal vorzeitig ausgeschieden) nicht mehr möglich ist. Juve hat bereits das nationale Double, Real will das bedeutendere Double von Champions League und Meisterschaft holen. Es geht also um mehr als nur den Henkelpott der UEFA.

In Turin träumen sie seit Jahren von einem Triumph auf europäischer Bühne, der letzte Erfolg in der Champions League gelang 1996. Italiens Fußball drohte in den letzten Jahren den Anschluss an die großen Nationen zu verlieren. In der UEFA-Fünfjahreswertung liegen Spanien, Deutschland und England vor Italien, die Zuschauer zeigten den Klubs der Serie A oft genug die kalte Schulter, dafür sorgten Hooligans und Rechtsradikale immer wieder für Ärger. Der Profi-Fußball war keine Erfolgsgeschichte mehr, sondern eher ein Sorgenkind.

Das hat sich zuletzt gebessert und Italiens Fußball befindet sich im Aufwind. Auch Juventus Turin, einst im Rahmen eines Bestechungsskandals sogar in die zweite Liga verbannt, wurde vom Sorgenkind zum Leuchtturm des italienischen Fußballs. Vor Cardiff heißt es jetzt respektvoll: Wer will Real schlagen? Juve – wer sonst!

Andere Vereine träumen vom „Triple“ (siehe Kommentar vom 2. Mai: „Bayern München und die Sehnsucht nach dem Triple“), Juve kann es schaffen. Wenn nicht Juve – wer sonst! Gegen Real Madrid spricht außerdem, dass es in der Champions League noch nie eine erfolgreiche Titelverteidigung gab. Auch ein Anreiz für Cristiano Ronaldo und Co.! Für Juve spricht, dass Trainer Massimiliano Allegri über die Jahre hinweg ein Team „mit preußischem Stehvermögen und spielerischen Glanzpunkten“ (Süddeutsche Zeitung) geformt hat. Die BBC-Abwehr gilt als schier unüberwindbar, die Herren Barzagli, Bonucci und Chiellini sind in die Jahre gekommen, aber noch nicht alt, sondern nur alt genug, um allen Stürmern zu trotzen. Sie haben auch keine Angst vor CR7. Und dahinter will sich Gigi Buffon den großen Traum erfüllen, endlich die Champions League zu gewinnen. „Alle anderen Trophäen habe ich schon“, sagt der Welt- und Europameister, „aber für diesen Henkelpott läuft mir langsam die Zeit davon“. Könnte sein, dass der bald 40jährige seine Karriere nicht vor dem großen Sieg beendet. Oder ist er am Samstag am Ziel?

Es ist die Stärke des italienischen Meisters, dass nicht nur das Abwehrbollwerk eine Macht ist, sondern dass mit Cuadrado und dem Deutschen Sami Khedira Wucht und spielerischer Glanz im Mittelfeld gegeben ist, dass der Brasilianer Dani Alves in seinem dritten Frühling wieder zu alter Klasse fand und dass mit Dybala und Higuain Tore keineswegs Mangelware sind. Dies zeigt, Juventus Turin kann es mit Real Madrid und Zinedine Zidane aufnehmen, kann Ronaldo, Kroos, Modric, Benzema und Co. stoppen. Die Sympathien werden den Italienern gehören, allein, weil es wohl ihre letzte große Chance ist. Und Juve kann in Cardiff das „lachende Triple“ schaffen.