Der Sport – Grantler

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Bundesliga-Endspurt: Mehr Spannung geht nicht

Gut, der FC Bayern München ist wieder Meister, vorzeitig am 32. Spieltag ging er ins Ziel, genau wie im letzten Jahr auch. Aber ansonsten ist in der Fußball-Bundesliga noch gar nichts entschieden, ganz im Gegenteil, mehr Spannung geht nicht als im Endspurt. Am 33. Spieltag am Samstag und Sonntag ist zum Beispiel jede der neun Paarungen für einen Verein von Bedeutung, es geht um Champions League, Europa League und gegen den Abstieg. Interessanter kann die Bundesliga nicht sein. Und auch in der 2. Bundesliga und der 3. Liga stehen „Endspiele“ bevor.

Ehren wir zuerst einmal den Meister. Der Jubel über den neunten Titel in Folge und den 31. insgesamt (davon 30 in der Bundesliga seit 1965) hielt sich in Grenzen, das Erwartete kann nicht zum Besonderen werden. Es ist ja das „Phänomen Bayern“, dass sich die Spieler dennoch für jedes Match motivieren können, dass der Ehrgeiz keine Grenzen kennt, das Vereinsmotto „mia san mia“ wird von Generation zu Generation, von Spieler zu Spieler übertragen. Ziele gibt es zudem immer, Thomas Müller und David Alaba sind neue Rekordhalter mit dem 10. Titel (bisher neun, natürlich gehalten von Bayern-Spielern). Einen neuen Rekord strebt vor allem Robert Lewandowski an, der Torjäger ist auf dem besten Wege die Jahrhundertbestleistung von Gerd Müller mit 40 Toren zu brechen. Müller hatte seine 40 Tore übrigens schon nach 32 Spieltagen erzielt, dann kam nichts mehr. Das sollte Lewandowski nicht passieren. Die Münchner gingen als Meister gegen Gladbach konzentriert und motiviert zu Werke und erstaunten auch den Gegner beim 6:0 mit drei Lewandowski-Treffern. Das „Bayern-Phänomen“ halt. Kapitän Manuel Neuer machte deutlich: „Wir wollten zeigen, wer der wahre Deutsche Meister ist.“ Titel gewinnen die Bayern sogar wenn sie nicht spielen. Unter der Woche wurde sie als weltweite „Mannschaft des Jahres“ mit dem Laureus Award geehrt. Jetzt sind es insgesamt acht Titel in nicht einmal zwei Jahren für Trainer Hansi Flick zum Abschied.

Die Bayern in einer eigenen Liga, obwohl es nach einem schweren Jahr aufgrund hoher Belastung und ohne Sommerpause nicht so aussah. Die Konkurrenz konnte die besondere Situation nicht nutzen. Vor allem Borussia Dortmund enttäuschte und will jetzt mit einem fulminanten Endspurt einiges aufholen. Das erste Ziel ist vorerst erreicht, Platz vier und die Teilnahme an der Champions League. Für Frankfurt war das 1:1 gegen Mainz zu wenig, aber aufgeben gilt natürlich nicht, gegen Schalke und Freiburg soll zum Abschluss die volle Punktzahl her, die muss Dortmund in Mainz und gegen Leverkusen erst mal schaffen, zumal ja auch das Pokal-Endspiel noch ansteht. Sicher in der Champions League darf sich Wolfsburg auch nicht fühlen (zwei Zähler vor dem BVB), die größte Aufgabe ist in Leipzig zu lösen, dann kommt Mainz. Dahinter geht es um die Europa League, einer schafft es also nicht in die CL, Leverkusen sollte Platz sechs sichern können. Wer aber wird Siebter (derzeit Gladbach) und ist das überhaupt attraktiv? Der Siebte spielt in der neuen Europa Conference League, da gibt es ein bisschen Geld, man präsentiert sich auf Europas Bühne, aber neben Anstrengung gibt es wenig Ehre. Einst war die Europa League der „Verlierer-Cup“, was ist dann jetzt die dritte Liga?

Am spannendsten natürlich der Abstiegskampf und besonders bedeutsam, denn ein Abstieg kann einen Verein jahrelang zurückwerfen (siehe derzeit den Hamburger SV oder Kaiserslautern, das jetzt sogar in der 3. Liga dümpelt). Besonders hart würde es einen Verein wie den FC Augsburg treffen, der sich eigentlich schon auf der sicheren Seite wähnte, jetzt aber nach fünf sieglosen Spielen mit 33 Punkten auf Platz 13 noch hoch gefährdet ist (dahinter Hertha, Bremen und Bielefeld mit je 31 Zählern). Die Augsburger hatten besondere Jubiläen, am 8. Mai vor genau zehn Jahren feierten sie den Aufstieg in die Bundesliga und sind (auch zur eigenen Überraschung) immer noch dabei, wobei sie immer wieder als erster Abstiegskandidat genannt wurden. Es war oft knapp, im letzten Jahr waren sie 15. mit 36 Punkten, 2019 ebenso, da reichten sogar 32 Punkte. Jetzt haben sie schon 33, doch das diesmal nicht genug sein. Die Augsburger hätten schon aufatmen können, doch U21-Nationalspieler Marco Richter vergab ausgerechnet in seinem 100. Bundesligaspiel beste Chancen, die Folge war eine unglückliche 1:2-Niederlage in Stuttgart. Nicht immer werden Jubiläen gefeiert. Jetzt steht das Endspiel gegen Werder Bremen an, das seine Niederlagenserie (sieben am Stück) mit dem 0:0 gegen Leverkusen beendete. Ist das ein psychologischer Vorteil? Beide Teams wurden für ihre Leistungen gelobt, doch gut gespielt und dennoch abgestiegen ist das bitterste Los.

Vor Absteiger Schalke steht der 1. FC Köln nach dem 1:4 gegen Freiburg auf einem Abstiegsplatz. Zwei Zähler gilt es zunächst aufzuholen gegen Hertha und bei Schalke. Doch die Konkurrenz wird auch punkten. Hertha hat am Mittwoch gegen Schalke die Chance, das Spiel am Samstag nicht zu einem Endspiel werden zu lassen. Sieht man die Ergebnisse der letzten Spiele und die Bemühungen der Klubs, so ist eine Prognose schlichtweg nicht möglich.

Zunächst soll aber erst ein hohes Fest des Fußballs gefeiert werden, das Endspiel um den DFB-Pokal, das wie im Berliner Olympiastadion aber leider wieder ohne Zuschauer über die Bühne gehen muss. Hier hat bekanntlich Kiel mit dem Sensationssieg über die Bayern den Weg für die Kronprinzen freigemacht. Die Generalprobe entschied Dortmund mit 3:2 für sich, logisch, dass die Leipziger Revanche wollen. Vor allem Trainer Julian Nagelsmann fühlt sich wohl herausgefordert, er will den Verein mit einem Titel Richtung München verlassen (so wie einst Nico Kovac in Frankfurt). Das erste Duell machte durchaus Lust auf mehr. Dortmund muss allerdings auf Torhüter Hitz verzichten, der verletzt ausfällt. Wird der langjährige Stammkeeper Roman Bürki zum Glücksbringer?

Auch vor einem anderen großen Duell gab es eine Generalprobe, im Vorfeld des Finales der Champions League duellierten sich Thomas Tuchel und Pep Guardiola in der Premier League. Tuchel verhagelte mit Chelsea London dem Spanier die Laune, denn mit dem 2:1-Sieg muss Pep mit Manchester City noch auf die nationale Meisterschaft warten. Es hätte doch gepasst, wenn er es zur gleichen Zeit wie sein alter Verein in München geschafft hätte. Aber bis zum erneuten Aufeinandertreffen am 29. Mai in Istanbul wird City sicher Meister sein.

Apropos Meisterschaft, die Bayern würden ja am liebsten wieder einmal ein besonderes Double feiern, nämlich dass die Männer und die Frauen gemeinsam den Titel holen wie 2015 und 2016. Neuer und Co. legten vor, jetzt müssen die Mädchen nachlegen. Nach 26 ungeschlagenen Spielen in Folge gerieten die Bayern-Frauen ein bisschen ins Schleudern und schieden im Pokal gegen Wolfsburg aus. Jetzt packten sie allen Kampfgeist aus und holten sich ein vorentscheidendes 1:1 bei den Wölfinnen, die viermal in Folge Meister waren. Die Bayern haben zwei Punkte Vorsprung und müssen diesen in Leverkusen und gegen Frankfurt verteidigen. Keine leichten Aufgaben, aber mit diesem Ehrgeiz machbar. Die Eintracht kann das Zünglein an der Waage spielen, denn auch Wolfsburg ist zunächst der Gegner. Machen sie die Münchnerinnen zum Meister?

Gefeiert wird bei den Bayern aber nicht immer. Die Bayern II kann sich in der 3. Liga nicht aus dem Abstiegssog befreien und jetzt steht fast schon ein schicksalhaftes Derby gegen 1860 München an. Die alte Rivalität lebt auf. Im Grünwalder Stadion, bekanntlich die Heimat der Löwen, kämpft 1860 um den Aufstieg in die 2. Liga und kann mit einem Sieg die „kleinen Bayern“ (im Vorjahr noch Meister!) zu den Amateuren in die Regionalliga schicken. Dann wird mit Sicherheit in München schon gefeiert, nur nicht bei den Roten…

Dortmund und Leipzig: Die Woche der Kronprinzen

Da haben Terminpläne und die Ergebnisse im DFB-Pokal im Fußball für ein schönes Kuriosum gesorgt: Innerhalb einer Woche duellieren sich Borussia Dortmund und RB Leipzig zweimal. In der Bundesliga geht es um die Meisterschaft (Minichance für Leipzig) und die Champions League (Dortmund), im Pokalendspiel am 13. Mai in Berlin um den ersehnten Titel, den die Bayern in diesem Jahr liegen gelassen haben. Apropos Bayern: Es ist die Woche der Kronprinzen, denn beide Klubs beanspruchen ja Platz zwei in der Hitliste hinter den Bayern, wenn auch Dortmund in der Bundesliga schwächelte. In Leipzig sind die Augen wiederum auf Trainer Julian Nagelsmann gerichtet, der sich mit dem besten Jahr der Vereinsgeschichte zu den Bayern verabschieden will, das Highlight schlechthin wäre der Pokalsieg.

Bei den Bayern war es ruhig in der Bundesliga-Pause rund um den 1. Mai. Dafür stand der DFB-Pokal im Mittelpunkt, doch er riss die Fans nicht von den Sitzen. Schaut man auf die Einschaltquoten im Fernsehen, so ist auch da eine gewisse Fußball-Müdigkeit zu spüren, an beiden Spieltagen wurde der Fußball von Deutschlands liebstem TV-Kind geschlagen, einem Krimi. Sowohl Bremen – Leipzig als auch Dortmund – Kiel lockten bei der ARD rund 5,5 Millionen Zuschauer an, die Krimis im ZDF je etwa 700 000 mehr. Dabei hatte ja die Partie Bremen – Leipzig auch genug Spannung zu bieten, mit Emil Forsbergs Siegtreffer in der 121. MInute und Dortmund lieferte gegen Kiel eine Halbzeit lang beste Unterhaltung. Ergo (hier ist nicht der Pokalsponsor gemeint): Beide Teams sind gerüstet für die Woche der Kronprinzen. Für Dortmund scheint das Bundesliga-Duell am Samstag noch wichtiger zu sein, denn es geht schließlich um die Champions League und damit darum, weiter an den Geldtöpfen teilzuhaben. Die Aufholjagd gegenüber Wolfsburg und Frankfurt läuft, Leipzig spielt dabei ein bisschen das Zünglein an der Waage, trifft es doch eine Woche später auch auf Wolfsburg. Noch mehr gilt das aber für Mainz, das gegen alle drei Kontrahenten antreten muss. Dortmund hat außerdem Leverkusen vor der Brust, Wolfsburg Union Berlin und Frankfurt Schalke und Freiburg. Wer hat die besten Nerven?

Es ist Endspurt in der Bundesliga, beste Unterhaltung sollte es sein, mehr Spannung als in den Krimis ist garantiert. Dort der Kampf um Europa, weiter unten der Kampf gegen den Abstieg. Vor allem am Tabellenende ist alles offen, das Restprogramm sehr unterschiedlich. Mainz ist wie gesagt gegen drei Spitzenteams gefordert, hat sich aber mit einem 2:1-Sieg über Bayern München Respekt verschafft. Dennoch, die aktuellen 34 Punkte könnten nicht reichen. Dahinter zittert der FC Augsburg (33 Zähler), zumindest ein Sieg mit dem neuen Trainer Markus Weinzierl muss gegen Stuttgart, Bremen und Bayern her. Das entscheidende Duell könnte am vorletzten Spieltag gegen Werder stattfinden. Bremen da noch mit Florian Kohfeldt als Trainer? Der Pokalfight gegen Leipzig hat imponiert, trotz Niederlage hat der Coach das „Endspiel“ für sich persönlich gewonnen. Eine Pleite gegen Leverkusen könnte doch noch für einen Stimmungsumschwung sorgen vor dem Finale gegen Augsburg und Gladbach.

Ein Wechsel des Trainers ist der Rettungsring der Abstiegskandidaten. Erstaunlich deshalb die Nervenstärke von Sportchef Frank Baumann in Bremen, der auch im Vorjahr an Kohfeldt festhielt und über die Relegation mit dem Klassenerhalt belohnt wurde. Gibt es eine Wiederholung? Dahinter haben Bielefeld (30), Köln (29) und Hertha BSC (26) alle den Rettungsring geworfen. Neben Schalke muss einer noch absteigen, einer „darf“ in die Relegation. Hertha will nach einer Quarantäne-Pause die Aufholjagd starten, aber es ist die Frage, ob bei sechs Spielen in 20 Tagen die Kräfte reichen und in welcher Form Pal Dardai seine Schützlinge nach der Zwangspause ohne richtiges Training auf den Platz bringt. Mit Mainz (Start am Montag, 3. Mai), Bielefeld und Köln sind drei Kontrahenten noch direkte Gegner, dazu gibt es Prüfungen gegen Freiburg, Schalke und Hoffenheim. Ziel: Mit drei Heimsiegen zum Klassenerhalt. Bielefeld will außerdem gegen Hoffenheim und Stuttgart rettende Punkte sammeln, Köln gegen Freiburg und Schalke. Der aufmerksame Leser wird feststellen, dass Absteiger Schalke noch eine entscheidende Rolle spielen kann, wen er mit in den Abgrund 2. Bundesliga reißt. Also: Die Fußball-Bundesliga präsentiert sich als beste Krimi-Unterhaltung.

Auch in den Ligen darunter gibt es Spannung im Endspurt. In der 2. Bundesliga interessiert vor allem der Aufstiegskampf, Bochum (60 Punkte) und Fürth (57) haben bereits ein kleines Punktepolster vor der Konkurrenz HSV (52) und Kiel (50). Aber Holstein Kiel geht es wie Hertha BSC, nach gleich zwei Corona-Pausen gilt es, sechs Spiele in 20 Tagen zu bestehen. Da kann die Konkurrenz noch überholt werden. Katzenjammer und letztes Aufbäumen in Hamburg. Wie in den letzten Jahren droht der Favorit den Aufstieg zum Saisonende hin zu verspielen. Der letzte Rettungsanker wurde geworfen, Vereinsidol und Nachwuchsdirektor Horst Hrubesch soll noch ein Wunder schaffen, was gegen Nürnberg, Osnabrück und Braunschweig nur gelingen kann, wenn die Konkurrenz mitspielt. Die Ablösung von Trainer Daniel Thioune erfolgte eigentlich zu spät. Das 1:1 gegen Karlsruhe beendete fast alle Träume. Auf Hrubesch hätte man früher kommen können. Als Wunschkandidat für den nächsten Aufstiegsversuch gilt Paderborns Coach Steffen Baumgart.

In München herrschte wie gesagt bei den Bundesliga-Fußballern Ruhe, im Mittelpunkt standen diesmal die Frauen, die gegen Chelsea London um den Einzug ins Finale der Champions League kämpften. Doch es klappte nicht mit dem wohl größten Erfolg in der Vereinsgeschichte, denn dem 2:1-Sieg zu Hause am Campus folgte eine 1:4-Niederlage in London. Doch das Ergebnis täuscht, beim 1:3 hatten die Münchnerinnen tolle Chance, dreimal retteten die Londonerinnen auf der Linie, ein 2:3 hätte die Bayern-Mädchen ins Finale gebracht. Bei Sturm und Drang (einschließlich Torhüterin Benkarth) fiel zudem das 1:4. Chelsea hat mit Wolfsburg und Bayern damit beide deutschen Teams ausgeschaltet und trifft im Finale am 16. Mai überraschend auf den FC Barcelona, der Paris St. Germain mit 1:1 und 2:1 besiegen konnte. Damit gibt es erstmals seit langer Zeit ein Finale ohne deutsche und französische Klubs. Die Bayern-Mädchen spielen aber noch um einen Titel, um die deutsche Meisterschaft. Nach 26 Siegen in Folge sind sie allerdings ins Straucheln geraten, ausgerechnet im Pokal in Wolfsburg. Jetzt steht am Sonntag in Wolfsburg quasi ein Finale an, Bayern hat in der Bundesliga noch zwei Punkte Vorsprung, ein Remis könnte den Weg zum Titel freimachen, eine Niederlage wird ihn wohl verbauen. Die große Frage, ist ob die Mädchen nach den Rückschlägen wieder in die Erfolgsspur finden, Wolfsburg dagegen kann unerwartet doch noch die fünfte Meisterschaft in Folge gewinnen.

Alles andere als meisterlich ist der Streit beim Deutschen Fußball-Bund, der einen neuen Höhepunkt erlebt hat. Nach einer Sitzung der Landesverbände forderten die den Rücktritt der größten Streithähne, das sind Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius. Ob ihr Wunsch erfüllt wird, muss sich zeigen, den weiteren Unruhestiftern, Vizepräsident Rainer Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge, wurde dagegen das Vertrauen ausgesprochen. Doch trauen sollte man ihnen eigentlich nicht. Lesen Sie mehr in der nächsten Kolumne „Der DFB benötigt eine komplette Rundumerneuerung“. Diese Forderung gilt nach wie vor.

Der DFB benötigt eine komplette Rundumerneuerung

Die Skandale hören nicht auf, der Deutsche Fußball-Bund kommt nicht zur Ruhe. Die über sieben Millionen Mitglieder können sich vom Vorstand nicht mehr gut vertreten fühlen, doch die Wurzel des Übels ist offensichtlich in der Verwaltung zu finden. Das Krebsgeschwür wuchert und macht alle Anstrengungen, die Skandale der Vergangenheit aufzuarbeiten, zunichte. Als Aufklärer wurde der neue Präsident Fritz Keller aus Freiburg gesehen und er hat sich bemüht. Ihm wurden allerdings immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen, so dass er schier verzweifelt ist und der ansonsten ruhige Winzer und Gastronom seine Beherrschung verloren hat. Seinen Vize Rainer Koch, einst Richter am Oberlandesgericht in München, verglich er mit dem berüchtigten Nazi-Richter Freisler. Ein grobes Foul, doch die Rote Karte hat nicht nur Keller verdient, sondern alle Streithähne im DFB. Fritz Keller rennt gegen eine Wand, die vor allem Rainer Koch, Generalsekretär Friedrich Curtius und Schatzmeister Stephan Osnabrügge bilden. Sie wollen mit aller Macht eine vollständige Aufklärung verhindern. Da bleibt nur eins: Der DFB benötigt eine komplette Rundumerneuerung.

Positive Meldungen hat man vom DFB schon lange nicht mehr gehört, Kellers Vorgänger Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel mussten wegen verschiedener Verfehlungen vorzeitig gehen, doch einer blieb: Vize Rainer Koch, der offensichtlich im Hintergrund die Fäden in der Hand hält und im Generalsekretär einen fleißigen Mitstreiter hat. Auffallend ist, dass nicht Koch den Präsidenten wegen seiner Äußerung bei der Ethikkommission des DFB angezeigt hat, sondern Curtius dies nach einigen Tagen tat. Derselbe Curtius steht allerdings im Mittelpunkt dubioser und überhöhter Zahlen an einen außenstehenden DFB-Berater, dessen Tätigkeiten Keller unter anderem untersuchen wollte. Seltsam, dass in dieser Zeit Kellers Büroleiter entlassen wurde, ohne dass der Präsident vorher unterrichtet worden wäre. Man kann es nur so deuten: Eine komplette Aufarbeitung soll verhindert werden, der Verband offensichtlich weiterhin als Selbstbedienungsladen dienen.

Bezeichnend dazu ein Aufklärungsbericht in der Süddeutschen Zeitung, da heißt es zu der dubiosen Tätigkeit eines Beraters: Ein Kommunikationsberater schießt erst den einen DFB-Chef mit ab, kassiert dann ordentlich DFB-Geld – und schießt nun gegen den nächsten DFB-Präsident. Unter den Augen von Rainer Koch? Mit dessen Billigung? In dessen Auftrag?“ Da stellt sich schon die Frage: Was haben Koch und Curtius wirklich vor?

Am Samstag soll es ein Treffen der Landesverbände geben, die eigentlich hinter Fritz Keller stehen, der sich aber durch seine umstrittenen Äußerungen als Repräsentant fast disqualifiziert hat. Aber Keller ist nicht das Krebsgeschwür, deshalb muss es zu einer Rundumerneuerung kommen und das sehen auch manche Landesfürsten so, die für einen schnellstmöglichen außerordentlichen Verbandstag plädieren. Hierbei muss vor allem auch die Arbeit von Generalsekretär Curtius unter die Lupe genommen werden. Schlechte Schlagzeilen um Steuerhinterziehung, Steuer-Razzia und verschwundenen Geldern hatte der Verband genug.

Was die Rundumerneuerung angeht, sollte man beim DFB bei Vorstand und Verwaltung nicht Halt machen, es knirscht auch in anderen Abteilungen. So gerät Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich ins Visier der Kritiker, weil er sich einer Modernisierung der Altersregel widersetzt. Bundesliga-Schiedsrichter müssen mit 47 Jahren die Pfeife weglegen, aber warum gibt es keine Ausnahmen, wenn einer noch gut und fit ist. Aktuell betrifft es die Referees Manuel Gräfe, Guido Winkmann und Markus Schmidt, die am Ende der Saison ausscheiden müssen, aber alle gerne weitermachen würden. Vor allem für Manuel Gräfe, den die Profis in vielen Jahren als besten Schiedsrichter gewählt haben, machen sich sogar die Spieler stark. Sie fordern eine Ausnahmeregelung, wie es sie selbst bei der UEFA und auch in England mit Erfolg gibt. Fröhlich verschanzt sich hinter Paragrafen und betont, dass so Nachwuchs-Schiedsrichter in ihrer Karriere blockiert würden. Die allerdings müssen sowieso erst langsam herangeführt werden. An guten Schiedsrichter herrscht sowieso Mangel.

Bei einer Rundumerneuerung kommt auch der Name Oliver Bierhoff ins Gespräch. Der Sportdirektor hat sich oft genug den Zorn der Fans zugezogen, die ihn als einen der Verantwortlichen für den Niedergang der Nationalmannschaft sehen. Bundestrainer Joachim Löw ist ins zweite Glied gerückt, nachdem er seinen Rücktritt kundgetan hat. Sein möglicher Nachfolger Hansi Flick sollte sich überlegen, ob er sich den DFB überhaupt antun will. Er hat seinen Job bei Bayern München gekündigt, weil er Zoff mit Sportvorstand Salihamidzic hatte und er auf ein angenehmes Arbeitsklima wert legt. Aber ob er das angesichts dieser Streitigkeiten beim DFB wirklich findet? Der Bundestrainer kann sich davon nicht immer lösen, wenn Verwaltung und Vorstand streiten.

Überschattet von den Streitigkeiten wird auch die Vorbereitung auf die Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Wie soll da eine gute EM-Stimmung aufkommen? Beim DFB muss sich viel ändern, doch wer übernimmt und wer kann erfolgreich sein? Der größte Verband hat offensichtlich auch die größten Probleme. Kein Wunder, dass sich zum Beispiel die DFL vom DFB bereits deutlich distanziert.

In der Bundesliga dreht sich alles um die Trainer

Eigentlich ist in der Fußball-Bundesliga eine Pause angesagt (unterbrochen von Hertha-Nachholspielen), weil am ersten Mai-Wochenende der DFB-Pokal das Sagen hat. Doch von Ruhe kann keine Rede sein, in den Vereinen herrscht Hochbetrieb, manchmal sogar höchste Alarmstufe. Dabei ist Seltsames zu beobachten: Es geht nicht um Verstärkungen und neue Stars für die Vereine, nein, in der Bundesliga dreht sich fast alles um die Trainer. Neu ist auch, dass nicht Vereine die Trainer entlassen, sondern sich Trainer von sich von den Klubs verabschieden. Motto: „Tschüss, ich habe was Besseres gefunden.“

Marco Rose machte mit seinem Wechsel von Borussia Mönchengladbach zur anderen Borussia in Dortmund den Anfang, der Österreicher Adi Hütter folgte seinen Spuren von Frankfurt nach Gladbach, das Trainer-Domino nahm seinen Anfang. Der nächste Stein fiel mit dem Rücktritt von Bundestrainer Joachim Löw und da fiel gleich Hansi Flick mit. Er verkündete seinen Abschied aus München, obwohl es doch so eine erfolgreiche Ehe war mit sechs Titeln in einer Saison und sicherlich dem siebten in wenigen Wochen. Flick gefiel die Atmosphäre nicht mehr, die Löw-Nachfolge gilt als logischer Schritt. So richtig gekämpft haben die Bayern um ihren Erfolgstrainer nicht, sie jagen dafür lieber in fremden Gefilden. Früher haben sie sich die besten Spieler von den stärksten Konkurrenten geholt, jetzt suchen sie sich den Trainer vom Verfolger aus. Sie folgen eben dem neuen Trend.

Das führt dazu, dass der RB Leipzig vor einem ganz heißen Sommer steht. Eigentlich soll in den nächsten Wochen die beste Saison der Vereinsgeschichte perfekt gemacht werden. Sogar die Meisterschaft ist noch möglich, der Vize-Titel wird es aber wohl sein. Und daneben sollte am Freitag gegen Bremen der Sprung ins Pokalfinale gelingen, der erste Titelgewinn des jungen Vereins und des jungen Trainers ist möglich. Julian Nagelsmann lechzt nach Pokalen und er hat in frühen Zeiten seiner Karriere schon verraten: Er möchte einmal Trainer von Bayern München werden. Das Haus in München steht schon. Die Stunde ist offensichtlich gekommen, die Bayern informierten Leipzig, dass sie mit Nagelsmann verhandeln, der gebürtige Landsberger selbst äußerte laut kicker bei den Sachsen den Wunsch nach der vorzeitigen Ablösung seines bis 2023 laufenden Vertrags. Die Leipziger fielen allerdings nicht in Ohnmacht, der mögliche Wechsel wurde ja bereits diskutiert, sie legten eine Rechnung vor: Ablösesumme angeblich 25 Millionen Euro. So viel kosteten früher die besten Spieler, die Trainer sind die neuen Stars.

Für Leipzig wäre Nagelsmann nicht der einzige Abgang in der sportlichen Führung, Sportdirektor Markus Krösche war noch schneller als der Coach, er erhielt am Montag bereits offiziell die Freigabe aus seinem mit 2022 laufenden Vertrags. Als Ziel munkelt man Eintracht Frankfurt, dort wird ja ein Nachfolger von Sportvorstand Fredi Bobic gesucht. Der soll künftig Hertha BSC Berlin wirklich zu einem Big-City-Club machen, wenn auch erst einmal der Klassenerhalt gelingen muss. Das Domino-Spiel der Sportdirektoren ist also auch eröffnet.

Im Abstiegskampf bediente man sich allerdings noch der alten Regeln. Ist der Verein in Gefahr, wird der Trainer entlassen. Einzige Ausnahme bisher ist Werder Bremen, dort hofft man, dass Florian Kohfeldt wie im Vorjahr noch die Kurve kriegt. Vielleicht wartet Werder noch ab, weil erst das Pokal-Halbfinale gegen Leipzig ansteht (zudem Dortmund – Kiel).

Anders beim FC Augsburg, der zwar sogar drei Punkte mehr auf seinem Konto hat, aber die Leistungen in den letzten Spielen und vor allem in der ersten Halbzeit beim 2:3 gegen Köln waren so schlecht, dass am Montag die Entlassung von Heiko Herrlich folgte. Der blasse Coach konnte für keine Entwicklung sorgen. Vor einem Jahr übernahm er den FCA in Abstiegsgefahr, jetzt übergibt er ihn wieder in ähnlicher Situation. Die Augsburger frönen aber nicht dem neuen Trend, sie machen in Nostalgie. Nachfolger wird Markus Weinzierl, der hier schon von 2012 bis 2016 erfolgreich war und den FCA sogar nach Europa führte. Zwar sorgten Unstimmigkeiten für ein vorzeitiges Ende, aber die Zeit heilt bekanntlich Wunden. Eine Ablöse kostet Weinzierl nicht, der Straubinger wartet seit 2019 auf eine neue Chance. Jetzt hat er sie.

Die Augsburger hoffen auf die Gesundung durch Trainerwechsel. Mainz, Köln und Bielefeld machen schon einen besseren Eindruck. Vor allem die Wende in Mainz ist beeindruckend, am Ende der Vorrunde hatten die Rheinhessen wie Schalke gerade mal sieben Pünktchen und waren 17.! Hertha ist immer noch kränklich und konnte sich vielleicht in der Quarantäne erholen, Schalke 04 übertrieb mit dem Wechselspiel und steigt voller Ratlosigkeit ab, weil es an allen Ecken und Ende fehlte. Aber der Abstiegskampf wird zum Thriller, die Konkurrenten beharken sich zum Teil noch direkt. Eins steht fest: Für alle können die Wechselspielchen nicht aufgehen, bei jedem Spiel gibt es auch Verlierer. Damit sich die Vereine alle auf den Sport besinnen können und nicht von Covid-19 bedroht werden, schickt die DFL zum Saisonschluss alle Klubs in Quarantäne, auch die der 2. Bundesliga.

Nach dem Theater um die Super League geht es in dieser Woche ganz normal sportlich in der Champions League weiter, allerdings ohne Bundesliga. Da sind die Großen unter sich, Paris hätte allerdings nicht mitgemacht. Die deutschen Farben vertreten Spieler wie Toni Kroos bei Real Madrid und Ilkay Gündogan bei Manchester City. Mit Thomas Tuchel bei Chelsea London ist auch ein deutscher Trainer vertreten, der beim Trainer-Wechsel-Spiel in der Bundesliga nicht genannt wird. Er will über Real ins Finale, sein alter Verein Paris trifft auf Manchester City und Pep Guardiola, der mit seinem Team am Wochenende den ersten Titel holte, den Liga-Pokal. Er würde ihn wohl gern gegen die CL-Pott eintauschen.

Wenn es Champions League heißt, dann wird vor allem über die Zukunft diskutiert, der schon beschlossene Modus soll nach dem Willen von Spielern, Trainern und Fans wieder geändert werden. 100 Spiele mehr sind einfach nicht zu verkraften, wobei Pep Guardiola wohl den innovativsten Vorschlag hat: „Verlängern wir doch das Jahr auf 400 Tage“. Wohl eine Leichtigkeit für Real-Präsident Perez.

Dagegen läuft die Champions League der Frauen unter dem Radar der großen Aufmerksamkeit. Aber hier ist Deutschland im Halbfinale noch vertreten und die Bayern-Frauen träumen nach einem 2:1-Sieg im Hinspiel über Chelsea London vom erstmaligen Einzug ins Finale. Ausgerechnet im Duell der beiden Tabellenführer von Deutschland und England fanden die Münchnerinnen zu ihrer alten Form zurück und beeindruckten mit tollem Kampfgeist. Das gilt es am Sonntag im Rückspiel zu wiederholen. Vollkommen offen ist das zweite Duell, da trennten sich Paris und Barcelona 1:1.

Aufstand der Fans verhinderte ein Verbrechen am Fußball

Was war denn das mit der Super League? Ein Witz, ein Theaterstück? Darf gelacht werden oder war es eher was zum Ärgern? Auf jeden Fall rüttelte die irrwitzige Idee von ein paar Reichen Vereinsbesitzern bzw. -funktionären die Fußball-Welt ganz schön durcheinander. Am Sonntag kam der aktuelle Plan ans Tageslicht, wurde am Montag offiziell bestätigt, am Dienstag gab es die ersten Rückzieher und am Mittwoch folgte die Absage. Eigentlich sollte es Beerdigung heißen, doch die Idee schwelt weiter, wer weiß schon, was hinter den Kulissen noch läuft. Auch FIFA-Präsident Gianni Infantino spielt ein undurchsichtiges Spiel. Wir haben doch erfahren, dass es auch ihm persönlich in erster Linie ums Geld geht.

Aber vorerst gibt es ein Erlösung: Der Aufstand der Fans vor allem verhinderte ein geplantes Verbrechen am Fußball. Die Gruppe der zwölf Gierigen aus Spanien, Italien und England, der Blender und Lügner wollte mit der Super League nichts anderes erreichen, als die eigenen Schulden zu tilgen. Gladbachs Manager Max Eberl sieht es richtig: „Das ist kein Club der Superreichen, eher ein Club der Superverschuldeten“. Jahrelang häuften sie ein Minus an, aber unbeirrt warfen sie Millionen den Starspielern hinterher. In den Medien kursieren die Schuldenzahlen: Barcelona 1,2 Milliarden, Real Madrid 900 Millionen, Atletico Madrid 520 Millionen, Juventus Turin 460 Millionen. In England sind die Vereine für die Besitzer ein Zuschussgeschäft. Da war der Griff nach Milliarden durch die Super League sogar verständlich. 3,5 Milliarden für die vorgesehenen 20 Vereine als Sonderzahlung, 500 Millionen Startgeld pro Saison. Das Schlaraffenland des Fußballs.

Aber die Pläne gingen mehr in Richtung Schilda als Schlaraffenland. Der Öffentlichkeit verkaufte man Lügen oder falsche Versprechungen, die man gar nicht einhalten konnte. Als die UEFA noch über die neue Champions League diskutierte, beruhigte Juventus-Boss Agnelli „an der Super League ist nichts dran“. Als sie schon beschlossen war, wurde abgewiegelt „wir denken nur darüber nach“. Und dann Lügen zur Beruhigung: „Wir denken nur an die Fans, ein Vorteil für den Fußball, die Basis wird profitieren, ohne Super League geht der Fußball kaputt.“ Absurd. Die Wahrheit sieht anders aus: Eine Super League wäre ein Verbrechen am Fußball. Der gegensätzliche Weg muss eingeschlagen werden: Zurück zur Vernunft, zurück zu den Fans, stoppt die Entgleisungen der Superreichen. Auch die Spieler müssen zu Zugeständnissen bereit sein, die Gehälter gedeckelt werden, die Beraterhonorare wieder in einem vernünftigen Verhältnis zur Arbeit stehen. Nur dann hat der Profi-Fußball eine Zukunft, nur so gewinnt er wieder die Herzen, aus denen er teilweise entwichen ist.

Gewinner dieses ganzen Theaters waren die Fans, die schnell reagierten, auf die Straße gingen und den Vereinsverantwortlichen deutlich machten, dass sie sich von ihren Klubs abwenden würden. Vor allem den Klub-Besitzern in England wurden die Augen geöffnet. Jammern nicht alle jetzt schon über die Geisterspiele und vermissen die Fans? Sie bilden das Herz des Fußballs, sorgen dafür, dass der Kampf um Punkte, um Auf- oder Aufstieg mit Leben gefüllt wird.

Gewinner waren auch die deutschen Vereine Bayern München und Borussia Dortmund, die sich von vornherein distanziert haben. Karl-Heinz Rummenigge mutierte im Hintergrund zum starken Mann und erhielt vom Klub-Verband ECA das Vertrauen und gehört wieder der UEFA-Exekutive an. Daneben spielten auch die Scheichs von Paris St. Germain nicht mit, allerdings vor allem wohl deshalb, um den Frieden vor der WM in Katar zu wahren.

Es bleiben aber auch Fragezeichen. War die Gründung der Super League nur ein Ablenkungsmanöver, um die Reform der Champions League in besserem Licht darzustellen? Der veränderte Modus ab 2024 wurde reibungslos beschlossen und stößt bei den Fans und Vernünftigen auch auf Kritik: Auch hier gibt es schon mehr Geld für die Großklubs, die Verteilung der Millionen lässt die Schere zwischen großen und kleinen Klubs größer werden, 100 Spiele gibt es mehr, so dass der Stress für Spieler (und Zuschauer!) noch größer wird. Pausen im Spielbetrieb sind nicht mehr vorgesehen. Die Proteste werden erst dann stärker aufflammen, wenn der veränderte Modus naht, doch dann ist es zu spät für eine Rückbesinnung.

Zur Unsicherheit trägt auch der FIFA-Präsident bei. Was führt Infantino wirklich im Schilde? Bekannt ist, dass ein Vertrauter Infantinos bei den Vorbereitungsgesprächen zur Super League dabei war! Was war denn das dann für ein Theater, als Infantino gegen die Super League wetterte? Oder will er damit nur den Boden bereiten für seine ebenso wahnwitzige Idee, die Klub-Weltmeisterschaft auf 24 Teilnehmer auszuweiten und wie eine WM oder EM im Sommer über mehrere Wochen zu spielen? Dabei sollen ja auch die Top-Klubs aus Europa die Hauptrolle spielen, denn nur sie bringen das Geld von Sponsoren. Die Teilnahme von mehr Vereinen aus den anderen Erdteilen gilt als Stimmenfang und als Denkmäntelchen dafür, dass es nur um mehr Geld geht. Sportlich macht eine aufgeblähte WM keinen Sinn. Die Super League wäre Infantino dabei wohl ziemlich im Wege gewesen.

Entwarnung gibt es nicht, noch drängen alle im Profi-Fußball danach, noch mehr zu kassieren. Da geht es nicht nur um Spieler und Vereine, sondern vor allem auch um Berater und Funktionäre, die gern die Hand aufhalten. Eine Begrenzung der Gelder ist gar nicht in ihrem Sinne. Die Fan-Bündnisse warnen bereits: „“Wir müssen wachsam bleiben.“ Wohl wahr.

Corona, Abstieg, UEFA: Das große Zittern im Fußball

Die Fußball-Welt ist in Unordnung geraten, an allen Ecken und Ende brennt es. Dabei ist schon die Aufgabe, die Corona-Pandemie zu bewältigen und den Spielbetrieb geordnet zu Ende zu bringen, groß genug. Aber angeblich hat vor allem Corona auch dazu geführt, dass einige Spitzenklubs in England, Spanien und Italien die Pläne für eine Super League konkret ausgearbeitet haben. Ein Affront gegenüber dem Verband, der UEFA, und den anderen nationalen Ligen. Der Fußball in Europa steht vor der Zerreißprobe. Der UEFA-Kongress in diesen Tagen hat eine Menge Fragen auf seinem Tisch, natürlich auch die Austragung der Europameisterschaft im Sommer. Da wiederum sollen auf jeden Fall Zuschauer in den Stadien sein. Es hat den Anschein, als sollte die Vernunft im Fußball endgültig keine Rolle spielen.

Stellen wir lieber das Sportliche in den Mittelpunkt und die Bundesliga, aber insgesamt bleibt die Bilanz: Da Corona, dort der Kampf um den Titel, die Plätze für Europa, der Kampf gegen den Abstieg und die offenen Fragen bei der UEFA – im Fußball gibt es überall das große Zittern.

Eine Vorentscheidung hat es wieder einmal im Titelkampf gegeben, Bayern-Verfolger RB Leipzig hat gegen Hoffenheim einen wertvollen Punkt liegen gelassen, der Meister mit einem 3:2-Sieg in Wolfsburg gekontert. Wieder sieben Punkte Vorsprung, wieder Hymnen auf den Rekordchampion. Die Verfolger haben offensichtlich nicht die erforderliche Nervenstärke und Konstanz. Doch den Münchnern ist nicht nach feiern zumute, das Trainer-Theater um Hansi Flick beherrscht den Verein. Es war ein Paukenschlag, als Flick kundtat, er wolle den Verein im Sommer auf jeden Fall verlassen. Die Bayern-Bosse reagierten verschnupft, schade dass die großartigen Leistungen in den letzten Monaten in den Hintergrund treten. Dennoch wird die Mannschaft den neunten Titel in Folge unter Dach und Fach bringen – ohne großes Zittern (zu diesem Thema auch die nächste Kolumne „Der Seriensieger Bayern wird zur Baustelle“).

Das große Zittern hat dafür offensichtlich Wolfsburg und Frankfurt erfasst, auf dem Weg in die Champions League stolperten sie gegen die Bayern und in Gladbach. Dortmund dagegen bläst zur Aufholjagd, hat jetzt noch vier Punkte Rückstand. Am Samstag gibt es eine Art Endspiel, wenn die Borussia in Wolfsburg antritt, davor haben die Klubs die Aufgaben Union Berlin (Dortmund) und Stuttgart zu lösen. Frankfurt spielt in der englischen Woche gegen Augsburg und Leverkusen, mit Bayer kann die Eintracht einen weiteren Konkurrenten in die Schranken verweisen. Der Kampf um Europa betrifft aber nicht nur die genannten Vereine, auch Gladbach und sogar Union melden Ambitionen an. Es darf gezittert werden.

Doch richtig gezittert wird am Tabellenende. Der Effekt des Trainerwechsels verpuffte in Köln, aber das Derby in Leverkusen war für Friedhelm Funkel natürlich ein schwieriger Einstand. Jetzt folgt noch Leipzig, aber dann geht es um die Wurst. Augsburg am Freitag, Freiburg, Hertha und Schalke sind die letzten Gegner. Da wird zum großen Endspurt aufgerufen. Am Ende könnte neben Hertha, Bielefeld und Mainz auch noch in Bremen und Augsburg gezittert werden. Der FCA hinterlässt in dieser Saison in spielerischer Hinsicht einen fast jämmerlichen Eindruck, holte aber zwischendurch gegen Abstiegskandidaten wichtige Punkte. Das war beim 0:0 gegen Bielefeld nur zum Teil der Fall, da wird die Partie am Freitag gegen Köln auch zu einer Art Endspiel. Das könnte auch für FCA-Trainer Heiko Herrlich gelten. Also: Zittern oder Aufatmen. Ähnliches gilt für Werder, die Bremer haben in dieser Woche Mainz und Union als Gegner, Siege müssen her oder es herrscht das große Zittern.

Im Abstiegskampf spielt Hertha BSC Berlin eine Sonderrolle. Corona-Infektionen brachten den Verein und die DFL in die Bredouille und führten zu Spielverlegungen. Jetzt ist guter Rat teuer und es wird gezittert, ob die Saison wirklich noch ein gutes Ende findet. Vor allem die 2. Bundesliga leidet unter Spielabsagen und einige Vereine müssen sich auf eine Hetzjagd mit vielen Nachholspielen einstellen. Da geistert schon das Wort von der „Wettbewerbsverzerrung“ durch die Medien, da spekulieren Funktionäre für ihre Vereine in Abstiegsnot schon mit der Corona-Rettung: Abbruch der Saison ohne Absteiger. Nicht überall wird offensichtlich alles getan, um Infektionen zu entgehen. Die DFL wird wohl nicht umhin kommen, alle Vereine der beiden Bundesligen für die letzten Spiele in Quarantäne zu schicken. Ansonsten ist ein reguläres Ende der Saison mehr als fraglich, zumal die Europameisterschaft mit der Abstellungsfrist der UEFA ab 31. Mai eine terminliche Grenze setzt. Das ganze wird also wirklich eine Zitterpartie.

Gezittert hat die Welt nicht, aber die Ankündigung einiger Klubs, dass sie eine Super League gegründet haben, sorgte im internationalen Fußball für ein Erdbeben. Wer die Namen der Vereine liest, der weiß, dass die Geldgeber und Investoren dahinter stecken, weil es ihnen um Geld geht und nicht um die Zukunft des Fußballs. Zusammengeschlossen haben sich gleich sechs Klubs aus England (Liverpool, Manchester United und City, Tottenham, Chelsea und Arsenal London), je drei aus Spanien (Real und Atletico Madrid, FC Barcelona) und Italien (Inter und AC Mailand, Juventus Turin). Vorsitzender ist Real-Präsident Florentino Perez. Den Bossen schwebt eine Liga mit 20 Klubs vor, Gründungsmitglieder sollen 15 Klubs werden, fünf weitere sollen Jahr für Jahr aufgenommen werden. Gespielt werden soll unter der Woche in einer Liga.

Die Super League war ja schon lange im Gespräch, so weit wie jetzt (Start 2022) waren die Pläne noch nie. Geld spielt die Hauptrolle, die US-Investmentbank JPMorgan tritt als Hauptinvestor auf, als „Startgeld“ sollen 3,5 Milliarden Euro an die Vereine ausgeschüttet werden. Jetzt liegt es am Weltverband FIFA und Europas Verband UEFA den Plänen einen Riegel vorzuschieben. Die Vertreter der European Club Association (ECA), in der auch Dortmund und Bayern vertreten sind, lehnen die Super League ab (bezeichnend, dass ihr Präsident Agnelli,Juventus Turin, an den ECA-Diskussionen nicht teilnahm). Die Ablehnung bekräftigten auch Dortmund und Bayern noch einmal. Verabschiedet wurde von der UEFA dafür eine Reform der Champions League ab 2024. Auch hier erfolgt eine Aufstockung von 32 auf 36 Vereine und Traditionsklubs erhalten einen besonderen Zugang. Die Gruppenphase wird abgeschafft. Die Reform war als Abwehr der Super League gedacht, aber auch hier steht das Geld im Mittelpunkt.

Fest steht: Die Super League ist ein Affront gegen den Fußball, es geht nur um das Geschäft. Auch rechtliche Fragen sind zu klären. Bei den Fans muss eigentlich das große Zittern beginnen, wenn der Sport verkauft wird. Mehr zu diesem Thema in einer weiteren Kolumne in dieser Woche.

Der Seriensieger Bayern wird zur Baustelle

Viele hatten vor der Saison 2020/21 gewarnt, in die der FC Bayern München als gefeierter Triple-Sieger nach dem Gewinn von Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League gegangen ist. „Das lässt sich nicht wiederholen“, wussten die einen, „die Mannschaft halte das nicht durch, weil es keine gezielte Saisonvorbereitung gegeben habe“, warnten die anderen. Mit dem Ausscheiden im Viertelfinale der Champions League 2021 konnten sich beide bestätigt fühlen. Inzwischen hatte der FC Bayern einen Sixpack an Titeln eingesammelt, aber der Seriensieger war am Ende seiner Kräfte, verzweifelte daran, dass das Schicksal zudem zugeschlagen hatte. Die Stützen Lewandowski und Goretzka verletzt, Flügelflitzer Gnabry in Quarantäne, da fehlte Entscheidendes zum schwungvollen und bewunderten Triple-Sieger des Vorjahres. Erhobenen Hauptes können die Münchner die Europas Bühne verlassen, außer Real Madrid hat noch niemand eine erfolgreiche Titelverteidigung geschafft, sie gehen auch nicht geschlagen, dem 2:3 vom Hinspiel folgte ein 1:0-Sieg in Paris, bei 3:3 zählten die Auswärtstore. Verspielt wurde das Weiterkommen in München.

Die Gründe des Ausscheidens sind offensichtlich: Die Achse im Spiel war auseinandergerissen. Neuer-Alaba-Kimmich-Müller-Lewandowski waren der Halt. Plötzlich gab es Lücken, der Torjäger fehlte sowieso, Alaba musste für Gorotzka ins Mittelfeld, die Statik stimmte nicht mehr, dazu kamen müde Beine und Formverfall verschiedener Recken (Davies eklatant, zum Teil Pavard). Das kraftraubende Pressing Flicks konnte nicht mehr umgesetzt werden, es fehlte die Grundlage zu einem erneuten Triumph, zumal die personelle Ausgangslage sowieso schlechter war: Vor allem die Abgänge von Thiago, Coutinho und Perisic konnten nicht gleichwertig ausgeglichen werden.

Noch problematischer sieht es in diesem Sommer aus. Der Seriensieger wird zur Baustelle, denn mit Jerome Boateng, David Alaba und Javi Martinez verlassen verlässliche Stützen der vergangenen Jahre den Verein und es sieht nicht so aus, als ob es den Bossen, allen voran Sportvorstand Hasan Salihamidzic, gelingen könnte, alle Baustellen zu schließen. Gut, Alaba verlangte in Corona-Zeiten zu viel Geld, der Verein kann sich das nicht mehr leisten, Martinez will seine Karriere in der Heimat ausklingen lassen, aber der Abgang von Boateng ist unnötig, wurde undiplomatisch inszeniert und ist deshalb ärgerlich. Zum Abschied zeigte der Abwehrspieler noch Weltklasseleistungen. Neuzugang Dayot Upamecano vom RB Leipzig kann nur eine Lücke füllen, Lucas Hernandez hat die Qualität für Stabiltät, aber der Umbruch birgt auch die Gefahr des Einbruchs. Will der FC Bayern weiter erfolgreich sein, muss gleichwertiger Ersatz her, keine Bankdrücker. In Paris fehlten außer Martinez und Musiala die Alternativen auf der Bank. Das zeigte sinnbildlich: der Seriensieger ist eine Baustelle.

Die größte Baustelle ist aber die Position des Trainers und sie könnte für den ganzen Verein zu einer Zerreißprobe werden. Hansi Flick hat sich jetzt in einem langen Monolog vor den TV-Kameras geäußert, aber keine Antwort geliefert. Er scheint selbst hin- und hergerissen zwischen Bayern und der Aussicht Bundestrainer zu werden. Die Bayern werden ihn zum Bleiben nicht zwingen können. Ein Gespräch mit dem baldigen Rummenigge-Nachfolger Oliver Kahn soll Klarheit bringen oder zumindest Weichen stellen. Wenn Flick geht, bleibt nur Julian Nagelsmann als adäquate Lösung, lässt ihn Leipzig nicht gehen, können die Bayern ihre Baustelle kaum vernünftig schließen. Die unterschiedlichen Auffassungen der Führungsfiguren Rummenigge, Hoeneß, Hainer und Salihamidzic werden die Lösung erschweren. Womöglich machen die Bayern selbst den Weg frei für die Konkurrenz zum ersehnten Titelgewinn.

Allerdings: Auf jeden Fall will Hansi Flick den neunten Meistertitel in Folge in diesem Jahr, die Schale soll in München bleiben, sie ist der Rest vom Triple. Aber ob die Kraft wirklich reicht, ist offen, Lewandowski und Gnabry werden am Samstag in Wolfsburg noch fehlen, Gorotzka bleibt fraglich, die „Wölfe“ sind hungrig, sie lieben bekanntlich eine angeschlagene Beute. Kräfte sammeln können die Münchner nicht, eine englische Woche steht bevor. Drei Spiele (Wolfsburg, Leverkusen, Mainz) in denen die Meisterschaftsträume in Gefahr geraten können vor dem Endspurt (Gladbach, Freiburg, Augsburg). Wäre für Hansi Flick ein Abgang ohne Titel nach den sechs in einem Jahr überhaupt denkbar?

Die Münchner und Dortmunder lecken ihre Wunden, die internationale Konkurrenz feiert. Auffallend: Sechs Bundesligisten starteten nach dem Jahreswechsel im internationalen Geschäft, die Halbfinals gehen jetzt ohne Bundesliga über die Bühne! Hoffenheim und Leverkusen blamierten sich in der Europa League, für Leipzig und Gladbach war gegen Liverpool und Manchester City schnell Endstation. Im Vorjahr waren die Bayern und Leipzig im Halbfinale vertreten, englische Vertreter und Spanier fehlten. Diesmal meldet sich die Premier League mit Chelsea und City zurück. Von vier deutschen Trainern ist nur noch Thomas Tuchel dabei, der nun die Aufgabe Real Madrid vor der Brust hat. „Es ist Zeit für Titel“, forderte Tuchel von seinen Mannen (auch national), aber Toni Kroos warnt bereits: „Wenn es darauf ankommt, ist Real da“. Auf der anderen Seite ist das Duell Paris gegen City fast schon ein Endspiel. Es ist das Duell der Scheich-Teams, die beide schon lange vom Gewinn der Champions League träumen. Manchesters Trainer Pep Guardiola war dabei besonders glücklich, denn er besiegte den Halbfinal-Fluch, denn mit City war ihm der Sprung dahin noch nie geglückt. Die Rolle des Favoriten weist er Paris zu „die beste Mannschaft der Welt“ und verweist auf die Ausnahmekönner Neymar und Mbappé. Neymar nimmt die Rolle an: „Jetzt wollen wir den Pott“. Nun, ein Manuel Neuer steht ihm nicht im Weg und Latte und Pfosten hat er gegen die Bayern oft genug getroffen.

Besonders bitter ist das Ausscheiden natürlich für Borussia Dortmund, weil ein Jahr ohne Champions League droht. Die Mannschaft hat sich tapfer gegen Manchester City gewehrt und konnte erhobenen Hauptes vom Platz gehen, aber gegen Peps Passmaschinen war fast kein Kraut gewachsen. Ein unglücklicher (aber korrekter) Elfmeter brachte im Rückspiel die Wende. Auch Dortmund könnte jetzt eine Baustelle bevorstehen, wenn die Stars Sancho und Haaland den Verein verlassen sollten. Immerhin, die Baustelle Trainer ist ja mit Marco Rose geschlossen, auch wenn sich der Noch-Gladbacher die Zukunft in Dortmund wohl anders vorgestellt hatte. Ab sofort (aktuell natürlich noch mit dem Aufholen des Rückstandes auf Wolfsburg und Frankfurt) wird an der Rückkehr in die Elite gearbeitet.

Das gefährliche Spiel von Flick und Bayern

Der FC Hollywood ist zurück! Die sportliche Ergebnisse interessieren beim FC Bayern München derzeit nur am Rande, es sei denn, mangelnde Erfolge bringen die angestrebten Titel in Gefahr. Im Vordergrund steht beim Rekordmeister der Zwist zwischen Sportvorstand Hasan Salihamidzic und Erfolgstrainer Hansi Flick. Keinem im Verein gelingt es, den schon lange schwelenden Konflikt zu befrieden. Fast hilflos mutet der Aufruf von Präsident Herbert Hainer an, die beiden müssten sich zusammenraufen. Was derzeit abläuft, ist im doppelten Sinne ein gefährliches Spiel. Hansi Flick riskiert Punktverluste und schont lieber seine Spitzenspieler, der Verein ist in Gefahr, dass der Zwist auch die Zukunft gefährden kann.

Bald sieht es so aus, dass nur einer der beiden Kontrahenten eine Zukunft bei den Bayern hat. Sportlich müsste dies der Trainer sein, auch die Fans sehen es so. Bei einer Umfrage der Fachzeitschrift kicker halten 93 Prozent Flick für wichtiger für die Bayern als den Sportvorstand. Aber ausgerechnet Flick könnte in dem Konflikt für sich die Chance sehen, seinen Traum vom Amt des Bundestrainers zu verwirklichen. Der Löw-Rücktritt hat das Chaos bei den Bayern erst forciert, nicht der Verband, der DFB, gerät in Schwierigkeiten, sondern der Meister. Ein Bekenntnis zu den Bayern und zum Vertrag bis 2023 hat Flick noch nicht abgegeben, auf Fragen antwortet er vielsagend mit der Aufforderung „nächste Frage“. Sieht er den Verein als Gegner?

Der Zwist ist gefährlich, weil er genau in die sportlich wichtigste Zeit fällt. Dazu bereiten Verletzungssorgen Probleme und auch da spielt Flick ein gefährliches Spiel. Gegen Union Berlin fielen nicht nur verletzte Spieler aus, sondern der Trainer verzichtete zur Schonung auf weiteres fittes Stammpersonal wie Alaba, Sané und Pavard. Das B-Team mit Talenten und nicht bundesligatauglichen Ersatzspielern, die Salihamidzic dem Coach im Sommer vorgesetzt hatte, wehrte sich zwar gegen eine Niederlage, aber das 1:1 (mit einem Traumtor von Musiala) war ein Rückschlag im Titelrennen. Jetzt sind es nur noch fünf Punkte Vorsprung vor dem RB Leipzig mit der Aufgabe Wolfsburg vor der Brust sowie künftigen Gegnern wie Gladbach und Leverkusen. Verfolger Leipzig hat das leichtere Restprogramm!

Zunächst steht am Dienstag aber die Aufgabe Paris an, da gilt es, die unnötige 2:3-Heimniederlage zu revidieren. Ein Sieg mit zwei Toren Vorsprung muss her, ein schweres Unterfangen, da Torjäger Lewandowski weiterhin fehlt und Goretzka sowie Hernandez fraglich sind. Allein die Statistiken machen Mut, die Bayern sind seit 17 Spielen in der Champions League auswärts ungeschlagen (13 Siege, 4 Remis) und bereits dreimal in den K.o.-Runden nach Heimniederlagen weitergekommen. Gegner Paris wiederum leidet offensichtlich an einer Rückspielangst, musste seltsame Pleiten erleiden. Gravierend 2017 nach einem 4:0 im Hinspiel mit einer 1:6-Niederlage im eigenen Stadion gegen Barcelona oder 2019 nach einem 2:0-Sieg bei Manchester United mit 1:3 im Rückspiel. Dazu zeigte Paris auch in der nationalen Meisterschaft oft eine Heimspielschwäche. Trotz Neymar und Mbappé, ganz chancenlos sind die Bayern wohl nicht. Ein Ausscheiden würde den Zwist allerdings verschärfen und zu einer echten Krise ausweiten. Am Ende könnte dieses Ergebnis stehen: Hansi Flick wird Bundestrainer und Julian Nagelsmann sein Nachfolger. Mit einer hohen Ablösesumme wäre dies wohl möglich, für die Zukunft wäre ein Abgang von Salihamidzic vielleicht gewinnbringender…

Einen Rückstand wettmachen muss auch Borussia Dortmund im Viertelfinale der Champions League. Das 1:2 bei Manchester City war allerdings ehrenvoll und macht Hoffnung für das Rückspiel. Pep Guardiola hatte sich bei City wieder ein bisschen vercoacht und riskierte wie Flick national einen Punktverlust mit der Schonung von Stars für Mittwoch. Dortmund könnte für eine Überraschung sorgen und die Saison mit dem Einzug ins Halbfinale teilweise retten. Da sollte Chelsea mit Tuchel, Werner und Havertz zu finden sein, nach dem 2:0 gegen Porto. Jürgen Klopp muss dagegen nach der 1:3-Niederlage gegen Real Madrid eine Aufholjagd starten.

In der Bundesliga kommen die Dortmunder nicht voran, der Abstand zu Rang vier blieb bei sieben Punkten, da Eintracht Frankfurt das Schlagerspiel gegen Wolfsburg mit 4:3 gewann. Ein Spiel, das Spaß machte, beide Teams bewiesen, dass sie die Champions League verdient hätten. Aber auch da sind die Trainer als Wechselobjekte im Gespräch. Logisch: Wer gut arbeitet ist attraktiv. Beide haben laufende Verträge, aber wen interessiert das? Frankfurts Adi Hütter wird in Gladbach als Nachfolger von Marco Rose (zu Dortmund) gehandelt, Oliver Glasner wird bei jedem Verein genannt, wo eine Stelle frei wird. Pikant: Am Samstag gastiert Hütter mit Frankfurt in Gladbach. Seine Entscheidung wird davon abhängen, wo er die bessere Zukunftsperspektive sieht, in Frankfurt steht bekanntlich ein Umbruch an, nachdem Sportdirektor Fredi Bobic vor dem Abschied steht.

Der Trainermarkt ist auf jeden Fall in Bewegung. Dafür sorgte am Sonntag auch der 1. FC Köln, der nach dem 2:3 im Abstiegsduell gegen Mainz Trainer Markus Gisdol freistellte. Köln rutschte auf einen Abstiegsplatz und da hatte Manager Horst Heldt ja schon angekündigt: Solange Köln oberhalb dieser Linie zu finden ist, bleibt der Trainer, wenn nicht, dann… Eigentlich ein unwürdiges Schauspiel. Ein unglückliches Gegentor in der Nachspielzeit kostete den Arbeitsplatz, so ist es im Fußball. Nun soll es der 67-jährige Friedhelm Funkel richten, der eigentlich schon sein Rentnerdasein genießen wollte, aber noch einmal Lust bekommen hat und im Hintergrund bereits parat stand. Von Februar 2002 bis Oktober 2003 war er schon einmal in Köln tätig und blieb wohl in guter Erinnerung. Der Ruf als Retter eilt ihm voraus, sechs Spiele Zeit hat er, die Gegner heißen Leverkusen, Leipzig, Augsburg, Freiburg, Hertha BSC und Schalke, vor allem auf den Endspurt kommt es an.

Einen Zwischenspurt hat die Konkurrenz eingelegt, vor allem Mainz hat sich nach oben gearbeitet und könnte gegen Hertha BSC den nächsten Schritt Richtung Klassenerhalt tun. Das würde den Abstiegskampf auf Köln, Bielefeld und eben Hertha reduzieren, nur einer kann sich direkt retten. Aber auch Bremen und Hoffenheim könnten noch reingezogen werden. Der große Unbekannte ist Schalke 04, abgeschlagenes Schlusslicht, das mit dem zweiten Saisonsieg Augsburg überraschte. Trainer Grimmozis droht: „Wir werden noch weitere Punkte holen.“ Auf der Gegnerliste stehen unter anderem Bielefeld, Hertha und Köln!

Chaos in der 2. Bundesliga

Ob die Saison 2020/21 überhaupt ohne Probleme zu Ende gespielt werden kann, wird wohl Covid-19 entscheiden. Die DFL hatte schon mit dem Gedanken gespielt, die Profi-Klubs zum Ende der Saison in ein Dauer-Trainingslager zu schicken, quasi in Quaränte, damit Corona keine Chance hat. Noch wird das nicht durchgesetzt, aber die Infektionen werden mehr. Vor allem in der 2. Bundesliga droht ein Chaos, Kiel und Sandhausen befinden sich in Quarantäne, drei Spiele wurden abgesagt, vier weitere schon für diese Woche, der Terminkalender wird immer enger, am 23 Mai sollen alle Entscheidungen gefallen sein. Horrorszenario: Bis dahin haben nicht alle Teams ihre Spiele absolviert. Kiel war schon einmal betroffen und muss auch im Pokal gegen Dortmund ran, das Wochenende rund um den 1. Mai bietet die einzige Chance, Spiele nachzuholen, außerdem gibt es den einen oder anderen Termin unter der Woche. Für manche Mannschaft wird es eine Hetzjagd, die Rede ist von Wettbewerbsverzerrung, aber eine gerechte Lösung gibt es nicht. Corona gibt den Takt vor, einziges Gegenmittel ist die strikte Einhaltung der Hygienevorschriften, was wohl nicht überall immer klappt. Was bleibt, ist Chaos. Schade eigentlich, denn die 2. Bundesliga präsentiert sich so spannend wie nie – oben und unten.

Corona und Geldgier: Schatten über der Champions League

Der Profi-Fußball ist heute Sport-Unterhaltung und soll für Vereine und Verbände vor allem ein Geschäft sein, das weiß jedes Kind. Und dennoch träumen die Fans von alten Zeiten, wo es vor allem um Fußball ging. Deshalb wird besonders kritisch hingeschaut, wenn die Spitzenvereine am System basteln, das nur ein einziges Ziel hat: Noch mehr Einnahmen. Derzeit gibt es deshalb zwei Feinde für den Profi-Fußball: Die Corona-Pandemie und die Geldgier. Erstes soll durch medizinischen Fortschritt besiegt werden, das andere ist nicht heilbar! Schatten fallen derzeit vor allem auf die Champions League.

In der Saison 20/21 naht in der Champions League die Entscheidung, wenn in dieser und der nächsten Woche das Viertelfinale ausgetragen wird. Daneben steht aber noch ein bedeutenderer Termin am 19. April an, wenn es nämlich zum die Zukunft der CL geht. Die Gedankenspiele sind schon weit fortgeschritten und teilweise hanebüchend, weil die Spitzenvereine nach Möglichkeiten suchen, einerseits mehr zu kassieren, andererseits aber auch eine gewisse Garantie der ständigen Teilnahme zu erhalten. Die Geldquelle soll schließlich nicht versiegen. Als Grund für den Freifahrtschein für Top-Vereine nennen sie unverfroren „nur so kann eine Super-League verhindert werden“. Die CL soll also mehr oder weniger eine verkappte Super-League werden, welche die sportliche Qualifikation über die nationalen Ligen fast unbedeutend werden lässt. In gewisser Weise machen sich die Vereins-Bosse mit diesen Argumenten lächerlich, die Spannung in den nationalen Ligen wird nämlich weniger.

Ein Argument sticht: Die jetzige Gruppenphase ist oft langweilig, besser wären K.o.-Runden von Beginn an, aber dann ließen sich die derzeitigen Einnahmen nicht erzielen. Doch mit dem neuen System ab 2024 wird die Langeweile nicht vertrieben. Geplant ist eine Aufstockung von 32 auf 36 Teilnehmer (der perfide Vorschlag ist, dass die vier Plätze an die in der Vergangenheit erfolgreichsten Vereine vergeben werden sollen, so dass zum Beispiel der FC Liverpool Teilnehmer wäre, auch wenn er in England nur Siebter wird!), gespielt werden soll nach dem „Schweizer System“, alle 36 Teams in einer Liga, jede Mannschaft hat acht oder zehn Spiele, die Gegner werden mit Berücksichtigung der Erfolge zugelost. Es gibt eine Tabelle, die besten Vereine qualifizieren sich direkt für die K.o.-Runde, der Rest spielt noch eine Qualifikation, keiner scheidet also vorzeitig aus. Wo ist da die Spannung? Pferdefuß auch: Es soll noch mehr Spiele geben, 225 statt derzeit 125, dabei stoßen Spieler und Vereine bereits an ihre Leistungsgrenzen. Der Mensch zählt nichts, das Geld dafür umso mehr. Antreiber der Reform ist vor allem die Vereinigung der Spitzenteams (ECA), deren Vorsitzender Andrea Agnelli ist, Boss von Juventus Turin. Bezeichnend, dass die Spitzenklubs schon eine Gesellschaft gegründet haben, die sich um die Vermarktung kümmern soll. Die UEFA soll wohl ausgebootet werden, die Champions League zur Super League durch die Hintertür werden! Auf die Fans, die dieses Geschäftsgebaren ablehnen, wird nicht gehört.

Angesichts dieser Aussichten geht dem Betrachter der Spaß am laufenden Wettbewerb ein bisschen verloren, dabei stehen im Viertelfinale reizvolle Duelle an. Im Mittelpunkt steht natürlich die Neuauflage des letztjähriges Endspiels, wenn sich Bayern München und Paris St. Germain gegenüberstehen. Beide Teams können auf beeindruckende Bilanzen verweisen, beide haben aber auch personelle Sorgen. Die Bayern müssen auf Torjäger Robert Lewandowski verzichten, Paris hat ein Corona-Problem, die Mittelfeldasse Verratti und Florenzi befinden sich in Quarantäne. Die Bayern wollen auf jeden Fall ihre Siegesserie fortsetzen, sie sind seit 19 Spielen in der CL ungeschlagen (18 Siege, 1 Remis), 20 Spiele hat bisher nur der Rekordhalter übertrumpft: Manchester United mit 25 ungeschlagenen Spielen von 2007 bis 2009. Die Bayern sind übrigens das torgefährlichste Team seit der letzten fünf Jahre mit 2,8 Treffern pro Spiel, dahinter folgt Paris mit einem Schnitt von 2,5! In den letzten 43 Spielen in der CL blieb Paris nur einmal torlos – im Finale von Lissabon beim 1:0-Sieg der Bayern! Noch ein gutes Omen für die Münchner: Fünfmal trafen die Endspielgegner im nächsten Wettbewerb wieder aufeinander, immer siegte der Titelverteidiger.

Borussia Dortmund bekommt es mit Ex-Bayern-Trainer Pep Guardiola und Manchester City zu tun. Die Voraussetzungen könnten unterschiedlicher nicht sein: Da der Tabellenführer der Premier League, dort der Fünfte der Bundesliga, der bei sieben Punkten Rückstand auf Platz vier um die nächste Teilnahme an der Champions League fürchtet. Kein Wunder, dass die Stimmung in Dortmund nicht gut ist. „Die Mannschaft steht in der Verantwortung“, hat Boss Watzke noch einmal betont, „ich schütze die Mannschaft nicht mehr“. Wenn die direkte Qualifikation nicht klappt, führt der Weg nur über den Titelgewinn in der CL! Zwei deutsche Trainer sind außerdem beteiligt. Jürgen Klopp trifft mit dem FC Liverpool im Schlagerspiel auf Real Madrid, zwei Mannschaften, die durch Verletzungsprobleme in den nationalen Meisterschaften nicht so erfolgreich sind wie in den vergangenen Jahren. Thomas Tuchel hat mit Chelsea London mit Portugals Meister FC Porto das vermeintlich leichteste Los gezogen, doch das kann trügerisch sein. Porto ist ein CL-Spezialist und Chelseas Generalprobe fiel mit der 2:5-Niederlage gegen den Vorletzten West Bromwich verheerend aus. Zudem gab es Knatsch im Training, Nationalspieler Rüdiger wurde vorzeitig zum Duschen geschickt.

Erste Glückwünsche an Bayern

Es war eine Sache des Willens, die Bayern haben bewiesen, dass sie es auch mit Einsatz machen können, wenn die spielerischen Mittel nicht klappen. Der 1:0-Sieg im Bundesliga-Spitzenspiel in Leipzig wurde erkämpft, ohne den verletzten Torjäger Lewandowski musste ein Lichtblick her: Kimmichs langer Pass auf Müller, der Vorlagenkönig zurück zu Goretzka und der „Scoretzka“, die ihn die Fans jetzt nennen, netzte mit einem Gewaltschuss ein. Leipzig hatte mehr und bessere Chancen, doch Bayern-Keeper Neuer musste nur eine Glanztat vollbringen. Jetzt gingen schon die ersten Glückwünsche bei den Bayern ein, weil die Statistik eindeutig ist: Wer am 27. Spieltag sieben Punkte Vorsprung hatte, wurde bisher auch Meister. Den Kampfgeist werden sie weiter brauchen, der Stress lässt nicht nach, schaffen sie den Sprung ins CL-Halbfinale, gibt es im April nur englische Wochen.

Leipzig muss jetzt um die Vizemeisterschaft kämpfen, die Verfolger Wolfsburg und Frankfurt lassen nicht locker. Sehr zum Leidwesen von Borussia Dortmund, dass anders als die Bayern nicht auf den Punkt topfit war. Die 1:2-Niederlage gegen Frankfurt könnte viel Geld kosten, auch hier sieben Punkte Rückstand jetzt auf die Qualifikation für die Champions League. Dabei gibt es in Dortmund doppelten Ärger. Einmal Unverständnis über die Leistung der Mannschaft, zum anderen über das Benehmen des Haaland-Clans, denn Vater und Berater des torlosen Torjägers Erling Haaland verhandelten offensichtlich in Madrid und Barcelona über einen Vertrag. Und das vor einem wegweisenden Spiel seines Vereins! Ohne Champions League heißt für das nächste Jahr wohl auch ohne Haaland, notfalls wird sich sein Clan wegstreiken.

Ohne Champions League muss wohl auch in Leverkusen und Gladbach geplant werden, dort ist jetzt die Europa League das Ziel, beide Klubs haben wieder in die Spur gefunden, mit neuem und mit altem Trainer. Aber auch Union Berlin und Stuttgart mischen noch mit. Apropos VfB, der feierte mit dem 1:0 gegen Bremen ein Jubiläum – den 750. Bundesligasieg. Beim FC Augsburg war es erst der 100. Sieg seit dem Aufstieg 2011. Das 2:1 gegen Hoffenheim war aber wertvoll, der Klassenerhalt ist zwar nicht perfekt, kann aber als ziemlich sicher angesehen werden.

Den Teams am Tabellenende fehlen nämlich die Siege, Unentschieden bringen niemanden weiter, es bleibt alles beim Status quo. Schalke gilt als Absteiger und plant für die zweite Liga, u. a. mit Trainer Grammozis. Köln erlitt als einziger eine Niederlage, Mainz und Bielefeld im direkten Duell und ebenfalls die Hertha mit einem (wertvollen) 1:1 im Stadtderby gegen Union kamen nicht groß voran. Gerade Mainz muss aber jetzt punkten, nächster Gegner ist wieder ein Konkurrent im Abstiegskampf, nämlich Köln. Ein Blick auf das Restprogramm zeigt, dass vor allem Bielefeld die dicksten Brocken hinter sich hat. Aber in den ausstehenden sieben Spieltagen bis zum 22. Mai ist noch vieles möglich.

Thomas Müller Hoffnungsträger für Löw und Flick

Das hatte sich Joachim Löw sicherlich anders vorgestellt. Bei seinem letzten Pflichtspiel als Bundestrainer auf deutschem Boden gab es keine Gala und keinen glanzvollen Sieg gegen den Nobody Nordmazedonien, sondern ein Gemurkse wie in früheren Zeiten und mit der 1:2-Niederlage eine Blamage, die an das unselige 0:6 gegen Spanien erinnerte. So schloss der Bundestrainer seine Ära mit der ersten Niederlage in 33 Spielen der WM-Qualifikationen ab. Gut, dass Jogi Löw seinen Rücktritt bereits erklärt hat. Die erneuten Rücktrittsforderungen wären vehement ausgefallen.

Aber was war an diesem lauem Abend in Duisburg los mit der DFB-Elf? Frühjahrsmüdigkeit oder Kraftlosigkeit mit dem dritten Spiel in sieben Tagen kann keine Erklärung sein, denn das erging dem Gegner nicht anders. Ein bisschen unterschätzt hat man Nordmazedonien, den 65. der Weltrangliste, sicherlich, auch wenn man wusste, dass es alle gestandene Profis sind. „Die können uns die Hölle heiß machen,“ hatte Löw noch gewarnt. Das war es zwar nicht gerade, aber sie bauten einen dichten Abwehrriegel auf und waren mit ihren Gegenstößen oft gefährlich. Löw hat nur leicht umgestellt, aber das ganze Team geriet gegenüber den ansehnlichen Spielen gegen Island und Rumänien vollkommen aus dem Takt, wirkte ideenlos und hilflos, blutleer und ohne Schwung. Einige waren fast Totalausfälle. Kai Havertz hätte Löw viel früher vom Feld nehmen müssen, Dribbelkünstler wie Musiala oder Younes hätten früher für Schwung sorgen können. Bezeichnend der Lapsus von Timo Werner, der dort weitermachte, was er zuletzt bei Chelsea London gezeigt hatte: Er trifft das Tor nicht mehr. Diesmal traf er nicht mal den Ball richtig, Chancentod statt Torjäger. Die Folge: Statt 2:1 ein 1:2.

Logisch, jetzt werden die Rufe nach den Ausgebooteten besonders laut. Geht es doch nicht ohne Müller, Hummels oder Boateng? Bessere Karten haben auch wieder die verschmähten Reus, Draxler, Brandt oder Kehrer. Aber sie haben eigentlich alle ihre Chancen gehabt und nicht genutzt. Jetzt sind eher die Talente Wirtz und Musiala dran. Aber die Mannschaft braucht vor allem Führungskräfte und da tauchen die Namen Hummels und Müller auf. Vor allem ein Thomas Müller wurde an diesem Abend vermisst. Einer der antreibt, einer der aufmuntert, einer der unvorhergesehene Sachen macht, die oft zu Toren führen. Vermisst wurde natürlich auch ein Torjäger und da befindet sich Müller jetzt in einer Doppelrolle: Als Hoffnungsträger für Jogi Löw und Vereinstrainer Hansi Flick, nachdem bei den Bayern Top-Torjäger Robert Lewandowski verletzt ausfällt. Jetzt ist Thomas Müller gefordert, der beste Vorlagengeber der Bundesliga mit 14 Zuspielen zu Treffern und mit zehn Toren auch der beste deutsche Torjäger nach Lars Stindl (Gladbach/11).

Einen Robert Lewandowski hat Jogi Löw sowieso nicht zur Verfügung und deutsche Mittelstürmer findet man in der Bundesliga kaum. Hätte also Kevin Volland, jetzt in Monaco, wieder eine Chance verdient? Ist Lukas Nmecha (Anderlecht), Torjäger der U21, ein Hoffnungsträger? Der Bundestrainer verhalf sich zuletzt nach dem Rücktritt von Weltmeister Miroslav Klose mit der „falschen Neun“, wollte das Manko spielerisch lösen, was nur zum Teil gelang. Vor der selben Aufgabe steht jetzt aber auch Bayern-Trainer Hansi Flick, der wohl mit Schrecken gesehen hat, dass es auch Gnabry und Sané an Torgefährlichkeit haben vermissen lassen. Wenigstens hat er im Verein und im Schlagerspiel am Samstag in Leipzig mit Coman einen Mann, der als besser und torgefährlicher als Havertz eingeschätzt werden darf. Und er hat Thomas Müller und zur Not auch Maxim Choupo-Moting. Übrigens: Bayern musste wieder erleben, dass die Vereine die Leidtragenden sind, wenn es Verletzungen beim Nationalteam gibt. Ausgerechnet gegen Andorra verletzte sich Lewandowski nachdem er zweimal getroffen hat. Von vier Wochen Pause ist die Rede, der Pole selbst macht in Optimismus und spricht von zwei Wochen. Der Weltfußballer will die Jagd nach Rekorden fortsetzen und natürlich helfen, dass Bayern die großen Ziele erreicht.

Zurück zur Nationalmannschaft. Eine gewisse Euphorie vor der Europameisterschaft ist verflogen, das zarte Pflänzchen der Hoffnung wieder verwelkt, Frust und Skepsis überwiegen. Die EM-Gruppengegner sind ja stärker einzuschätzen, sie heißen im Juni Frankreich, Portugal und Ungarn. Da hat es der Nachfolger von Jogi Löw leichter, am Donnerstag, 2. September, ist Liechtenstein der nächste Gegner in der WM-Qualifikation, bevor es am Sonntag danach gegen Armenien geht. Wieder ein „kleiner“ Gegner, nein, ungeschlagener Tabellenführer der Gruppe J (1:0 in Liechtenstein, 2:0 gegen Island, 3:2 gegen Rumänien). Außerdem: Die These gilt immer mehr, „Kleine“ gibt es nicht mehr, sie ärgern die „Großen“ mit Abwehrriegeln und Konterspiel. Dennoch liegen trotz vieler Probleme die Favoriten nach dem ersten Teil in der WM-Qualifikation vorn, nämlich Portugal, Spanien, Italien, Frankreich, Belgien, Dänemark, Kroatien und England. Nicht dazu zählt die Niederlande (Zweiter hinter der Türkei) und am schlechtesten steht Deutschland da – Dritter hinter Armenien und Nordmazedonien. Wem kann man jetzt zurufen: „Herr X übernehmen Sie!“

In der Frage nach der Zukunft fällt auch der Blick auf die U21, die mit viel Einsatz und Willen den Sprung in die Endrunde der Europameisterschaft geschafft hat. Das 3:0 gegen Ungarn, 1:1 gegen die Niederlande und 0:0 gegen Rumänien waren auch keine Offenbarung. Im Viertelfinale ist jetzt am 31. Mai in Ungarn (Szekesfehervar) Dänemark der Gegner. Ein Gewinner war höchstens Trainer Stefan Kuntz, der ebenfalls als Löw-Nachfolger gehandelt wird. Neben Torjäger Nmecha dürfte aber höchstens Ridle Baku als Kandidat für den Löw-Kader in Frage kommen. Die Zukunft schaut nicht unbedingt sehr hoffnungsvoll aus.