Eine Bilanz des Grauens für den DFB und Hansi Flick

von knospepeter

Hoffnungsvoll gingen Bundestrainer Hansi Flick, Spieler und Fans in die Länderspiel-Trilogie der letzten Tage. Am Ende gab es jedoch nur Hoffnungslosigkeit rund um die Fußball-Nationalmannschaft. Verband und Team können am Ende der Saison 22/23 nur eine Bilanz des Grauens ziehen. Da die finanziellen und personellen Probleme, die den Verband an den Rand des Absturzes bringen, dort die sportliche Pleite, ebenfalls fast ein Absturz des vierfachen Weltmeisters. Werbung für die Europameisterschaft 2024 in Deutschland war das nicht. Es sieht allerdings ganz danach aus, dass es keine personellen Veränderungen gibt, um die Wende zu schaffen. Dies gilt vor allem für Flick und das Trainerteam. Beim 0:2 gegen Kolumbien wirkten Hansi Flick und sein Assistent Marcus Sorg zum Beispiel wie die Ratlosigkeit in Person.

Das Länderspieljahr 22/23 war die reinste Katastrophe, „gekrönt“ von dem frühzeitigen Ausscheiden bei der umstrittenen Weltmeisterschaft in Katar. Insgesamt gab es in elf Länderspielen nur drei Siege, fünf Niederlagen und drei Unentschieden. Die Erfolge gelangen nur gegen zweitklassige Teams, ohne dem Oman (1:0), Costa Rica (4:2) und Peru (2:0) wehtun zu wollen. Das Spiel gegen Peru war 2023 der Start in die EM-Vorbereitung, der Bundestrainer kündigte Experimente an, wollte eine Sichtung der Kandidaten und für bessere Stimmung für den Fußball im Land sorgen. Statt Jubel gab es Pfiffe, statt Zustimmung gibt es Zweifel am Trainer, ob er der Aufgabe überhaupt gewachsen ist. Seine Fehler häufen sich, seine ständige Zukunftsprognose, dass ab sofort alles besser wird, mutierte zur Lachnummer. Flicks Job ist dennoch sicher, beteuern unisono DFB-Präsident Bernd Neuendorf und Sportdirektor Rudi Völler, der dafür den Spielern die Qualität abspricht. Eine Qualität, welche die Aktiven in ihren Vereinen aber zeigen. Eine Entlassung kann sich der DFB aber finanziell gar nicht leisten. „Augen zu und durch – durch das Schlamassel“ ist wohl die Losung.

Es ist aber auch schwierig, einen Ersatz für Hansi Flick zu finden. Von den Spitzentrainern ist gerade mal Julian Nagelsmann frei, doch der ist bei diversen Spitzenvereinen im Gespräch und fühlt sich für diese Aufgabe noch zu jung. Die erfolgreichen Trainer Stefan Kuntz (Türkei) und Ralf Rangnick (Österreich) fanden als Nachfolger von Jogi Löw keine Zustimmung. So ist es jetzt die Stunde der TV-Experten, Didi Hamann schlägt sogar Weltstar Zinedine Zidane vor. Als beste Lösung sieht sich wohl Lothar Matthäus, der immer alles besser weiß. Na ja, das ist Satire.

In Wirklichkeit heißt es also, weiter mit Hansi Flick, der Glanz des Triples mit Bayern ist bei dem 58-Jährigen verblasst. Er will Entschlossenheit zeigen und sagt „ich werde kompromisslos meinen Weg gehen“. Im September geht es weiter, am 9. September ist in Wolfsburg der vierfache Asienmeister Japan der Gegner, der Deutschland bei der WM in Katar beim 1:2 ins Dilemma stürzte. Danach folgt am 12. September in Dortmund mit Frankreich ein dicker Brocken. Fast schon die Spiele der Wahrheit, denn dann soll wirklich die ernste EM-Vorbereitung beginnen. „Wir werden versuchen, einen Stamm von 12 bis 14 Spielern zu benennen, die auch wissen, wo sie spielen sollen. Das wird den Spielern einen Tick mehr Selbstvertrauen geben,“ schaut der Trainer in die Zukunft. Diese Menge an guten Spielern haben wir zuletzt nicht gesehen, Gewinner waren eher die abwesenden Manuel Neuer, Thomas Müller, Serge Gnabry, Niklas Süle und Timo Werner. Einziger Gewinner im Kader der Ex-Schalker Malick Thiaw.

Aber sie werden nicht die Heilsbringer sein können, wichtiger ist, dass Flick seine Fehler abstellt, dass er ein System findet, dass der Mannschaft liegt. Die Dreier-Kette war eine Pleite, die Spieler wollen die Vierer-Kette. Auch die Experimente schmeckten den Akteuren nicht, so setzte er Ilkay Gündogan nicht so ein, wie es Pep Guardiola bei Manchester City tut. Bezeichnend auch sein Umgang mit dem Stuttgarter Talent Josha Vagnoman. Als er nicht in Form war, wurde er nominiert („Talente sollen eine Chance bekommen“), als er in Form war, hörte er von Flick nichts. Der Bremer Niklas Füllkrug beeindruckte zuletzt mit Toren, doch er erhielt kaum das Vertrauen, kam meist nur als Joker. Eine Bilanz des Grauens also nicht ohne Grund.

Auch die Bilanz des Länderspieljahres sagt einiges aus. Die meisten Spiele machte Joshua Kimmich, nämlich elf (856 Minuten). Auf neun Spiele kommen David Raum, Leon Goretzka, Kai Havertz und Niklas Füllkrug. Raum und Goretzka waren zuletzt vollkommen von der Rolle, Flick sah das nicht. Die meisten Tore (7) schoss Niklas Füllkrug vor Havertz (5). Der Bremer steuerte noch eine Vorlage zu einem Tor bei, war Skorerkönig zusammen mit Havertz (5+3), hatte aber wesentlich weniger Spielminuten (381, Raum 670, Havertz 590, Goretzka 442). Auch Sané bekam 561 Spielminuten in acht Begegnungen, enttäuschte aber meist. Flick hielt an ihm fest. Jetzt darf man auf die Konsequenzen für September gespannt sein, wenn das Trainerteam über die Bücher geht.