Was ist nur mit dem deutschen Fußball los?

von knospepeter

Vorweg: Der Fußball hat kein Alleinstellungsmerkmal, in keiner Beziehung. Man könnte ja auch die Frage politisch sehen: Was ist mit Deutschland los? Aber hier geht es um Sport und offensichtlich färbt die allgemeine Verunsicherung ab, der Fußball kann sich dem nicht entziehen. Die Fans aber machen sich sorgen, weil die A-Nationalmannschaft nicht allein als Sorgenkind dasteht, sondern auch der Nachwuchs in Form der U21 und das Frauen-Team nicht überzeugen konnten. Deshalb ist die Frage berechtigt: Was ist nur mit dem deutschen Fußball los?

Ausgangspunkt der schlechten Stimmung sind natürlich die Flick-Schützlinge. Die Aufarbeitung der Länderspiel-Pleiten ist noch nicht beendet und findet in der Öffentlichkeit immer wieder einen Nachhall, auch wenn es jetzt in der Sommerpause um Ranglisten und Einschätzungen geht. So wurde jetzt bekannt, dass es angesichts der schwachen Leistungen eine Krisensitzung der Spieler gab, unter denen sich eine Unzufriedenheit über den Trainer breit macht. Hansi Flick ist ein Harmoniemensch und offensichtlich kann er keinem wehtun, das muss er aber als Trainer. Da macht er aber den ersten Fehler, wenn er jeden zu Einsatzzeiten kommen lassen will, wenn er es jedem recht machen will. Flick entpuppt sich als schwache Führungspersönlichkeit.

Dass die Begeisterung für die DFB-Auswahl gesunken ist, zeigte sich auch bei der Versteigerung der Nationaltrikots aus dem Ukraine-Spiel im Internet. Gerade mal 65.000 Euro kamen als Hilfe für die Menschen in der Ukraine zusammen. Überraschend erzielte das Trikot von Goretzka den höchsten Preis, nämlich 6371 Euro, dahinter landeten Kimmich, Musiala und Füllkrug.

Besser macht es auch die U21 mit Bundestrainer Antonio Di Salvo bei der Europameisterschaft in Georgien und Rumänien nicht. Ihre ersten Bewährungsproben hat sie nicht bestanden. Ganz im Gegenteil, erstmals seit zehn Jahren steht die Mannschaft vor dem frühzeitigen Aus. Die WM in Katar lässt grüßen, das A-Team als „Vorbild“! Zur Entschuldigung kann Di Salvo anführen, dass er nicht das stärkste Team zur Verfügung hat, fast kann man von einer B-Mannschaft sprechen, wenn man daran denkt, dass auch Musiala, Wirtz und Thiaw bei der EM mitspielen könnten. Aber der Trainer hat nach dem 1:1 gegen Israel und dem 1:2 gegen Tschechien noch ganz andere Sorgen. Als Moukoko und Ngankam gegen Israel zwei Elfmeter verschossen, brach ein Shitstorm voller Hass und rassistischen Beleidigungen im Internet über die Spieler herein. Eine Tatsache, die vor allem junge Spieler keineswegs verkraften können. Youssoufa Moukoko machte die Hass-Mails öffentlich und klagt: „Wenn wir gewinnen, sind wir alle Deutsche. Wenn wir verlieren, sind wir die Schwarzen.“

Die moralische Aufarbeitung ist eine Sache für Psychologen, die rechtliche Aufarbeitung eine Sache der Justiz, nicht des Sports. Der Verband ist angehalten, mit allen Möglichkeiten und aller Härte gegen Beleidigungen aller Art, vor allem aber gegen rassistische Äußerungen vorzugehen. Der DFB hat eine Klage bei Wiederholung angekündigt, darauf darf er nicht warten. Hass und Chaos macht sich im Fußball breit, die beliebte Sportart wird als Bühne für Gewalt und Beleidigungen benutzt, das muss ein Ende haben und mit allen Mitteln eingedämmt werden.

Aber auch sportlich konnte das nicht gefallen, was die Junioren in den ersten zwei Spielen zeigten. Was im A-Team zu bemängeln war, zeigte sich auch hier, die mangelnde Chancenverwertung. Begeisterung und der absolute Siegeswillen fehlten. Gegen Tschechien hatte die Mannschaft 70 Prozent Ballbesitz und ein überragendes Plus an Torchancen, doch der Ertrag blieb aus. Ein altes Leiden: Torjäger dringend gesucht. Die Tschechen konterten die Deutschen aus, das kennen wir auch vom A-Team. Es scheint, dass wir diesbezüglich keine Hoffnung für die Zukunft haben dürfen. Gibt es noch Hoffnung für das Turnier? Nur vage, das DFB-Team müsste am Mittwoch EM-Favorit England, mit zwei 2:0-Siegen gestartet, schlagen und gleichzeitig auf Schützenhilfe von Israel hoffen und am Ende auch noch auf die bessere Tordifferenz. Hoffen darf man aber.

Dämpfer für die Frauen

Die deutschen Frauen haben im letzten Jahr bei der Europameisterschaft in England eine Euphoriewelle ausgelöst und sind damit die Ausnahme im DFB. Jetzt aber gilt es, auf dieser Welle weiter zu reiten und da haben die Mädchen zum Start der WM-Vorbereitung einen Dämpfer erhalten. Gegen Vietnam gab es gerade mal einen 2:1-Sieg und es klappte nur wenig. „Die Basics fehlten“, moserte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, die freilich noch auf die Spielerinnen von Meister München und den meisten aus Wolfsburg verzichtete. Die zweite Garde konnte sich also nicht empfehlen. Nobody Vietnam zog sich achtbar aus Affäre. Torschützinnen waren Paulina Krumbiegel und Jana Minge, allein Nicole Anyomi machte vermehrt auf sich aufmerksam. Ein bisschen Bangen ist also da, ob die Frauen auch bei der am 20. Juli beginnenden WM in Australien und Neuseeland wieder die Begeisterung wie in England aufbringen bzw. entfachen können. Aber es ist der Anfang, der zweite Lehrgang beginnt am 1. Juli und am 7. Juli gibt es das zweite Testspiel um 20.30 Uhr in Fürth. Dann wohl mit der WM-Mannschaft. Martin Voss-Tecklenburg macht aber zumindest den Eindruck, dass sie sich eher als Hansi Flick durchsetzen kann und harte Entscheidungen nicht scheut. Der Lehrgangskader muss noch reduziert werden.

Sind dies gute oder schlechte Nachrichten für die Frauen? Vom DFB werden sie keine WM-Prämien erhalten, die kommen allein vom Weltverband. Die FIFA stockt das WM-Budget für die Mannschaft von 30 Millionen auf 110 Millionen Dollar auf, jede Spielerin erhält 30.000 Dollar Startgeld und für den WM-Titel werden an jede Spielerin 270.000 Dollar ausgezahlt. Das ist für Frauen eine beachtliche Steigerung, wenn man bedenkt, dass der DFB bei der letzten WM für den Titel gerade mal 75.000 Euro gezahlt hätte. Aber insgesamt ist es dennoch wenig, denn bei der WM der Männer in Katar schüttete die FIFA 410 Millionen Dollar an die Mannschaften aus. Von der gleichen Bezahlung sind die Frauen also noch ein gutes Stück entfernt, aber sie finden Beachtung und sind immerhin auf einem guten Weg.

Noch eine gute Nachricht vom deutschen Fußball. Am Freitag haben sich DFB und DFL auf einen neuen Grundlagenvertrag, der ab Juli bis zum Jahr 2029 laufen soll, verschiedene Gremien beider Verbände müssen noch zustimmen. Der Vertrag regelt die Pflichten und Rechte sowie die Geldströme. Der durch Misswirtschaft finanziell klamme DFB erhält mehr Geld, konnte aber seine zu hohen Forderungen nicht durchsetzen. Die Amateure drängen auf mehr Unterstützung, der Profifußball verweist im Gegenzug darauf, dass er bei weniger Einnahmen international abgehängt werden könnte.