Das Missverständnis Weltmeisterschaft

von knospepeter

Am Anfang standen Hoffnung und hohe Erwartung, am Ende gab es Enttäuschung, Tränen und Ratlosigkeit. Die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in Australien und Neuseeland war für die deutsche Mannschaft ein einziges Missverständnis, nichts war so, wie sich es Verband, Fans, Trainer-Team oder Spielerinnen vorgestellt hatten. Das Ergebnis war das historische Ausscheiden bereits in der Gruppenphase. Das 1:1 gegen Südkorea im letzten Spiel reichte nicht. Die Gruppe mit Kolumbien, Marokko und Südkorea galt als leichteste der Vorrunde, für die deutschen Mädchen war sie zu schwer.

Dass vieles vor dem Turnier bei Verband und Team falsch eingeschätzt wurde, zeigte sich im organisatorischen Chaos nach dem Ausscheiden. DFB-Präsident Bernd Neuendorf wollte die Mannschaft erst in der K.o.-Runde besuchen, die Gruppenspiele galten nur als Vorspeise. In Australien selbst war nicht einmal die Weiterreise als Gruppenzweiter vorbereitet, alle gingen von einem (selbstverständlichen) Gruppensieg aus. Logisch, dass auch die verfrühte Rückreise im Chaos endete, die Spielerinnen flogen in kleinen Gruppen zu verschiedenen Zeiten in die Heimat zurück. Eine perfekte Planung sieht anders aus.

Perfekt war auch die sportliche Vorbereitung nicht. Schwache Leistungen und Ergebnisse in der Vorbereitung wurden kleingeredet bzw. missachtet, nach dem Motto „das wird schon wieder, im Turnier sieht alles anders aus“. Vom Titel wurde geredet, das Finale galt als Ziel. Es sah aber nicht anders aus, das 6:0 gegen Marokko streute Spielerinnen und Trainer-Team Sand in die Augen, von Kolumbien und Südkorea gab es überraschend starke Gegenwehr und dem nervlichen Druck des unbedingt notwendigen Sieges war die Mannschaft nicht gewachsen. Unter Druck erfolgreich zu sein, kann man schlecht trainieren, man muss es erleben und die Situation dann meistern. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg setzte ganz auf die Spielerinnen des VfL Wolfsburg, der dominierenden deutschen Mannschaft in den letzten Jahren. Acht Mädchen des VfL begannen gegen Südkorea. Was „MVT“ übersah: In der Saison 22/23 schaffte Wolfsburg nur den Pokalsieg, war in den wichtigeren Wettbewerben Meisterschaft und Champions League nur Zweiter, in den entscheidenden Spielen konnten der einstige Seriensieger seine Bestform nicht abrufen, zum Ende der Saison war Bayern München stärker und erfolgreicher, wurde Meister. Nur die Meisterspielerinnen Lea Schüller und Klara Bühl standen anfangs auf dem Feld.

Zweifellos war es so, dass auch das Trainer-Team die Zeichen nicht erkannte, wobei sich Parallelen zu den Männern auftun. Auch Bundestrainer Hansi Flick setzte auf spielerische Klasse und missachtete, dass es auch Kämpfer braucht. Dazu kommen Abwehrschwächen bei Männern und Frauen, sowie die vergebliche Suche nach starken Außenverteidigern. Zugegeben, bei den Mädchen waren die Stammkräfte Gwinn, Rauch oder Simon verletzt, aber Voss-Tecklenburg versäumte es, rechtzeitig Ersatz ins Spiel zu bringen. Auch im Angriff wurde nicht auf die Formkrise mancher Spielerin reagiert. Auffallend, dass die Frankfurter Kanditatinnen Kleinherne und Freigang überhaupt keine Chance erhielten und Anyomi viel zu spät. Auch die zunächst verletzte Bayern-Spielerin Sydney Lohmann wurde zu spät berücksichtigt, sie ist ein Typ, der Leben in die Bude bringt, eine Kämpferin mit Überraschungsmomenten. Das Trainer-Team vertraute nur darauf, dass es Torjägerin Alexandra Popp schon richten werde. Das einfach Mittel, Flanke und Kopfballtor Popp, klappt halt nicht immer.

Verband und Trainerinnen gehen in den nächsten Wochen in die Analyse, doch ein Wechsel am Kommandostand ist nicht in Sicht. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, die 2018 das Amt übernommen hat und 2019 bei ihrem ersten Turnier im WM-Viertelfinale gegen Schweden scheiterte, will weitermachen: „Ich laufe nicht davon“, hat sie kundgetan. Ihr Vertrag wurde nach dem Erfolg bei der Europameisterschaft mit dem Vize-Titel, der eine Euphoriewelle auslöste, bis 2025 verlängert. Der DFB-Präsident hat ihr schon den Rücken gestärkt. So muss man eher die Rolle vom sportlichen Leiter für die Nationalmannschaften, Joti Chatzialexiou, beleuchten, der schließlich das schlechte Abschneiden aller Auswahlmannschaften bei den letzten Turnieren zu verantworten hat. Es ist dringend notwendig, eine eigene sportliche Leiterin für den Frauen-Fußball zu installieren.

Die Planung der neuen Saison ist auch seltsam. Nachdem man die ganze WM-Zeit einplanen musste, beginnt die Frauen-Bundesliga am 15. September, aber bereits eine Woche später steht das erste Spiel in der neuen Nations League, ausgerechnet in Dänemark, an. Wie sieht da die Vorbereitung aus? In der deutschen Gruppe befinden sich außerdem noch Island und Wales. Danach folgen Play-offs, denn in der Nations League werden gerade mal zwei (!) Plätze für die Olympischen Sommerspiele 2024 in Paris ausgespielt. Es sieht aus, als sollte Deutschland bei Olympia wieder zuschauen müssen. Das könnte bedeuten, dass die Euphoriewelle für den Frauen-Fußball wieder abebbt.

Logisch bei diesem Dilemma, dass nach dem Hintergrund des Ausscheidens geforscht wird. Der Boulevard meldete natürlich sofort, dass es Stress im deutschen Team gegeben habe, die Mädchen wären zerstritten gewesen und in der Abgeschiedenheit des Mannschaftsquartiers in Wyong hätten sich die Spielerinnen gelangweilt. Einöde statt Eisdiele war das Motto. Andererseits wurde kritisiert, dass es zu viel Abwechslung gab (Ausflüge mit Besuch von Krokodilen und Wal-Beobachtung, sowie Shoppingtouren) statt vermehrtem Training. Erfolglosigkeit hat viele Ursachen.

Die Weltmeisterschaft als solche ist aber ein voller Erfolg. Die Aufstockung auf 32 Mannschaften hat sich bewährt, die sogenannten kleinen Nationen haben überrascht, mutmaßliche „Favoriten“ wie eben Deutschland, aber auch Brasilien, Kanada und Italien sind ausgeschieden. Dafür tummeln sich im Achtelfinale Marokko, Nigeria, Südafrika, Kolumbien und Jamaika. Das Niveau hat darunter nicht gelitten. Gastgeber Australien ist zum Glück auch noch dabei, so dürfte die gute Stimmung erhalten bleiben, volle Stadien sollte es weiterhin geben. Für manche ist die WM ein Fest, für andere eine Pleite. Die Tränen müssen nun in der Heimat getrocknet werden.