Der harte Hansi: Flick verzichtet auf Lieblinge

von knospepeter

Selten war ein Aufgebot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit so viel Spannung erwartet worden wie dieses von Hansi Flick am Donnerstag. Schließlich steht der Bundestrainer nach den zuletzt schwachen Leistungen unter besonderem Druck, die Stimmen mehr sich, die fragen, ob Flick noch der richtige Mann für den Posten ist. Der Bundestrainer kündigte schon selbst an, dass die Zeit der Experimente vorbei sei, jetzt suche er den Kern des EM-Teams für das nächste Jahr, beginnend mit den Länderspielen gegen Japan am Samstag, 9. September, in Wolfsburg und Frankreich am Dienstag, 12. September, in Dortmund.

Einige wird der Trainer mit seinem Aufgebot überrascht haben, nicht nur die betroffenen Spieler, die vom „lieben Hansi“ natürlich vorher informiert wurden. Aus dem „lieben Hansi“ wurde aber der „harte Hansi“, der auf einige Lieblinge verzichtet. Egal ob Thilo Kehrer, Timo Werner oder Matthias Ginter, sie konnten nur wenig überzeugen, kamen aber immer wieder zum Einsatz. Jetzt hat der Trainer sein neues Motto ausgegeben: „Es geht nur nach Leistung.“ Eigentlich eine Selbstverständlichkeit! So kam als einziger Neuling Pascal Groß ins Aufgebot, der in der Premier League bei Brighton & Hove Albion groß aufspielt. Dafür setzte Flick Leon Goretzka auf die Streichliste, obwohl der beim Saisonstart bei den Bayern durchaus überzeugen konnte, im Frühjahr aber seine Form suchte. Der harte Hansi halt… Als Vorbild dient Niklas Süle, zuletzt ausrangiert, jetzt nach Formsteigerung wieder dabei.

Dennoch bleiben ein paar Fragen zum Aufgebot. Ist der Kern der Mannschaft wirklich erkennbar? Bei den Außenverteidigern fehlt jegliche Alternative, Benjamin Henrichs und Robin Gosens haben da einen Freispielschein, Ersatz ist nicht vorhanden, auch David Raum muss für schwache Leistungen büßen, war zuletzt aber wieder in Form (wie Goretzka). Im Mittelfeld wird Goretzka wohl deshalb nicht benötigt, weil Flick auf einen echten Sechser setzt, der Emre Can heißen wird. Auch hier keine Alternative, eher schon für Joshua Kimmich, dem Platzhirsch im Mittelfeld. Der Achter wird wohl Ilkay Gündogan heißen – oder Florian Wirtz, Jamal Musiala (verletzt, im Aufgebot) oder doch bald wieder Thomas Müller, der irgendwann mal wieder in Form sein wird. Auffallend: Nominiert sind nur neun Kandidaten für sechs Positionen in der Defensive, aber elf für vier Stellen in der Offensive!

Mit Argusaugen werden die Länderspiele beobachtet werden, heißt es wirklich „neue Saison, neuer Schwung“ oder kehrt am Ende wieder Ernüchterung ein nach dem Motto „neue Saison, alter Mist“. Dann wird aus dem „harten Hansi“ vielleicht der „zweifelnde Hansi“. Beim DFB kann man sich aber nicht vorstellen, dass es sogar der „fliegende Hansi“ werden könnte.

Das Aufgebot: Tor: ter Stegen (Barcelona), Trapp (Frankfurt), Baumann (Hoffenheim). – Defensive: Can, Schlotterbeck, Süle, Nmecha (alle Dortmund), Gosens (Union Berlin), Henrichs (Leipzig), Kimmich (Bayern), Rüdiger (Real Madrid), Tah (Leverkusen), Thiaw (AC Mailand). – Offensive: Brandt, Füllkrug (beide Dortmund), Gnabry, Musiala, Sané (alle Bayern), Groß (Brighton), Gündogan (Barcelona), Hofmann, Wirtz (beide Leverkusen), Havertz (Arsenal), Schade (Brentford).

Mit dieser ersten Elf darf man wohl rechnen: ter Stegen – Henrichs, Süle, Rüdiger, Gosens – Can, Kimmich – Sané, Gündogan, Gnabry – Füllkrug.

Hammergruppe für Dortmund

Der Donnerstag war nicht nur wegen Hansi Flick oder als vorletzter Tag des Wechseltheaters spannend, sondern die Fußball-Fans schauten vor allem nach Monte Carlo zur Auslosung der Champions League. Vier deutsche Vertreter fanden sich in den vier Lostöpfen und Borussia Dortmund musste zu seinem Leidwesen erkennen, dass der prominente Topf zwei keineswegs vor einer Hammergruppe schützt: Mit den Gegnern Paris St. Germain, AC Mailand und Newcastle United ist die Gruppe F wohl die stärkste insgesamt. Borussia-Boss Watzke machte erst ein langes Gesicht, danach suchte er Zuflucht in der Vergangenheit: „2012 hatten wir mit City, Real und Ajax eine ähnliche Gruppe und sind weitergekommen.“

Vom Ausscheiden bedroht ist auch Union Berlin, der CL-Neuling stellt das Erlebnis in den Vordergrund und da kommt Real Madrid als Gegner in der Gruppe C gerade recht. Auch Italiens Meister SSC Neapel und Sporting Braga aus Portugal sind Brocken, an denen man sich verschlucken kann. Wohl deshalb haben die Unioner noch Italiens Europameister Leonardo Bonucci von Juventus Turin verpflichtet (dort nicht mehr benötigt), der mit seinen 36 Jahren mit viel Erfahrung auf der neuen CL-Bühne helfen soll.

Optimistischer sind sie in München und Leipzig. Die Bayern (als erster Los gezogen, in Gruppe A) treffen mit Manchester United einen alten Bekannten und denken dabei an das unglückliche Finale 1999, als United ihnen in den letzten Minuten den Sieg raubte. Trainer ist Erik ten Hag, früher Coach der Bayern II. FC Kopenhagen und Galatasaray Istanbul sollten sich um Rang drei und das Weiterkommen in der Europa League streiten. Auch RB Leipzig träumt vom Weiterkommen, auch wenn es wieder ein Duell mit Manchester City gibt. Aber Roter Stern Belgrad und Young Boys Bern sind in der Gruppe G schlagbar. Start der Champions League ist am 19./20. September.

Am 20. September starten Europa League und Conference League. In der EL sind Bayer Leverkusen und der SC Freiburg vertreten, wobei Bayer, das in Topf 1 vertreten war, die leichtere Gruppe erwischt hat, Qarabag (Aserbaidschan), Molde (Norwegen) und BK Häcken aus Göteborg (Schweden) sind die Gegner. Freiburg hat dagegen den englischen Brocken West Ham United vor der Brust, aber auch Olympiakos Piräus ist ein Stolperstein, Bada Topola aus Serbien dagegen ziemlich unbekannt. Eintracht Frankfurt schaffte mit einem 2:0-Sieg gegen Lewski Sofia den Sprung in die Conference League und will dort gegen PAOK Saloniki, HJK Helsinki und FC Aberdeen weiterkommen und wieder tolle Abende auf Europas Bühne erleben.