Auf die Trainer kommt es an: Basketball am Höhepunkt, Fußball am Tiefpunkt
von knospepeter
Der Unterschied konnte krasser nicht sein: Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft befand sich quasi im siebten Himmel und feierte einen historischen Erfolg – erstmals in der Geschichte des Verbandes Weltmeister! Auf der anderen Seite die Fußball-Nationalmannschaft am Boden, immerhin viermal Weltmeister, aber jetzt in der Hölle, Tiefpunkt war eine 1:4-Niederlage gegen Japan in einem Testspiel mit einem Bundestrainer, der so hilflos wirkte wie die Spieler. Auch beim DFB gab es deshalb ein historisches Ereignis: Erstmals in der Geschichte des Verbandes wurde ein Bundestrainer entlassen!
Wer nach den Gründen von Erfolg und Misserfolg sucht, landet zuerst bei den Trainern: Da der 64jährige Kanadier Gordon Herbert, der die Basketballer mit Augenmaß, aber auch harter Hand führte und ebenso für eine klare Hierarchie im Team sorgte wie für ein gutes Klima. Seine erste Amtshandlung: Ein Gespräch mit Superstar Dennis Schröder, er ernannte den umstrittenen Spieler zum Kapitän und sorgte damit für klare Verhältnisse. Auf der anderen Seite der liebe 58jährige Hansi Flick, der sich vor harten Entscheidungen fast bis zuletzt scheute, der es allen recht machen wollte und damit selbst die Führung vermissen ließ, aber auch keine Hierarchie im Team aufbauen konnte. Die Basketballer wurden Weltmeister, weil sich alle unterordneten, weil die Ersatzspieler deshalb zu Matchwinnern wurden. Die Fußballer sind am Tiefpunkt, weil Führung ebenso fehlt wie Mannschaftsgeist und Unzufriedenheit vorherrscht. Bezeichnend die letzte Pressekonferenz vor der Japan-Pleite, als Kai Havertz und Niklas Süle vor allem Kritik äußerten, was ein Hinweis auf die Stimmung in der Mannschaft war. Von Zusammenhalt keine Rede.
Für die Basketballer war die Weltmeisterschaft in Japan, Indonesien und auf den Philippinen ein absoluter Glücksfall, alles passte, vom Trainer bis zum letzten Spieler. Neben dem überragenden Dennis Schröder, der zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde, traten auch andere aus dem Schatten, wenn der Kapitän schwächelte. Die Brüder Franz und Moritz Wagner übernahmen als NBA-Profis ebenso eine Führungsrolle wie Daniel Theis. Spieler, die sonst wenig im Rampenlicht stehen, wurden plötzlich zu Matchwinnern wie die Bayern-Akteure Isaac Bonga und Dreier-Spezialist Andreas Obst. Selbst der zeitweilige Ausfall von Franz Wagner wurde kompensiert. So blieb die Mannschaft ungeschlagen, bot gegen den hohen Favoriten USA eine fast übermenschliche Leistung, wobei das 113:111 viele als das „beste WM-Spiel aller Zeiten feiern“. Die Nervenstärke war da ebenso bewundernswert wie im Finale gegen Serbien, das Kampfkraft gegen spielerischen Glanz setzte, aber am Ende überzeugte Deutschland ebenso in der Abwehr und wurde mit dem 83:77-Sieg ein überzeugender Weltmeister. Bezeichnend: Jungstar Franz Wagner wurde „Spieler des Finals“, es gab also nicht nur Dennis Schröder. Der allerdings dennoch wohl nicht so beliebt werden wird wie Ikone Dirk Nowitzki, der Kapitän der Mannschaft war, die 2002 WM-Bronze holte.
Im Basketball klappte alles, beim DFB geht alles schief – die Diskrepanz im sportlichen Abschneiden ist wenig verwunderlich. Beim DFB fehlt echte Führung im Verband, fehlt das Gespür für die Öffentlichkeit, vor allem im Umgang mit Fans und Presse. Wie konnte man sich nur auf die unselige TV-Dokumentation auf Netflix „All or Nothing“ einlassen, als die Kamera rund um die WM in Katar die Mannschaft verfolgte und schonungslos offenlegte, wie gestritten wurde und wie unbedarft der Bundestrainer auf die Spieler zuging bzw. sie auf die Spiele vorbereitete. Der DFB hätte diese Bloßstellung stoppen müssen. Es brennt überall, so gibt es finanzielle Probleme und Streit um die Nachwuchsförderung und wie sie gehandhabt werden soll. Bezeichnend auch, dass die Favoritin auf den Posten des Sportdirektors, Ex-Nationalspielerin Nadine Keßler, dem Verband absagte, sie bleibt lieber als Frauen-Beauftragte bei der FIFA. Der DFB aber sucht weiter einen Sport-Direktor und eine Führungskraft für den Frauen-Fußball.
Und jetzt sucht er auch einen neuen Bundestrainer. Neben Hansi Flick wurden zudem seine Assistenten Marcus Sorg und Danny Röhl entlassen, für das Spiel am Dienstag in Dortmund gegen Frankreich übernehmen Rudi Völler, Teamchef von 2000 bis 2004, mit U-20- Nationaltrainer und Jugend-Direktor Hannes Wolf sowie dessen Assistenten Sandro Wagner, eigentlich eher noch ein Lernender in Sachen Trainer.
Ein neuer Coach soll möglichst schnell gefunden werden, im Oktober steht eine USA-Reise an und es bleiben nur rund neun Monate bis zur Europameisterschaft in Deutschland. Als Favorit wird Julian Nagelsmann gehandelt, der als einziger der Kandidaten frei ist und noch von Bayern München bezahlt wird. Doch will er mit 36 Jahren schon Bundestrainer werden? Verzichtet er auf viel Geld, denn die Bayern zahlen besser als der DFB (Flick stehen bis Vertragsende 2024 noch 4,5 Millionen Euro zu)? Rudi Völler schließt aus, dass er den Job des Bundestrainers länger macht, Jürgen Klopp ist fest in Liverpool und steht (noch) nicht zur Verfügung, Roger Schmidt ist unabkömmlich bei Benfica Lissabon und würde 30 Millionen Euro Ablöse kosten. Stefan Kuntz hat zwar auch Vertrag als Nationaltrainer der Türkei und konnte sich vor zwei Jahren gegen Flick nicht durchsetzen, gilt aber nicht als so durchsetzungsstark, wie im Moment notwendig. Ralf Rangnick wäre eine Lösung, der unbequeme Fachmann ist aber im DFB umstritten und mit Österreich erfolgreich.. Die „Rentner“ Felix Magath und Matthias Sammer werden ebenfalls genannt, als „Notlösung“ hat sich der Holländer Louis van Gaal angeboten
Im Schatten des Theaters rund um die Entlassung von Hansi Flick geht am Freitag die Bundesliga weiter und das gleich mit dem Schlagerspiel Bayern München gegen Bayer Leverkusen, also Zweiter gegen Erster. Die DFB-Elf spielte beim 1:4 gegen Japan langsam, ideenlos und kraftlos, die Bundesliga soll wieder ein anderes Bild abgeben. Allerdings steht der Schlager im Schatten der Länderspiele, denn viele Spieler kehren erst spät zurück. Von den Bayern sind 16 Spieler unterwegs, von Leverkusen 15 – ein Unding, dieses Duell am Freitag anzusetzen!
Ansonsten werden die Augen vor allem auf die Vereine gerichtet sein, die nicht so gut aus den Startlöchern gekommen sind. Dies gilt vor allem für Dortmund, die schlechte Verfassung zeigte sich durch die Spieler Schlotterbeck und Süle, die gegen Japan gravierend patzten. „Gute Nacht Borussia“ setzt sich das am Samstag in Freiburg fort. Interessant vor allem das Duell Wolfsburg – Union, die Neulinge Heidenheim (gegen Bremen) und Darmstadt (gegen Gladbach) hoffen beide am Sonntag auf den ersten Sieg. Auf den warten aber auch noch Augsburg, Bochum, Köln, Gladbach und Mainz. Sind ja erst drei Spieltage vorbei, vier gibt es jetzt am Stück bis zur nächsten Länderspielpause Mitte Oktober.
Am Freitag bzw. schon Donnerstag beginnen zwei weitere attraktive Ligen mit ihrer neuen Saison. Über den Start in der Frauen-Bundesliga und in der Deutschen Eishockey Liga ein weiterer Blog im Laufe der Woche.