Wundern über die Bundesliga
von knospepeter
Erst sechs von insgesamt 34 Spieltagen sind in der Fußball-Bundesliga absolviert und der Beobachter hat das Gefühl, des gehe drunter und drüber. Von Normalität kann keine Rede sein, was andererseits die Liga im Gespräch hält. Dennoch gilt: Wundern über die Bundesliga.
Da ist der Fall Max Eberl. Es war ein Paukenschlag, der am Freitag aus Leipzig ertönte, als die Entlassung von Sportgeschäftsführer Max Eberl verkündet wurde. Gerade mal 302 Tage war er bei RB Leipzig im Amt, bei der Vertragsunterzeichnung als „Wunschlösung“ und „Glücksfall“ bezeichnet. Wie man sich täuschen kann. Zwar kann niemand dem Manager, der sich vorher mit Tränen aus Mönchengladbach verabschiedet hatte und wegen Burn-Out eine Pause einlegte, schlechte Arbeit vorwerfen, aber die Sachsen vermissten die nötige Identifikation mit dem Verein. Eberl blieb ein Fremdkörper, der Bayer war lieber in München, wo er ein Haus besitzt und seine Freundin arbeitet, als in Leipzig. Was außerdem störte: Immer wieder kamen Gerüchte auf, dass Eberl lieber bei Bayern München arbeiten würde und dort die Wunschlösung als Nachfolger des geschassten Hasan Salihamidzic wäre. Was missfiel: Eberl dementierte immer nur halbherzig. Das Tischtuch war zerschnitten, RB-Boss Oliver Mintzlaff: „Es war nicht mehr zu retten“. Im Verein heißt es, Eberl durfte über diesen Schritt nicht überrascht sein. Die Auszeit wird wohl nicht lange dauern, Eberl gilt als Freund von Uli Hoeneß und die Bayern werden wohl nur einen Anstandszeitraum abwarten, bis sie Eberl verpflichten. Seine Ideallösung Bayern wäre geschafft.
Sportlich wundert sich der Betrachter auch über das Tabellenbild der Bundesliga. Es gibt bereits einen kleinen Break, die Liga ist geteilt in die ersten acht Vereine, von Leverkusen als Tabellenführer mit 16 Punkten bis Freiburg mit 10 Zählern. Dahinter hätten sich Frankfurt und Union Berlin mehr erwartet und gehören zu den Enttäuschungen. Dagegen überrascht Neuling Heidenheim, dass gegen Bremen seinen zweiten Sieg einfuhr und dabei wieder von den Freistoßkünsten von Jan.Niklas Beste profitierte. Gute Standards sind die halbe Lebensversicherung.
Wundern darf man sich über Bayer Leverkusen, das erstaunlich konstant seine Leistung abliefert und deshalb vorne liegt. Es ist der beste Saisonstart aller Zeiten mit 16 Punkten nach sechs Spielen. Der Höhenflug des VfB Stuttgart dauert ebenfalls an, Trainer Sebastian Hoeneß ist selbst verwundert und redet gebetsmühlenartig nur davon „auf dem Boden zu bleiben“. Ist Wolfsburg, das ebenfalls gut in Schwung ist, am Samstag die Nagelprobe? Von einem Höhenflug ist bei Bayern in diesem Jahr noch keine Rede, der Dauer-Meister zeigt sich instabil, die Leistungen wechseln von Spiel zu Spiel und sogar innerhalb von 90 Minuten, so auch beim 2:2 in Leipzig, als die erste Hälfte verschlafen wurde. Dazu gibt es zu viele Fehler, die zu Toren und Punktverlusten führen. Die Sicherheit und vor allem Führung eines Manuel Neuers fehlt, vielleicht erfolgt sein Comeback nach der Länderspielpause. Auch der verletzte de Ligt wird als Abwehrorganisator vermisst. Trainer Thomas Tuchel muss aufpassen, dass er nicht unter Beschuss gerät, seine Handschrift ist nicht erkennbar, eine entsprechende Form auch nicht. Siege in der Champions League am Dienstag in Kopenhagen und am Sonntag in der Liga gegen Freiburg müssen her, damit Ruhe herrscht. Welche Nöte die Bayern nach einem verpatzten Transfersommer haben, zeigt sich darin, dass ihr ehemaliges Abwehr-Ass Jerome Boateng, derzeit vereinslos und bei seiner letzten Station in Lyon oft in der Kritik, ein Probetraining absolviert. Im Pokal in Münster traten die Bayern bekanntlich ohne gelernte Innenverteidiger an.
Wundern darf man sich auch über Borussia Dortmund. Noch ist die Borussia ungeschlagen, aber so richtig zufrieden waren sie im Verein bisher nicht. Es gab zwar Ausnahmen, aber irgendwie schaffen sie es zuletzt die Punkte einzufahren. Das Comeback von Marco Reus hat sich gelohnt, er sorgt für entscheidende Treffer und Torhüter Kobel ist es egal: „Ich nehme auch in Zukunft dreckige Siege“. Siegen würde auch Union Berlin gern, doch bei den Eisernen ist Sand im Getriebe, da hat die Transferzeit ebenfalls Spuren hinterlassen, 16 Abgänge und 10 Zugänge brachten das Gefüge durcheinander, außerdem fehlen mit Khedira und Knoche Stützen des Teams verletzt. Der „Trainer des Jahres“ Urs Fischer wirkt ratlos. Schlechtes Timing, dass jetzt am Dienstag ausgerechnet die Heimpremiere in der Champions League gegen Sporting Braga folgt. Gespielt wird bekanntlich im ungeliebten Olympiastadion, der Heimstätte des Lokalrivalen Hertha BSC. Ein ausverkauftes Haus wird es dennoch geben.
Wundern darf man sich auch beim Blick auf das Tabellenende. Da glückte Aufsteiger Darmstadt ein Befreiungsschlag gegen Werder Bremen, das den Start verschlief (0:4, dann 2:4), dieses Erfolgserlebnis fehlt noch Bochum, Köln und Mainz. Vor allem Köln und Mainz kommen einfach nicht auf die Beine, da wird wohl die Länderspielpause sehnlichst für eine Besinnung erwartet. Köln kann auch in Leverkusen nicht auf eine Wende hoffen, eher Mainz in Gladbach, das allerdings mit dem 3:1 in Bochum zeigte, dass es nicht unbedingt da unten hingehört. Die brisanteste Partie im Abstiegskampf steigt in Augsburg, wo der FCA die gerade siegreichen Darmstädter erwartet. Für Trainer Enrico Maaßen könnte es wieder heißen „siegen oder fliegen“. Die Länderspielpause kann auch gefährlich sein.
Nach den Spielen in dieser Woche auf europäischer Bühne (u. a. Leipzig – Manchester City) rücken wieder die Nationalmannschaften in den Mittelpunkt. Von besonderem Interesse natürlich das erste Aufgebot, das der neue Bundestrainer Julian Nagelsmann für die USA-Reise mit Spielen gegen die USA am 14 Oktober und Mexiko am 17. Oktober am Freitag bekanntgeben will. Hat er Überraschungen auf Lager oder setzt er mehr auf Änderungen in Training und Einstellung?
Apropos Trainer bzw. hier Trainerin. Bei der Frauen-Nationalmannschaft sollen in dieser Woche Nägel mit Köpfen gemacht werden. Es geht um die Führung im Team und die Tatsache, wie die Zukunft von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg aussieht, die sich derzeit krank gemeldet hat. Es muss ja weitergehen, auch hier stehen Ende Oktober die nächsten Aufgaben in der Nations League gegen Wales und Island an. Die Frauen-Bundesliga konnte sich wieder über einen Zuschauererfolg freuen, 13500 Zuschauer sahen das Schlagerspiel Frankfurt – Wolfsburg, das die Wölfinnen nach zweimaligem Rückstand (Freigang, Dunst) noch durch Tore von Popp, Oberdorf, Wedemeyer und Pajor 4:2 gewannen. Bayern, erst am Montag gegen Köln aktiv, hatte auch ein Erfolgserlebnis, die englische Europameisterin Georgia Stanway verlängerte ihren Vertrag vorzeitig bis 2025. „In München bin ich richtig glücklich“, strahlt die 24-jährige, die bereits eine Führungsrolle im Team einnimmt.
Das Großereignis im Golf, der Ryder Cup, brachte in Rom eine geglückte Revanche von Europa gegen die USA, der 16,5:11,5-Sieg (zuletzt 9:19 in den USA) war allerdings von Querelen überschattet. So fühlte sich Top-Star Rory McIlroy am Samtag beim entscheidenden Putt vom Caddy von Gegner Cantlay vorsätzlich gestört und hielt mittels Schimpfkanonade mit seinem Frust nicht hinter dem Berg. „Wir im Team Europa haben uns für den Schlusstag geschworen, denen zeigen wir es“. Was dann auch passierte. McIlroy gewann alle seine vier Spiele. Diskutiert wurde vor allem von den amerikanischen Profis, dass es beim Ryder Cup keine Gage gibt. Wortführer war auch hier Patrick Cantlay: „Die Verbände verdienen ein Haufen Geld und wir nichts.“ Europas Kapitän Luke Donald konterte: „Hier geht es nur um den reinen Sport und das soll so bleiben.“ Gut so, beim Ryder Cup treten sowieso nur mehrfache Millionäre an.