Die Gewinner und Verlierer der USA-Reise
von knospepeter
Das Urteil ist deutlich: Nach Amtsantritt von Julian Nagelsmann stellte der kicker seinen Lesern die Frage, ob er die richtige Wahl als Bundestrainer wäre – nur 29 Prozent antworteten mit „Ja“. Nach der USA-Reise die gleiche Frage – und siehe da, jetzt antworteten 83 Prozent mit „Ja“. Bei Bayern München entlassen als zu unerfahren für den Top-Klub, jetzt der Triumphator bei der Nationalmannschaft. Julian Nagelsmann hat beste Werbung für sich gemacht und die Mannschaft zog bei seinen Ideen mit. Jamal Musiala urteilte: „Wir alle gehen mit einem guten Gefühlt nach Hause.“ Nagelsmann brachte die Leidenschaft zurück, ließ in wenigen Tagen die Tristesse von Hansi Flick verschwinden, doch alles konnte er in den Spielen gegen die USA (2:0) und Mexiko (2:2) nicht ausräumen, die Abwehrschwäche zum Beispiel blieb. Wer aber waren die Gewinner und Verlierer der USA-Reise?
Die Gewinner sind vor allem im System von Julian Nagelsmann zu suchen, der im 4-2-2-2 spielen ließ. Die Kandidaten in der Abwehr zeigten die bekannten Stärken und Schwächen, davor aber gab es die Gewinner, so zunächst das Duo Gündogan/Groß, das unterschiedlicher nicht sein könnte. Der neue Kapitän fand endlich seine richtige Rolle im Team und mutierte zu einem echten Anführer. Kapitän soll er bis zur EM 2024 in Deutschland bleiben, unabhängig davon wann Vorgänger Manuel Neuer wieder zur Verfügung steht. Daneben der Fast-Neuling, der plötzlich eine wichtige Rolle als Absicherung vor der Abwehr spielte, quasi die „Holding six“. Pascal Groß bezeichnete seinen Aufstieg als „Traum“, doch er lieferte, überzeugte mit 67 Prozent gewonnenen Zweikämpfen und einer Passquote von 88 Prozent. Verlierer sind Joshua Kimmich, der krank fehlte, und Leon Goretzka, der nur eine Nebenrolle spielte. Sie schienen im Mittelfeld gesetzt, jetzt suchen sie ihre Rolle. Kimmich sollte sie wieder als rechter Außenverteidiger spielen, dort fehlt die ideale Besetzung.
Davor tat sich Entscheidendes, denn mit der Abkehr vom Dreier-Mittelfeld und einem Mittelstürmer fand Nagelsmann den Platz für die beiden Jungspunde Florian Wirtz und Jamal Musiala, die im Mittelfeld wirbelten und mit dem quirrligen Leroy Sané und Tor-Garant Niclas Füllkrug den Angriff belebten. Wenn es keine Formschwäche oder Verletzungen gibt, scheint die Idealbesetzung gefunden. Da bleiben aus dem Aufgebot für Thomas Müller, Serge Gnabry, Julian Brandt, Jonas Hofmann oder Kai Havertz nur die Nebenrollen, sie alle gehören als Teilzeitarbeiter zu den Verlierern. Und hat Timo Werner noch eine Chance? Er passt eigentlich gar nicht rein.
Bleibt die Abwehr, wo vieles noch offen scheint, sogar die Torhüter-Position. Hält Nagelsmann wirklich an ter Stegen fest oder kehrt Manuel Neuer zurück? Da muss der Bayern-Keeper wohl wirklich überzeugende Leistungen bieten. Als Organisator und bestechende Figur der Abwehr hat er einen Vorteil. Die Rolle des Abwehrorganisators soll ansonsten Rückkehrer Mats Hummels spielen, er darf sich als Gewinner fühlen. Seine Position gestärkt hat sicherlich Antonio Rüdiger, während bei Jonathan Tah und Niklas Süle vor allem auf der Außenposition Licht und Schatten wechselten. Auffallend, dass Nagelsmann vor allem Süle als Mann der Zukunft sieht. Ob er da richtig liegt? Süle fällt immer wieder mit schweren Fehlern auf, kommt oft zu spät. Ein Verlierer könnte Nico Schlotterbeck werden, der in der Rangfolge zurück gerutscht ist, und keiner spricht von Matthias Ginter.
Bei den Außenverteidigern sucht der Bundestrainer rechts, Tah und Süle gelten als die abwehrstarke Variante, Kimmich könnte die Lücke füllen, aber auch der diesmal verletzte Benjamin Heinrich oder Lukas Klostermann. Beide kämen auch auf links in Frage, wo Robin Gosens gegenüber David Raum die Nase vorn hat, aber nicht voll überzeugen konnte. Hier sind die großen Schwächen der Mannschaft nicht ausgemerzt. Ein bisschen Arbeit muss ja für Julian Nagelsmann noch bleiben.
Die für die USA-Reise nominierten Neulinge konnten sich nicht in Szene setzen. Robert Andrich versauerte überhaupt an der Bank, weil Pascal Groß groß auftrumpfte. Chris Führich konnte sogar ein paar Minuten für sich werben, während Kevin Behrens sich vor allem freute, dass für ihn ein „Traum in Erfüllung ging“. Er staunte, „dass er noch nie auf dem Niveau trainiert habe“ und will sich bei Union Berlin weiterhin für die EM empfehlen. Die Neulinge machte alle deutlich, dass die Nationalmannschaft zumindest bei den Spielern wieder an Attraktivität gewonnen hat. Die Leistungen waren ja auch dazu angetan, Sympathien für dieses Team zu entwickeln. Ob die Wende weg von Langeweile und Frust wirklich geschafft ist, wird sich im November zeigen, wenn die Türkei am 18. November in Berlin und Österreich am 21. November als Gastgeber in Wien die letzten Gegner des Jahres sind. Experimente wird Nagelsmann kaum in Angriff nehmen, er spricht jetzt schon davon, dass sich der Stamm einspielen soll. Dies hatte auch Hansi Flick vor, doch er scheiterte auf dem Weg zur EM. Nagelsmann soll ihn jetzt weitergehen, Hoffnung, dass der Weg doch noch erfolgreich beschritten werden kann, keimt auf.