Bayern von der Lachnummer zur heißen Nummer
von knospepeter
Wer jemandem erklären will, was das Interessante am Fußball ist, der könnte die Woche des FC Bayern München als Beispiel nehmen: Torflut mit dem 8:0 gegen Darmstadt, Pleite im Pokal mit dem 1:2 beim Drittligisten 1. FC Saarbrücken, Wiederauferstehung mit Glanz und Theater mit 4:0 im „Klassiker“ bei Borussia Dortmund. Fußball-Herz, was willst Du mehr! Viele Fußball-Fans wünschen sich seit langem einen anderen Meister als die Bayern und da steht Bayer Leverkusen mit Trainer Xabi Alonso in den Startlöchern: Nach zehn Spieltagen immer noch ungeschlagen, nur ein Unentschieden (in München, die Bayern zudem in Leipzig), mit zwei Punkten Vorsprung Tabellenführer. Leverkusen bot beim 3:2 gegen Hoffenheim keine Glanzleistung, hat aber, wenn Torjäger Boniface nicht trifft, Verteidiger Alejandro Grimaldo, der zweimal präzise einnetzte. Ein wichtiger Neuzugang, übrigens ablösefrei von Benfica Lissabon gekommen.
Im Mittelpunkt stand aber natürlich der „Klassiker“, den die Dortmunder am liebsten aber vergessen würden. Seit fünf Jahren haben sie zu Hause nicht mehr gegen die Bayern gewonnen und selten standen die Zeichen so günstig wie diesmal. Die Borussia schaute auf eine Serie von 26 ungeschlagenen Pflichtspielen, die Bayern gingen am Stock, lange Verletztenliste, Kimmich gesperrt, Pleite im Pokal. „Bayern als Lachnummer“ spottete Bild angesichts des frühzeitigen Ausscheidens im Pokal und doch wurden die Münchner plötzlich zur heißen Nummer, spielten die Borussia an die Wand, weil auch Upamecano und Goretzka, die aus einer Verletzungspause kamen, groß aufspielten und die Bayern Harry Kane haben. „Wir hatten keine Chance,“ registrierte Borussia-Trainer Edin Terzic resigniert.
Die Dortmunder haben auch keinen Harry Kane. Der Millionen-Mann aus England bleibt der Rekordmann: Wieder drei Treffer, er pulverisiert alle Torrekorde. Kane hilft aber auch hinten aus, glänz zudem als Spielmacher, 15 Tore und 20 Scorerpunkte nach zehn Spieltagen gab es noch nie. „Kane spielt immer“ hatte Trainer Thomas Tuchel gesagt, aber in Saarbrücken auf ihn (angeblich war Kane leicht angeschlagen) verzichtet und prompt gab es eine Pleite. Also: Spielt Kane nicht, gewinnt Bayern nicht. Allerdings war der Bayern-Coach vor und nach dem Spiel auch schuld, dass die Glanzleistung seiner Mannschaft in den Hintergrund rückte. Tuchel nutzte die Interviews zu einer Abrechnung mit den TV-Experten Didi Hamann und Lothar Matthäus, die an Verein und Tuchel kein gutes Haar ließen, von einem zerrütteten Verhältnis zwischen Team und Trainer sprachen, also so richtig draufhauten. Das hielten Tuchels Nerven offensichtlich nicht aus, er keilte zurück, eigentlich unnötig angesichts der Leistung. Aber er hat recht: Die sogenannten Experten sind eine Zeiterscheinung und sie meinen, die alleinige Fußball-Weisheit zu besitzen.
Auch bei anderen Vereinen standen die Trainer im Mittelpunkt. In Mainz funktionierte die einfache Regel, dass der Trainer entlassen werden muss, damit es wieder läuft. Nur Bo Svensson ist nicht irgendwer, er ist eine Vereinsikone und ging unter Tränen, weil er und die Verantwortlichen der Meinung waren, dass nur das hilft. Und es half, U23-Coach Jan Siewert übernahm das Kommando und schon gab es einen überraschenden 2:0-Sieg gegen Favorit Leipzig. Bei Union Berlin will man dagegen weiter an Urs Fischer festhalten, die Erfolgsgeschichte früherer Jahre hallt nach, aber die Niederlagenserie (12 Spiele) will nicht enden, auch gegen Frankfurt (0:3) nicht, doch Fans und Vorstand stehen hinter dem Schweizer. Die Experten wundern sich, sollten aber an Freiburg denken: Dort stand man schon oft in Treue fest zum Trainer und stieg notfalls halt mal ab – dann aber auch wieder auf! Aber so weit muss es bei Union (mit Fischer!) ja nicht kommen.
Keinen Trainerwechsel gab es bisher in Bochum, aber auch mit Thomas Letsch gelang mit dem 2:1 bei Aufsteiger Darmstadt der erste Sieg. Keinen Trainerwechsel gab es bisher auch in Köln, doch die Rheinländer rutschten mit Steffen Baumgart nach dem 1:1 gegen Augsburg ans Tabellenende, weil die anderen siegten. Für Baumgart war weniger seine Mannschaft schuld, auch nicht der Gegner, sondern in erster Linie der Rasen („Eine Katastrophe“). Das war dem neuen FCA-Coach Jess Thorup egal, er blieb in seinen ersten drei Spielen unbesiegt nach dem Motto „man muss auch mit einem Punkt mal zufrieden sein“.
Bundesliga schwächelt im Pokal
Die Bundesliga kann eigentlich zufrieden sein, aber im Pokal erlitt sie einen Imageverlust. Nur sechs Teams aus dem Oberhaus qualifizierten sich für das Achtelfinale, das gab es seit 30 Jahren nicht mehr. Mit Stuttgart – Dortmund und Gladbach – Wolfsburg wurde zudem zwei direkte Duelle gezogen, so dass sich das Feld weiter reduziert. Die zweite Liga ist noch mit acht Klubs vertreten, aber da gibt es gleich drei direkte Duelle (Hertha – HSV, Kaiserslautern – Nürberg, Magdeburg – Düsseldorf). Paderborn muss in Leverkusen antreten und hat damit wohl das schwerste Los, Homburg ist als Viertligist nach dem 2:1 gegen Fürth dabei und trifft nun auf Zweitliga-Spitzenreiter St. Pauli. Bayern-Besieger Saarbrücken bekommt es mit einem anderen Bayern-Sieger zu tun, nämlich Eintracht Frankfurt, das 2018 im Finale gegen die Bayern 3:1 gewann.
Das Schlagerspiel heißt Stuttgart – Dortmund und da gibt es bereits am Samstag einen Test, wenn beide aufeinander treffen. Es ist das Duell der Verfolger des Spitzenduos Leverkusen/München, das sich ein wenig abgesetzt hat. Der VfB bleibt trotz der Niederlage in Heidenheim das Überraschungsteam in der Spitzengruppe, während Dortmund auf Wiedergutmachung aus sein wird und vor schweren Wochen steht. Dienstag geht es in der Champions League gegen Newcastle, am 28. November wartet Mailand und am 3. Dezember folgt das Bundesliga-Schlagerspiel in Leverkusen. Entscheidende Spiele für die Zukunft, was 2024 noch möglich sein wird. In der letzten Runde haben die deutschen Klubs aufgetrumpft, nur Union verlor gegen Neapel (0:1). Auftrumpfen wollen vor allem die Bayern am Mittwoch gegen Galatasaray Istanbul und dabei ihren Rekord verbessern: Seit Dezember 2020 haben sie alle ihre Gruppenspiele gewonnen und überhaupt letztmals vor sechs Jahren verloren (0:3 in Paris)!
Bayern-Frauen Spitze – MVT weg
Im Frauen-Fußball hat sich Entscheidendes getan. Sportlich haben die Münchnerinnen mit einem 2:1-Sieg gegen den heißesten Konkurrenten VfL Wolfsburg die Tabellenspitze übernommen, außerdem wurde bekannt. dass sich der DFB und Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg (MVT) endgültig getrennt haben. Eine andere Möglichkeit gab es fast gar nicht, denn das Tischtuch zwischen Mannschaft und Trainerin war seit langem zerschnitten, zahlreiche Spielerinnen haben sich diesbezüglich geäußert. Erstaunlich war nur, dass der DFB die Trennung nicht zügiger über die Bühne brachte. Der Verband machte sowieso Fehler über Fehler, denn vor der missglückten Weltmeisterschaft hat er den Vertrag unnötig mit MVT bis 2025 verlängert. Das kostet nun für den finanziell angeschlagenen Verband eine Stange Geld.
Für die Olympia-Qualifikation steht Horst Hrubesch parat, aber die Aufgabe ist schwer, am 1. Dezember muss gegen Dänemark in Rostock mindestens ein 2:0-Sieg her. Beim Bundesliga-Schlager musste sich Hrubesch leider davon überzeugen, dass seine zahlreichen Wolfsburger Spielerinnen derzeit gar nicht in Form sind. Die Wölfinnen haben zuletzt viele Genickschläge einstecken müssen, so sind sie ja auch in der Champions League ausgeschieden. In München spielten auch Popp und Oberdorf zaghaft, die Bayern beherrschten die erste Halbzeit komplett und hätten außer den Treffern von Bühl und Dallmann höher führen müssen. In der zweiten Hälfte zeigte sich zwar Wolfsburg verbessert, machte es mit dem Weitschuss von Lena Oberdorf noch spannend, weil die Bayern-Mädchen beste Chancen (u. a. Elfmeter) vergaben. Aber ihr Ziel, die Tabellenführung, hatte Bayern erreicht. Linda Dallmann verdeutlichte mit einem Versprecher danach, wie die Stimmung ist: „Wir denken nur von Sieg zu Sieg“. Der sollte am Sonntag gegen Schlusslicht Duisburg möglich sein, wenn der Gegner nicht unterschätzt wird (siehe Pokalpleite der Männer).