Der DFB, Nagelsmann und Probleme ohne Ende

von knospepeter

Das kann ja heiter werden, die Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland soll wieder ein Sommermärchen, aber der Gastgeber ist nicht in Form und der Bundestrainer ratlos. Märchenhaft ist das nur für die Gäste, die den Titel unter sich ausmachen können. Das Länderspieljahr 2023 wurde zu einem Jahr des Schreckens mit elf Spielen, gerade mal drei Siegen (Peru 2:0, Frankreich 2:1, USA 3:1), zwei Unentschieden und sechs Niederlagen, zuletzt am Dienstag mit 0:2 in Österreich. Die Leistung war dabei so katastrophal, dass es nur Ernüchterung gab, bei den Funktionären, den Spielern und nicht zuletzt beim Bundestrainer selbst. Hätte Julian Nagelsmann nicht gerade erst seinen Job angetreten, wäre das Spiel ein Entlassungsgrund gewesen. So wie es das 1:4 gegen Japan am 9. September in Wolfsburg war, als danach Hansi Flick gehen musste. Im nächsten Spiel coachte Rudi Völler und er brachte seinen Mann die Grundtugenden des Fußballs bei (Abwehrarbeit, Kampf) und es wurde ein 2:1 gegen ein allerdings nicht in Bestbesetzung antretendes Frankreich. An dieses Spiel muss sich jetzt Nagelsmann für seine zukünftige Aufgabe erinnern.

Die Probleme beim DFB sind ja nicht neu. Der DFB war einst ein Vorzeige-Verband, jetzt stürzt von einem Dilemma ins andere. Die Führung steht seit Jahren in der Kritik, da ist von kriminellen Machenschaften die Rede, steht der Verband im Visier der Staatsanwaltschaft, Strafzahlungen und Gefängnis für Funktionäre stehen im Raum. Die Nationalmannschaft taumelt seit fünf Jahren, seit der missglückten WM in Russland 2018 von einer Pleite zur nächsten, drei Trainer haben es nicht geschafft, der Mannschaft wieder den Fußball beizubringen, wie er in der Welt teils geschätzt, teils gefürchtet wird und zuletzt 2014 zum WM-Titel führte. Glorreiche Vergangenheit, sorgenvolle Zukunft – so ist der Stand heute.

Nach der Schmach vom 0:2 Wien hatte auch Julian Nagelsmann den Faden verloren, faselte teils Unsinn in der Öffentlichkeit, brachte aber eines auf den Punkt: Wir brauchen weniger Talent, sondern mehr Arbeiter. Der Anfang für eine Besserung ist gemacht. Andererseits, die Startelf in Wien wies mit über 29 Jahren den höchsten Altersdurchschnitt seit der EM 2000 auf, sie wirkte aber unbedarft wie eine Schülermannschaft. Nagelsmann sieht bei seinem Team „große Stärken, wie Offensivkraft und Spielkontrolle“ doch in Wien wurde nichts davon offenbar, stattdessen sah Nagelsmann „absurde Ballverluste“. Damit hat der Trainer auch eigene Fehler offenbart, er zwang den Spielern ein System auf, das sie nicht beherrschten und das nur zur Verunsicherung führte. Bestes Beispiel ist Kai Havertz als Linksverteidiger. Eine absurde Idee, es sollte Offensivfußball pur werden, damit die Schwächen der Abwehr gar nicht deutlich werden. Dabei gilt die alte Losung, der jetzt wohl auch Nagelsmann nachkommen wird: „Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Titel“.

Der Bundestrainer wünscht sich von seinem Team aber auch eine „Toppklubmentalität“, dabei hat es den Anschein, dass es in der Mannschaft nicht stimmt, dass keine richtige Gemeinschaft auf dem Platz steht. „Die wird im Hotel deutlich, warum nicht auf dem Feld“, hadert Nagelsmann. Aber warum kämpft keiner für den anderen, warum stellte Kapitän Gundogan seinen Vize Kimmich bloß, als er Rüdiger die Binde überstreifte, als er ausgewechselt wurde. Aber gerade die drei Führungsfiguren stehen sinnbildlich für die Krise: Sie bringen im Nationaldress nicht die Leistung wie im Vereinstrikot. Rüdiger fehlerhaft, unsicher, Gündogan nicht der Taktgeber, Kimmich verloren im eigenen Ehrgeiz alles machen zu wollen, am Ende gelingt nichts. Außer Torhüter Kevin Trapp brachte kein Spieler seine normale Leistung, bezeichnend auch, die laienhaften Fehler von Tah und Hummels vor den Gegentoren. „Wir werden bis zur EM keine Abwehrmonster bekommen“, klagt Nagelsmann, als wenn er vorsorgen wollte, dass wir mit Niederlagen leben müssen. Gewinner waren die, die nicht gespielt haben oder nicht dabei waren, wie Pascal Groß und Jamal Musiala oder die Mittelfeldkämpfer Grischa Prömel und Rani Khedira.

Die deutschen Fußballfans können sich noch am Vereinsfußball erfreuen, aber mit Spannung werden sie doch auf die Auslosung der EM-Gruppen am Samstag, 2. Dezember, ab 18.00 Uhr in der Elbphilharmonie in Hamburg schauen. Österreich als Gruppengegner ist ja fast gewiss nach der Pleite, es können aber zudem noch die Niederlande und Italien werden, weil sich die Zusammensetzung der Ziehungstöpfe nach den letzten Leistungen richtet. So befindet sich zum Beispiel Albanien in Topf 2 und Italien in Topf 4. Deutschland als Gastgeber ist in Topf 1 (nicht nach Leistung!) gesetzt und kommt in die Gruppe A mit dem Eröffnungsspiel in München.

So sehen die Lostöpfe aus: Topf 1: Deutschland, Belgien, England, Frankreich, Portugal, Spanien. – Topf 2: Albanien, Dänemark, Österreich, Rumänien, Türkei, Ungarn. – Topf 3: Kroatien, Niederlande, Schottland, Slowakei, Slowenien, Tschechien. – Topf 4: Italien, Serbien, Schweiz, dazu die drei Play-Off-Sieger.

Für die Play-Offs haben sich sechs Nationen aus der Qualifikation und der Nations League qualifiziert. Es gibt drei Strecken, die Finalsieger sind bei der EM dabei: Eins: Polen – Estland und Wales – Finnland + Finale der Sieger. Zwei: Israel – Island und Bosnien-Herzegowina – Ukraine + Finale der Sieger. Drei: Georgien – Luxemburg und Griechenland – Kasachstan + Finale der Sieger. Gespielt wird im März.

Die deutsche Nationalmannschaft trifft sich auch wieder im März, Testspiele gegen Frankreich und die Niederlande (wenn nicht Gruppengegner) sind vereinbart. Bis dahin sollte Julian Nagelsmann die richtige (einfache) Taktik und einen ausgewogenen Kader gefunden haben. Ansonsten bleibt es bei Problemen ohne Ende. Unmittelbar vor der EM trifft sich die Mannschaft in Herzogenaurach zum Trainingslager wo es weitere zwei Testspiele geben soll.