Bayern, Dortmund, Leverkusen, Stuttgart: Die Bundesliga-Rätsel

von knospepeter

Die DFL debattierte am Montag über die Zukunft, genau um einen Investoren-Deal. Es geht also um Geld. Dabei ist der Sport interessant genug, damit sich die Fußball-Bundesliga als attraktives Produkt präsentieren kann. Dazu liefert das Geschehen in dieser Saison noch eine besondere Spannung, denn die Klubs geben viele Rätsel auf, vor allem an der Spitze. Egal, ob Titelverteidiger Bayern München, das nach Titeln lechzende Borussia Dortmund, Überraschungs-Tabellenführer Bayer Leverkusen oder der VfB Stuttgart als Aufsteiger der Saison, sie alle geben Rätsel auf: Die Frage ist „Warum?“

Am leichtesten lässt sich das Rätsel Leverkusen lösen, Simon Rolfes und Kollegen haben bei Bayer einfach gut und gezielt eingekauft, die Mannschaft prima verstärkt, auf einen breiten Kader geachtet und mit Xabi Alonso den derzeit besten Trainer der Liga. Das war alles so nicht zu erwarten, hat sich aber heimlich, still und leise im Sommer so ergeben. Der Top-Zugang war der Schweizer Granit Xhaka, der vom FC Arsenal London kam, im Mittelfeld aufräumt und gleichzeitig die Führungspersönlichkeit ist. Der Konkurrenz fehlt dieses Kernstück, Thomas Tuchel hat sie in München im Kader, verzichtet aber seltsamerweise meist auf Thomas Müller, der nur als quasi „Pressesprecher“ nach dem Spiel Führung zeigen darf. Vorteil Leverkusen, vier Punkte Vorsprung.

Es ist nicht nur die manchmal seltsame Personalpolitik des Trainers, die Bayern geben überhaupt das größte Rätsel auf. Am Samstag wurden die Münchner von der Eintracht demaskiert, beim 5:1 deckten die Frankfurter alle Schwächen des Rekordmeisters auf. Leichtes Spiel hatte Eintracht-Coach Dino Toppmöller, der als ehemaliger Bayern-Co-Trainer alle Stärken und vor allem Schwächen seiner ehemaligen Schützlinge kennt, zum Beispiel welche Probleme es im Mittelfeld gibt. Es zeigte sich wieder einmal, dass Joshua Kimmich trotz aller Bemühungen keine Führungspersönlichkeit ist, die fehlt ohne de Ligt auch in der Abwehr, die Fehler der gesamten Abwehrreihe waren haarsträubend und verheißen für die Zukunft nichts Gutes. Aber warum waren die Bayern bisher eigentlich so erfolgreich? Die individuelle Klasse der Spieler, deutlich geworden mit den Toren von Harry Kane, verdeckten die Schwächen. So blieben die Münchner bis zum Gastspiel in Frankfurt ungeschlagen. Beim 1:5 erinnerten sich alle natürlich an dieses Ergebnis im Jahr 2019, danach musste Bayern-Trainer Niko Kovac gehen. Tuchel muss nicht gehen, zumindest jetzt nicht, drei Spiele stehen bis zur Weihnachtspause noch an, das Schlagerspiel gegen Stuttgart am Sonntag (19.30 Uhr) und das Gastspiel in Wolfsburg am Mittwoch vier Tage vor Heilig Abend. Dazu kommt die Aufgabe in der Champions League am Dienstag bei Manchester United. Vom Auftreten der Mannschaft wird es abhängen, ob in der Winterpause über den Trainer diskutiert wird oder sogar gehandelt wird – wenn es einen geeigneten Nachfolger gibt. Verstärkungen für die Abwehr sind auf jeden Fall dringend notwendig. Davies ist nur ein Schatten frühere Tage, Upamecano bleibt ein sinnbildliches Rätsel, mal prima, mal fehlerbehaftet.

Über den Trainer wird in Dortmund bereits diskutiert, Edin Terzic sitzt nicht mehr sicher im Sattel, die Rückschläge mehren sich, nur wenige Monate nachdem die Borussia fast leichtfertig die Titelchance verspielt hat, sind die Meisterträume bereits nach 14 Spieltagen geplatzt. Als Tabellenfünfter mit vier Punkten Rückstand auf RB Leipzig auf Rang vier muss Dortmund nach der 2:3-Niederlage gegen den Konkurrenten sogar um die Champions League bangen. Für das Rätsel und die Wundertüte Dortmund steht sinnbildlich Abwehrstratege Mats Hummels. Einmal Weltklasse, dann wieder Kreisklasse. Bereits in der 15. Minute flog der Nationalspieler nach einer übermotivierten Grätsche gegen Openda vom Platz, sein dritter Platzverweis im 430. Bundesligaspiel. Da hätte er lieber ein Tor von Openda in Kauf genommen, hinterher war sich Hummels mit seinem Trainer einig: „Das war unnötig“. Nötig hat Dortmund in der Winterpause vielleicht eine Blutauffrischung, die Zugänge im Sommer entpuppten sich nicht unbedingt als Knüller.

Über den Trainer wird in Stuttgart nicht diskutiert. Logisch, vom Abstiegskandidaten zum Meisteranwärter, bei so einer Entwicklung wird höchstens über eine Vertragsverlängerung von Sebastian Hoeneß geredet. Dennoch ist der VfB ein Rätsel, der Aufschwung kommt unerwartet, wird aber verständlich, wenn man das 1:1 gegen Leverkusen beobachtet hat. Hoeneß hat seinem Team Mut und Angriffslust verordnet, Bayer brauchte eine Halbzeit, um sich auf den offensiven Gegner einzustellen. Die erste Niederlage für Leverkusen wäre möglich gewesen. Mit dieser Taktik wird der VfB wohl auch bei den Bayern auflaufen, die so etwas auch nicht mögen, aber sicherlich auf Wiedergutmachung aus sind und ein bisschen mehr laufen werden als in Frankfurt, da war der Gegner rund 10 Kilometer mehr unterwegs! Da stimmt dann der Ärger über „faule Millionäre“. Der VfB wird aber auch ein bisschen Angst vor der Winterpause haben, wenn die Wechselfrist beginnt. Vor allem die reichen Vereine der Premier League haben Stuttgart im Visier.

Übrigens wollte es das Schicksal der Pokalauslosung so, dass der VfB und Bayer im Viertelfinale wieder aufeinandertreffen, diesmal in Leverkusen. Der Sieger geht als Pokalfavorit ins Halbfinale. Nachdem es zwei Duelle aus der zweiten Liga gibt, sind auch zwei Zweitligisten unter den letzten vier vertreten, die Duelle lauten Hertha BSC – Kaiserslautern und St. Pauli – Düsseldorf. Favoritenschreck 1. FC Saarbrücken darf sich mit Gladbach einen weiteren Bundesligisten vornehmen. Gespielt wird am 30./31. Januar und 6./7. Februar, es ist das erste Mal, dass das Viertelfinale über zwei Wochen aufgeteilt wird.

Zuerst gehen in dieser Woche die Gruppenspiele in den europäischen Wettbewerben zu Ende. In der Champions League sind erstmalig gleich drei Bundesligisten bereits für das Viertelfinale, das am Freitag in London ausgelost wird, qualifiziert. Bayern München steht sogar schon als Gruppensieger fest, RB Leipzig wiederum als Zweiter hinter Manchester City. Dortmund muss gegen Paris noch um den Gruppensieg kämpfen, ein Unentschieden reicht, um einen Gruppenzweiten als Gegner zu bekommen, was eine schwere Aufgabe nicht ausschließt. Vor allem für die Bayern steht nach dem Desaster von Frankfurt bei Manchester United Reputation an und ein Ausbau der CL-Erfolgsserie. Seit 39 Gruppenspielen sind die Münchner ungeschlagen, die letzten acht Spiele haben sie auswärts alle gewonnen. Für Harry Kane wird es ein besonderer Ausflug, er wird der erste Engländer, der für einen anderen Verein in der CL in Old Trafford auftritt und könnte sein 50. CL-Tor erzielen. Anders sieht es für Union Berlin aus, ausgerechnet Real Madrid ist die Hürde, um mit einem Sieg evtl. auf Europas Bühne zu überwintern.

Auch für die Frauen geht es in der Champions League weiter, Eintracht Frankfurt tritt bei Benfica Lissabon an (Mittwoch, 21.00 Uhr), die Bayern Mädchen treffen am Donnerstag, 18.45 Uhr, auf Ajax Amsterdam, das mit einem Sieg gegen Paris überraschte. Also ein Schlüsselspiel für die Münchnerinnen für eine gute Ausgangsposition im neuen Jahr. In der Bundesliga war der 3:1-Sieg von Eintracht Frankfurt gegen Hoffenheim das bedeutendste Ergebnis, es brachte der Eintracht den Sprung auf Platz drei in der Tabelle.

Die wichtigste Entscheidung für den Frauen-Fußball hat der DFB in der vergangenen Woche mit der Verpflichtung von Nia Künzer als neue Sportdirektorin getroffen. Die 43-jährige Ex-Nationalspielerin wurde 2003 durch ihr Golden Goal im WM-Finale gegen Schweden bekannt und war zuletzt viele Jahre Expertin bei der ARD. Geboren ist sie in Botswana, wo ihre Eltern als Entwicklungshelfer arbeiteten. Ihr zweiter Vorname ist Tsholofelo, was „Hoffnung“ heißt. Auf ihr ruhen also die Hoffnungen, dass der Frauen-Fußball mehr Gewicht bekommt. Bislang arbeitete sie als Dezernentin im Regierungspräsidium Gießen, ihr Fachbereich waren Flüchtlingsangelegenheiten, Erstaufnahmeeinrichtung und Integration. Nun hofft sie, dass die Nationalmannschaft den Sprung zu Olympia schafft, nachdem trotz des 0:0 in Wales durch die Niederlage von Dänemark gegen Island der Gruppensieg gelang. Eine große Aufgabe könnte auch 2027 warten, für die Austragung der Weltmeisterschaft hat sich Deutschland zusammen mit den Niederlanden und Belgien beworben.

Vielleicht hat Nia Künzer schon Glück gebracht, bei der Auslosung der Final Four der Nations League hat Deutschland das Wunschlos Frankreich gezogen. Hier werden nämlich die restlichen zwei Tickets für Olympia 2024 vergeben. Wenn die Hrubesch-Schützlinge am 23. Februar in Frankreich gewinnen, sind sie für Paris qualifiziert, bei einer Niederlage bekommen sie eine zweite Chance gegen den Verlierer der zweiten Partie Spanien – Niederlande. Frankreich ist nämlich als Gastgeber bereits qualifiziert und so bekommt der Sieger des Spiels um Platz drei am 28. Febuar gegebenenfalls das zweite Ticket.