Handballer träumen von einem Wintermärchen
von knospepeter
Das Sportjahr 2024 geht ja gut los. Die Handball-Europameisterschaft vom 10. bis 28. Januar wird die Sportfans in ihren Bann ziehen. Deutschland ist erstmals EM-Gastgeber und startet das Turnier gleich mit einem Weltrekord: 50.000 Fans sind beim Eröffnungsspiel am Mittwoch im Düsseldorfer Fußballstadion, so viele waren es beim Handball noch nie. Deutschland trifft dabei auf die Schweiz, ein Sieg soll die Weichen für ein Weiterkommen stellen und damit auch ein Wintermärchen einleiten. Die Handballer träumen davon, was die Fußballer 2006 bei der Weltmeisterschaft schafften, als sich Deutschland als lebensfrohe Sportnation präsentierte. Ein weiteres Sommermärchen soll übrigens in diesem Jahr folgen, wenn auch die Fußballer ihre Europameisterschaft in Deutschland austragen.
Egal ob Handball oder Fußball, sie werden auf ein erfolgreiches Jahr 2023 der Mannschaften zurückblicken, als die Basketballer als Weltmeister glänzten und Eishockey fast ebenso sensationell Silber bei ihrer WM holten. Da schauten die Handballer und Fußballer neidisch auf die Erfolge – und wollen sie am liebsten wiederholen. Allerdings gehört Deutschland als Gastgeber nicht zum engen Favoritenkreis, den bilden eher Titelverteidiger Schweden, Weltmeister Dänemark und Olympiasieger Frankreich. Die Franzosen sind bereits Gruppen-Gegner der DHB-Auswahl zum Abschluss am Dienstag, 16. Januar, in Berlin. Dort geht es zuvor noch am Sonntag, 14.1., gegen Nordmazedonien. Insgesamt 24 Nationen sind dabei, spielen zuerst in sechs Gruppen, die jeweils ersten beiden Teams ziehen in die Hauptrunde ein, die in zwei Gruppen mit je sechs Teams gespielt wird (die Punkte aus den Gruppen werden mitgenommen). Die jeweils beiden besten Teams der zwei Gruppen schaffen den Aufstieg ins Halbfinale, das ebenso wie das Finale am 28. Januar (17.45 Uhr) in Köln ausgespielt wird.
Die erste Europameisterschaft wurde übrigens 1994 ausgetragen, erster Sieger war Schweden, das mit fünf Titeln auch Rekordsieger ist. Dreimal gewann Frankreich, je zweimal Deutschland, Spanien und Dänemark, 1996 war Russland erfolgreich. Deutschland siegte 2004 und 2016, aus dem damaligen Siegerteam sind noch vier Mann dabei.
Bundestrainer Alfred Gislason setzt aber nicht vorwiegend auf Routine, sondern vertraut auch der Jugend. Als die U21 vor ein paar Monaten überraschend Weltmeister wurde, da forderten viele, dass die besten Spieler dieser Mannschaft auch ihre Chance im A-Team erhalten müssten. Der 64-jährige Isländer musste nicht groß überzeugt werden, das taten U21-Kapitän Renars Uscins, Kreisläufer Justus Fischer (beide Hannover), Torwart David Späth (Rhein-Neckar-Löwen) und Mittelmann Nils Lichtlein (Füchse Berlin) mit ihren Leistungen. Vor allem Torhüter Späth ragte bei der WM heraus, er ist die zukunftsträchtige Ergänzung zu Andreas Wolff, der als einer der besten Torhüter der Welt gilt, aber mit einem Bandscheibenvorfall einige Monate ausfiel. Jetzt ist er wieder fit. Wolff war der EM-Held 2016 und gilt zusammen mit Kapitän, Kreisläufer und Abwehrchef Johannes Golla und Spielmacher Juri Knorr als das Dreigestirn, das die Mannschaft auf den Erfolgsweg führen soll. Der Mannschaft könnte die Zukunft gehören, in der Gegenwart soll zumindest das Halbfinale geschafft werden.
Viel wird vom Start in Düsseldorf abhängen, 50.000 Zuschauer sind für alle ungewohnt, sie können der entscheidende Siegfaktor sein, aber gerade bei jungen Spielern auch zu einer Belastung werden. Gehofft wird natürlich auf Rückenwind, damit die Handballbegeisterung wieder in Deutschland um sich greift, ähnlich wie 2007, als die Nationalmannschaft auf einer Welle der Begeisterung Weltmeister wurde und 16,17 Millionen Zuschauer in ARD den Finalsieg gegen Polen sahen. Der Countdown läuft, zwischen Weihnachten und Neujahr gab es einen Kurzlehrgang in Frankfurt, seit Montag bereitet sich die Mannschaft in Brunsbüttel in einem schmucken Domizil am Hafen vor, bestreitet noch zwei Testspiele gegen Portugal und zieht dann nach Köln und später nach Berlin um. Was danach folgt, wird sich zeigen.
Das erste Spiel gegen Portugal gewann Deutschland mit 34:33, der Trainer war aber nicht zufrieden: „Wir stehen hinten rum und machen technische Fehler.“ Gut, wenn man Fehler erkennt. Am Samstag in Kiel folgt deer zweite Test gegen Portugal, da sollten Fortschritte zu sehen sein.
Das EM-Aufgebot: Tor: Andreas Wolff (Kielce), David Späth (Rhein-Neckar-Löwen). – Rückraum: Martin Hanne, Renars Uscins (beide Hannover), Sebastian Heymann (Göppingen), Kai Hafner (Stuttgart), Christoph Steinert (Erlangen), Julian Köster (Gummersbach), Philipp Weber (Magdeburg), Juri Knorr (Rhein-Neckar-Löwen), Nils Lichtlein (Füchse Berlin). – Außen: Rune Dahmke (Kiel), Lukas Mertens (Magdeburg), Patrick Groetzki (Rhein-Neckar-Löwen), Timo Kastening (Hannover). – Kreis: Johannes Golla (Flensburg), Justus Fischer (Hannover), Jannik Kohlbacher (Rhein-Neckar-Löwen).