Julian Nagelsmann muss die Karten auf den Tisch legen
von knospepeter
Die Bundesliga spielt Woche für Woche so vor sich hin, sorgt mehr oder weniger für Schlagzeilen, vom Fußball-Höhepunkt in diesem Jahr, der Europameisterschaft in Deutschland, spricht dagegen kaum einer. Das hat sich zuletzt etwas geändert und wird sich ab diesem Donnerstag, 14. März, gravierend ändern, dann gibt nämlich Bundestrainer Julian Nagelsmann sein Aufgebot für die kommenden Länderspiele bekannt und lüftet zwangsläufig fast alle Geheimnisse rund um den deutschen EM-Kader. Am 23. März in Frankreich und am 26. März gegen die Niederlande muss sich zeigen, was von Deutschland bei der EM zu erwarten ist.
Genau 100 Tage vor dem Start am 14. Juni in München mit dem Eröffnungsspiel Deutschland – Schottland (21 Uhr) versuchte der DFB mit einer großen PR-Aktion die Werbetrommel zu rühren. Logisch, dass Innenministerin Nancy Faeser dabei war, aber auch Turnierdirektor Philipp Lahm und DFB-Sportdirektor Rudi Völler konnten einen mit dem Ausblick nicht von den Sitzen reißen. Der Wunsch ist, dass es eine Wiederholung des Sommermärchens 2006 geben und ein großes Fußballfest werden soll. Entscheidend wird das Auftreten und Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft sein und da gibt der Bundestrainer sein Aufgebot genau drei Monate vor dem Start bekannt. Jetzt muss er die Karten auf den Tisch legen.
Nagelsmann hatte im Vorfeld schon vielsagende Andeutungen gemacht und Überraschungen angekündigt. Welche es sind, wird er im Länderspielaufgebot offen legen müssen. Wer da nicht dabei ist, hat wohl nur noch eine Minimalchance für die EM. Besonders auffällig Nagelsmanns Aussage, dass er vor allem auf Worker setzt, quasi eine Absage der Schönspielerei. Und so kommen vor allem die Mittelfeldarbeiter Robert Andrich (Leverkusen) und Pascal Groß (Brighton) ins Gespräch – neben Rückkehrer Toni Kroos (Real Madrid). Leon Goretzka zeigt sich zwar derzeit in starker Form, könnte aber einer der Verlierer werden. Der größte Verlierer scheint aber Borussia Dortmund zu sein. Bei den meisten Team-Spekulationen steht kein Dortmunder in der Anfangsformation, wobei sich natürlich Süle und Schlotterbeck schon Hoffnung auf das EM-Aufgebot machen können. Mats Hummels dagegen wohl weniger. Hoffnungen machen sich dafür Stuttgarter Spieler, Chris Führich und Maximilian Mittelstädt könnten auf den EM-Zug aufspringen. Letzterer, weil auf der linken Außenverteidigerposition das größte Fragezeichen steht. Raum, Gosens, Henrichs oder gar Mittelstädt? Angelo Stiller käme für das Mittelfeld in Frage, Deniz Undav bietet sich als Alternative für Niclas Füllkrug an. Im Angriff herrscht allerdings ein Überangebot, da Kapitän Gündogan vorrücken soll. Große Frage hier: Setzt Nagelsmann auf Thomas Müller? Dessen Bayern-Kollegen Sané und Gnabry könnten in die Rolle der Bankdrücker zurück gesetzt werden. Sané fehlt bei den Länderspielen gesperrt.
So könnte Nagelsmanns Startelf ausschauen: Neuer – Kimmich, Tah, Rüdiger, Henrichs – Kroos, Groß – Wirtz, Gündogan, Musiala – Füllkrug. Am 14. März wissen wir ein bisschen mehr. Auch wie das EM-Trikot aussieht, das bei den Länderspielen erstmals getragen werden soll.
Die Bayern sind aufgewacht
„Was ist mit den Bayern los?“, fragte man sich in den letzten Wochen, als sich Misserfolg an Misserfolg reihte und alle Titelchancen fast verspielt wurden. Jetzt reiben sich wieder einige verdutzt die Augen und fragen, „was ist mit den Bayern los?“. Sie sind aufgewacht und fanden zur alten Stärke zurück. 3:0 gegen Lazio Rom und der Einzug ins Viertelfinale der Champions League, 8:1 gegen Mainz und Torrekorde – das ist ein Statement. Trainer Thomas Tuchel hat offensichtlich die Kurve bekommen, die richtige Formation gefunden und damit einige verblüfft. So bilden nicht mehr Kim und Upamecano die Stammverteidigung, sondern de Ligt und Dier sorgen hinten für Sicherheit, dazu hat Kimmich die Rolle aus Außenverteidiger akzeptiert. Richtig so, da kann er sich für die EM einspielen. In nächster Zeit muss sich zeigen, ob es nur ein Lüftchen ist oder wirklich frischer Wind.
Frischen Wind brachte vor allem Torjäger Harry Kane aufs Feld, er schoss sich nicht nur zum Torrekord, sondern legte auch Treffer auf und zeigte tolle Übersicht. Er knackt reihenweise Rekorde, persönliche und in der Bundesliga. 30 Tore hat er in 25 Spielen erzielt (wie einst Uwe Seeler), noch nie mehr in einer Punktrunde, in der Premier League steht sein Rekord bei 30 Toren – nach 38 Spielen! Die große Frage: Knackt er den BL-Rekord von Robert Lewandowski mit 41 Toren? Zu dem Zeitpunkt hatte der Pole 32mal eingenetzt. Kane aber ist erfolgreichster Debütant, in der ersten Saison hat noch keiner vier Dreierpacks erzielt und auch mit acht Mehrfachpacks hat er alle hinter sich gelassen. Übrigens: Das 8:1 war der dritte Sieg der Bayern in dieser Saison mit sieben Toren oder mehr (7:0 gegen Bochum, 8:0 gegen Darmstadt), das ist Vereinsrekord. Und am Samstag geht es wieder nach Darmstadt!
Von der Meisterschaft sprechen die Bayern nicht mehr, sie wollen einfach gewinnen und dann mal gucken. Leverkusen leistet sich keine Schwäche und bleibt weiter ungeschlagen. Danach hat der FC Augsburg derzeit die längste Siegesserie, drei Erfolge hintereinander ( jetzt 1:0 gegen Heidenheim) katapultierten die Augsburger auf Rang neun und lassen sie von Europa träumen. Hoffenheim und Freiburg stehen vor ihnen und die haben am Wochenende die Schwergewichte Stuttgart und Leverkusen vor der Brust. Der FCA muss dagegen zum schwächelnden VfL Wolfsburg. Nach dem 26. Spieltag am Wochenende folgt die Länderspielpause, an Ostern startet der Endspurt der letzten acht Spieltage, u. a. mit dem Schlager Bayern – Dortmund am Samstag (18.30 Uhr).
International wird es eine interessante Woche, die letzten Rückspiele in allen Wettbewerben stehen an. Borussia Dortmund ist gegen Eindhoven gefordert und will sich nach dem 1:1 im Hinspiel wie die Bayern für das Viertelfinale qualifizieren. RB Leipzig ist dagegen mit dem 1:1 bei Real Madrid äußerst unglücklich ausgeschieden. Aber auch Freiburg (2:1 gegen West Ham) und Leverkusen (2:2 bei Agdam) wollen weiterkommen und Punkte für die UEFA-Rangliste sammeln. Der heiße Schlusspunkt ist am Freitag mit den Auslosungen für das Viertelfinale.
Das Schlagerspiel, auf das ganz Europa schaute, war das Spitzenspiel in England, in dem sich Liverpool und Manchester City 1:1 trennten. Damit bleibt Jürgen Klopp im Vergleich der prominenten Kollegen gegen Pep Guardiola in 30 Duellen vorn, bei 12 Siegen, jetzt 7 Unentschieden und 11 Niederlagen. Ein Rückschlag für beide Teams, denn Arsenal London übernahm mit einem 2:1 gegen Brentford (mit einem Treffer von Havertz) die Tabellenführung vor Liverpool und ManCity.
Frauen haben neuen Bundestrainer
Die Entscheidung ist gefallen und sie hat viele überrascht: Christian Wück wird neuer Bundestrainer der Frauen, die bis einschließlich der Olympischen Spiele im Sommer noch von Interimscoach Horst Hrubesch betreut werden. Mit Wück hat die neue Sportdirektorin Nia Künzer einen Nachfolger im eigenen Lager gefunden, einen, der Erfolge vorweisen kann, denn Wück wurde bekanntlich zuletzt mit der U17 Welt- und Europameister. Die Wahl fiel nicht nur deshalb auf ihn, sondern das Gros der Mannschaft wünschte sich einen Mann als neuen Bundestrainer. Der 50.jährige betonte zu seinem Einstand: „Die Mannschaft zukunftsfähig für Erfolge zu machen, zählt zu den spannendsten und verantwortungsvollsten Aufgaben im deutschen Fußball.“ An seiner Seite wird künftig Maren Meinert arbeiten, die als Trainerin beim DFB von 2005 bis 2019 zweimal die U20-WM und dreimal die U19-EM gewann. Das klingt vielversprechend und Künzer gibt vor: „Wir wollen den Nachwuchs besser heranführen.“
In der Bundesliga fällt eine Vorentscheidung wohl am 23. März, wenn Titelverteidiger Bayern München bei Verfolger Wolfsburg antritt. Die Hürde Frankfurt haben die Münchnerinnen mit Ach und Krach genommen. Bühl und Schüller sorgten für einen 2:1-Sieg und damit verteidigte Bayern die Tabellenführung. „Sie sollten auf der Rückfahrt eine Kirche aufsuchen, eine Kerze anzünden und Danke sagen,“ empfahl der enttäuschte Frankfurter Trainer Arnautis. Kollege Straus aber konterte: „Wir halten höchstens bei McDonalds.“