Die neue deutsche Welle

von knospepeter

Einst war im Film davon die Rede, jetzt finden wir sie im Sport: Die neue deutsche Welle. Zwei Bundestrainer im Mannschaftssport setzen auf den Nachwuchs und zumindest einer hat dies bereits mit Erfolg getan. Deutschlands Handballer feierten mit einem 34:31-Sieg gegen Österreich im entscheidenden Spiel die Qualifikation für die Olympischen Spiele im Sommer in Paris. Ein entscheidender Spieler war dabei der Kapitän der erfolgreichen U21-Nationalmannschaft, Renars Uscins. In allen drei Turnierspielen wurde er zum „Player of the Match“ gewählt, mit seinen Toren und der Begeisterung stellte er mit die Weichen für Olympia. Bundestrainer Alfred Gislason hat erfolgreich auf Talente aus der Weltmeister-Mannschaft gesetzt.

Bei Olympia sind die Fußballer nicht vertreten, Bundestrainer Julian Nagelsmann hofft stattdessen auf eine erfolgreiche Europameisterschaft im eigenen Land. Bei seinem letzten Aufgebot vor der EM macht er für die Länderspiele am Samstag in Lyon gegen Frankreich und am 26. März in Frankfurt gegen die Niederlande deutlich, dass auch er auf junge Spieler setzt und alte Zöpfe abschneiden will. Die neue deutsche Welle eben.

Gerade am Wochenende haben sich in der Bundesliga die Talente Florian Wirtz und Jamal Musiala wieder in den Vordergrund gespielt. Beiden wird EM-Form attestiert, beide bringen Schwung ins Spiel. Es ist zwar nicht immer die Jugend, die bei Nagelsmanns Nominierung im Vordergrund stand, aber es sind die Spieler, die in der Bundesliga für Furore sorgen, für die das internationale Parkett aber mehr oder weniger Neuland ist. Als Beispiel können die Stuttgarter Anton, Mittelstädt, Führich und Undav gelten, der Heidenheimer Beste oder Bayerns Talent Pavlovic (der zunächst wegen eines Infekts fehlt). Die Berufungen haben aber auch noch einen anderen Hintergrund und warum Nagelsmann auf Spieler wie Süle, Hummels oder Goretzka verzichtet: Sie sind Unruhestifter, wenn sie nicht zum Zug kommen, während die Neuen schon glücklich sind, überhaupt im Team zu stehen. Dazu verzichtet er aus Leistungsgründen auf Dortmunds Can, Schlotterbeck und Brandt. Neue deutsche Welle eben. Mal sehen, ob die Welle bis zur EM versandet oder Hochstimmung (nicht Hochwasser!) bringt. Aber Nagelsmann hat sein Wort gehalten, es hat Überraschungen gegeben. Sechs Neulinge und sechs Rückkehrer sind dabei.

Streich geht, Kovac muss gehen

In der Bundesliga sind vor allem die Trainer im Gespräch. Am Sonntag litt Christian Streich in Freiburg noch bei der 2:3-Niederlage seines Teams gegen Leverkusen, am Montag hörte er sich noch deprimierter an, der bald 59-Jährige wird seine Arbeit bei „seinem Verein“ im Sommer nach 29 Jahren im Klub, davon über zwölf Jahre als Cheftrainer beenden. „Der Verein ist mein Leben“, gesteht er, aber er lässt Vernunft walten: „Es ist Zeit aufzuhören, ich habe immer gesagt, dass ich den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen darf.“ Am 29. Dezember 2011 löste der damalige Co-Trainer seinen Chef Markus Sorg ab, als Freiburg vor dem Abstieg stand. Streich rettete den Verein, führte ihn auch nach Europa, musste aber auch einen Abstieg hinnehmen. Der impulsive Trainer eckt oft an, macht immer seine Meinung deutlich, blieb aber auch immer menschlich und wurde so zum Kult-Trainer. Er sollte dem Verein in anderer Position erhalten bleiben.

Lobeshymnen wird Niko Kovac in Wolfsburg keine bekommen. Der VfL versuchte, an seinem Coach bis zum Saisonende festzuhalten, aber nach elf Spielen ohne Sieg schrillen die Alarmglocken immer lauter, der Abstiegskampf ist nahe, Mainz meldet sich wieder an, der Vorsprung schrumpfte auf sechs Punkte. Wolfsburg reagierte schnell, entließ Kovac und präsentierte am Sonntag gleich den Nachfolger: Ralph Hasenhüttl, von 2016 bis 2018 in Leipzig erfolgreich und anschließend auch in Southampton beliebt und geachtet, bis es kriselte und im November 2022 zu Ende ging. Der 52-jährige Österreicher liebäugelte sogar mit einem Karriereende, aber jetzt setzt er sie in Wolfsburg fort. Da soll es nun wieder aufwärts gehen.

Mainz hat der energiegeladene Bo Henriksen neues Leben eingehaucht, der einen neuen Hoffnungsträger hat: Der lange verletzungsgeplagte Torjäger Jonathan Burkhardt ist wieder fit und schoss beim 2:0 Gegner und Konkurrent Bochum allein ab. Bochum steht wie Wolfsburg bei 25 Punkten und leidet unter dem „Bayern-Fluch“. Nach dem sensationellen 3:2-Sieg gab es vier Niederlagen. Gegensätzlich dazu der FC Augsburg, der zuletzt vier Siege landete, von Platz 14 an Bochum und vielen anderen vorbei zog und jetzt Siebter ist. Europa lockt!

Die Bundesliga macht Länderspielpause bevor es an Ostern weitergeht. Im Mittelpunkt steht dann das Duell Bayern – Dortmund am Samstag, 30. März (18.30 Uhr), das immer noch ein Schlagerspiel ist, vor allem aber für die Borussia bedeutend ist, weil im Zweikampf mit Leipzig um den letzten Platz für die Champions League jeder Punkt zählt. In der Vorrunde stürzte Bayern den BVB mit einem 4:0 in die Krise.

Hoffnung gibt es für Dortmund und RB das auch Platz fünf für die CL zählt, doch dazu müssen Erfolge auf Europas Bühne her. Die zwei besten Nationen der UEFA-Jahresrangliste dürfen fünf Vereine stellen, noch steht die Bundesliga (16,257 Punkte) hinter Italien (17,714) auf Rang zwei, aber England (16,250) und Spanien (14,437) drängen. CL und Europa League werden dabei gleich gewertet. So war Leverkusens glückliches Weiterkommen beim 3:2 gegen Agdam mit zwei Toren von Schick in der Nachspielzeit sehr wertvoll. Jetzt ist Freiburgs Bezwinger West Ham United im Viertelfinale am 11. und 18. April der nächste Gegner. Leverkusen ist in den fünf Topligen Europas immer noch die einzige ungeschlagene Mannschaft – das sollte für die Rangliste so bleiben!

Bei der Auslosung der Champions League sprachen manche von einem „Glückslos“ für Bayern und Dortmund, was zweifellos übertrieben ist. Glück vielleicht allein, weil Real oder Manchester City als große Favoriten gelten (welches Lospech, sie treffen aufeinander), aber gegen Arsenal London bzw. Atletico Madrid stehen die Chancen bestenfalls 50:50. Die Partie Paris – Barcelona komplettiert das Viertelfinale, das am 9./10. und 16./17. April ausgetragen wird. Auch das Halbfinale wurde schon ausgelost und damit steht fest, dass es ein deutsches Duell erst im Endspiel am 1. Juni in London im Wembleystadion geben kann. Das war bekanntlich 2013 der Fall.

Wölfinnen unter Druck

Die Frauen-Bundesliga macht keine Pause, ganz im Gegenteil sie präsentiert am kommenden Samstag (17.45 Uh) das Schlagerspiel schlechthin. Die beiden stärksten Teams stehen sich gegenüber, wobei der Tabellenzweite VfL Wolfsburg Heimrecht gegen Titelverteidiger Bayern München hat. Allerdings stehen die Wölfinnen unter Druck, denn sie haben mit der überraschenden 1:2-Niederlage in Hoffenheim an Boden verloren und jetzt vier Punkte Rückstand. Nur ein Sieg könnte die Meisterschaftschancen intakt halten und auch dann müssten die Bayern noch einmal straucheln (letztes Spiel bei Hoffenheim!). Die Bayern-Mädchen siegten gegen Neuling Leipzig mit 5:0 und sind jetzt saisonübergreifend 33 Spiele ohne Niederlage! Sie gewann auch das Hinspiel gegen Wolfsburg mit 2:1.

Bei beiden Vereinen hat es überraschende Meldungen gegeben. Wolfsburgs Flügelflitzerin Svenja Huth kündigte ihren sofortigen Rücktritt aus der Nationalmannschaft an. Die 33-jährige bestritt 88 Länderspiele, verlor aber ihren Platz als Stammspielerin. Sie will sich ganz auf den VfL konzentrieren. Für ihren Verein will auch Sydney Lohmann weiterhin kämpfen, sie verlängerte den Vertrag bei Bayern München bis 2027, weil es ihr „Herzensverein“ sei. Sie gehört den Bayern ab der Jugend an und hat auch keine Angst vor dem noch größer werdenden Konkurrenzkampf, wenn im Sommer Lena Oberdorf von Wolfsburg nach München wechselt. Meister werden mit dem VfL will Oberdorf aber trotzdem.