Festtage auf Europas Bühne und ein Triumph der Bundesliga
von knospepeter
Wir brauchen wirklich keine Super League! Den Befürwortern dieser Vision, in der es um Geld geht, nicht um den Sport, wurde deutlich gemacht, dass das bestehende Modell für Europas Fußball sehr attraktiv ist. Das Viertelfinale in Champions-, Europa- und Conference-League sorgte für Festtage auf Europas Bühne. Die Fans sahen großartige Spiele, die Lust auf mehr machten. Und das Beste daran, diese Festtage wurden auch zu einem Triumph der Bundesliga. Erstmals seit 29 Jahren stehen wieder drei deutsche Klubs im Halbfinale! Und noch besser: Bayer Leverkusen holte sich mit dem 1:1 bei West Ham United den Rekord von Juventus Turin, 44 Pflichtspiele ungeschlagen, das gab es noch nie!
Es ist schon seltsam, die Premier League in England hat am meisten Geld und gilt als attraktivste und beste Liga in Europa, doch nur Aston Villa steht im Halbfinale und das im dritten Wettbewerb, der Conference League. Ansonsten: Manchester City, Arsenal London, West Ham United in der CL und FC Liverpool in der EL – alle ausgeschieden. Nicht besser steht die ebenso oft gerühmte La Liga in Spanien da, nur Real Madrid ist noch dabei, dagegen haben die manchmal belächelten Nationen der zweiten Reihe aus Italien und Deutschland das Sagen. Italien hat den Titel als beste Liga in dieser Saison sicher und bekommt in der neuen Champions League einen Platz mehr, Deutschland hält Rang zwei und nur die Bundesliga stellt zwei Vertreter im CL-Halbfinale, dazu Leverkusen in der EL, dort trumpfte Italien auf, ist mit AS Rom und Atalanta Bergamo vertreten ist und mit Florenz in der Conference League. So schlecht können diese Ligen also nicht sein!
Was die UEFA-Rangliste angeht, da darf sich die Bundesliga ziemlich sicher auf einen fünften Platz in der Champions League freuen. Italien ist mit 19,428 Punkten nicht mehr zu schlagen, Deutschland hat auf Rang zwei mit 17,928 Punkten den Vorsprung gegenüber England (17,375) und Frankreich (16,083) ausgebaut. Vereinfacht gesagt: Die Konkurrenten müssten alle Spiele gewinnen, um Deutschland zu verdrängen. Der Bundesliga genügen gegenüber England drei Punkte (also ein Sieg oder drei Unentschieden in den anstehenden sechs Spielen der drei Vereine) und gegenüber Frankreich vier Punkte, für den Fall, dass die Klubs der Verfolger alles gewinnen. Dortmund kann selbst viel tun, um auch als Fünfter der Bundesliga wieder in die CL einzuziehen.
Vor 29 Jahren, also 1995, waren letztmals drei deutsche Klubs in den Halbfinals vertreten. Nur sollten es die Vereine jetzt besser machen, damals schieden nämlich alle aus. Und wie es das Schicksal so will, handelt es sich genau um die drei Vereine wie damals. Bayern München zog in der Champions League gegen Ajax Amsterdam den Kürzeren, einem 0:0 folgte eine 2:4-Niederlage in Amsterdam. Dortmund und Leverkusen waren noch im alten UEFA-Pokal vertreten, schieden aber ebenso aus. Dortmund unterlag Juventus Turin knapp mit 2:2 und 1:2, Leverkusen schoss beim 0:2 und 0: 3 gegen Parma kein Tor! Das sollte diesmal nicht passieren. Wer nachrechnet, das waren gerade mal zwei Punkte, das sollte diesmal also besser laufen.
Leverkusen will gleich doppelte Revanche, denn wie im Vorjahr ist AS Rom der Gegner im Halbfinale, Bayer schied unglücklich mit 0:1 und 0:0 aus, Rom verlor dann das Finale gegen den FC Sevilla mit 1:4 im Elfmeterschießen. Bleibt Leverkusen bis zum Duell am 2. und 9. Mai weiter ungeschlagen (in der Bundesliga sind Dortmund und Stuttgart die Gegner)? Trainer Xabi Alonso lieferte beim 1:1 bei West Ham wieder ein Meisterstück seines Coachings und wechselte den Erfolg ein. Bezeichnend, dass der wichtige Treffer wieder einmal kurz vor Spielende fiel. Eine Stärke von Bayer, der Gegner wird müde, die Alonso-Schützlinge nicht.
In der Champions League treffen München und Dortmund auf alte Bekannte. Auch bei den Bayern wurde Trainer Thomas Tuchel für seine taktische Meisterleistung beim 1:0 gegen Arsenal gelobt, vor allem aber zeigte die Mannschaft wieder einmal ihr besseres Gesicht und legte allen Kampfgeist in die Waagschale. Joshua Kimmich wurde mit seinem tollen Kopfballtor zum Spieler des Tages. Erstmals seit vier Jahren sind die Münchner wieder im Halbfinale, aber jetzt wartet mit Real Madrid am 30. April und 8. Mai ein anderes Kaliber. Real ermauerte sich buchstäblich ein 1:1 gegen Manchester City, die Guardiola-Schützlinge hatten viel Ballbesitz rannten aber vergeblich an. Im Elfmeterschießen war schließlich Antonio Rüdiger der Held, als er den entscheidenden Ball versenkte. Noch ein deutscher Triumph! Auch gegen Real spielen die Bayern gegen einen alten Trainer, nämlich Carlo Ancelotti. In München war er nicht so erfolgreich. Real war übrigens in den letzten zehn Jahren fast immer im Halbfinale vertreten, nämlich achtmal. Die Bayern schafften es immerhin zum fünften Mal und sind nach Real der erfolgreichste Verein (ManCity viermal).
Borussia Dortmund trifft auf einen alten Bekannten aus den Gruppenspielen, da gab es gegen Paris St. Germain ein 1:1 und eine 0:2-Niederlage. „Das wollen wir jetzt besser machen,“ sagt Trainer Edin Terzic vor den Duellen am 1. und 7. Mai mutig, schließlich sind die Borussen erstmals seit 2013 wieder im Halbfinale und damals gab es danach das deutsche Finale in Wembley, als die Bayern 2:1 siegten. Diesmal ist wieder das Wembleystadion am 1. Juni Austragungsort des Finales, da dürfen die Fans schon von einem erneuten deutschen Duell träumen. Paris träumt allerdings auch seit Jahren nicht nur vom Finale, sondern vom Sieg in der CL. Der 4:1-Sieg in Barcelona darf als Empfehlung gelten.
Als sich nach den Spielen auf Europas Bühnen der Vorhang zuzog, gab es die große Überraschung auf der Bühne Nationalmannschaft: Julian Nagelsmann verkündete, dass er bis nach der Weltmeisterschaft 2026 Bundestrainer bleiben werde. Er hat seinen Vertrag beim DFB entsprechend verlängert und nach der Begeisterung rund um das Nationalteam nach den letzten Testspielen offensichtlich Gefallen an seiner Aufgabe gefunden. Da musste Bayern München doch noch eine Niederlage einstecken, in erster Linie Sportchef Max Eberl, der Nagelsmann wohl holen wollte, aber auch auf Widerstände im Verein stieß. Auch das dürfte Nagelsmann bewogen haben, auf eine Rückkehr an die Isar zu verzichten. Eberl hat aber eine baldige Entscheidung in der Trainerfrage angekündigt. Das Rätselraten bleibt…