Gegen Spanien folgt bereits das echte Endspiel!
von knospepeter
Land unter in Dortmund, aber Deutschland ging nicht unter – auch weil der VAR an diesem Tag ein Faible für die DFB-Elf hatte. Zwei glückliche Entscheidungen für eine Mannschaft gibt es selten, sie stellten die Weichen für den 2:0-Sieg. Angesichts dieser Tatsache und des Ausscheidens war Stunden nach dem Unwetter (25 Minuten Unterbrechung) das Donnergrollen der Dänen zu hören. Vor allem Trainer Casper Hjulmand haderte, „so sollten Fußballspiele nicht entschieden werden,“ aber in einer ruhigen Minute, nachdem er Dampf abgelassen hat, wird er sehen müssen: Die Regeln sind so, der VAR hat den Fußball die Emotionen genommen und sollte dafür Gerechtigkeit bringen (was nicht stimmt!) und die Entscheidungen per VAR waren genauso, wie es die Regeln vorschreiben. Logisch, ärgerlich das Abseits von ein paar Millimetern (das haben leider schon viele Leidtragende erlebt) und diskussionswürdig die Handspielregel, aber der Arm war ausgestreckt und der Ball an der Hand (die Flugkurve hat sich verändert). Nicht umsonst gehen die (armen) Abwehrspieler heute oft mit den Händen hinter dem Rücken in den Zweikampf. Es hätte sich aber auch Julian Nagelsmann beschweren können, denn das erste deutsche Tor nach wenigen Minuten von Nico Schlotterbeck hätte zählen müssen. Das Blocken von Kimmich gegen einen Dänen ist das übliche Prozedere im Strafraum, das in 80 von 100 Fälle nicht abgepfiffen wird.
Es war ein denkwürdiger Abend im Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft. Es war ein Abend, der die deutsche Mannschaft weitergebracht hat, das Image verbessert, das Selbstbewusstsein gestärkt, das Viertelfinale geschafft. Das erste Ziel ist erreicht, jetzt kommt die Zugabe. Natürlich wollen alle in Deutschland in das Finale. „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“ schallte es immer wieder durch die Stadien. Aber das echte Finale folgt bereits am Freitag (18 Uhr) in Stuttgart gegen Spanien, der durchaus beeindruckende Gastgeber gegen die bisher beste Mannschaft im Turnier. Wer Spanien schlägt, sollte eigentlich auch Europameister werden…
Was auffällt: Julian Nagelsmann scheint in der Rolle des Bundestrainers seine Erfüllung gefunden zu haben. Er ist lockerer geworden, bindet seine Assistenten Benjamin Glück und vor allem Sandro Wagner in großem Maße ein, hatte für Tipps, zum Beispiel vom Basketball-Bundestrainer Herbert, ein offenes Ohr und hat die richtige Mischung für die Mannschaft gefunden. Vorbei die finsteren Zeiten, als das Lachen Spielern und Fans vergangen ist. Erstmals seit acht Jahren wurde wieder ein K.o.-Spiel gewonnen, herrscht Zuversicht statt Tristesse. Spanien ist eine harte Nuss, die sehenden Auges in Kauf genommen wurde, denn diese Konstellation drohte bekanntlich mit dem Gruppensieg, aber der war für die Stimmung im Land wichtig. Jetzt also gegen die „beste Mannschaft der Welt“, wie Trainer Luis de la Fuente sein Team einschätzt. Der 63-Jährige wurde Europameister mit der U19 und U21, einige seiner damaligen Schützlingen greifen jetzt wieder nach dem Pokal. Vor allem die Flügelflitzer Lamine Yamal (16!) und Nico Williams beeindrucken, Fabian und Rodri sind das Herz der Mannschaft, keine Nation hat zudem einen so ausgeglichen starken Kader.
Aber Deutschland ist nicht chancenlos, auch la Fuente schränkt ein: „Im Fußball kann alles passieren.“ Schließlich hat auch Nagelsmann Trümpfe in der Hand, er hat ein echtes Team geformt, der Kampfgeist kann Berge versetzen und die Form stimmt meist. Torhüter Manuel Neuer ist wieder eine Bank, Antonion Rüdiger erwies sich als richtiger Abwehrfelsen und Emotionsmonster, bejubelte eine Grätsche wie ein Tor, Nico Schlotterbeck macht Jonathan Tah den Platz neben Rüdiger streitig, wenn nur seine Leichtsinnsaussetzer nicht wären. Toni Kroos wird gegen die Spanier besonders motiviert sein, Musiala und Wirtz werden den jungen Spaniern zeigen wollen, dass auch Deutschland starke Talente hat. Und wenn Spanien Schwächen hat, dann in der Abwehr, das wäre dann eine Aufgabe unter anderem für Niclas Füllkrug, der als Joker wieder einmal das Ass im Ärmel von Nagelsmann werden kann.
Für den DFB ist die Europameisterschaft schon jetzt ein Erfolg. Die TV-Einschaltquoten bleiben hoch, die Fanzonen quellen über, nur das Wetter sorgte Abkühlung mit Regen, Blitz und Donner, aber davon lassen sich feiernde Fans nicht abhalten. Der DFB kann schon jetzt ebenfalls ein finanziell gutes Fazit ziehen, dazu passt, dass der Verband gerade melden konnte, dass er nach Jahren des Verlustes 2023 wieder einen Jahresüberschuss von 4,9 Millionen Euro erzielen konnte. Bei der EM kann er inzwischen mit 15,75 Millionen Euro planen, viel mehr als in den letzten Jahren bei dem frühen Ausscheiden. Als Europameister wären es am Ende sogar 28,5 Millionen. Die Spieler haben sich bisher die vereinbarten Prämien von 100.000 Euro verdient, dieser Betrag könnte sich auf 150.000 im Halbfinale, 250.000 als Zweiter und 400.000 Euro als Sieger steigern.
Nicht überall ist die Stimmung so gut, die Dänen flogen noch erhobenen Kopfes nach Hause, in Italien sind die Fans dagegen am Boden zerstört. Der Titelverteidiger hat sich bei dieser EM blamiert, die 0:2-Niederlage gegen die Schweiz bedeutete das Aus. Der mit Neapel so erfolgreiche Trainer Luciano Spalletti hatte es sich anders vorgestellt, aber er musste konsterniert feststellen: „Italien fehlen die großen Spieler, die großen Talente.“ Kritiker monieren, es fehle an Charakter, Qualität und Tempo. Spalletti will aber weitermachen und vermehrt junge, hungrige Spieler einsetzen. Friede, Freude, Eierkuchen dagegen in der Schweiz mit Murat Yakin als gefeierten Trainer, mit dem Leverkusener Granit Xhaka als Kopf der Mannschaft und gegen Italien dem Augsburger Ruben Vargas als Matchwinner mit einem Tor und einer Vorlage. Er will ja den FCA verlassen und hat damit beste Reklame für sich gemacht.
Die Schweiz sieht sich aber noch nicht am Ende, weiter geht es am Samstag (18 Uhr) in Düsseldorf gegen England. Und diese Engländer hatten gegen die Slowakei mehr Glück als Verstand. In der 5. Minute der Nachspielzeit verhinderte Jude Bellingham mit einem Fallrückzieher Marke „Tor des Monats“ das Ausscheiden und Bayern-Torjäger und Kapitän Harry Kane zog mit einem Kopfballtreffer gleich zu Beginn der Verlängerung nach. Den Slowaken war der Zahn gezogen, zumal sie kräftemäßig nachließen. Über Müdigkeit klagen aber auch die Engländer, die auch diesmal keineswegs überzeugen konnten. Da machte die Schweiz den frischeren Eindruck. Überhaupt haben die „Kleinen“ bei dieser EM wirklich überzeugt, auch Georgien wehrte sich tapfer gegen Spanien und konnte Pluspunkte für sich verbuchen. Österreich könnte das nächste Überraschungsteam werden. Das Team wohnt ja schon im Endspielort Berlin!
Bundesliga trainiert wieder
Trotz Europameisterschaft, der normale Fußball-Alltag beginnt wieder, die ersten Bundesligisten nehmen in diesen Tagen wieder ihren Trainingsbetrieb auf. „Frühstarter“ war dabei Aufsteiger Holstein Kiel, der bereits am Freitag begann, Union Berlin, Bochum und Heidenheim folgten am Montag nach dem Motto, man kann nie früh genug beginnen, um die Klasse zu halten. Das Schlusslicht des Trainingsstarts ist Bayern München am 15. Juli, die meisten Spieler sind ja unterwegs, das gilt auch für Leverkusen (14.) und Dortmund (10.). Vizemeister VfB Stuttgart ist am Donnerstag bedeutend früher dran, hat aber in diesen Tagen ganz andere Sorgen: Der Ausverkauf der erfolgreichen Mannschaft soll verhindert werden.