Da stimmt etwas nicht im deutschen Fußball
von knospepeter
Die Schlagzeilen gehören natürlich dem Oberhaus, der Bundesliga. Dort spielen die Stars, sind die Stadien voll, geht es um das große Geld. Doch damit die Spitze Werbung für den Fußball betreiben kann, muss es auch darunter stimmen, vor allem an der Basis. Aber in den letzten Tagen wurde im Schatten des Kampfes um die deutsche Meisterschaft wieder einmal deutlich, dass es darunter hapert. Was die Basis angeht, ist es erschreckend, dass es bei den Jugendlichen Nachwuchsprobleme gibt, vor allem bei den Mädchen. Die Jugend wird heute anderweitig abgelenkt, doch insgesamt muss der DFB mehr Führung zeigen. Denn es stimmt etwas nicht im deutschen Fußball.
Das größte Sorgenkind ist wohl die Regionalliga. Die wurde auf gleich fünf Gruppen erweitert, aber es gibt nur vier Aufsteiger, Entscheidungsspiele sind notwendig und das sorgt seit Jahren für Ärger. Der Stein des Weisen ist noch nicht gefunden. Aus fünf Ligen mach vier, wäre die beste Lösung, doch die Regionalverbände können sich nicht einigen. Für viele Vereine ist die Regionalliga ein reiner Überlebenskampf und besonders gebeutelt wird in diesem Jahr die Regionalliga West. Türkspor Dortmund hatte sich bereits aus dem Spielbetrieb verabschiedet, jetzt hat sich auch der KFC Uerdingen zurückgezogen und der 1. FC Düren will nach einem Insolvenzverfahren ebenfalls vorzeitig aufgeben. Chaos pur also.
Auch die Moral bleibt beim Kampf um Erfolg und Geld auf der Strecke. Negativbeispiel in den letzten Tagen die 2. Bundesliga. Es hagelte eine Flut von Trainer-Entlassungen, die es so noch nie gab. Es werden teilweise unrealistische Ziele angepeilt, wenn der ersehnte Erfolg ausbleibt, muss der Trainer gehen. Fünf Entlassungen gab es bisher in der Bundesliga, über ein Dutzend in der Liga darunter, Verträge sind praktisch ein Nichts, unbeschränkt wird geheuert und gefeuert. Den Anfang der Entlassungen in der letzten Woche machte ausgerechnet Markus Anfang in Kaiserslautern. Sie trauten dem Coach den Aufstieg nicht mehr zu. Wenig später wurde das Ende von Trainer Kees van Wonderen zum Saisonende auf Schalke verkündet. Da wollte sich auch Hannover nicht lumpen lassen, Aus für Andre Breitenreiter, er war nur kurz da, folgte Stefan Leitl, der inzwischen Hertha BSC Berlin trainiert. Wer kommt da noch mit? Den Schlusspunkt setzte am Sonntag Preußen Münster, dass sich von Sascha Hildmann trennte. Dabei spielte der in Münster eine besondere Rolle, startete 2020 und führte die Preußen von der Regionalliga bis in die 2. Bundesliga, das Traumziel des Vereins nach 33 Jahren Absenz! Mit Hildmann ging der Held der Fans. Doch Meriten von früher zählen nicht. „Wir setzen auf neue Kräfte im Schlussspurt“ heißt es vom Verein. Münster liegt auf Platz 17, einem direkten Abstiegsplatz, punktgleich mit Ulm auf dem angestrebten Relegationsplatz. Da liegen scheinbar die Nerven blank, Ulm hatte den Trainer auch schon gewechselt. Thomas Wörle war ebenfalls Aufstiegsheld.
Zu den Trainer-Diskussionen der vergangenen Woche passte dann auch Meldung, dass Sandro Wagner die Nationalmannschaft im Sommer nach dem Finale in der Nations League verlassen wird. Eigentlich wollte er bis zur Weltmeisterschaft 2026 bleiben, aber jetzt reizt ihn offensichtlich eine Chefrolle bei einem Verein, allerdings muss er dafür erst seine Trainerausbildung komplett beenden. Interessenten gibt es genügend, Wagner, der in seiner Rolle hinter Julian Nagelsmann vor allem von den Spielern gelobt wird, kann sich quasi den Verein aussuchen. Auch in der Bundesliga werden im Sommer Plätze frei, Leipzig, Wolfsburg und Hoffenheim stehen zur Debatte und auch Leverkusen könnte sich hier einreihen, wenn Real Madrid mit der Alonso-Verpflichtung ernst macht. Angeblich hat Wagner auch ein Faible für England.
Keine Angst um seinen Platz muss Frank Schmidt in Heidenheim haben. Er bleibt wohl der „ewige“ Schmidt an der Ostalb, nach 15 Jahren gelang der Aufstieg in die Bundesliga, die mit einem sensationellen 8. Platz in der ersten Saison endete, aber Boss Holger Sanwald bleibt realistisch: „Wir kämpfen mit Kiel und Bochum um die Relegation“, hatte er schon vor der Saison prophezeit und lässt keine Zweifel am Trainer zu: „Genauso ist es gekommen“.
Die Keller-Meisterschaft
Ja, wir haben die Keller-Meisterschaft beim Kampf um Ab- und Aufstieg. Ziel ist kein Titel, sondern der Relegationsplatz, den derzeit Heidenheim inne hat. Ein spätes Traumtor in Stuttgart und der 1:0-Sieg könnten die entscheidenden Punkte sein. In der Nachspielzeit sicherte sich auch Kiel den 4:3-Sieg gegen Gladbach und stürzte damit Bochum ans Tabellenende, das über ein 1:1 gegen Union nicht hinauskam. Jetzt gibt es ein Endspiel am Freitag in Heidenheim. Zumindest für Bochum, eine Niederlage würde den Abstieg bedeuten, bei dann sieben Punkten Rückstand zum FCH. Verliert Kiel zudem in Augsburg könnte Heidenheim sein Ziel praktisch erreicht haben. Den Klassenerhalt bedeutet das freilich noch nicht, der Dritte der 2. Bundesliga ist nicht zu unterschätzen. Sicher dürfen sich auch Hoffenheim und St. Pauli mit 30 Punkten noch nicht sein.
Bezeichnend, dass das zweite Duell Bochum gegen Union wie das erste Spiel mit 1:1 endete. Damals kam es bekanntlich durch einen Feuerzeugwurf kurz vor Schluss zu einem Skandal. Nach einer langen Unterbrechung gab es einen Nichtangriffspakt, nachdem VfL-Torhüter Drewes verletzt vom Platz musste. Später entschied das Sportgericht auf einen 2:0-Sieg für Bochum. Gegen dieses Urteil ging Union durch alle Instanzen vor, das Ständige Schiedsgericht entschied nun, dass das 2:0 so gewertet bleibt, es wertet den Nichtangriffspakt als Spielabbruch. Union hat sich inzwischen gerettet und will das Urteil akzeptieren.
Harry Kane und die Meisterschaft
In der oberen Tabellenhälfte der Bundesliga steht der Kampf um Europa im Mittelpunkt und sorgt bei Vereinen und Spielern einerseits für Nervenkitzel, andererseits für schwere Beine. Reihenweise lassen die Klubs Punkte liegen, als wenn keiner nach Europa wollte, dabei wollen sie doch angeblich alle. Wer also siegt, gewinnt doppelt. Frankfurt darf nach dem 4:0 über Leipzig für die Champions League planen, Leipzig ist dagegen dabei, alles zu verspielen. Gewinner waren auch Freiburg mit dem 1:0 in Wolfsburg, bedeutet Platz mit 51 Punkten vor Leipzig (49). Einen Sprung nach vorn machte auch Dortmund, mit einem glücklichen 3:2 bei Hoffenheim, aber am Ende ist das egal. Plötzlich fehlen nur noch drei Zähler zur CL. Alles ist möglich.
Erschreckend dagegen negative Serien von Europa-Kandidaten. Mainz war lange Zeit die Überraschungsmannschaft schlechthin, zuletzt blieb man sechs Spiele ohne Sieg. Auch Gladbach ist der Faden gerissen, vier Spiele ohne Sieg, übertroffen werden beide von Wolfsburg mit sieben Spielen ohne Sieg, dabei hatte man große Ziele. Stuttgart ist froh, dass das Pokalfinale in Berlin stattfindet, also auswärts. Da rechnet man sich gegen Bielefeld was aus und wäre in der Europa League. Im eigenen Stadion kassierte der VfB beim 0:1 gegen Heidenheim dagegen die sechste Niederlage in Folge. Kann das wirklich sein?
Aber was soll Harry Kane sagen? Der Engländer hat noch nie einen Titel gewonnen, jetzt kann sein Traum Wirklichkeit werden, den Bayern fehlt noch ein Unentschieden am Samstag in Leipzig. Aber: Harry Kane ist nicht dabei, er muss eine dumme Gelbsperre absitzen. Doch er darf sich schon als richtiger Meister fühlen, schließlich ist er als Torschützenkönig ein wichtiger Baustein. Oder die Bayern verschieben die Feier mit einer Niederlage, dann kommt Gladbach nach München. Harry Kane könnte dann vielleicht mit einem Tor feiern. Gefeiert hat Thomas Müller: Er kam in den Schlussminuten beim 3:0 gegen Mainz aufs Feld und feierte damit sein 500. Spiel in der Bundesliga, wohlgemerkt alle für die Bayern. Diese Zahl übertreffen nur drei Spieler: Rekordmann Karl-Heinz Körbel (602 für Frankfurt), Manfred Kaltz (581 für den HSV) und Michael Lameck (518 für Bochum). Wirklich schade, dass er geht bzw. gehen muss.
Der Traum vom Rekord
Gefeiert haben auch die Frauen des FC Bayern, mit einem 3:1-Sieg gegen Freiburg sicherten sie sich vorzeitig die deutsche Meisterschaft, die siebte insgesamt und die dritte am Stück. Jetzt wollen sie noch einen neuen Vereinsrekord aufstellen, nämlich erstmals das Double holen. in Sachen Pokalsieg stand zuletzt immer Seriensieger Wolfsburg im Weg, jetzt heißt der Gegner Werder Bremen, Siebter der Bundesliga. Deshalb haben die Bayern-Mädchen auch mit der Handbremse gefeiert, damit sie am Donnerstag beim Endspiel in Köln (16.00Uhr/ARD) auch fit sind. Das Stadion ist bereits ausverkauft. Frauen-Fußball hat an Bedeutung gewonnen.
Das merkte auch Union Berlin. Die Frauen schafften gemeinsam mit dem 1. FC Nürnberg den Aufstieg in die Bundesliga, für sie eine Premiere. Die Vorfreude in Berlin auf die Bundesliga ist groß, Union hatte zuletzt einen Zuschauerschnitt von 5500 Fans! Auch der Dritte kann übrigens aufsteigen, das ist im Moment der HSV mit vier Punkten Vorsprung vor Meppen. Dagegen steht Turbine Potsdam als einziger Absteiger der Bundesliga, die ja auf 14 Vereine aufgestockt wird, fest. Von der Bundesliga träumen sie auch in Dortmund und auf Schalke. Noch kämpfen sie aber in der Westfalenliga um den Aufstieg in die Regionalliga. Das Derby sahen 10.000 Zuschauer in Dortmund und dabei einen 2:1-Sieg, was die Tabellenführung bedeutet. Beide waren vorher punktgleich und unternehmen alles, um langfristig in der Bundesliga zu landen.