Comeback von Hamburg als Deutschlands Fußball-Hauptstadt

von knospepeter

Natürlich beherrschte der Abschied von Trainer Xabi Alonso in Leverkusen und das letzte Heimspiel von Legende Thomas Müller in München die Schlagzeilen, aber fast heimlich, still und leise vollzog sich im Hintergrund ein großer Wandel: Hamburg feierte mit einem Schlag sein Comeback als Deutschlands Fußball-Hauptstadt. Es war ja wirklich großer Zufall, dass am Samstag und Sonntag die Männer und Frauen des Hamburger SV den Aufstieg in die Bundesliga schafften und der FC St. Pauli hat seinen Platz im Oberhaus praktisch auch sicher. Wer bietet also mehr? Das kann keine Stadt vorweisen. Und in Hamburg wurde entsprechend gefeiert, leider auch so übertrieben, dass es beim Platzsturm zahlreiche Schwerverletzte gab. Die Schattenseiten, wenn die Freude die Sinne trübt.

Dass der Jubel bei den HSV-Fans überschäumt, ist allerdings auch verständlich. Sieben Jahre lang haben sie auf den Aufstieg gewartet. Es war über die Jahre hinweg „ein Scheitern zwischen Irrsinn und Blödsinn“ wie die Süddeutsche Zeitung urteilt. Immer wieder war man nah dran, 22/23 fühlte sich der HSV bereits elf Minuten lang als Aufsteiger. Immer wieder versuchten es neue Trainer, aber ob zuletzt Thioune, Walter oder Baumgart – sie scheiterten alle. Da musste erst der junge Merlin Polzin kommen, der einst als Fan in der Kurve stand und der seit 2020 als Assistent sah, wie seine Chefs scheiterten und daraus lernte. Jetzt wird der 34-jährige gefeiert und er darf sich auch in der Bundesliga versuchen, sein Vertrag hat sich automatisch verlängert. Auf Polzin zu setzen war ein Glücksgriff von Sportvorstand Stefan Kuntz, der seine Verpflichtung krönte. Die Bundesliga hat auf den HSV gewartet, er ist zurück. Idol Uwe Seeler hat es nicht mehr erlebt. Er befürchtete, „denen geht es wie Kaiserslautern und anderen, die kommen nie mehr hoch.“ Jetzt gilt es, die Stars wie Muheim, Dompe, Selke oder Glatzel zu halten, um nicht nur ein kurzes Gastspiel im Oberhaus zu geben.

Gefeiert wurde offensichtlich nicht zu ausgiebig, „wir müssen um elf Uhr wieder auf dem Platz stehen“, hatte NLZ-Leiter Horst Hrbusch verraten. Warum? „Wir müssen die Frauen unterstützen, die wollen auch aufsteigen“. Es ist hat sich gelohnt, die Frauen besiegten am Sonntag Freiburg II mit 3:0 und dürfen nun als Dritter neben Union Berlin und dem 1. FC Nürnberg aufsteigen, weil die Bundesliga auf 14 Mannschaften aufgestockt wird. Die Frauen warteten noch viel länger als die Männer, sie waren zuletzt 2003 in der Bundesliga, es ist der vierte Aufstieg. Da allerdings geht Trainer Marwin Bolz, das stand vorher schon fest. Für ihn kommt die Brasilianerin Liese Bemarco, die bei St. Pölten in Österreich erfolgreich in der 1. Liga gearbeitet hat. Auch bei den Frauen gilt: Der Klassenerhalt ist das große Ziel. Neben den beiden HSV-Teams feiert auch der FC St. Pauli, das 2:2 in Frankfurt am Sonntag bedeutet aufgrund der wesentlich besseren Tordifferenz gegenüber dem 16. Heidenheim (-11 zu -24) praktisch den Klassenerhalt. Hamburg hat drei Bundesligisten.

Wo es Tränen der Freude gibt, gibt es auch Tränen der Trauer. Allerdings war das den Fans in Kiel und Bochum nicht anzumerken, deren Lieblinge mit Niederlagen gegen Freiburg bzw. Mainz den Abstieg besiegelten. In beiden Städten wurden auf den Rängen gefeiert und die Mannschaften mit Lobliedern besungen. So nett können Fans auch sein, es gibt nicht nur Krawall. In beiden Lagern gibt es eine Losung: „Wir kommen wieder“. Holstein Kiel lernte das Oberhaus jetzt ein Jahr kennen, für Bochum ist es schon der siebte Abstieg. Man hat also Erfahrung. Bei beiden Teams bleiben die Trainer Marcel Rapp bzw. Dieter Hecking am Ruder.

Große Verluste für die Bundesliga

Bei ihren letzten Heimspielen in der Bundesliga wurden Thomas Müller und Xabi Alonso gefeiert. Der eine bekam keinen Vertrag mehr und wird zumindest bei den Bayern seine Karriere beenden, den anderen lockt Real Madrid. Beide sind ein großer Verlust für die Bundesliga.

Thomas Müller war ein Gesicht der Bundesliga, nicht nur des FC Bayern. „Radio Müller“ war immer auf Sendung, immer für einen Spruch gut, er sorgte vor allem auch für gute Stimmung in den Kabine, sowohl bei den Bayern als auch in der Nationalmannschaft. Müller hat quasi alles gewonnen, zum Abschied erhielt er ein Bild mit ihm inmitten von Unmengen an „Silberware“. Das letzte Heimspiel war genau sein 750. Pflichtspiel für die Bayern. Es passte wie in einem guten Film, dass die Bayern danach als Meister geehrt wurden und Müller mit Kapitän Neuer die Schale in Empfang nehmen konnte. 13 Titel hat er gewonnen – Rekord! Er wird noch einmal am Samstag beim Auswärtsspiel in Hoffenheim zu sehen sein und mit zur Klub-Weltmeisterschaft im Juni fahren. Danach werden wir bald merken, wie sehr er uns fehlen wird. Die Bayern wären gut beraten, ihn irgendwie im Verein weiter einzubauen.

Mit Xabi Alonso erlebte Bayer Leverkusen ein Märchen. Man muss sich daran erinnern, dass Bayer im Oktober 2022 in Abstiegsgefahr war, als der Trainer-Neuling verpflichtet wurde. Alonso verhinderte nicht nur den Abstieg, er machte aus Vizekusen ein Meisterkusen. Alonso sagt selbst zum Abstiegskampf, „ich vergesse die schweren Wochen nicht“ und zum Meisterjahr „an diese Zeit werden wir uns in 20 Jahren noch erinnern“. Erstmals blieb eine Mannschaft in der Meisterschaft ungeschlagen, Bayer gewann auch den Pokal und musste erst im Finale der Europa League seine erste Niederlage hinnehmen. In dieser Saison haperte es offensichtlich zum Saisonstart, als die Konzentration bei den Spielern fehlte, „es gab zu viele dumme Unentschieden“, klagt Alonso. Der FC Bayern war einfach beständiger. Alonso zieht es zu Real Madrid, wo der Spieler Alonso als Held verehrt wurde. Ein Nachfolger ähnlicher Güte ist im Gespräch, der 38-jährige Cesc Fabregas, einst ebenfalls ein Weltklassespieler, der in Como gerade seinen Abschied verkündete. An ihm sind allerdings auch Vereine in England und der RB Leipzig dran. Auch Erik ten Hag (einst bei den Bayern bei den Amateuren tätig und zuletzt Manchester United) ist im Gespräch.

Leverkusen ist diesmal Vizemeister, kann sich aber mit einem Sieg in Mainz mit dann 34 Auswärtsspielen ohne Niederlage noch als neuer Rekordhalter verabschieden. Dahinter hat Eintracht Frankfurt allerdings seine gute Ausgangsposition auf die Champions League mit dem 2:2 gegen St. Pauli aus der Hand gegeben. Mit 57 Punkten bleibt Frankfurt Dritter, hat aber am Samstag bei Verfolger Freiburg (55) noch ein unnötiges Endspiel und auch Dortmund mischt weiter mit. Die Borussia bleibt im Aufwind, siegte in Leverkusen 4:2 und hat mit 54 Punkten die Europa League sicher. Letzter Gegner ist Absteiger Kiel, da sollte die Erfolgsstory nicht enden, doch was kommt am Ende raus? Die große Überraschung bleibt Freiburg mit Julian Schuster als Streich-Nachfolger. Mainz und Leipzig dahinter haben zuletzt zu sehr geschwächelt und kämpfen nur noch um den Platz in der Conference League.

Am Tabellenende geht es nur noch um die Relegation, die wohl der 1. FC Heidenheim bestreiten wird, der damit sein Ziel, das er vor Wochen im Abstiegskampf festlegte, erreicht hat. „Ein Dorf gibt nicht auf“ schrieb die Bild am Sonntag. Von einem Dorf kann bei der Stadt mit ca. 50000 Einwohnern nicht die Rede sein. Köln hat vor dem „Endspiel“ gegen Kaiserslautern beste Aussichten auf den zweiten Aufstiegsplatz, aber dahinter lauert Elversberg, ein wirkliches Dorf, nein eine Kleinstadt mit 7800 Einwohnern. Aber auch Paderborn und Düsseldorf spielen im Aufstiegskampf noch mit. Aber eine Relegation zwischen Heidenheim und Elversberg hätte etwas.

Wolfsburg Vizemeister bei den Frauen

Am letzten Spieltag der Frauen-Bundesliga ging es nur noch um Platz zwei hinter Bayern München und die direkte Qualifikation für die Champions League. Der VfL Wolfsburg verteidigte dabei seinen Platz als Vizemeister mit einem 3:1-Sieg gegen Leverkusen, so dass Eintracht Frankfurt nicht mehr vorbeiziehen konnte und als Dritter in die Qualifikation muss. Bezeichnend, bei Wolfsburg brachten mit Brand und Jonsdottir zwei Spielerinnen den VfL auf die Siegesstraße, die den Verein wie viele andere auch verlassen werden. Da steht ein großer Umbruch bevor und es muss sich zeigen, ob die Wölfinnen auch künftig die große Rolle neben oder hinter Bayern München, das sich eher verstärken will, spielen können. Ohne einen einzigen Sieg musste das früher so erfolgreiche Turbine Potsam die Bundesliga wieder verlassen. Dafür steigen aus der zweiten Liga, wie beschrieben, Union Berlin, 1. FC Nürnberg und der Hamburger SV auf. Große Namen, die der Attraktivität der Frauen-Bundesliga sicherlich guttun.