Fußball-Hauptstadt Hamburg in Not
von knospepeter
Im Sommer wurde gefeiert, jetzt im tristen Winter-Grau wird gejammert. Mit dem Aufstieg der Männer und Frauen des Hamburger SV in die Bundesliga, die sich zum lokalen Konkurrenten St. Pauli gesellten, wurde Hamburg plötzlich zur Fußball-Hauptstadt in Deutschland. Drei Bundesligisten kann sonst keiner aufweisen. Aber wie lange bleibt Hamburg noch topp? Die Zeichen stehen schlecht, statt Aufstiegseuphorie ist Abstiegsangst angesagt. Die HSV-Frauen rutschten nach einer 0:6-Pleite bei Tabellenführer München auf einen Abstiegsplatz, die HSV-Männer sind nach dem 1:4 bei der TSG Hoffenheim auf Rang 14 mit nur vier Punkten Abstand zur Abstiegszone nicht weit entfernt und der FC St. Pauli feierte zwar nach einer Horror-Serie von zehn Sieglos-Spielen im Kellerduell gegen Heidenheim wieder einen 2:1-Erfolg, steht aber auf dem Relegationsplatz. Nach fröhlichen Weihnachten schaut das nicht aus, ein Spieltag steht noch aus. Die HSV-Frauen müssen bei der nächsten Spitzenmannschaft, beim Zweiten Wolfsburg, antreten, die Männer hoffen auf den Heimvorteil gegen CL-Teilnehmer Frankfurt und St. Pauli hat das nächste Kellerduell vor sich, bei Schlusslicht Mainz. Ins neue Jahr kann man nur mit viel Hoffnung gehen, nämlich darauf, dass der Abstiegskampf bestanden wird. Die Fußball-Hauptstadt will sich behaupten…
An der Tabellenspitze sind Niederlagen fast ein Fremdwort, doch Siege waren es an dem letzten Wochenende auch. Es tat sich Seltsames in der Bundesliga, das Spitzentrio bleib sieglos. Macht sich hier der Kräfteverschleiß durch den dicht gedrängten Terminkalender bemerkbar? Klappt es nicht mit der Rotation? Den schwächsten Eindruck machte Leipzig, das in Berlin mit 1:3 unterlag und nicht das Auftreten einer Spitzenmannschaft hatte. Mit einem blauen Auge kam Dortmund in Freiburg davon, fast eine Halbzeit in Unterzahl (Notbremse Bellingham) brachte man den 1:0-Vorsprung nicht über die Zeit und war schon über ein 1:1 glücklich. Die Bayern hätten gegen Schlusslicht Mainz am Sonntag die Halbzeitmeisterschaft perfekt machen können, verhinderten aber mit Mühe und Not gerade noch eine Niederlage. Bei Standards sind sie verwundbar, das zeigte auch Mainz auf, ein zweites Kopfballtor brachte dem Gast die Führung. Youngster Karl hatte die Bayern in Führung geschossen, Torjäger Harry Kane zeigte sich drei Minuten vor Schluss vom Punkt wieder sicher und vermied eine Blamage. Seit rund 20 Jahren haben die Bayern zu Hause gegen einen Letzten nicht verloren, überhaupt erst zweimal konnte ein Schlusslicht beim Ersten gewinnen. Immerhin, die Bayern überwintern erstmals wieder in allen drei Wettbewerben und das große Ziel bleibt: Eine BL-Saison lang ungeschlagen sein.
Überlebenskampf am Tabellenende, an der Spitze geht es um Ruhm und Geld. Zuerst die Frage: Wer kann Überlebenskampf? Mainz kennt ihn nicht, liegt vier Punkte zurück, hat aber mit Trainer Urs Fischer einen Hoffnungsträger geholt und Achtungserfolge errungen, die Mut machen. Dem 1:1 in Posen in der Conference League folgte eben das Unentschieden in München, was moralisch wie ein Sieg wirkt. Der muss jetzt her, am Sonntag gegen St. Pauli. Die Hamburger sollen verstärkt in den Abstiegskampf reingezogen werden. Aber Mainz muss am Donnerstag gegen die Türken von Samsunspor noch einmal international ran. Was im Sommer als Glück gefeiert wurde, nämlich der internationale Wettbewerb, wird jetzt zur Belastung.
Sorgen gibt es aber auch bei den erfolgreichen Klubs. Bei Borussia Dortmund herrscht Unruhe, obwohl man insgesamt mit der Saison zufrieden sein. Zuletzt zwar Aus im Pokal, aber Dritter in der Bundesliga, gut im Geschäft in der Champions League, dort schmerzte jedoch das 2:2 gegen Nobody Bodö/Glimt aus Norwegen, der Sieg wurde leichtfertig verschenkt, von mangelnden Einsatz war die Rede. Nico Schlotterbeck schimpfte auf lustlose Joker, Flügelflitzer Adeyemi gestand „mein schlechteste Spiel des Jahres“. Torjäger Guirassy ist unzufrieden, er möchte um Titel spielen und mehr Geld verdienen. Bezeichnend: Die Talente Duranville und Campbell mussten am Wochenende zu Hause bleiben – die Strafe für mangelnden Einsatz im Training. Kein gutes Zeichen. Sorgen haben selbst die Bayern, auf hohem Niveau natürlich, wenn bei einem Unentschieden sich der Vorsprung in der Liga sogar vergrößert, neun Punkte sind es jetzt zum Zweiten Leipzig. Übrigens: 51 Tore in 14 Spielen hat es in der Bundesliga noch nie gegeben, so könnten die Bayern ihren eigenen Rekord von 101 Toren knacken! Am Sonntag schließen sie den letzten Spieltag des Jahres in Heidenheim ab, da gibt es aber Absenzen in der Abwehr. Torhüter Neuer hat sich gegen Mainz einen Muskelfaserriss zugezogen, Laimer fehlt nach der fünften Gelben Karte gesperrt. Und als Gegner könnte sich auch der schlechte Rasen in Heidenheim zeigen…
Die Trainerfrage bleibt in Wolfsburg und Augsburg noch offen. Allerdings verdichtet es sich immer mehr, dass bei den Niedersachsen Daniel Bauer vom Interims- zum Cheftrainer wird. Der 3:1-Erfolg bei den wiedererstarkten Gladbachern war ein deutliches Signal von Bauer und dem Team. Und das ausgerechnet gegen Eugen Polanski, dem Bauer praktisch nacheifern will. In Augsburg wird noch gesucht. Zwei Siege in Folge gelangen auch Manuel Baum nicht, dem 2:0 gegen Leverkusen folgte ein unglückliches 0:1 in Frankfurt. Der VAR wurde zum Gegner, Millimeter bei Abseitsentscheidungen verhinderten einen Punktgewinn. Einfach ärgerlich.
Manche Vereine in Europa müssen in den nächsten Wochen fast auf Spielersuche gehen. Aber der Afrika-Cup darf für sie nicht überraschend kommen, wer Afrikaner verpflichtet, der muss mit dieser Pause rechnen, allerdings sollte der Cup künftig im Sommer ausgetragen, wurde aber wegen der neuen Klub-WM wieder auf den Winter geschoben. Vom 21. Dezember bis 18. Januar kämpfen 24 Nationen in Marokko um die Trophäe und in Europas Teams tun sich Lücken auf.
Frauen gründen ihren eigenen Verband
Entscheidendes tat sich im Frauen-Fußball: Wie die Männer mit der DFL hat jetzt auch die Frauen-Bundesliga ihren eigenen Verband. Die 14 Vereine gründeten am Mittwoch in Frankfurt die Frauen-Bundesliga FBL e.V., als Präsidentin wurde Katharina Kiel von der Eintracht gewählt, Vize wurden Veronica Saß (Bayern) und Florian Zeutschler (Essen). Die Vereine haben sich dazu entschlossen, den DFB vorerst außen vor zu lassen. Es gab zwar ein gemeinsames Papier, das aber plötzlich der DFB korrigieren wollte. Dennoch ist ein künftige Teilhabe des DFB möglich, zumal es in der Organisation der Spiele wie bei der DFL eine Zusammenarbeit gehen muss. Die Vereine versprechen sich von der Eigenständigkeit eine bessere Vermarktung und mehr gemeinsames Auftreten in der Öffentlichkeit. Der DFB will zwar den Frauen-Fußball mit 100 Millionen Euro fördern, doch ist dies der Bundesliga zu wenig. Die Vereine sprechen ihrerseits von einem Startkapital von 700 Millionen Euro, das sie einbringen wollen. Logisch, dass sie auch entscheiden wollen, wie das Geld verwendet wird.
Sportlich war natürlich auch einiges geboten, für die Sensation sorgte zum Abschluss der Hinrunde das bisher sieglose Schlusslicht Jena, das in Köln 1:0 gewann und damit Anschluss ans Vorderfeld fand. An der Spitze setzte Werder Bremen seine Erfolgsserie fort und ist nach einem 1:0 über Leverkusen bereits Dritter. Halbzeitmeister ist Bayern München (37 Punkte) klar vor Wolfsburg (31) und Bremen (26). Die Rückrunde beginnt bereits am kommenden Wochenende, bevor es in die Winterpause bis zum 23. Januar 2026 geht.
Bayern und Wolfsburg müssen am Mittwoch zudem noch ihr letztes Ligenspiel in der Champions League absolvieren. Dabei soll es besser laufen als letzte Woche, als Wolfsburg bei Real Madrid 0:2 unterlag und die Bayern bei Atletico Madrid nicht über ein 2.2 hinaus kamen. Jetzt zählen nur Siege, um unter die ersten vier Teams zu kommen, die von den Play-Offs befreit sind. München ist Sechster mit 10 Punkten und hat große Hoffnung mit einem Sieg über Valenga Oslo (13./4) den Sprung nach oben zu schaffen, zumal die Bayern punktgleich mit Juventus Turin auf Rang vier stehen. Die Wölfinnen liegen einen Punkt hinter München, haben mit Chelsea London (3./11) aber die wesentlich schwerere Aufgabe. Die Play-Offs werden im Februar ausgetragen, die K.o.-Runden beginnen mit dem Viertelfinale am 24./25. März.
Großartige Handball-Frauen
Die Nationalmannschaft ist immer das Aushängeschild für einen Verband. Die Fußball-Frauen haben hier schon für viel Begeisterung auf Aufsehen gesorgt. Auf ihren Spuren wandelten jetzt auch die Handballerinnen, die sich bei der Weltmeisterschaft, die zum Teil in Deutschland stattfand, in die Herzen der Fans spielten und Interesse bei einer breiten Öffentlichkeit fanden. Ihr Weg führte bis ins Finale, doch mit dem WM-Titel wurde es leider nichts. 20:23 unterlag Deutschland gegen Norwegen, das im Frauen-Handball jetzt alle Titel hält, wurde nach Europameister, Olympiasieger nun zudem Weltmeister. Erstaunliche 5,7 Millionen Zuschauer an den Bildschirmen drückten am Sonntag dem Team von Bundestrainer Markus Gaugisch die Daumen. 300.000 Euro Prämie gab es für den Erfolg vom Verband, Antje Döll, Emily Vogel und Viola Leuchter wurden ins All-Star-Team der WM berufen. Die Krönung fehlte allerdings.