Das Warten auf den idealen Sprung
von knospepeter
Im Wintersport hat Biathlon, was die Einschaltquoten im Fernsehen angeht, die Nase vorn. Die Zuschauerzahlen sind gleichmäßig immer besser als von allen anderen Wettbewerben auf Schnee oder Eis. Nur eine Ausnahme gibt es: Zum Jahreswechsel interessiert sich ein großer Teil des gesamten Landes für die Skispringer. Die Vierschanzentournee gehört immer zu den sportlichen Highlights eines Jahres und sorgt für Rekordquoten. Das wird in diesem Jahr nicht anders sein, noch besser wäre es, wenn die deutschen Skispringer um den Sieg mitspringen könnten. Die Sport-Nation lechzt geradezu nach einem deutschen Tourneesieger, den es zuletzt mit Sven Hannawald 2002 gab. Auch in diesem Jahr sind die Favoriten andere, im DSV-Team sind sie nicht zu finden. So bleibt nur das Warten auf den idealen Sprung bzw. idealen Wettbewerb.
Die diesjährige Tournee, die am Montag (16.30 Uhr) in Oberstdorf beginnt, dann nach Garmisch-Partenkirchen (Neujahr 14 Uhr) und Innsbruck (4. Januar, 13.30 Uhr) geht und am 6. Januar (16.30 Uhr) in Bischofshofen endet, steht aber noch unter einem anderen besonderen Vorzeichen: Bundestrainer Stefan Horngacher wird nach der Saison seine Arbeit beim DSV beenden. Am Liebsten natürlich mit einem großen Sieg, der ihm in sieben Jahren verwehrt blieb. 2006 kam der Tiroler erstmals zum DSV, war Stützpunkttrainer in Hinterzarten, Heimtrainer von Martin Schmitt und später Assistent von Bundestrainer Werner Schuster. Größter Erfolg war der Team-Olympiasieg 2014 in Sotschi. 2017 wurde er Cheftrainer in Polen und räumte ab, WM-Titel mit dem Team 2017 und 2019, Kamil Stoch führte er zum Olympiasieg 2018 in Pyoengchang, zum Vierschanzentourneesieg 2017 und 2018 sowie zum Gesamtweltcupsieg 2018. Im Frühjahr 2019 wechselte der heute 58-Jährige wieder zum DSV, ähnliche Erfolgsserien blieben ihm verwehrt, es blieb einzig der Titel des Skiflug-Weltmeisters für Karl Geiger 2020. Nach dieser Saison will er sich ganz in seine neue Heimat Titisee-Neustadt zurückziehen und vor allem Zeit für die Familie haben.
Aber zunächst warten noch große Aufgaben, nach der Tournee noch die Skiflug-WM in Oberstdorf, und Olympia. Dort schließt sich für ihn ein Kreis, seine Karriere hatte 1991 als Springer auf der Schanze von Predazzo begonnen, mit Österreich wurde er gleich Teamweltmeister. In Predazzo werden auch die Olympia-Medaillen vergeben. Ein Happy-End wäre es, wenn ein deutscher Springer zum Medaillengewinn springen würde. Auch hier: Warten auf den idealen Sprung!
Zunächst aber die Vierschanzentournee. Im Vorfeld gab es Unruhe im deutschen Lager, denn die Vorzeigespringer Karl Geiger und Andreas Wellinger wurden zu Hinterherhüpfern. Die Umstellung auf engere Anzüge mit weniger Flugfläche behagte ihnen nicht, auch im Absprung hapert es. „Springen ist etwas Besonderes, kleinste Fehler bringen das Flugsystem durcheinander,“ sagen Fachleute. Horngacher nahm seine Asse aus dem Weltcup und ließ sie extra für die Tournee trainieren. Einen festen Startplatz sicherte er ihnen zu, die Formkurve geht angeblich nach oben. Neue Hoffnungsträger gibt es aber, sie heißen Philipp Raimund (25) aus Oberstdorf und Felix Hoffmann (28), ein Spätstarter aus Suhl. Sie mischen in dieser Saison in der Weltspitze mit, belegen die Plätze vier und fünf in der Weltcupgesamtwertung. Vor einem Jahr kam mit Pius Paschke ein Mannschaftskollege mit noch besserem Gefühl nach Oberstdorf, er mischte den Weltcup auf, doch die Siegesserie riss zu früh, in der Tournee waren andere vorn.
Die Deutschen befürchten, dass auch in diesem Jahr wieder andere vorn sein werden. Hoher Favorit ist Doman Prevc, der 26-jährige Slowene gewann in dieser Saison schon vier Springen und führt die Gesamtwertung an. Er möchte es seinem Bruder Peter nachmachen, der 2015/16 Tourneesieger war. Schwester Nika ist übrigens die überragende Springerin bei den Frauen. Prevcs größter Konkurrent könnte Ryoyu Kobayashi sein, der 29 Jahre alte Japaner hat sein Formtief überwunden, gewann die Generalprobe in Engelberg und ist Zweiter im Weltcup. Er weiß, wie sich ein Tourneesieg anfühlt, als erst dritter Springer konnte er nach Sven Hannawald und Kamil Stoch bei der Tournee 2918/19 alle vier Springen gewinnen. Es folgten Triumphe 21/22 und 23/24, hier eine Besonderheit, denn in jedem Springen landete er auf Platz 2! Ja, und dann gibt es noch die Österreicher, die sind immer für den Gesamtsieg gut, Daniel Tschofenig ist der Titelverteidiger, er war damals der Aufsteiger des Jahres. Zu den Favoriten gehört aber vor allem auch Stefan Kraft, der zur Tournee meist seine Bestform findet.
Die Frauen dürfen Hoffnung haben
Auch im Skispringen sind die Frauen benachteiligt und springen im wahrsten Sinne des Wortes hinterher. Wie in anderen Sportarten auch, lechzen die Springerinnen nach Gleichberechtigung, zum Beispiel finanziell. Ihr Traum von einer eigenen Vierschanzentournee soll aber bald in Erfüllung gehen, sie dürfen Hoffnung haben. Die Schanze in Innsbruck bekommt endlich Flutlicht und so ist pünktlich zum 75. Jubiläum der Tournee 12026/27 erstmals für die Frauen eine Vierschanzentournee geplant. Wie der Ablauf sein wird, darüber wird noch diskutiert. In diesem Jahr bleibt es bei der sogenannten Two-Nights-Tour, gesprungen wird an Silvester in Garmisch-Partenkirchen (12.50 Uhr) und an Neujahr Oberstdorf (16.05 Uhr). Geht es nach dem Weltcup, steht mit Nika Prvec (Slowenien, siehe oben) die Pokalgewinnerin fest. Härteste Konkurrentin dürfte die Japanerin Mruyama sein, die immer wieder mal vorne landet. Die deutschen Mädchen haben das Podest meist knapp verpasst, kürzlich hat aber Katharina Schmid den Bann gebrochen und landete auf dem Podest. Vor allem auf der Heimschanze in Oberstdorf will sie mitmischen, ebenso wie Selina Freitag aus Aue. Eine deutsche Gesamtsiegerin der noch jungen Zwei-Schanzen-Tour gab es noch nicht. Sie müssen sich ja den Gesamtsieg nicht unbedingt bis zur ersten Vierschanzentournee aufheben.