Ein Winter der Gegensätze
von knospepeter
Eine Kältewelle erinnert Deutschland in diesen Tagen noch einmal an den Winter, aber der Frühling lässt sich nicht aufhalten. Zeit für eine Bilanz des Wintersports, diese fällt allerdings sehr zwiespältig aus. Die Medaillenvergabe bei den Olympischen Spielen in Italien machte es sichtbar, es war ein Winter der Gegensätze. Einige waren topp und machten Freude, andere hinkten eher hinterher und verursachten Sorgenfalten. Das größte Fragezeichen steht hinter der Nordischen Kombination, deren Fortbestand in Frage gestellt wird. Die weitere Teilnahme an Olympia ist fraglich und so ist auch die Zukunft der attraktiven Sportart unsicher.
Der Wintersport verabschiedete sich aber mit einem großen Zweikampf. Im alpinen Skisport kämpften bei den Damen bis zum letzten Rennen die Amerikanerin Mikaela Shiffrin und die deutsche Newcomerin Emma Aicher um den Sieg im Gesamtweltcup. Am Ende war Shiffrin glücklicher und welche Nervenanspannung sie aushalten musste, zeigten die Tränen der Freude. Die 31-Jährige holte sich zum sechsten Mal den Gesamtsieg und stellte damit den Rekord der legendären Annemarie Moser-Pröll aus den 70er Jahren ein. Die 22-jährige Emma Aicher tauchte aber wie ein Komet im alpinen Skizirkus auf. Plötzlich fuhr sie vorne mit und gilt als die größte Hoffnung im deutschen Skisport. Gratulation zur Talentsichtung des Verbandes, der die gebürtie Schwedin für Deutschland gewinnen konnte. Emma Aicher verblüffte sogar die erfahrene Shiffrin durch ihr Motto, sie wolle Spaß haben und „einfach nur Skifahren“. „Cool“ findet das die Amerikanerin, die vor allem im Slalom ihre Punkte holte und die Speeddisziplinen mehr oder weniger meidet. Emma Aicher dagegen fährt alle Disziplinen, ist auf jeden Fall die weltbeste Allrounderin und hat vor allem mit Siegen im letzten Drittel der Saison für Aufsehen gesorgt. Am Ende standen für sie drei Siege und insgesamt zehn Podestplätze zu Buche, sowie Platz zwei in der Gesamtwertung. Der Lohn dafür waren rund 400.000 Euro an Prämien, nur Shiffrin verdiente mit 615.000 Euro mehr. Deutschland darf also hoffen, dass die bisherigen Weltcupgesamtsiegerinnen Rosi Mittermaier (1975/76), Katja Seizinger (1995/96 und 97/98) sowie Maria Höfl-Riesch (2010/11) eine Nachfolgerin finden. Shiffrin prophezeit jedenfalls für die neue Saison: „Das gibt einen coolen Zweikampf.“ Aber auch andere werden mitmischen.
Wenn es um deutsche Siege ging, waren vor allem Bob und Rodel gefragt. Da hagelte es Erfolge bei fast allen Rennen, die Weltcupgesamtsiege waren in deutscher Hand, bei Olympia steuerten Bob und Rodel 19 der 26 Medaillen bei, was für Deutschland Platz fünf im Medaillenspiegel bedeutete. Was zeigt, da muss noch mehr gehen. Damit im Wintersport nicht nur Bob und Rodel Medaillen holen und Deutschland auch im Sommer erfolgreich ist, wird jetzt eine unabhängige Spitzensportagentur von Bund und DOSB gegründet, die nach dem Vorbild anderer Länder effektiver fördern soll. Der Spitzensport leidet auf breiter Basis auch an Nachwuchsmangel, weil die Jugend mehr als früher weitere Ablenkungen vorfindet. Nur Erfolge machen den Sport sexy. Da kommen wir wieder zu Bob und Rodel, wo es die weltbesten Voraussetzungen gibt, kein anderes Land verfügt über vier Wettkampfbahnen!
Erfolge machten auch Biathlon populär, geht man nach den Einschaltquoten im Fernsehen immer noch der beliebteste Wintersport der Deutschen. Doch die Zukunft ist nach der schlechtesten Saison aller Zeiten ungewiss. Erstmals seit Frauen und Männer gemeinsam im Weltcup antreten, das war 1987/88, gab es keinen einzigen deutschen Sieg! In 69 Rennen kamen nur neun deutsche Podestplätze heraus. Bei Olympia gab es nur eine Bronzemedaille in der Mixedstaffel. Die größte Hoffnungsträgerin Franziska Preuß, Weltcupgesamtsiegerin Vorjahrs, litt wieder einmal unter gesundheitlichen Problemen und beendete nach Olympia ihre Karriere. Was kann da kommen? Zunächst einmal ein neuer Sportdirektor, Bernd Eisenbichler kehrt zurück, er hat früher schon erfolgreich gearbeitet, wechselte aber zu einem Sportartikelhersteller. Felix Bitterling hat ihn 2022 abgelöst und sicherlich viele Entwicklungen angeschoben, am Ende fehlten die Talente und die Siege. Bei den Damen gibt es den totalen Neuanfang. Die Trainer Franz Mehringer und Sverre-Olsbu Roiseland werden abgelöst.
Hoffnung gibt es aber, Talente sind da. Allerdings fehlt es auf breiter Basis an den nötigen Voraussetzungen für Erfolge. Die Deutschen können sowohl in der Loipe, als auch am Schießstand mit der Spitze nicht mithalten. In der letzten Saison waren sogar die besten Schützen wie Justus Strelow oder Vanessa Voigt verunsichert, in der Loipe konnten Fehlschüsse nicht kompensiert werden. Ein Wunder, dass Deutschland bei den Männern noch Rang vier und bei den Frauen Rang fünf in der Nationenwertung belegte, dass die volle Mannschaftsstärke bei den Wettkämpfen bedeutet. Überraschend waren die Franzosen zweimal nur Zweite, Schweden war bei den Damen vorn, Norwegen bei den Männern. Die Gesamtsiege holte sich aber Frankreich durch Lou Jeanmonnot und Eric Perrot. Philipp Nawrath als Neunter holte die beste deutsche Gesamtplatzierung, Vanessa Voigt wurde bei den Damen 14.
Einige Talente machen aber Hoffnung, bei den Damen sind sie schon dabei, müssen sich aber noch stabilisieren. Selina Grotian (22), Julia Tannheimer (20) und Marlene Fichtner (22) haben das Zeug, wenn sie mehr Konstanz in ihre Leistung bringen, in den Spuren eine Magdalena Neuner zu wandeln. Die einstige Seriensieger war in der Loipe überlegen und wurde im Schießen immer besser. Bei den Männern sieht es mit dem Nachwuchs nicht so gut aus, Leo Pfund (22), Junioren-Weltmeister 2024 machte immerhin positiv auf sich aufmerksam. Vielleicht platzt auch bei Elias Seidl (21) oder Franz Schaser (23) der Knoten. Nur mit Erfolgen kann Biathlon die beliebteste Wintersportart bleiben.