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Kategorie: Eishockey

Eishockey zwischen Traum und Wirklichkeit

Die Saison der Deutschen Eishockey Liga kennt kaum Pausen, Hochbetrieb herrscht vor allem rund um den Jahreswechsel wenn es andere Sportarten ruhiger angehen lassen und die Fußball-Bundesliga Winterpause hat. Einen Break im Punktspielbetrieb gibt es nur im November für den Deutschland Cup, später richten sich alle Augen auf die Play-Off-Runde, die fast nahtlos in den Saison-Höhepunkt, die Weltmeisterschaft übergeht. Der Sommer ist dann ja lang genug.

Sieht danach aus, als wäre es auch schwierig, die Probleme des deutschen Eishockeys zu lösen. Der Deutschland Cup brachte wieder ein Thema auf den Tisch, das fast so alt ist wie das Profi-Eishockey hierzulande selbst. Wie viele Ausländer tun dem Sport gut? Derzeit darf jeder Verein elf Ausländer verpflichten, neun dürfen jeweils spielen. Zu viel, sagen die Experten des Sports, so können sich die deutschen Nachwuchsspieler nicht entsprechend entwickeln. Weniger geht nicht, sagen die Finanzexperten, denn Ausländer sind billiger als gute deutsche Nachwuchsspieler, die werden nämlich zur Luxusware, wenn man auf sie angewiesen ist. Da wird die Diskrepanz deutlich, das deutsche Eishockey schwebt nämlich zwischen Traum (international erfolgreich sein) und Wirklichkeit (der Nachwuchs bekommt zu wenig Einsatzmöglichkeiten). Nur absolute Top-Talente wie der jetzige NHL-Star Leon Draisaitl setzen sich durch.

Der Verband und viele Vereine sehen die Notwendigkeit, den Ausländeranteil zu reduzieren, aber die DEL blockt ab und macht wieder einmal deutlich, dass der DEB als Dachverband im Spitzensport nichts zu sagen hat, auch wenn er (noch) die Verantwortung für die Nationalmannschaft hat. Bundestrainer Toni Söderholm machte aus der Not eine Tugend, verzichtete beim Deutschland Cup auf viele Stammspieler und gab dem Nachwuchs eine Chance. Der schlug sich gut, bezwang Russland (ebenfalls eher ein Nachwuchsteam) mit 4:3 und unterlag Sieger Schweiz und der Slowakei jeweils erst in der Verlängerung (3:4 und 2:3), was Platz zwei bedeutete. Der Zuschauerzuspruch in Krefeld war ansprechend, so dass auch die DEL zufrieden sein kann, nämlich das die Nationalmannschaft Werbung für das Eishockey gemacht hat.

Dass Eishockey gegenüber dem Fußball nur in der zweiten Liga spielt, macht sich auch international bemerkbar, denn auch im Eishockey gibt es eine Champions League. Die ist allerdings keine Geldbeschaffungsmaßnahme wie im Fußball, sondern die Vereine müssen noch Geld mitbringen, wenn sie nur die ersten Runden überstehen. Die werden aus Termingründen bereits im Sommer gespielt, im Winter ist kaum mehr Zeit für Zusatzbelastungen. Da stehen nur noch die Entscheidungen an. Auch hier also Traum (attraktiver Wettbewerb mit Gewinn) und Wirklichkeit (eher zusätzliche Belastung, kaum Ruhm).

Dennoch sind die deutschen DEL-Klubs erfolgreich, München, Mannheim und Augsburg siegten sich bis ins Achtelfinale und damit in die Preisgelder. Reich werden sie dennoch nicht, aber ein Newcomer wie Augsburg macht aus der Teilnahme dennoch einen Gewinn. Die Fans feiern den Auftritt auf internationaler Bühne wie ein Weihnachtsgeschenk, machen die Spiele in der Champions Hockey League zu einem Ereignis, weil sie wissen, dass dies gegenüber den reichen Klubs wie München und Mannheim nicht mehr so schnell vorkommen wird. So sorgen die Fans aber auch dafür, dass Augsburg in der CHL als Bereicherung wahrgenommen wird, „die Stimmung ist fantastisch“, lobte CHL-Boss Martin Baumann. Auch so kann das deutsche Eishockey zum Sieger werden. Ein Traum.

Die DEL startet und Eishockey befindet sich im Aufwind

Es hat fast schon Tradition: Wenn die neue Eishockey-Saison beginnt, dann meldet sich im September meist auch der Sommer noch einmal zurück. Dennoch ist es in diesem Jahr ein bisschen was anders als früher, wenn die Deutsche Eishockey Liga ausgerechnet am Freitag, den 13., wieder ihren Spielbetrieb aufnimmt: Eishockey hat in den letzten Monaten (vor allem durch Olympia-Silber 2018 natürlich) an Anerkennung gewonnen und genießt gegenüber früher mehr Aufmerksamkeit. Dennoch bleibt ein Handicap: Eishockey ist weiterhin mehr eine Nischensportart, spielt nach wie vor in der zweiten Liga und die Jugend ist nicht leicht für den (für die Eltern) ziemlich teuren Sport zu begeistern.

Immerhin hat sich auch die DEL Gedanken gemacht, wie man die Sportfans noch mehr für Eishockey gewinnen kann. Dazu gehört, dass die geschlossene Gesellschaft der 14 Vereine im nächsten Jahr aufgelöst wird, ab 2020/2021 werden – vor allem auf Druck der Zweitligisten – Auf- und Abstieg wieder eingeführt. Das nordamerikanische System ohne Auf- und Abstieg hat von Anfang an Kritik gefunden und bleibt in Deutschland ungewöhnlich. Zudem setzt die DEL ein Zeichen für den Nachwuchs, erstmals müssen zwei Spieler der U23 auf dem Spielberichtsbogen stehen. Das hilft allerdings nur, wenn sie auch eingesetzt werden. Zumindest ist es ein Zeichen des guten Willens.

Der Auf- und Abstieg wird eigentlich auch dringend nötig, damit es in der DEL mehr Spannung gibt. Die Fronten sind, wie oft im Spitzensport, ziemlich geklärt, da die Vereine mit Geld, die mehr oder weniger den Titel unter sich ausmachen, dort die kleinen und ärmeren Vereine, die nur eine Nebenrolle spielen, ab und zu für eine Überraschung sorgen (wie Augsburg im Vorjahr mit Rang drei), ansonsten mit einzelnen Siegen gegen die Favoriten zufrieden sein müssen und nur das Ziel haben, in die Play Offs zu kommen.

Der Kreis der Favoriten ist ziemlich klein, wobei die DEL ja auch die Besonderheit hat, dass es nach 52 Spieltagen der Vorrunde erst richtig los geht, nämlich mit den Entscheidungsspielen, den Play Offs. Die ersten sechs Teams gehen direkt ins Viertelfinale, die vier Mannschaften von Platz sieben bis zehn kämpfen noch um zwei weitere Plätze. Ergo kann der Zehnte der Vorrunde rein theoretisch noch Meister werden. Theoretisch. Als Favorit Nummer 1 gilt Titelverteidiger Mannheim, der sich noch weiter verstärkt hat und mit Pavel Gross einen ausgefuchsten Trainer hat. Herausforderer ist vor allem Red Bull München (von 2016 bis 2018 ein Titel-Hattrick), mit dem impulsiven Coach Don Jackson, der zuletzt erst in der Champions League aus- und auffällig wurde. Mannheim und München haben angeblich mit rund 16 Millionen Euro auch den weitaus größten Etat, Bremerhaven gilt mit rund 5 Millionen als Armenhaus.

Mannheim und/oder München also vorn, Köln werden noch gute Chancen eingeräumt, ein bisschen auch den Eisbären Berlin, außerdem machen die Iserlohn Roosters, Grizzleys Wolfsburg, Straubing Tigers, Krefeld Pinguins, Schwenninger Wild Wings, ERC Ingolstadt, Düsseldorfer EG, Fischtown Pinguins Bremerhaven, Thomas Sabo Tigers Nürnberg und die Augsburger Panther noch mit. Das freut die Fans, denn diesbezüglich hat Eishockey ein bisschen eine Sonderstellung, die Fans sind treu, begeisterungsfähig, stimmungsvoll und größtenteils auch friedlich. Insofern lebt das Eishockey auch ohne große Aufmerksamkeit mit Zufriedenheit gewissermaßen in einer kleinen Blase. Wenn da nur nicht die Sorgen mit dem Nachwuchs wären…

Der Eishockey-Weltmeister als Vorbild

Im Profi-Sport ist meist nur von Geld und Stars die Rede. Motto: Wer das meiste Geld hat, der gewinnt. Aktuelles Beispiel im Fußball: Die reichen Klubs der englischen Premier League mischen die Konkurrenz in Europa auf. Doch es geht auch anders. Bestes Beispiel, ein Vorbild für die „Underdogs“, für die Davids im Sport ist der sensationelle Eishockey-Weltmeister Finnland. Als die Mannschaft Helsinki zum Turnier in der Slowakei verließ, da sprachen die Fans ätzend von „der schlechtesten Mannschaft aller Zeiten“. Grund: Stars der nordamerikanischen NHL sagten ab, auf weitere Stars verzichtete Trainer Jukka Jalonen freiwillig. Sein Erfolgsrezept: Der Star ist die Mannschaft. Die angeblich schlechteste kehrte als beste Mannschaft der Welt wieder zurück und wurde gefeiert.

Kurios, Finnland gewann zum WM-Auftakt gegen die NHL-Truppe aus Kanada mit 3:1 und beendete mit dem gleichen Resultat im Finale gegen die Ahornblätter das Turnier. Es war erst der dritte Titel für Finnland nach 1995 und 2011. Gefeiert wurde vor allem Kapitän Marko Anttila, der zweimal in Finale traf. Selbstverständlich war dies nicht, denn bei seinen bisherigen zwei WM-Turnieren erzielte der 2,04-m-Mann auch gerade mal zwei Treffer! Jetzt huldigten ihm die finnischen Fans, zumal Antilla einen Tag nach Gold seinen 35. Geburtstag hatte. 5,5 Millionen gratulierten ihm im Internet – genau so viele wie Finnland Einwohner hat! Antilla erzielte auch im Halbfinale das goldene Tor zum 1:0-Sieg, der Held aber war da Torhüter Kevin Lankinen und der spielt nicht in der NHL, sondern in der zweitklassigen AHL.

Finnland musste im Laufe des Turniers nur eine Niederlage in der regulären Spielzeit einstecken, zum Abschluss der Vorrunde mit 2:4 gegen Deutschland. Vielleicht hat dieses Ergebnis für beide Teams etwas bewirkt. Die Finnen erkannten, dass es ohne den letzten Einsatz und Konzentration nicht geht, das Team rückte noch enger zusammen. Die Deutschen befanden sich im Siegesrausch und wollten nach den Sternen greifen. „Jetzt ist alles möglich“, hieß es. Die Ernüchterung im Viertelfinale folgte mit dem 1:5 gegen Tschechien. Die Ursache des Ausscheidens wurde von den Spielern erkannt, „wir waren hinten nicht konsequent genug und wollten es vorne lieber spielerisch lösen“. Da war also ein Schuss Übermut dabei.

Was bei der deutschen Mannschaft blieb, ist das Selbstbewusstsein, das schon der Vorgänger von Bundestrainer Toni Söderholm (ein Finne!), nämlich Marco Sturm dem Team implantiert hatte. Kapitän Moritz Müller, NHL-Star Leon Draisaitl und das Verteidiger-Talent Moritz Seider äußerten sich gleichlautend nach dem nun eher doch enttäuschenden Ausscheiden: „Wir können es mit den Großen aufnehmen“. Deutschland spielte ja mit fünf Siegen in der Vorrunde (Niederlagen nur gegen Kanada und die USA) die beste Vorrunde aller Zeiten und darf mit einer jungen Mannschaft auf die Zukunft hoffen. Aktueller sichtbarer Erfolg ist der Sprung in der Weltrangliste von acht auf sieben und die direkte Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking.

Der Sport-Grantler hatte im Vorfeld der WM gefragt, „kann Deutschland Eishockey-Weltmeister werden?“. Die Finnen gaben die Antwort, dass auch gegen NHL-Stars ein Team ohne große Ausnahmekönner den Titel holen kann. Allerdings haben die Skandinavier ein ganz anderes Talente-Reservoir zur Verfügung als Deutschland, in der Nachwuchsarbeit fehlt es beim DEB immer noch. Aber der aktuelle Kader könnte bei ein bisschen Turnierglück und als echte Mannschaft die Aussicht auf eine Sensation haben. Die nächste Chance bietet sich vom 8. bis 24. Mai 2020 in der Schweiz, wo Deutschland in der Vorrunde in Lausanne (zweiter Spielort ist Zürich) auf Kanada, Schweden und Tschechien von den großen Nationen trifft, zu schlagen gilt es dann wie in Kosice die Slowakei, Dänemark und Großbritannien sowie Weißrussland, um den Traum weiter leben zu können.

Allerdings wird das DEB-Team bei uns nie die Begeisterung wecken können, wie es die Finnen zu Hause taten. Da hieß es einfach „ein Land dreht durch“.

Jedem David sind allerdings auch Grenzen gesetzt, so zum Beispiel in Punktrunden wie der Bundesliga, wenn es über 34 Spieltage geht. Da spielt dann eben doch das Geld und der entsprechend starke Kader eine größere Rolle als in einem kurzen Turnier. Deshalb wird ein Verein wie der FC Augsburg nie Meister werden können. Apropos Meister, lesen Sie auch den nachfolgenden Kommentar über das „Wochenende des FC Bayern München“.

Kann Deutschland Eishockey-Weltmeister werden?

Leon Draisaitl hat auf die Frage eine eindeutige Antwort: „Natürlich, wer zur Weltmeisterschaft fährt, will auch Weltmeister werden.“ Der neue deutsche Eishockey-Star blendet dabei die Realität nicht aus, sondern will nur die ganze Bandbreite der Möglichkeiten aufzeigen, nach dem Motto, wer bei Olympia die Silbermedaille gewann, kann auch Weltmeister werden. Doch von Silber bei Olympia zu Gold bei einer WM ist es mehr als nur ein Schritt. Die beiden Turniere sind nicht zu vergleichen.

Deutschland reist als Achter der Weltrangliste zur Weltmeisterschaft in der Slowakei, die am Freitag beginnt und am 26. Mai endet. Der achte Platz, sprich der Sprung ins Viertelfinale, ist auch das erste Ziel, denn das würde die direkte Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking bedeuten. Im Wege stehen in der Gruppe A Kanada (1. der Weltrangliste), die USA (4.), Finnland (5.), Gastgeber Slowakei (10.), Dänemark (12.), Frankreich (13.) und Neuling Großbritannien (22.), der erste (Aufbau-)Gegner am Samstag. Bei den Platzierungen wird deutlich, dass es vor allem gegen die Slowakei und Dänemark um Rang vier in der Vorrunde geht. Die „Großen“ Kanada, Finnland und die USA vertrauen vielfach auf NHL-Stars und schon das letzte Testspiel am Dienstag gegen die USA (2:5) zeigte, dass die Trauben hoch hängen.

Die NHL ist das Zauberwort bei einer Weltmeisterschaft, bekanntlich fehlten die Stars bei Olympia. In der Slowakei sind viele Größen dabei, so auch Russlands Top-Star Alexander Owetschkin (Washington) oder eben Leon Draisaitl. Der 23-Jährige mutierte ebenfalls zu einem Top-Star der NHL, erzielte 50 Tore für die Edmonton Oilers und gab 55 Vorlagen zu Toren und war damit zweitbester Torschütze und vierbester Vorlagengeber der Saison. Das hat noch kein deutscher Spieler geschafft. Dennoch waren die Oilers, die einst mit Superstar Wayne Gretzky den Stanley-Cup gewannen, eines der schlechtesten Teams der NHL, obwohl Draisaitl mit Kapitän Connor McDavid noch einen kongenialen Partner an seiner Seite hatte. Ähnliches könnte ihm im Nationalteam widerfahren, dass er glänzt, aber der Erfolg ausbleibt.

Oder führt er Deutschland zum Erfolg? Zwölf deutsche Spieler waren zu Saisonbeginn in der NHL dabei, gerade drei konnte der neue Bundestrainer Toni Söderholm im Team begrüßen. Neben Draisaitl sollen Verteidiger Korbinian Holzer (Anaheim Ducks) und Dominik Karhun (Chicago Blackhawks) für Stabilität sorgen. Die Hoffnungen ruhen noch darauf, dass Torhüter Philipp Grubauer nachkommt, der dann aber mit Colorado in den Play-Offs ausscheiden müsste. Im Vorjahr gewann Grubauer mit Washington als vierter deutscher Spieler den Stanley-Cup (nach Uwe Krupp 1996 und 2002, Dennis Seidenberg 2011 sowie Tom Kühnhackl 2016 und 2017). Kühnhackl sagt übrigens verletzt ab.

Der eher unbekannte Söderholm tritt ein schweres Erbe an, denn Vorgänger Marco Sturm begeisterte Spieler und Fans mit seiner offenen Art und Erfolgen, wie eben Silber bei Olympia. Der Kater kam schon bei der folgenden WM mit Platz elf. Die Jahre davor waren es Rang acht und sieben, das lässt also hoffen. Der 40-Jährige Finne kommt offensichtlich bei der Mannschaft gut an, so dass Tiefpunkte wie in den Jahren 2012 bis 2016 nicht zu befürchten sind, als Deutschland unter „ferner spielten“ abschnitt.

Mit einer Weltmeisterschaft ist für das deutsche Eishockey die Hoffnung verbunden, endlich in der Öffentlichkeit besser wahrgenommen zu werden, zum Beispiel durch Übertragungen im Free TV (Sport1). In der Entwicklung kommt der DEB aber nicht wirklich voran, obwohl von Präsident Franz Reindl oft große Sprüche und Hoffnungen zu vernehmen sind. In der Nachwuchsarbeit hakt es nach wie vor, Leon Draisaitl und der neue Kapitän Moritz Müller (Köln) fordern unisono, dass junge deutsche Spieler mehr Chancen in den Vereinen bekommen müssten. In der DEL dominieren die Ausländer, so dass Erfolge wie die Finalteilnahme der Red Bulls aus München in der Champions League Augenwischerei sind.

Aber woher kommen die vergleichsweise vielen Deutschen in der NHL? Deutsche Talente sind heute eher offen für eine Lebensveränderung als frühere Generationen von Erich Kühnhackl bis Udo Kießling oder Dieter Hegen. So ist auch hier Leon Draisaitl ein Beispiel. In jungen Jahren zog es ihn nach Kanada, dort wurde aus dem Talent ein Star. Ab 2012 spielte er im Juniorenteam der Prince Albert Raiders, zwei Jahre später wechselte er in die NHL nach Edmonton. Die beste Schule für künftige Eishockey-Cracks liegt also in Übersee und nicht in Deutschland. Folgen viele diesem Weg, kann Deutschland auch mal Eishockey-Weltmeister werden. Der DEB würde feiern, ändern bzw. bessern würde sich hierzulande aber nichts.

Die Wahrheit nach dem Handball-Märchen oder – es war einmal…

Kinder lieben Märchen, bis sie später mal erfahren, dass das alles nicht so stimmt und hinter den Märchen eine oft bittere Wahrheit steckt. Sportler lieben auch Märchen und sie wollen, dass diese Märchen nie enden mögen. Aber auch bei ihnen gibt es eine bittere Wahrheit, die wohl auch der Deutsche Handball-Bund nach dem Märchen bei der Weltmeisterschaft wieder erleben wird, egal ob das WM-Märchen mit dem Titelgewinn endet oder nicht.

Die bittere Wahrheit ist, dass die anderen Mannschaftssportarten gegen „König Fußball“ einfach nicht ankommen, dass sie zwar bei erfolgreichen Meisterschafts-Turnieren durchaus die Deutschen Sportfans wachrütteln können („Huch, es gibt ja noch etwas anderes als Fußball“), aber danach kehrt der Alltag zurück. Dann heißt es wieder „Handball, wo kann man das eigentlich schauen? Die WM war toll, aber jetzt interessiert es mich eigentlich nicht mehr.“ Es ist das alte Lied und es wird wieder neu gesungen werden, ob Handball, Basketball oder Eishockey, sie schaffen es einfach nicht, dauerhaft ins Bewusstsein der Sportfans zu gelangen. Oder nehmen wir Hockey, ein erfolgreicher Verband mit vielen Titelgewinnen. Doch wer nimmt dies wirklich wahr?

Die Wahrheit nach dem Handball-Märchen wird wieder sein, dass die Funktionäre nach Mitteln und Wegen suchen, ihre Sportart bekannter zu machen, dass sie aber nach einigen Fehlschlägen wieder resignieren und in die altbekannten Muster zurückfallen werden. Was bleibt, ist eine schöne Erinnerung an das Märchen, mehr aber auch nicht. Allerdings haben sich dies die Funktionäre zum Teil auch selbst eingebrockt, nicht nur national, im Handball vor allem auch international. Da gab es Ärger mit den Übertragungsrechten für das Fernsehen, die an einen arabischen Sender gingen, der danach zu hohe Lizenzgebühren verlangte. Da sagten ARD und ZDF in den letzten Jahren dankend ab, Handball verschwand im Pay-TV oder wurde gar nicht übertragen. Aufmerksamkeit ist so nicht zu erzielen. Die Dollar-Zeichen in den Augen verhinderten den Weitblick.

Auch das Eishockey hat dies schon mitgemacht bzw. mitgelitten. Eigentlich ist der schnellste Mannschaftssport der Welt eine attraktive Sportart, wenn auch nicht unbedingt für TV-Übertragungen geeignet. Der kleine Puck ist das Übel und alle Bemühungen, ihn auf dem Bildschirm deutlicher zu machen (mit einem Lichtpuck zum Beispiel) scheiterten. Dennoch war Eishockey im Fernsehen gut präsent, verkaufte sich nach der Gründung der Deutschen Eishockey-Liga, als der Sport mehr professionalisiert werden sollte, aber ans Pay-TV. Auch hier ging also Geld vor Vernunft. Langfristiges Denken? Fehlanzeige. Heute das Märchen, morgen das Wehklagen.

Damals war es so, dass sich ARD und ZDF in den Schmollwinkel zurückzogen und von Eishockey gar nichts mehr wissen wollten. Ein schwerer Rückschlag für die Sportart. Und als über die 2. Bundesliga die Fronten wieder aufzuweichen schienen, da waren die Vereinsfunktionäre erneut zu kurzsichtig. Es gab in den Dritten Programmen der ARD an einem Samstag am Nachmittag vier verschiedene Begegnungen der 2. Bundesliga live, die Sender waren für eine Wiederholung offen, doch die Vereine machten nicht mit. Zu strapaziös am Freitag und wieder am Samstag zu spielen, Verlegungen waren nicht möglich. Engstirnig wurde eine Chance für die Zukunft verspielt. Der Fußball lachte sich ins Fäustchen.

Und so sieht die bittere Wahrheit heute aus: Sport 1 hat zum Beispiel bei Spielen der viertklassigen Regionalliga im Fußball mehr Zuschauer als es früher bei der Handball-Bundesliga war. Und der Pay-TV-Sender Sky, der heute die Rechte an der Handball-Bundesliga hat, ist mit den Einschaltquoten nicht glücklich, sie dümpeln bei 200.000 bis 400.000 dahin. Kein Vergleich zur Weltmeisterschaft also, wo Handball die Hitlisten stürmt und den Fußball schlägt, über zehn Millionen bangten in Deutschland mit den Handball-Helden, die für ein paar Tage oder Wochen Helden bleiben werden, ob Weltmeister oder nicht. Danach gehört das Feld wieder dem Fußball. Die bittere Wahrheit nach dem Märchen. Auch im Handball wird man sich wieder erzählen: „Es war einmal…“.

Der Sturm im Eishockey hinterlässt nur Gutes

In der Natur verbreiten Stürme Angst und Schrecken, sie hinterlassen immer mehr nur Verwüstung. Im deutschen Eishockey hat der Sturm dagegen einen guten Ruf. Marco Sturm wohlgemerkt, 40-Jähriger Bundestrainer, der jetzt den Deutschen Eishockey-Bund und die Nationalmannschaft in Richtung National Hockey League (NHL) verlässt. Aus dem Bundestrainer wird ein Co-Trainer bei den Los Angeles Kings, für die er 2010/11 schon einmal spielte. Eine Aufgabe, die für ihn Sprungbrett auf dem Weg zum NHL-Cheftrainer sein soll. Der DEB will und kann ihm keine Steine in den Weg legen. Aber anders als Stürme in der Natur hinterlässt Marco Sturm für das deutsche Eishockey nur Gutes.

Der Dingolfinger und Ehrenbürger seiner Geburtsstadt geht als „Silberschmied“ in die Eishockey-Geschichte ein, weil er die DEB-Auswahl im Februar bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea zum sensationellen Gewinn der Silbermedaille führte. Da profitierten er und der Verband davon, dass die NHL-Stars bei Olympia nicht mitmachen durften. Sturm und sein Team nutzten die Gunst der Stunde und sorgten so dafür, dass Eishockey in Deutschland seinen Ruf verbesserte und vermehrt Kinder auch wieder Schlittschuhe anziehen wollen. In einem Verband, der früher eher mit Streit für Aufmerksamkeit sorgte, hinterlässt Marco Sturm also eine große Lücke. Der ewig lächelnde, freundliche und sympathische Niederbayer passte auch gar nicht zu den grantigen und selbstverliebten Funktionären um Präsident Franz Reindl.

Der DEB-Präsident, der jahrzehntelang als Sportdirektor dem deutschen Eishockey keine Impulse geben konnte, ist nach seinem Glücksgriff Sturm also wieder gefordert. Vor Marco Sturm war die Nationalmannschaft für viele Spieler eher ein notwendiges Übel als ein Aushängeschild, es hagelte bei den Nominierungen jeweils Absagen und bei Weltmeisterschaften stand nie die wirklich stärkste Mannschaft auf dem Eis. Bei Marco Sturm kamen die deutschen Stars wieder gerne, sie glaubten an eine gute Zukunft und wollten beim Aufschwung dabei sein. Jetzt aber droht wieder ein Abschwung, bei dem wieder niemand dabei sein will… Gefordert ist der Präsident, der vielleicht vor allem angesichts dieser Herausforderung eher auf den Posten des Weltpräsidenten schielt, den der Schweizer Rene Fasel in Bälde abgeben wird. Franz Reindl hat es schon immer verstanden, Mängel in seiner Arbeit durch gute Kontakte zu den für ihn wichtigen Personen zu überdecken.

Marco Sturm, der 1006 Spiele in der NHL absolvierte, aber nur 41 Länderspiele für Deutschland, weil er eben lange in Übersee lebte (allein von 1997 bis 2005 spielte er bei den San Jose Sharks, war Leistungsträger und Publikumsliebling), verabschiedet sich am Wochenende beim Deutschland-Cup in Krefeld. Erst vor einem Jahr ist er mit seiner Familie von Florida (wo er zuletzt spielte) nach Niederbayern umgezogen, aber Sohn und Tochter sind nicht richtig heimisch geworden. Da kommt ein Umzug nach Kalifornien wie gerufen. Kings-Cheftrainer Willie Desjardins ist ein alter Wegbegleiter des Deutschen. Mal sehen, ob Marco jetzt auch die NHL im Sturm erobert.

Für seine Nachfolge in Deutschland werden einige Namen gehandelt, doch ob die Wunschkandidaten zur Verfügung stehen, ist eine andere Frage. So wird es für die Weltmeisterschaft im Mai 2019 in der Slowakei wohl eine Interimslösung geben, sich also ein Vereinstrainer dem Nationalteam annehmen. Favorit für die Zukunft könnte der ehemalige Stanley-Cup-Sieger Uwe Krupp sein, der schon einmal erfolgreich als Nationaltrainer gearbeitet hat und derzeit bei Sparta Prag glänzt. Pavel Gross (Mannheim) oder Harold Kreis (Düsseldorf) sind Kandidaten als Helfer im Mai. Eine Lösung für die Zukunft sind sie wohl eher nicht. Menschenfänger wie Marco Sturm sind sie alle nicht.

Eishockey: Nach Silber jetzt Gold oder Blech?

Es war im Februar, als Deutschland ein bisschen eishockeyverrückt wurde, als die deutsche Nationalmannschaft bei Olympia in Südkorea sensationell die Silber-Medaille holte – der größte Erfolg aller Zeiten. Doch der Boom ist abgeflaut und auch vor der Eishockey-Weltmeisterschaft, die am Freitag, 4. Mai (bis 20. Mai), in Dänemark beginnt, ist keine erhöhte Temperatur zu beobachten. Das hat natürlich seine Gründe, die der Sport-Grantler schon vor einem Jahr in seinem Kommentar „Warum Eishockey in Deutschland keine Zukunft hat“ (6. Mai 2017) dargelegt hat.

Dennoch werden die Sportfans vermehrt auf das Abschneiden des DEB-Teams schielen, weil sie wissen wollen, ob die Silber-Medaille nur ein positiver Ausrutscher war oder ob es mit dem deutschen Eishockey tatsächlich aufwärts geht. Im Raum steht die Frage, gibt es nach Silber jetzt vielleicht Gold oder bleibt am Ende nur Blech? Da ist auch Bundestrainer Marco Sturm, der „Macher“ des Eishockey-Wunders, betont vorsichtig: „Die WM kann man mit Olympia nicht vergleichen.“

Da hat er natürlich recht, wie will man einem Eishockey-Experten und ehemaligen NHL-Profi auch widersprechen. Bei Olympia nutzte die deutsche Auswahl bekanntlich die Gunst der Stunde, weil die NHL-Profis alle fehlten und die Favoriten in unterschiedlichem Maße geschwächt waren. In Dänemark sind viele Stars wieder dabei, wenn natürlich auch nicht alle, denn traditionell geht in Nordamerika der Kampf um den Stanley Cup jetzt erst in seine entscheidende Phase. Nur die Verlierer sind bei der Weltmeisterschaft dabei, aber das kennen wir ja. So kann auch Marco Sturm auf NHL-Stars zurückgreifen, allen voran auf Jung-Star Leon Draisaitl (Edmonton), aber auch auf Dennis Seidenberg (New York Islanders) und Korbinian Holzer (Anaheim Ducks). Dafür fehlen ihm aber eine Reihe von Silber-Helden, die zum Teil nach Olympia ihre Karriere beendet haben, wie Kapitän Marcel Goc und Fahnenträger Christian Ehrhoff. Insgesamt musste Sturm rund ein Dutzend Absagen aus unterschiedlichen Gründen hinnehmen. Die WM-Mannschaft wird also nicht das Silber-Gesicht haben.

Es ist wie immer vor einer Weltmeisterschaft, Deutschland gehört auch in Dänemark zu den Außenseitern, ein erneuter Medaillengewinn wäre wieder eine Sensation. Das Ziel heißt zunächst einmal Viertelfinale, das muss der Weltranglisten-Siebte auch ansteuern und sollte gegen die Gruppengegner Dänemark (4. Mai), Norwegen (6.), USA (7.), Südkorea (9.), Lettland (12.), Finnland (13.) und Kanada (15.) auch möglich sein. Ein vorzeitiges Ausscheiden würde gleich wieder einen Schatten werfen, nach dem Motto „haben wir es doch gewusst, Olympia war reiner Zufall“.

Sollten in Dänemark der Spaß und der Erfolg fehlen, dann könnte dies auch die Zukunft des DEB-Teams gravierend beeinflussen, weil sich nämlich Trainer Marco Sturm dann wohl verstärkt Gedanken über seine Zukunft machen würde. Der 39-jährige hat zwar einen Vertrag bis 2022 unterschrieben, aber einem vorzeitigen Abschied würde der Verband kaum im Wege stehen. Sturm hat eines klargestellt: Sein Traum, sein Ziel ist eine Trainertätigkeit in der Profi-Liga NHL in Nordamerika. Sein Haus in Florida wartet auf ihn, seine Familie kann sich ein Leben in Übersee gut vorstellen. Die Frage ist, welches Abschneiden führt eher zu einem Abschied von Sturm: Der Erfolg, dann würde Sturm als Trainer für andere noch interessanter werden, oder der Misserfolg, dann würde Sturm wohl über einen Abschied nachdenken, weil er eine ungewisse Zukunft sieht. Eishockey wird in Deutschland nie ganz in den Vordergrund rücken, wie sie es im Verband erträumen. Gold oder Blech – beides kann für den Deutschen Eishockey-Bund zu einem Problem werden.