Der Sport – Grantler

Kommentare rund um Fußball und anderen Sport

Kategorie: Fußball-WM

Seltsam: Alle wollen nach Russland!

 

Russland hat sicherlich beeindruckende Städte und landschaftliche Schönheiten zu bieten, aber als Traumziel werden es nur wenige angeben. Eher heißt es: „Russland? Nein, danke.“ Sportlich geriet Russland zuletzt vor allem durch die Dopingaffären ins Zwielicht. Da wird es Präsident Putin freuen, wenn Russland plötzlich zum Traumziel auserkoren wird. In Europa beginnt die Qualifikation für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 und die findet bekanntlich in Russland statt. Also: Alle wollen nach Russland!

Sechs Kontinentalverbände weist die FIFA auf, Europa ist beim Start in die WM-Qualifikation das Schlusslicht. In Afrika, Südamerika, Nord- und Mittelamerika, Asien und Ozeanien wird bereits gespielt. In Europa fällt der Startschuss am Sonntag, 4. September. 54 Länder spielen in neun Sechsergruppen, die neun Gruppensieger sind direkt qualifiziert, die acht besten Gruppenzweiten haben in Play-Offs noch die Chance auf vier weitere Plätze.

Schlagerspiele sind in den neun Gruppen an den Fingern einer Hand abzuzählen. Nur zweimal treffen sogenannte „Große“ aufeinander: In der Gruppe A duellieren sich Frankreich und die Niederlande, in der Gruppe G sind es Spanien und Italien. Der frischgebackene Europameister Portugal trifft in der Gruppe B auf die Schweiz und Ungarn, Weltmeister Deutschland ist in der Gruppe C Favorit gegen Tschechien, Norwegen und Nordirland, die Gruppe D gilt mit Österreich, Wales, Serbien und Irland als ziemlich ausgeglichen, Polen will sich in der Gruppe E gegen Dänemark und Rumänien qualifizieren, England und Schottland treffen in der Gruppe F aufeinander, Belgien bekommt es in der Gruppe H mit Griechenland und Bosnien-Herzegowina zu tun, während Kroatien und die Türkei in der Gruppe I das EM-Überraschungsteam Island nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Wir sehen also, dass die EM die WM-Qualifikation ein bisschen interessanter gemacht hat. Erst am 10. Oktober 2017 werden die letzten Gruppensieger feststehen. Davor muss sich Russland schon im Sommer 2017 beim Confed-Cup der Kontinentalsieger als Organisator bewähren.

Naturgemäß werden die Augen vor allem auf Weltmeister Deutschland gerichtet sein und Bundestrainer Joachim Löw lässt keine Zweifel daran, dass die erfolgreiche Titelverteidigung das erklärte Ziel ist. Titel fallen einem allerdings nicht in den Schoß, da bedarf es manchmal auch glücklicher Umstände, wie sie Deutschland bei der WM 2014 in Brasilien hatte oder Portugal bei der EM 2016. Was Deutschland angeht, da deutete ein holprige EM-Qualifikation schon darauf hin, dass der WM-Glanz ein bisschen verblasst war. Fünf WM-Helden haben inzwischen ihren Rücktritt erklärt, zwangsläufig muss Löw zumindest in Teilen eine neue Mannschaft aufbauen. Da wird die Qualifikation auch gegen Gegner, die nicht unbedingt zur ersten Klasse gehören, Fingerzeige geben können. Härtere Proben soll das DFB-Team dann eher in Freundschaftsspielen bestehen und beim Confed-Cup sollen die Stars geschont werden und Talente ihre Bewährungsprobe erhalten.

Besonders spannend ist die WM-Qualifikation in Südamerika. Dort kämpfen zehn Nationen in einer Gruppe um vier feste Plätze, der Fünfte hat noch die Qualifikationschance gegen den Vertreter aus Ozeanien. Die Qualifikation begann mit Überraschungen, nach sechs Spieltagen liegen Uruguay und Ecuador mit 13 Punkten gleichauf, Argentinien folgt mit 11 Punkten erst dahinter vor Chile (10), Kolumbien (10) und Brasilien (9), das derzeit ausgeschieden wäre. Argentinien feierte zuletzt trotzdem, weil Superstar Leonie Messi vom Rücktritt zurücktrat und doch wieder das Nationaltrikot tragen wird. Brasilien schöpft aus dem Olympiasieg neue Hoffnung. Endlich wieder ein Erfolgserlebnis, das Mut geben sollte. Bisher verlief die Qualifikation mutlos, die mit einer 0:2-Niederlage in Chile begann und neben Remis mit einem 3:1 gegen Schlusslicht Venezuela (1 Punkt) nur einen Sieg brachte. Mit Olympia-Gold sollen wieder goldige Zeiten anbrechen! Russland brachte mit der Doping-Affäre einen Schatten auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro, eine WM ohne Brasilien würde einen Schatten auf die WM in Russland werfen!

Fußball-WM und Olympia: Das Ende für Großveranstaltungen?

Nicht nur der Terrorakt von Paris wirft Fragen auf, aber er verstärkt die Angst vor der Zukunft des Spitzensports. Wir müssen uns heute in aller Welt die Frage stellen, ob das Ende für Großveranstaltungen wie Fußball-Welt- und –Europameisterschaften sowie Olympische Spielen gekommen ist. Zum einen macht der zunehmende Terror auf der ganzen Welt solche Ereignisse zu einem Risiko für alle Beteiligten, zum anderen schafft sich der Spitzensport durch Doping, Korruption, Schiebungen und ungleichen finanziellen Bedingungen fast selbst ab. In einem November, der zumindest im Süden Deutschlands wie ein Frühling war, kommt die übliche November-Tristesse im Sport auf.

Der Terror von Paris, der am Rande des Fußball-Länderspiels Frankreich – Deutschland die Stadt erschütterte und das Millionen-Spiel zum Randereignis werden ließ, wirft Schatten auf die Zukunft, nicht nur auf die Europameisterschaft 2016 in Frankreich. Die Terroristen haben ein Ziel erreicht: Nicht nur Frankreich, die ganze Welt ist verunsichert. Fans werden sich fragen, ob sich noch zu solchen Großereignissen reisen können, Sportler, Funktionäre und Besucher werden mit drastischen Sicherheitsmaßnahmen leben müssen. Der Spaß bleibt auf der Strecke.

Das gleiche gilt auch für Olympische Spiele, die von solchen Terrorakten ebenso betroffen sind und bei denen der Überfall auf israelische Sportler 1972 in München den Anfang des Terrors im Sport genommen hat. Es waren bis dahin heitere Spiele, aber danach war nichts mehr wie es einmal war. Jetzt sind wir fast an einem Punkt angelangt, wo bald nichts mehr geht. Es steht die Frage im Raum, ob es überhaupt möglich ist, Großveranstaltungen noch zu organisieren. Das Gegenargument: Der Terror darf das nicht verhindern!

Der Terror ist das größte, aber nicht das einzige Problem für Großveranstaltungen. So wird die Bevölkerung immer kritischer im Umgang mit dem Gigantismus und wittert zum Beispiel hinter der Austragung von Olympischen Spielen eher ein Gewinnstreben von Verbänden und Wirtschaft. In München haben sie sich schon gegen Olympia entschieden, in Hamburg wird in zwei Wochen die Bevölkerung zur Abstimmung aufgefordert: Soll sich Hamburg für Olympia 2024 bewerben, ja oder nein. Der Ausgang gilt als ungewiss. Die nächsten Sommerspiele finden 2016 in Rio de Janeiro statt, aber die Bevölkerung in Brasilien sieht diese Veranstaltung mit Skepsis. Schon bei der Fußball-WM wurden Versprechungen nicht eingehalten.

Die Verfehlungen der Funktionäre gefährden aber ebenso die Zukunft des Spitzensports. Es gibt fast keinen Verband mehr, in dem nicht über Korruption und Schiebungen, über Vertuschung von Doping oder sonstiges gehadert wird. Bezeichnend die Aufdeckung des flächendeckenden Dopings in Russland und die Sperre des nationalen Leichtathletik-Verbandes. Bezeichnend der Skandal im Fußball-Weltverband FIFA und die Aufdeckung beim Deutschen Fußball-Verband, dass es ohne Schmiergelder halt doch keine WM 2006 in Deutschland und damit kein Sommermärchen gegeben hätte.

Allerdings gibt es ein Argument für die Funktionäre, nicht nur in Deutschland, aber vor allem in Deutschland. Es haben eigentlich schon immer „alle“ gewusst, dass man ohne Schmiergelder keine Großveranstaltungen bekommt, es haben schon immer „alle“ gewusst, dass es im Sport Doping gibt und quasi jeder Sieg, vor allem in Ausdauersportarten, mit Vorsicht zu genießen ist. (Siehe auch der Sport-Grantler vom 22. Oktober: Fußball-WM und Olympia: Ohne Geschenke geht gar nichts). Am liebsten hätte „alle“ immer den Mantel des Schweigens über die Geschehnisse gebreitet. Die allgemeine Auffassung: Wenn es jeder macht, warum soll man dann Einzelne an den Pranger stellen. Motto: Wo kein Kläger ist, gibt es auch keinen Angeklagten. Inzwischen gibt es genügend Kläger und „alle“ wollen mit dem, was sie früher eigentlich gewusst haben, nichts mehr zu tun haben.

Die Zukunft des Spitzensports stellt sich so trüb dar wie ein nebliger November.