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Kategorie: Leichtathletik-WM

„Königin“ Leichtathletik in Not

Zunächst feiert die Leichtathletik erst einmal Festtage. Vom 4. bis 13. August finden in London die Weltmeisterschaft statt, ein Fest der Leichtathletik, vor allem auch in Erinnerung an die Olympischen Sommerspiele 2012 in der englischen Metropole. Olympia ist jedes Mal ein Fest für die Leichtathletik, denn sie gilt nach wie vor als das „Herz der Spiele“, doch „Königin“ Leichtathletik ist Not. Dies weltweit, vor allem aber in Deutschland.

Bei Weltmeisterschaften werden meist neue Stars geboren oder Stars gekrönt, dieser Segen übertüncht die maroden Bruchstellen des Sports. In London wird der Wehmut besonders groß sein, weil mit dem Super-Sprinter Usain Bolt aus Jamaika der Star schlechthin sein letztes Rennen bestreiten wird. Auch Langstrecken-König Mo Farah will seine Karriere beenden. Beiden konnte nie etwas nachgewiesen werden, aber unterschwellig schwang bei allen großen Leistungen die Frage mit, „und das geht ohne Doping?“. Bolt blieb immer der Strahle- und Saubermann, auch wenn um ihn herum Mannschaftskameraden des Dopings überführt wurden.

Doping ist das eine Problem der internationalen Leichtathletik, Korruption das andere. Zwar werden jetzt die Gerichte über das Treiben des langjährigen IAAF-Präsidenten Lamine Diack entscheiden, doch die verbrecherischen Taten des Senegalesen, der von 1999 bis 2015 regiert und in die eigene Tasche und die seiner Familie und Freunde gewirtschaftet hat, wird noch lange Schatten auf den Sport werfen. Er brachte es tatsächlich fertig, Dopingsünder zu erpressen und gleichzeitig damit die Tür für Doping zu öffnen. Der neue Präsident, der einstige Mittelstrecken-Star Sebastian Coe, kämpft einen vergeblichen Kampf gegen das Doping-Unwesen, auch wenn die Fahnder vor allem mit nachträglichen Entdeckungen von Medaillengewinnern Olympischer Spiele Erfolge erzielen konnten. So stehen Nationen wie Russland und Kenia am Pranger. Mit dem Problem steht die Leichtathletik nicht allein, aber sie leidet.

Die Probleme gehen auch nicht aus. So sorgte erst kürzlich eine Studie für Aufsehen, dass Frauen mit hohem Testosteronspiegel im Vorteil sind. Der Weltverband selbst gab zusammen mit der Welt-Anti-Doping-Agentur die Studie in Auftrag. Ergebnis: Vor allem über 400 und 800 Meter, 400 m Hürden sowie im Hammerwurf und Stabhochsprung haben Frauen mit einem hohen Testosteronspiegel einen Wettbewerbsvorteil. Sind die Zeiten der Olympiasiegerin Caster Semenya aus Südafrika bald vorbei, der man ja männliche Attribute nachsagt? Ein neues Feld also im Kampf um Gerechtigkeit, ein neues Problem für die Leichtathletik.

Dabei dürfen ja die Athleten froh sein, wenn sie noch Stadien finden, in denen sie ihrem Sport nachgehen können. Gut, die kleinen Stadien werden nicht aussterben, aber die Austragungsorte für publikumsträchtige Veranstaltungen wie die Weltmeisterschaft werden immer weniger, „König“ Fußball bringt die „Königin“ Leichtathletik nämlich in Not. Der Fußball will keine Laufbahnen mehr um den gepflegten Rasen, weil die Zuschauer zu weit weg sitzen. So verschwand in Deutschland zum Beispiel im einstigen Neckarstadion in Stuttgart die Laufbahn. Dort feierte die Leichtathletik bei der WM 1993 einst ihr größtes Fest mit einem Rekord von 585.000 Zuschauern. Die heutige Mercedes-Benz-Arena ist ein reines Fußball-Stadion. Das will Bundesligist Hertha BSC auch aus dem Olympiastadion in Berlin machen oder eben einen Neubau eines Fußball-Stadions. Die Leichtathletik allein kann aber eine Arena wie das Olympiastadion nicht auslasten. München behilft sich im Olympiastadion von 1972, dem wohl immer noch schönstem Stadion der Welt, mit Pop-Konzerten und anderen Veranstaltungen. Fünf Jahre lang gab es statt dem Rasen eine Betonfläche für Autorennen! Und – welcher Schock – auch der traditionsreiche Letzigrund in Zürich könnte dem Fußball geopfert werden, die Fußballer fordern „weg mit der Laufbahn“.

Keine Stadien mehr, keine Stars – die Leichtathletik mutiert von der „Königin“ zum „Bettler“. In Deutschland ist der Stolz Olympias fast nur noch ein Nischensport, kein Publikumsmagnet mehr, auch weil die großen Stars früherer Zeiten fehlen. Eine handvoll Medaillen, größer sind die Zielsetzungen für die WM nicht. Für Schlagzeilen sorgten zuletzt allein die Diskus-Brüder Harting, wo Robert reihenweise Medaillen holte, Christoph als Olympiasieger in Rio aber vor allem als Hampelmann bei der Siegerehrung auffiel. Hoffnungsträger ist auch Speerwerfer Thomas Röhler, ebenfalls Olympiasieger 2016. Aber er gehört eher zu den stillen Stars. Die Zeiten eines Armin Hary, Manfred Germar, Martin Lauer oder einer Heide Rosendahl oder Ulrike Meyfarth sind vorbei, den Mädchen Konstanze Klosterhalfen auf den Mittelstrecken und der Sprinterin Gina Lückenkemper wird zugetraut, der Leichtathletik wieder ein Gesicht zu geben. Immerhin übertragen ARD und ZDF ausführlich und im Abendprogramm über die Wettbewerbe in London. Für ein paar Tage wird die Leichtathletik im Mittelpunkt stehen, ob das der Start in eine bessere Zukunft sein kann, ist aber fraglich – national als auch international.

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Leichtathletik-WM: Doping-Schatten über dem Vogelnest

Einst wurde die Leichtathletik als die „Königin der Olympischen Sommerspiele“ geadelt. Doch inzwischen ist der Lack ab. Im internationalen Sport nimmt die Leichtathletik keine Spitzenstellung mehr ein, neue, moderne Sportarten haben ihr den Rang abgelaufen, auch wenn sie – allein schon vom Umfang her – ein Herzstück Olympias bleiben wird. Aber die Leichtathletik kämpft derzeit auch um ihren guten Ruf und es stehen entscheidende Tage an: Die Weltmeisterschaft in Peking vom 22. bis 30. August. Allerdings liegen Doping-Schatten über dem Vogelnest.

Laufen, Springen, Werfen – die Leichtathletik gehört zum Ursprung des Sports. Sie war populär, weil jedes Kind irgendeine Disziplin im eigenen Garten ausführen konnte. Laufen, Springen, Werfen gehören zu den normalen Bewegungsabläufen. Über Jahrzehnte hinweg gab es keine Nachwuchssorgen, doch das ist heute anders. Laufen, Springen, Werfen machen die Kids nicht mehr selbst, sondern höchstens noch am Computer. Folge zum Beispiel in Deutschland: Der Nachwuchs fehlt. Da hat die Leichtathletik die gleichen Sorgen wie alle anderen Sportarten mit Ausnahme des Fußballs.

Eine Weltmeisterschaft könnte wieder für Begeisterung sorgen, doch wenn solche Schatten wie diesmal über der WM von Peking liegen, dann kann von einer wirksamen PR nicht mehr gesprochen werden. Nicht nur der Smog Pekings liegt bleiern über dem Vogelnest genannten Olympiastadion von 2008, sondern vor allem der Doping-Schatten drückt auf die Stimmung. Deutsche und britische Journalisten haben einen Doping-Sumpf aufgedeckt, immer neue Vorwürfe kommen ans Tageslicht. Vor allem russische Sportlerinnen und Sportler scheinen betroffen zu sein, nach den Recherchen soll ungefähr ein Drittel aller WM- und Olympia-Medaillengewinner von 2001 bis 2012 dopingverdächtige Werte gehabt haben! Und der Weltverband IAAF schwieg dazu! Ähnlich wie beim Radsport heißt es wohl: Einmal kommt alles ans Tageslicht.

Zweikampf Coe gegen Bubka

Da passt es, dass in Peking auch eine neue Ära im Leichtathletik-Weltverband anbrechen soll. Der Senegalese Lamine Diack, immerhin schon 82 Jahre alt, tritt nach einer 16 Jahre dauernden und von Korruption und wenig Fortschritt geprägten Präsidentschaft endlich zurück. Kandidaten für seine Nachfolge, die am 19. August gewählt werden, sind zwei Ex-Weltrekordler: Der Brite Sebastian Coe (58 Jahre), einst der weltbeste Mittelstreckler, und Sergej Bubka (51), einst Überflieger im Stabhochsprung. Coe gilt als Favorit, aber sein Kontrahent aus der Ukraine hat einen perfiden, aber für Präsidentschaftskandidaten üblichen Plan offengelegt: Er verspricht vor allem den afrikanischen Staaten großzügige Unterstützung, unter anderem Neubauten für Verbände. Da sind ihm viele Stimmen sicher.

Doping, Korruption, Smog – wo bleibt der Sport? Er gerät bekanntlich überall immer mehr ins Hintertreffen, ist nur noch ein Mittel zum Zweck. Das Geschäft zählt. Die Athleten werden sich nicht beeindrucken lassen und um Gold, Silber und Bronze kämpfen und hoffen, dass die Kontrahenten auch wirklich sauber sind. Der Sport-Grantler wartet auf ein Wunder, auf das Wunder, dass ein Sieger hinterher gesteht, „ich nehme die Medaille nicht an, ich habe mich gedopt. Ich wollte nur die Freude eines Sieges auskosten“. Kann es so etwas geben? Na gut, der Sport-Grantler glaubt ja auch an Märchen…

Auch die deutschen Athleten greifen nach Gold, Silber und Bronze, vor allem die Werfer tragen hier die Hoffnungen. Für sie kann man fast die Hand ins Feuer legen, denn in keinem anderen Land wird wohl so streng kontrolliert wie in Deutschland. Kein Wunder, dass die DLV-Athleten auch mangelnde Chancengleichheit beklagen.

Kann man dann bei einer Weltmeisterschaft wirklich noch von einem Fest reden?

Peking wird es egal sein. Die Erinnerungen an die Olympischen Spiele 2008 werden geweckt, das Vogelnest wieder einmal zum Leben erweckt und die Leichtathletik-WM ist ja jetzt nur noch ein Zwischenspiel auf dem Weg zu den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking. Dann wird im Vogelnest bei der Eröffnungsfeier wohl vor allem getanzt… Für pure Freude gibt es im Bezug auf Peking zu viele Schatten.