Der Sport – Grantler

Kommentare rund um Fußball und anderen Sport

Stress-Test vor den Stress-Monaten

Die Fußball-Bundesliga hatte einen guten Start in die neue Saison. Die ersten vier Spieltage brachten begeisternden Fußball, tolle Aufholjagden und viel Spannung. Aber jetzt geht es erst richtig los. Die Fußball-Fans kommen in den nächsten Monaten auf ihre Kosten, allerdings könnte schon bis zur Weltmeisterschaft im November/Dezember ein hoher Grad an Sättigung eintreten. Quasi jeden Tag Fußball, das ist selbst für die Harten unverdaulich.

Den ersten Stress-Test vor den Stress-Monaten gab es bereits in diesen Tagen. Der FC Bayern wurde von Gladbach gestresst, musste an seine Grenzen gehen und rettete gerade noch ein Pünktchen beim 1:1, weil sich vor allem Torhüter Yann Sommer (Rekord mit 19 Paraden) und seine Vorderleute sich als Gladbach-Wand gegen eine Niederlage stemmten. Eigentlich wäre Erholung nötig, ein bisschen gab es die beim vereinsinternen Familienfest am Sonntag, aber jetzt geht es Schlag auf Schlag weiter. Am Mittwoch wird die Pokalpartie bei Viktoria Köln nachgeholt, danach gibt es bis Ende September und dann im Oktober und anfangs November fast jede Woche Champions League (CL). Den ersten Stress-Test hat auch der 1. FC Köln hinter sich, der in die Qualifikation zur Conference League musste und den Test in Ungarn bestand. Köln spielt jetzt am 8. September in Nizza (Trainer Lucien Favre), außerdem gegen Partizan Belgrad und FC Slovacko. In der Europa League sind Union Berlin (Gegner Saint-Gilloise, Sporting Braga und Malmö FF) und der SC Freiburg (Qarabag Agdam, Olympiakos Piräus, FC Nantes) gefordert. Willkommen in den Stress-Monaten.

Für den Stress sorgt die WM, das Europa-Programm musste deshalb verdichtet werden. Die Spieler stöhnen, die Trainer schimpfen. Vor-Grantler ist Jürgen Klopp, der nicht müde wird, das unzumutbare Programm anzuprangern, wobei die Engländer quasi gar keine Erholungspausen bekommen. Er bringt es auf den Punkt: „Die Besten sollten nicht alle drei Tage auf dem Feld sein müssen, weil das der Körper einfach nicht mitmacht. Wohin das führt? Gegen die Wand. Es können nicht ständig neue Wettbewerben erfunden werden und die Turniere immer größer werden, nur wegen dem Geschäft. Da muss sich etwas ändern.“

Die CL verspricht aber für die deutschen Klubs und Fans spannend zu werden. Vor allem die Rückkehr der abgewanderten Torjäger war der Clou der Auslosung. Bayern gegen den FC Barcelona mit Robert Lewandowski, der auch beim neuen FCB in alter Manier trifft, und Dortmund gegen Manchester City mit Erling Haaland, der bereits die Torjägerliste der Premier League mit sechs Treffern anführt. Das kann ja heiter werden. Die Bayern treffen noch auf Inter Mailand (auch ein Brett) und Viktoria Pilsen, Dortmund auf FC Kopenhagen und FC Sevilla. Bayer Leverkusen bekommt es mit Atletico Madrid, FC Porto und Club Brügge zu tun, RB Leipzig mit Celtic Glasgow, Real Madrid und Schachtjor Donezk, Europa-League-Champion Eintracht Frankfurt mit Sporting Lissabon, Tottenham Hotspur und Olympique Marseille. Schwere, aber durchaus machbare Gruppen. Am 6. September geht es los.

RB Leipzig und Bayern München müssen bereits in dieser Woche ran, sie müssen ihre Spiele im DFB-Pokal nachholen, weil sie sich beim ursprünglichen Termin um den Supercup duellierten. Beide Begegnungen haben Besonderheiten. Viertligist Teutonia Ottesen darf auf heimischen Kunstrasen nicht spielen und suchte vergeblich in der Nähe von Hamburg ein Stadion. Es ging bis ins über 300 km entfernte Dessau, doch dort wurde der Rasen offensichtlich aus Protest gegen die ungeliebten Leipziger, verunstaltet. Nun wird am Dienstag in Leipzig gespielt. RB will den Amateuren dabei finanziell unter die Arme greifen. Prima! Viktoria Köln hat es leichter, spielt am Mittwoch im Rhein-Energie-Stadion vor 50.000 Zuschauern, wo sonst der „effce“ beheimatet ist. Viktoria hat außerdem eine „Münchner Woche“: In der 3. Liga gab es am Samstag ein 1:1 gegen Spitzenreiter 1860 München, jetzt folgen die Bayern. Die sind natürlich noch eine ganz andere heiße Nummer. Vor allem deshalb, weil sie in dieser Saison endlich auch mal wieder im Pokal erfolgreich sein wollen, der Meistertitel allein ist ihnen zu wenig. Die letzten Jahre waren die Bayern frühzeitig gegen Kiel und Mönchengladbach (0:5!) gescheitert. Aber das Spiel ist ein Stress-Test vor den Stress-Monaten, in denen für die Trainer Rotation angesagt ist, ohne den Erfolg zu gefährden.

Ende des Wechseltheaters

Zum Stress-Test für manche Vereine werden die letzten Tage der Wechselfrist. Die endet in diesem Jahr ausnahmsweise am Donnerstag, 1. September (und nicht wie gewohnt, das ist sogar Journalisten entgangen, am 31. August). Auf jeden Fall werden die meisten froh sein, dass das Wechseltheater zu Ende ist. Oft wird ja bis zur letzten Sekunde gefeilscht und manchmal geht das Fax oder die Mail auch Sekunden zu spät raus. Froh wird Gladbach sein, denn Yann Sommer hat signalisiert, dass er bleibt. Auch Kamada hat sich zu Eintracht Frankfurt bekannt. Dagegen gibt es Ärger in Stuttgart, weil der VfB in Sachen Abgang von Torjäger Sasa Kalajdzic in der Luft hängt. Der Spieler bat am Wochenende um eine Pause, sucht einen neuen Verein. Es könnte Wolverhampton in England sein. Einen Klub gefunden hat offensichtlich Schalkes Abwehrspieler Thiaw, der für zehn Millionen Euro zum AC Mailand gehen wird. Doch damit hört der Stress für Schalke nicht auf, denn der Verein braucht Ersatz. Auch andere Klubs (z. B. Hertha, FCA) wollen noch aktiv werden, sie suchen Verstärkungen. Die Stunden ticken unerbittlich runter…

Auf dem Transfermarkt tätig werden vor allem Vereine, die mit ihrem Saisonstart nicht zufrieden sind, eben Hertha BSC Berlin. Der FC Augsburg wiederum leidet vor allem unter großem Verletzungspech. Das muss man beim bisherigen Abschneiden berücksichtigen, aber im Kampf gegen den Abstieg zählt jedes Spiel. Da ist vor allem das nächste Wochenende interessant. Schlusslicht Bochum (wie Hertha, Schalke und Wolfsburg noch ohne Sieg, aber ohne Punkt) erwartet Mitaufsteiger Bremen. Werder ist aber wesentlich besser gestartet, bietet scheinbar immer spektakuläre Spiele, nach der Aufholjagd in Dortmund lief es jetzt beim 3:4 gegen Frankfurt aber umgekehrt. In Sachen Abstiegskampf treffen Augsburg und die Hertha am Sonntag (15.30 Uhr) aufeinander. Im Vorjahr blieb der FCA sieglos (0:1, 1:1), auch jetzt würden die Berliner wichtige Zähler brauchen. Auch die Partie Stuttgart – Schalke steht im Zeichen des Abstiegs, beide zeigten durchaus gute Ansätze, blieben aber ohne Sieg.

Ungeschlagen sind mit den Bayern, Union, Gladbach und Köln (!) vier Mannschaften. Die größte Überraschung sind dabei die „Eisernen“, die trotz Abgängen von wichtigen Spielern Jahr für Jahr eisern erfolgreich bleiben. Es scheint, sie verkaufen Spieler und werden trotzdem besser. Die Tiefstapelei, von wegen Kampf gegen den Abstieg, muss aber ein Ende haben. Jetzt kommen die Bayern, wieder ein Schlagerspiel, wieder Erster gegen Zweiter, beide zehn Punkte, wobei sich die Münchner von den Vorjahressiegen (5:2, 4:0) nicht blenden lassen sollten. Union hat mit Becker (vier Tore) und Siebatcheu ein schnelles Angriffsduo, das weh tun kann. Die Spannung in der Liga sorgt für Aufmerksamkeit, vielleicht aber auch Stress bei den Fans.

Keinen Stress hat bisher die Bundesliga der Frauen, die startet erst am 16. September. Der Terminplan ist allerdings ein bisschen seltsam. Nach dem Ende der Europameisterschaft begannen die Saison-Vorbereitungen der Vereine, doch die wird durch weitere Spiele der WM-Qualifikation unterbrochen. Das ist keine attraktive Konstellation für den Sport. So ist auch fraglich, ob sich die Euphorie rund um die deutsche Mannschaft fortsetzen wird. Die Gegner sind nicht so attraktiv, einmal müssen die Schützlinge von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, die die Tabelle mit 23 Punkten vor Serbien (18) anführen, zur endgültigen Qualifikation noch gewinnen. Zuerst wird am Samstag (14.45 Uhr) in der Türkei gespielt, dann am Dienstag, 6.9. (18.30 Uhr) bei Schlusslicht Bulgarien. ARD und ZDF übertragen beide Spiele live, die TV-Einschaltquoten werden mit der EM nicht vergleichbar sein. Die Bundestrainerin setzt mehrheitlich auf die EM-Lieblinge, allerdings gibt es Ausfälle. Bei Torhüterin Ann-Katrin Berger ist eine Krebserkrankung wieder ausgebrochen, Martina Hegering fehlt wegen einer Fußverletzung und Giulia Gwinn musste wegen Knieproblemen absagen.

Ein weiteres sportliches Großereignis steht außerdem in dieser Woche in Deutschland bevor, am Donnerstag, 1. September, beginnt die Basketball-Europameisterschaft. Deutschland träumt von einem Medaillengewinn. Mehr in einem eigenen Blog in dieser Woche.

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Vorbild München 1972 und Vorbild München 2022! Das IOC muss sich ändern!

Ein berauschendes Fest, das keiner so vom Sport erwartet hatte, ist am Sonntag in München zu Ende gegangen. Die European Championships 2022 (EC) waren mehr als nur Europameisterschaften von neun Sportarten, es waren kleine Olympische Spiele mit begeisternder Atmosphäre, mit etablierten und jungen Sportarten, mit Spiel und Musik für das Publikum, locker und heiter. Wie etwa die ersten Tage der echten Olympischen Sommerspiele 1972, die am 26. August vor genau 50 Jahren im Olympiastadion in München begannen. Die Erinnerungen wurden wach und schon geht wieder die Diskussion los, dass Deutschland, vor allem der Olympiapark in München, bereit sei, Olympische Spiele zu organisieren. In der Euphorie wird dabei das Hirn ausgeschaltet: München 1972 war Vorbild, München 2022 war Vorbild, doch das IOC muss sich erst ändern bzw. zurückbesinnen darauf, dass Olympia ein Fest für alle sein soll und kein Vehikel dafür, dass das Internationale Olympische Komitee einen großen Reibach macht. Es geht schon damit los, dass die Veranstalter Knebelverträge unterschreiben müssen und ihnen immense Kosten aufgehalst werden. Nein, kleiner ist auf jeden Fall feiner.

Ein Blick zurück: Die Olympischen Spiele haben mal klein angefangen, mit neun (!) Sportarten, 43 Wettbewerben und 241 Athleten, nämlich 1896 in Athen. In den 126 Jahren bis heute galt beim IOC das abgewandelte Motto vom Sport „größer, teurer, reicher“. Aus dem Sportfest wurden eher sterile Veranstaltungen, Fernsehunterhaltung für die Welt, aber kein Fest der Begegnung. Insofern war München 2022 die Rückbesinnung auf den Ursprung. Ein überschaubares Format, ein Funken der Begeisterung, der überspringen konnte, der die Zuschauer ebenso in den Bann zog wie die Athleten, die erstaunt feststellten: „Das habe ich so noch nie erlebt.“ Die Präsidentin des Vereins Athleten Deutschland, die Beachvolleyballerin Karla Borger, stellte fest, das Konzept der EC von München 2022 wäre ein Modell der Zukunft, andererseits hat sie Zweifel an Olympia in Deutschland: „Der Wunsch wäre schon da, aber ich weiß nicht, ob das nicht zu groß ist im Moment.“ Wobei: München war größer als olympische Winterspiele, was die Anzahl der Entscheidungen und Athleten angeht!

Der Olympiapark erwies sich als überragende Veranstaltungsstätte und war einmal mehr ein Kompliment an die Macher von 1972. „Back to the roofs“ hieß das Motto und stellte das einmalige Zeltdach in den Mittelpunkt. Dazu Königsplatz und Odeonsplatz als Publikumsmagneten, teilweise freier Eintritt schürte das Interesse und die Begeisterung. Bei Olympia undenkbar. Getragen von der Begeisterung zeigten auch die Sportlerinnen und Sportler überragende Leistungen, lieferten persönliche Bestleistungen ab. Junge Sportarten wie BMX und Klettern stahlen etablierten die Show. Beachvolleyball auf dem Königsplatz war ein Ereignis besonderer Art. Am Ende feierte sich Deutschland als beste Nation, führte den Medaillenspiegel 26mal Gold, 20mal Silber und 14mal Bronze vor Großbritannien (24/19/17) und Italien (14/19/17) an. 28 Nationen konnten zumindest eine Goldmedaille gewinnen.

Aber auch das strahlende Sportfest zeigte, dass das Problem oft die Funktionäre sind. Die Veranstaltungen und vor allem der tägliche Sportbetrieb müssen organisiert sein, was vor allem in den Händen von Millionen ehrenamtlichen Helfern liegt. Die Funktionäre an der Spitze werden aber immer mehr eher zu einem Krebsgeschwür. Sie halten ihre Hand auf, ignorieren Missstände in ihren Sportstätten, kehren sogar sexuellen Missbrauch unter den Teppich. Persönliche Befindlichkeiten werden ausgelebt, anstatt, dass sie alle Kraft für ein Gedeihen ihrer Sportart einsetzen. Marion Schöne, Chefin des Olympiakparks plauderte in der Süddeutschen Zeitung aus dem Nähkästchen, dass einzelne Sportarten auf ihren Internetseiten nicht einmal Reklame für das Großereignis machten, dass sie nicht an eine Zukunft glauben, weil ihre Sportart doch im Mittelpunkt stehen müsse. Damit meinen sie vor allem sich selbst! Bezeichnend die Leichtathletik. DLV-Präsident Kessing spricht vom Ausstieg, hält nichts von Multisportevents. Auch nicht von Olympia? Dabei zeigte vor allem der DLV Schwächen, das Leistungssportkonzept ist offensichtlich eine Katastrophe, wie die Weltmeisterschaft in Oregon/USA zeigte (nebenbei: München hatte viel mehr Stimmung). Bezeichnend auch, für den europäischen Präsident Karamarinow war ein BMW i3 nicht das adäquate Fortbewegungsmittel. Es musste schon etwas größeres und eleganteres sein. Auffallend zudem, dass oft Sportlerinnen und Sportler oder sogar Teams erfolgreicher sind, wenn sie sich privat organisieren und nicht im Verbandskader trainieren! Das sagt alles!

Zum Unterschied zu Olympia, konnte die lokalen Organisatoren in der Vorbereitung mitreden, weil die EC eben privat in Verbindung mit den teilnehmen Verbänden veranstaltet werden. Auch die Europäischen Fernsehunion, national ARD und ZDF, sitzt mit im Boot, so das Sendezeiten garantiert sind. Wie die Zukunft aussieht, ist fraglich. Schwimmen hat schon nicht mitgemacht, die Leichtathletik als Mittelpunkt denkt ans aussteigen. Für 2026 gelten Budapest und Birmingham als Bewerber, es darf aber als sicher gelten, dass München auch für die European Championships einmalig bleiben wird.

Eine tolle Idee von Willi Daume

Das hatten wir schon einmal, nämlich 1972. Auch da war München einmalig! Die Idee zu den Spielen in München hatte der damalige DSB- und NOK-Präsident Willi Daume. Der besuchte am 28. Oktober 1965 Münchens Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel und unterbreitete ihm diesen Vorschlag. Vogel war erst einmal baff, der Vorschlag traf ihn unvorbereitet, doch die Idee wurde immer konkreter. Daume wollte sein Land und seinen Sport mit einem Weltereignis aufwerten, Vogel seine Stadt modernisieren. Beides gelang, weil München am 26. April 1966 bei der Sitzung des IOC in Rom den Zuschlag bekam – mit einer Stimme Vorsprung vor Montreal, das mit den Spielen 1976 entschädigt wurde.

München aber nutzte seine Chance, die Stadt wurde wirklich modernisiert, machte quasi einen Sprung um 50 Jahre mit dem Ausbau der Verkehrsnetze. Ein brachliegendes Gelände erwies sich als Glücksfall, der Olympiapark entstand, das einmalige Zeltdach gilt heute noch als Wunderwerk und ist wohl auch die Basis dafür, dass der Olympiapark sogar Weltkulturerbe werden soll. Heitere Spiele wurden ausgerufen, sie waren es auch im Design mit leichten Farben. Alles passte und München kann heute noch als Vorbild gelten, weil die Sportstätten genutzt werden, weil keine Ruinen entstanden und die Stadt eben von Olympia profitierte, ebenso die Deutschland. Die Idee von Willi Daume war ein Volltreffer.

Auch die deutschen Sportler waren erfolgreich, zwei deutsche Mannschaften am Start, die DDR und die Bundesrepublick. Die Stimmung war lange Zeit überragend, heitere Spiele wie gewünscht. Im Mittelpunkt aus bundesdeutscher Sicht der goldene Sonntag in der Leichtathletik, als das Olympiastadion kochte, als Heidi Rosendahl in der 4×100-m-Stafffel gegen die überragende DDR-Läuferin Renate Stecher den Vorsprung hielt, den Christiane Krause, Ingrid Mickler-Becker und Annegret Richter herausgelaufen hatten und Gold holte. Speerwerfer Klaus Wolfermann wuchs ebenso über sich hinaus und schlug Favorit und Freund Janis Lusis aus Lettland um zwei Zentimeter. Dazu gewann Bernd Kannenberg das Gehen über 50 Kilometer. Heide Rosendahl siegte auch im Weitsprung und war Zweite im Fünfkampf. Zum Star der Spiele wurde auch die 16jährige Ulrike Meyfarth, die überraschend den Hochsprung gewann und mit 1,92 m sogar am Ende Weltrekord sprang. 1,88 war ihre damalige Bestleistung. Beachtlich, zwölf Jahre später 1984 in Los Angeles gewann Meyfarth noch einmal Gold.

Es waren wirklich einmalige Spiele, die UdSSR ging mit 50mal Gold, 27mal Silber, 22mal Bronze als stärkste Nation hervor, vor dem Dauerrivalen USA (33/31/30) der DDR (20/23/23) und Deutschland (13/11/16). Die Spiele dauerten eigentlich vom 26. August bis 11. September, die heiteren Spiele endeten aber abrupt am 5. September. Am Morgen überstiegen acht Palästinenser den Zaun vom Olympischen Dorf und überfielen die israelische Mannschaft. Sie nahmen Geiseln, von Sport konnte keine Rede mehr sein, auch wenn erst später abgebrochen wurde. Sie forderten vor allem die Freilassung von 200 in Israel inhaftierten Palästinensern. Verhandelt wurde den ganzen Tag, Innenminister Genscher wollte sich sogar zum Austausch der Geiseln zur Verfügung stellen.

Der Tag endete mit einer Katastrophe, die Geiseln sollten am Flughafen Fürstenfeldbruch befreit werden, doch das misslang. Fünf der acht Attentäter wurden erschossen, aber insgesamt starben elf israelische Sportler und ein deutscher Polizist. Die deutsche Polizei war für diesen Überfall überhaupt nicht vorbereitet und wird ihnen Naivität vorgeworfen, doch diese Art von Terror war bis dahin völlig unbekannt. So bleibt ein Schatten auf den heiteren Spielen zurück, ein Schatten der bis in die heutigen Tage hineinreicht, weil es immer noch Streit um Schadensersatzzahlungen gibt, auch vor dem Gedenktag am 5. September. In vielerlei Hinsicht wird München 1972 also unvergessen bleiben.

Die Joker spielen heute eine Hauptrolle

Die Zahl der Spielerwechsel im Fußball von drei auf fünf zu erhöhen, war der Corona-Pandemie geschuldet, der Zeitplan wurde enger, die Belastungen größer, also sollten die Akteure eher geschützt und Verletzungen vermieden werden. Allerdings verbesserten sich auch die taktischen Möglichkeiten der Trainer. Die fünf Spielerwechsel wurden beibehalten und inzwischen tragen sie zur Steigerung des Unterhaltungswertes bei. Die Trainer haben immer noch ein Ass im Ärmel, die Joker spielen heute in der Fußball-Bundesliga eine Hauptrolle.

Ein besonders typisches Beispiel in diesen Tagen ist Borussia Dortmund. Vor einer Woche beim 3:1-Sieg in Freiburg war Trainer Edin Terzic der Held, er wechselte mit Bynoe-Gittens, Moukoko und Wolf den Sieg ein, alle drei trafen. Einmal Himmel, einmal Hölle. Beim 2:3 gegen Bremen schaute Terzic dumm aus der Wäsche, sein Gegenüber Ole Werner wechselte diesmal den Sieg ein: Buchanan, Schmidt und Burke kamen und trafen. Die Unterhaltung wurde allerdings auf die Spitze getrieben, da Werder bis zur 89. Minute 0:2 zurücklag und innerhalb von sechs Minuten die Wende schaffte. „Brutal dämlich“ fand das Terzic. Das hatte es in 60 Jahren Bundesliga auch noch nie gegeben, dass eine Mannschaft so spät noch eine 2:0-Führung aus der Hand gab. Fußball-Statistiker haben übrigens festgestellt, dass Werder das erste Team von allen fünf Top-Ligen Europas ist, das in den letzten 13 Spieljahren mit zwei oder mehr Toren zurücklag und noch gewann. In 8529 Fällen gab es 8511 Niederlagen und 18 Remis!

Für die Borussia natürlich besonders ärgerlich, weil sie gut in die neue Saison gestartet war und endlich wirklich zum echten Bayern-Konkurrenten werden wollte. Das schaut jetzt nicht danach aus, wieder ein Rückschlag, der vermeidbar schien, ein Dilemma, das Dortmund immer wieder erlebt. Die Bayern dagegen marschieren und auch bei ihnen stachen Joker. Diesmal in Form neuer Spieler, die ihr Saison-Debüt in der Startelf feierten und prompt die ersten drei Tore beim 7:0 in Bochum erzielten. Vor allem Coman und Sané sprühten vor Spiellaune, de Light wirkte sicher und führte sich mit einem Treffer gut ein. Und die Bayern feierten wieder Rekorde, drei Siege zum Start und eine Tordifferenz von plus 14 gab es noch nie (bisher Dortmund und Bayern +10), 15 Treffer sind ebenso Rekord (bisher der VfB 14) wie elf Tore in der ersten Halbzeit. Erstaunlich: Bisher hielt ausgerechnet Bochum mit acht Toren in der Saison 2002/03 den Rekord. Jetzt lecken sie eher ihre Wunden, stürzten sie doch ans Tabellenende. In der letzten Saison hatten sie die Bayern noch mit 4:2 überraschend geschlagen.

Doch die Bayern 22/23 sind derzeit anders, schwungvoller, mit viel Elan, unberechenbar. Ohne Torjäger Robert Lewandowski wurden sie offensichtlich nicht schlechter, sondern besser und schneller. Bezeichnend die Äußerung von Trainer Julian Nagelsmann: „In der Mannschaft steckt Energie, gute Stimmung, da gönnt jeder jedem alles. Das war letztes Jahr nicht immer so.“ Ein deutlicher Seitenhieb auf Lewandowski, der die Hauptrolle für sich beanspruchte, der Torjäger gilt als Egoist. Ein besonderer Fall ist auch Leroy Sané, ein Stimmungsmensch. „Er ist einer der besten Spieler Europas“, lobt Nagelsmann, mit der Einschränkung, „wenn er 100 Prozent Bock hat.“ In Bochum war es so, bei Coman auch. Und jetzt folgt wohl die erste echte Prüfung im Schlagerspiel am Samstag (18.30 Uhr) gegen den Zweiten Borussia Mönchengladbach. Ja, Gladbach, nicht Dortmund. Die andere Borussia zeigt unter dem neuen Trainer Daniel Farke alten Schwung. Nagelsmann kann unter den formstarken Musiala, Gnabry und Coman sowie Sané wählen. Wahrscheinlich macht er vorher einen Stimmungstest.

Angst vor einer CL-Pleite

Es sieht fast wieder so aus, als sollte die Konkurrenz den Bayern freiwillig den Weg zum Alleingang freimachen. Neben Dortmund schwächeln auch die auserkorenen Herausforderer Leipzig und Leverkusen. Zwei starke Kader, aber beide Teams noch ohne Sieg, Leverkusen sogar ohne Punkt, bei beiden wird gerätselt. Im letzten Jahr erfolgreich, plötzlich Sand im Getriebe. Die Trainer Domenico Tedesco und Gerardo Seoane stehen angeblich noch nicht zur Debatte, aber eine Wende muss her. Leipzig verlor zum vierten Mal in Folge gegen Union Berlin mit 1:2, Leverkusen konnte mit einer 0:3-Niederlage gegen Hoffenheim sogar das Schlusslicht abgeben (weil Bochum durch das 0:7 noch abrutschte). Wie gerne wäre Bayer jetzt Vizekusen, nun also eher Abstiegskusen oder doch Vizekusen, nämlich als Zweiter von unten… Leipzig sollte jetzt zu Hause gegen Wolfsburg den ersten Sieg einfahren, Leverkusen in Mainz zu alter Form finden. Ob es gelingt?

Nimmt man noch Eintracht Frankturt hinzu, das als Sieger der Europa League in der Champions League starten darf und sogar in Topf eins gesetzt ist, dann wird einem – mit Ausnahme der Bayern natürlich – vor der nächsten CL-Saison Angst und Bange. Die steht nämlich vor der Tür, am Donnerstag, 25. August (ab 18.00 Uhr), erfolgt die Auslosung bei der UEFA. Start der Gruppenphase ist am 6./7. September, weitere Spieltage sind am 13./14. September, 4./5., 11./13. und 25./26. Oktober sowie am 1./2. November. Freie Tagen werden für die besten Mannschaften also selten, für Leipzig und Bayern gibt es sowieso die letzte Woche ohne Spiele, weil sie am 30. und 31. August ihre DFB-Pokalspiele nachholen müssen. Die zweite Runde wird dann am 18./19. Oktober ausgetragen. Mit München, Dortmund, Leipzig, Leverkusen und Frankfurt fünf Bundesligisten in der Champions League, das sieht nach einer tollen Liga aus, doch die Leistungen sagen etwas anderes. Vielleicht kommt die gute Form noch…

Begeisternden Fußball wie ihn die Frauen-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft zeigte, sehen wir bei den Männern bisher oft nicht. Die Medien forderten, dass der Frauen-Fußball mehr in den Blickpunkt gerückt werden muss. Doch folgen Taten? Der Sport-Grantler hatte schon immer ein Herz für die Frauen, deshalb hier Informationen, die seine Leser in ihren Tageszeitungen wohl nicht finden: Die befürchtete Pleite der Männer gab es leider bei den Frauen bereits, denn Eintracht Frankfurt musste als Bundesliga-Dritter in eine Qualifikation der Champions League und unterlag dabei in Runde zwei gegen Ajax Amsterdam mit 1:2. Pech: Das entscheidende Tor fiel in der Nachspielzeit durch einen Fallrückzieher von Eshly Bakker aus rund zwölf Metern. Ein Traumtor, leider das Aus! Nächste große Aufgabe ist der Bundesliga-Start gegen Bayern München am 16. September. Die Bayern-Mädchen zeigten sich schon besser in Form, sie gewannen in Toulouse ein Turnier mit Siegen von 1:0 gegen den FC Barcelona und 3:0 im Finale gegen Manchester United! Die Tore erzielten Klara Bühl, Lina Magull und Saki Kumagai. Am Freitag testen die Bayern-Girls gegen Atletico Madrid.

Ein großer Erfolg waren die European Championships München 2022, als neun Sportarten in der ganzen Stadt und drumherum ihre Europameisterschaften austrugen. Begeisternde Stimmung, rund 1,5 Millionen Besucher und großartigen Leistungen werden in Erinnerung bleiben. Am Freitag, 26. August, vor 50 Jahren begannen die Olympischen Sommerspiele 1972 in München. Mehr zu beiden Veranstaltungen in einem weiteren Blog in dieser Woche.

Timo Werner ist zurück mit Blick auf Flick

Die neue Saison der Fußball-Bundesliga ist gerade erst zwei Spieltage alt und dennoch sind die Weltmeisterschaft im November und die Nationalmannschaft immer präsent. Sie beeinflussen sogar die Spielerwechsel. Eklatantes Beispiel ist der Stürmer Timo Werner. Vor zwei Jahren zog es ihn von RB Leipzig weg zu Chelsea nach London, um bei einem Weltclub mehr Geld zu verdienen und Pokale zu gewinnen. Beides hat geklappt, der 26-jährige Torjäger gewann immerhin die Champions League. Glücklich wurde er allerdings nicht, seine persönliche Erfolge hielten sich in Grenzen, im zweiten Jahr verlor er sogar seinen Stammplatz und das drohte ihm jetzt auch in der Nationalmannschaft. Angesichts der fehlenden Vorbereitungszeit auf die WM hat Bundestrainer Hansi Flick das Motto ausgegeben, „dass er nur Kandidaten mit Spielpraxis nominieren werde“. Da läuteten bei Werner die Alarmglocken. Lieber Katar, dafür weniger Geld und Ruhm im Verein, aber vielleicht mehr Ruhm auf der WM-Bühne.

Erstaunlich also, welche Kehrtwendungen es im Fußballgeschäft gibt. Chelsea zahlte einst für Werner 55 Millionen Euro, Leipzig leistete sich die Rückkehr mit der Rekordablösesumme von etwa 20 Millionen, die auf 35 Millionen ansteigen könnte. Ein Gewinn für Leipzig, ein Gewinn für Werner, ein Verlust für Chelsea. Trainer Thomas Tuchel war der Wechsel deshalb auch ein Dorn im Auge: „Er soll sich bei uns durchbeißen und nicht weglaufen,“ moserte er. Werner wählte zweifellos die sicherere Variante in Richtung WM-Nominierung. Mit einem Tor, allerdings ein Geschenk von Kölns Torhüter Schwäbe, führte er sich gleich gut ein. Bleibt es so, wird Flick mit ihm planen.

Timo Werner ist also zurück mit dem Blick auf Flick. Könnte sein, dass auch andere Spieler des Bundestrainers Mahnung im Hinterkopf hatten, als sie ihre Entscheidungen über Wechsel oder Nichtwechsel trafen. Nico Schlotterbeck zum Beispiel zog es deshalb zu Borussia Dortmund, weil er dort Erfahrung auf internationaler Bühne sammeln kann. Im Gegensatz dazu könnte sich Antonio Rüdiger verrechnet haben und den Stammplatz an Schlotterbeck verlieren. Bei Real Madrid kommt Rüdiger derzeit meist nur als Einwechselspieler zum Zug, Trainer Carlo Ancelotti (der übrigens sein Karriere-Ende nach seiner Real-Zeit ankündigte) baut auf die Stammspieler vom Vorjahr, Militao und Alaba. Da könnte auch Flick der eingespielten Dortmunder Formation Süle (wenn er fit ist) und Schlotterbeck den Vorzug geben. Oder Matthias Ginter im Visier haben, der in Freiburg wieder Werbung für sich betreiben kann. Möglich auch, das Jonas Hofmann seinen Vertrag bei Borussia Mönchengladbach verlängerte, weil er dort den Stammplatz sicher hat. Bei Angeboten von Bayern oder Dortmund durfte er sich nicht so sicher sein.

Hansi Flick wird auch mit Freuden sehen, wie die Bayern aufspielen. Gegen Wolfsburg haben sie zwar an Schwung verloren, das 2:0 aber souverän herausgespielt. Der neue Star Jamal Musiala zeigt sich weiter in Bestform und schlüpfte mit drei Treffern in die Rolle des abgewanderten Robert Lewandowski als Torjäger. Keiner ist wohl auf Musiala als Nachfolger des Polen gekommen. Hält der erst 19-jährige junge Mann seine Form, kann auch Flick nicht an ihm vorbei und er wäre wohl auch gut beraten, auf das System von Bayern-Coach Julian Nagelsmann zurückgreifen und mit 4-2-2-2 zu spielen, schließlich hat auch Flick keinen Strafraumstürmer als echten Torjäger. Mit dem Bayern-System und -Stamm könnte die erste Elf dann so aussehen: Neuer – Hofmann, Süle, Schlotterbeck, Raum – Kimmich, Goretzka – Müller, Musiala – Gnabry, Werner. Aber noch ist Zeit, Ende September gibt es die einzigen Länderspiele und Tests im Rahmen der Nations League gegen Ungarn und England. Am 23. November steht das erste WM-Spiel gegen Japan an.

Keine Konkurrenz für Bayern und Dortmund

Nach zwei Spieltagen wirkt die Bundesliga logischerweise noch ein bisschen unsortiert, viele Vereine suchen noch ihre Form, die ersten Enttäuschungen müssen bereits verkraftet werden. Sie betreffen vor allem zwei Kandidaten, die eigentlich zum Kreis der möglichen Bayern-Konkurrenten gezählt wurden, jetzt aber noch ohne Sieg dastehen. Ganz im Gegenteil, Bayer Leverkusen ist nach dem 0:1 in Dortmund und 1:2 gegen Augsburg sogar Tabellenletzter! Nur Bochum ist ebenfalls noch ohne Punktgewinn – und jetzt kommen die Bayern! Bei Leverkusen aber macht sich schon Unsicherheit breit, gegen den FCA hat Bayer in den zwölf Augsburger Bundesliga-Jahren noch nie verloren! Nächste Chance zum Punktesammeln am Samstag gegen Hoffenheim.

Unzufriedenheit auch in Leipzig, Erinnerungen ans Vorjahr mit einer verkorksten Hinrunde werden wach, zwei Unentschieden gegen Stuttgart und Köln sind nicht das, was ein Titelanwärter liefern sollte und was man sich erhofft hatte. Und dabei war man eigentlich als Pokalsieger mit breiter Brust in die Saison gegangen. Jetzt ist die Luft ein bisschen raus. Im Gegensatz dazu starteten die Bayern und Dortmund als einzige Klubs mit zwei Siegen, wobei die Borussia unter Trainer Edin Terzic in Freiburg beim 3:1-Sieg alte Tugenden zeigte: Kampfgeist, nicht aufgeben und ein glückliches Händchen des Trainers bei den Wechseln. Ähnlich wie Musiala in München spielen sich in Dortmund die Talente Bynoe-Gittens und Moukoko in den Vordergrund.

Das die Bundesliga manchmal das reinste Theater ist, zeigte sich zum Beispiel in Augsburg. Dort ist man im Zweifel, ob Rafal Gikiewicz noch der richtige Torhüter ist, er patzte zuletzt wiederholt. So hat Sportchef Stefan Reuter die Fühler nach dem Mainzer Ex-U21-Nationaltorhüter Finn Dahmen ausgestreckt. Dahmen will, Mainz nicht, eventuell wird es erst 2023 etwas. Gikiewicz ist angesichts der Diskussionen sauer, er hat eigentlich den Traum, mal in der polnischen Nationalmannschaft zu spielen. Er setzte Ärger in Leistung um, war in Leverkusen mit Glanzparaden der Matchwinner. Polen kann kommen, Dahmen kann warten. Oder doch nur eine Eintagsfliege? Am Samstag kann man reden, da kommt Mainz nach Augsburg.

Theater auch in Frankfurt. Der Auftritt auf großer Bühne konnte nicht genossen werden. Zuerst war Filip Kostic der Hauptdarsteller, der Star der letzten Jahre verabschiedete sich endgültig zu Juventus Turin, 15 Millionen Euro sind der Trostpreis. Dann war Real Madrid im Finale des Supercup der Hauptdarsteller, der Eintracht blieb nur die Nebenrolle, das Märchen Europa endete abrupt. Frankfurt ist halt doch zu klein für die Großen, obwohl Real sich beim 2:0 nicht in Bestform zeigte. Doch es reichte dank Alaba und Benzema. Ob es so in der Champions League reicht? Eher muss die Eintracht in der Bundesliga die Kurve bekommen, damit der Traum von Europa weitergehen kann. Der Start war nicht vielversprechend, bei Hertha sollte mehr als ein 1:1 möglich sein. Allerdings: Wer will, kann sagen, Hertha befindet sich im Aufwind. In der letzten Saison waren die Berliner nach zwei Spieltagen mit null Punkten Letzter. Jetzt haben sie einen Zähler…

Apropos Theater: Den gibt es weiterhin um den Video-Schiedsrichter. Die Regelauslegung ist einfach nicht eindeutig und nicht einheitlich, manche Entscheidungen dauern erschreckend lange. So ist dem Fußball nicht gedient. Fußball im Wartestand, das geht nicht, das ist absurdes Theater.

Olympia als Zugpferd, Olympia als Hindernis

Die European Championships, die vom 11. bis 21. August in München ausgetragen werden, sind ja eigentlich eine gute Idee. Es ist ein Zusammenschluss von Sportarten, die ansonsten meist im Schatten leben und selten in den Blick der Öffentlichkeit geraten. Die Ausnahme ist sicherlich Leichtathletik. Aber vor den Wettkämpfen in München war immer von Olympia die Rede. Einmal sollte die olympische Idee als Zugpferd dienen, der Verweis darauf, dass München wohl vor allem deshalb die Championships bekommen hat, weil es schön als Jubiläum 50 Jahre nach den Olympischen Sommerspielen 1972 passt. So war jetzt oft von München 2022 die Rede. Der Blick auf Olympia kann aber auch Hindernis sein. Die Championships wollen keinen Gigantismus, es sollen keine Meisterschaften des Kommerz sein, sondern die teilnehmenden Sportarten wollen vor allem das Publikum mit einbinden, natürlich aber auch im Fernsehen vertreten sein. Der deutsche Weitsprung-Star Malaika Mihambo hat das Motto vorgegeben: „Sport ist mehr als nur Fußball.“

Eines darf man aber nicht vergessen: München hatte bekanntlich Interesse an den Olympischen Winterspielen 2022, wollte die erste Stadt sein, die Olympia im Sommer und Winter austrägt. Doch die Bevölkerung konnte dafür nicht begeistert werden, vor allem die Umweltschützer wehrten sich, ein Referendum ließ die Idee scheitern. Dafür wurde Peking die erste Stadt mit Sommer- und Winterspielen. In China haben weder die Bevölkerung noch die Umweltschützer etwas zu sagen.

Jetzt also dafür die European Championships, die zum zweiten Mal nach Glasgow 2018 ausgetragen werden. Europameisterschaften in neun Sportarten, etwa 4700 Athletinnen und Athleten am Start, 177 Goldmedaillen werden vergeben. Der Olympiapark, das attraktive und gepflegte Erbe der Spiele 1972, wird im Mittelpunkt stehen, aber die ganze Stadt soll den Sport atmen. Beachvolleyball und Klettern finden am Königsplatz statt, Straßenradfahren, Marathon und Gehen enden am Odeonsplatz, Bahnradsport gibt es in Riem, Rudern und Kanu auf der Olympia-Regattastrecke in Oberschleißheim, Tischtennis in der Rudi-Sedlmayer-Halle, Turnen in der Olympiahalle, Leichtathletik im Olympiastadion und dazu Mountainbike, BMX und Triathlon verteilt im Olympiapark, der ein Erlebnispark sein soll. Die Zuschauer werden zum Teil mit freiem Eintritt angelockt, manche Finaltage, wie Beachvolleyball zum Beispiel, sind schon ausverkauft. Viel Platz wäre im Olympiastadion (55.000), aber die Leichtathleten wären mit 30.000 schon froh und hoffen auf gute Stimmung. Wer nicht live zuschauen kann, wird bei ARD und ZDF im Fernsehen gut bedient. Die Sender übertragen täglich 14 Stunden live im TV und im Stream, sind auch im Abendprogramm auf Sendung. Die Hoffnung auf Aufmerksamkeit erfüllt sich für die Sportarten.

Für die Sportlerinnen und Sportler sind die European Championships der Höhepunkt im Sportjahr, doch auch Weltmeisterschaften standen im Weg, weil wegen Corona manche Titelkämpfe verlegt wurden. So kämpften die Leichtathleten gerade in Eugene in Oregon/USA um Medaillen, die Kanuten kommen fast direkt von den Weltmeisterschaften in Halifax. Dennoch wollen sie in München an den Start gehen. Wollen muss es immer heißen, denn im Vorfeld haben Corona-Erkrankungen manche schon gestoppt. Leidtragende war mit Malaika Mihambo auch das Aushängeschild der Championships. Die weltbeste Weitspringerin erkrankte an Corona und musste eine Trainingspause einlegen, wird nach Gold in Eugene also nicht in Bestform antreten können, will aber die Qualifikation am Dienstag und das Finale am Donnerstag bestreiten.

Deutsche Erfolge wären überhaupt die beste PR für die Wettkämpfe, auf die Leichtathleten darf man da wohl weniger hoffen, die erlebten bei der WM einen Tiefpunkt. Neben Mihambo glänzten nur die „Golden Girls“, die Frauen-Staffel über 4×100 m, mit Bronze. Sie wollen in München jetzt den Titel. Im Blickpunkt stehen aber auch die Kanuten mit den Weltmeistern Sebastian Brendel und Tim Hecker, Ruderer Oliver Zeidler, der in Oberschleißheim auf den Spuren seines Opas wandelt, der 1972 bei Olympia Gold gewann. Im Radsport ist einiges möglich, im Tischtennis sowieso und auch im Klettern.

Die Athletinnen und Athleten freuen sich aber vor allem auf Wettkämpfe in olympischen Stadien, hoffen auf olympisches Flair und freuen sich auf besondere Medaillen, die echte Schmuckstücke sein sollen. Die dreieckige Form wurde von 2018 in Glasgow übernommen, der Schliff soll das Zeltdach stilisieren und im verschlungenen Band sind die Piktogramme von 1972 zu erkennen. Ein Maskottchen gibt es auch, der beliebte Waldi von 1972 erlebt keine Neuauflage, dafür gibt es das Eichhörnchen „Gfreidi“, weil Eichhörnchen Dauergäste im Olympiapark sind.

Der Olympiapark erlebt also wieder einmal einen sportlichen Höhepunkt, nachdem der große Fußball ausgezogen ist. Der Park soll ja Weltkulturerbe werden und kann beweisen, dass München 1972 Vorbild für alle Olympiastädte ist: Nirgends sonst gab es so eine sinnvolle Nachnutzung der Stadien. Insofern können die European Championships doch Klein-Olympia genannt werden. Vermisst wird höchstens das Schwimmen, das leider parallel die Titelkämpfe in Rom austrägt. Schade drum, die Schwimmhalle hätte auf einen Spitz-Nachfolger gewartet… Dafür freut sich Malaika Mihambo, dass sie erstmals im Olympiastadion springen darf, das wird sie trösten, wenn die Form auch nicht die beste sein kann. Fünf Tage nachdem die Championships enden, hatten am 26. August vor 50 Jahren die Olympischen Sommerspiele 1972 begonnen!

Die Bayern haben Spaß – der Rest der Bundesliga eher nicht

Was war vor dem Start der Fußball-Bundesliga spekuliert oder gehofft worden, wie es mit dem Abo-Meister Bayern München ohne Torjäger Robert Lewandowski weitergehen würde. Endlich das Ende der Titel-Langeweile? Die Münchner sorgten für Ernüchterung. Schlechter ohne Lewandowski? Nein, besser! Thomas Müller bringt es wie fast immer auf den Punkt: „Wir haben nicht nur einen Zielspieler, wir haben jetzt viele.“ Die Bayern bitten die Konkurrenz zum Tanz, elf Tore in zwei Spielen gegen beste Bundesliga-Konkurrenz, das ist ein Statement. Die Bayern haben Spaß – der Rest der Bundesliga eher nicht.

Dumm ist natürlich die Frage, die bereits durch die Medien geistert: Sind die Bayern schon Deutscher Meister? Dies nach dem ersten von 34 Spieltagen! Irgendwann haben auch die Bayern ausgetanzt und sie müssen erst noch die Frage beantworten, wie ihr Tänzchen gegen ein Abwehr-Bollwerk aussieht. Das könnte ihr alter Trainer Niko Kovac mit dem VfL Wolfsburg als nächster Gegner am Sonntag quasi zur Selbstverteidigung aufbauen. Da hilft dann vielleicht der „schnellste Angriff Europas“ (Ex-Boss Rummenigge) auch nicht mehr. Aber beeindruckend war es schon, wie Jamal Musiala (in überragender Form zum Saisonstart), Sadio Mané, Thomas Müller und Serge Gnabry und die meisten anderen aufspielen. Da haben auch die Zuschauer ihren Spaß, wenn sie nicht gerade zu den Gegnern gehören.

„Ein bisschen Spaß muss sein“, sang einst Roberto Blanco, ein wenig das Motto der Bundesliga. Ein bisschen Spaß hatten natürlich auch andere Mannschaften. Borussia Dortmund zum Beispiel, wohl noch der ernsthafteste Bayern-Rivale. Das 1:0 gegen Bayer Leverkusen war kein Glanzstück, aber es hatte typische Dortmund-Attribute: Muskelverletzungen einerseits (Süle und Özcan fielen aus, danach erwischte Adeyemi), andererseits wurde das Fehlen eines Torjägers (Haaland bekanntlich weg) anders wettgemacht, wie Sportchef Sebastian Kehl feststellte: „Wir haben gekämpft, gekratzt, gebissen. Das ist es, was die Menschen hier sehen wollen.“ Tore jedoch auch, für die soll für den Rest der Saison Anthony Modeste sorgen. Der Franzose hatte keine Lust mehr auf Köln, kennt keine Dankbarkeit, sondern geht dorthin, wo er mehr verdienen kann. Das dieser Wechsel rund um den ersten Spieltag die Schlagzeilen beherrschte, ärgerte vor allem Kölns Trainer Steffen Baumgart: „Das ist zum Kotzen“. Da hört halt der Spaß auf. Ein bisschen davon hatten die Kölner allerdings doch durch das 3:1 gegen Schalke. Geht also auch ohne Modeste.

Spaß hatten vor allem auch Union Berlin und der SC Freiburg. Die „Eisernen“ bleiben Stadtmeister und sind saisonübergreifend mit acht Spielen ohne Niederlage beste Mannschaft der Bundesliga. Das 3:1 war ihr erster Sieg am ersten Spieltag. Hertha ist eher das Gegenteil, nach dem Ausscheiden im Pokal die nächste Niederlage, Tristesse macht sich wieder breit, der Abstiegskampf hat begonnen. Ähnliches in Augsburg. Da Freiburg, das 4:0 auftrumpfte, dort ein FCA, der Beruhigung in der Vergangenheit sucht. Auch im letzten Jahr ging der Saison-Auftakt gegen Hoffenheim mit 0:4 verloren. Am Ende stand der Klassenerhalt. In Leverkusen wird es nicht leichter, danach heißen die Gegner Mainz, Hoffenheim und Hertha, da muss gepunktet werden. Lustig: Erster Torschütze für Freiburg war ausgerechnet Michael Gregoritsch, der ja im Tausch mit Demirovic vom FCA zum SCF wechselte. Unter den Torschützen war auch Matthias Ginter, der FCA ist immer sein Opfer in einem ersten Spiel für Freiburg. Das war am 21. Januar 2012 so, in seinem ersten Bundesligaspiel für Freiburg, und jetzt wieder, in seinem ersten Spiel nach der Rückkehr! Auf eine härtere Probe wird der SCF wohl am Freitag gegen Dortmund gestellt.

Wer hatte noch ein bisschen Spaß? Natürlich die Sieger Mönchengladbach (3:1 gegen Hoffenheim, Farke war der einzige neue Trainer, der gewann) und Mainz 05 (2:1 in Bochum, erster Auswärtssieg am 1. Spieltag), Stuttgart war mit dem 1:1 gegen Leipzig glücklich, Werder mit dem 2:2 in Wolfsburg zumindest zufrieden. Im Gegensatz haderten sie in Leipzig und Wolfsburg. Spaß hatten aber meist auch die Zuschauer. Kein Spaß ist es allerdings, wenn es schon wieder Ausschreitungen gibt und die unsägliche Pyrotechnik gezündet wird. Das wird vor allem für Frankfurt teuer und kann im Wiederholungsfall beim UEFA-Cup zu Geisterspielen führen. Die Strafe gegen die Bayern folgte sogar direkt: Joshua Kimmich zirkelte den Freistoß im Pyro-Nebel ins Tor. Kevin Trapp stand schlecht, hatte aber auch schlechte Sicht. Ob die Ultras so weit denken… Ansonsten könnte eine spaßige Bundesliga-Saison bevorstehen.

Die Eintracht muss das Europa-Gesicht zeigen

Die 1:6-Klatsche gegen die Bayern muss den Frankfurtern eigentlich Angst machen vor dem UEFA-Supercupfinale am Mittwoch in Helsinki gegen Real Madrid. Aber die Eintracht in der Bundesliga und auf Europas Bühne sind zwei Paar Stiefel. Jetzt muss die Eintracht wieder ihr Europa-Gesicht zeigen und die Bundesliga würdig vertreten (ohne Pyro!). Schade, dass spekuliert wird, ob Filip Kostic noch vorher den Verein verlässt, Juventus Turin ist im Gespräch. Das stört die Vorbereitung auf das wichtige Spiel, könnte aber auch den Ehrgeiz doppelt anstacheln.

Wer folgt also Chelsea London, das vor einem Jahr gegen die Spanier aus Villarreal mit 6:5 nach Elfmeterschießen siegte. Real Madrid könnte mit einem Erfolg Rekordsieger werden, gewann bisher viermal, genau wie der FC Liverpool, nur der AC Mailand und FC Barcelona haben fünf Siege. Frankfurt ist erstmals im Finale, letzter deutscher Sieger war Bayern München 2020 (gegen Chelsea), gewann auch 2013. Die Bayern waren aber zweimal im Finale unterlegen (1975 und 76), auch die anderen deutschen Versuche gingen daneben, der Hamburger SV (1977 + 1983), Werder Bremen (1992) und Borussia Dortmund (1997) verloren jeweils das Finale. Insgesamt gewann der Champions-League-Sieger bzw. Sieger im Europapokal der Landesmeister in den 46 Finals 26mal. Gegner waren früher die Sieger im UEFA-Cup bzw. im Europapokal der Pokalsieger. Ein großer Titel ist nicht zu gewinnen, aber immerhin gibt es 3,5 Millionen Euro als Antrittsgeld und zusätzlich eine Million für den Sieger.

Auf Rekordkurs ist übrigens auch Toni Kroos, der viermal den Supercup schon gewann, dreimal (2014, 2016, 2017) mit Real und 2013 mit den Bayern, nur Paolo Maldini siegte fünfmal mit dem AC Mailand. Kroos wird wohl sicher dabei sein, Teamkollege Antonio Rüdiger muss dagegen bangen, ob ihn Trainer Carlo Ancelotti nominiert. Der deutsche Abwehrspieler hat sich bei seinem Wechsel von Chelsea zu Real vielleicht spekuliert, wenn er nicht regelmäßig zum Einsatz kommt. Das wird auch Bundestrainer Hansi Flick nicht gefallen.

Am Donnerstag beginnt in München ein weiteres sportliches Großereignis, die European Games, eine Ballung von Europameisterschaften in neun Sportarten. München erhielt für 2022 den Zuschlag zum Jubiläum 50 Jahre nach den Olympischen Sommerspielen 1972. Rund 4700 Athletinnen und Athleten sind diesmal am Start. Mehr dazu in einer weiteren Kolumne im Laufe der Woche.

Bundesliga-Start: Eine Saison voller Spannung!

Die Frauen haben zuletzt Fußball-Deutschland verzaubert, jetzt sind die Männer wieder gefragt und zum Start der Bundesliga liegt die Latte also hoch. Zeigt endlich begeisternden Fußball! Eigentlich könnte die Fans in froher Erwartung sein, denn mit viel Spannung geht es los, selten gab es rund um die Vereine so viele Fragezeichen, nur selten konnte das Leistungsvermögen der 18 Vereine so schlecht eingeschätzt werden. Überraschungen könnten also an der Tagesordnung sein und die Klubs sich freuen, dass nach dem Corona-Einbruch die Stadien wieder voll sind, die Fans den Weg zurück in die Bundesliga finden. Also freuen wir uns auf eine tolle Saison! Es gibt sogar ein Jubiläum, es ist nämlich das 60. Spieljahr! Und der erste Spieltag hat es gleich in sich.

Die erste Frage: Wie geht es Dauer-Meister FC Bayern München ohne seinen Torjäger Robert Lewandowski? Hoffnungsfunken bei der Konkurrenz. Trainer Julian Nagelsmann gibt zu: „Wir haben uns verändert.“ Er warnt aber auch die Verfolger nach verkorkster Rückrunde: „Wir haben gelernt, wir ziehen unser Spiel durch, werden die Taktik nicht mehr so variieren.“ Dafür soll das Spiel mit Weltstar Sadio Mané variabel ausgelegt sein, mit Positionswechseln von allen, Müller, Gnabry, Musiala, Coman oder Sané sind nicht festgelegt. Das zeigte sich schon gegen Leipzig und soll sich gegen Frankfurt wiederholen.

Ein Eröffnungsspiel der Bundesliga am Freitag (20.30 Uhr), wie es besser nicht sein könnte. Der Europa-League-Champion gegen den nationalen Abo-Champion. Es könnte ein Torfestival wie in Leipzig geben, die Stärken liegen bei beiden im Angriff, die Schwächen in der Abwehr. Aber Achtung: Die Bayern haben 20mal das Eröffnungsspiel bestritten und keines verloren (15 Siege, 5 Unentschieden). Letzte Saison gab es ein 1:1 in Mönchengladbach. Andererseits haben beide Vereine an einem schlechten Abschluss der letzten Saison zu kauen, die Bayern beendeten die Saison mit drei Spielen ohne Sieg, die Eintracht sogar mit acht erfolgslosen Begegnungen! Kurios: Im letzten Jahr haben beide Gegner ihre Heimspiele verloren, 1:2 hieß es in München, 0:1 in Frankfurt.

Die Eintracht umwehen auch einige Fragen, zum Beispiel wie sich der internationale Erfolg auf die Bundesliga auswirkt, dazu ist die Belastung der Champions League zu meistern. Mit Mario Götze machte die Eintracht auch einen spektakulären Einkauf, der WM-Held von 2014 will neu angreifen und hat auch die Nationalmannschaft und die WM in Katar im Visier. Alles ist in Frankfurt möglich.

Apropos Neuzugänge, da schlug zuerst Borussia Dortmund zu und setzte die Bayern unter Druck. Allerdings gab es Rückschläge, vor allem durch die Krebserkrankung von Torjäger Haller. Dennoch: Die Borussia gilt als Bayern-Konkurrent Nummer 1 und will das gleich dem Mitkonkurrenten Bayer Leverkusen zeigen. Noch ein Schlagerspiel am ersten Spieltag, das nach einem Torfestival riecht, im Vorjahr hieß es 5:2 für Bayer und 4:3 für die Borussia! Bayer hat allerdings mit der Niederlage im Pokal in Elversberg keine Werbung betrieben. Folgt eine Trotzreaktion?

Nummer vier im Vorjahr war RB Leipzig, der Pokalsieger will sich mit dieser Rolle nicht zufrieden geben und hat alles getan, um sich ebenfalls zu verstärken. Mit David Raum kommt ein Dampfmacher auf links, Torjäger Nkunku, Spieler des Jahres und auf dem internationalen Markt begeht, konnte gehalten werden, Timo Werner, bei Chelsea London nicht glücklich, soll eventuell noch kommen. Leipzig bläst zum Angriff mit dem Rückenwind des Pokalsiegs.

Nummer fünf im Vorjahr war Union Berlin und es steht schon das nächste Schlagerspiel an, das Berliner Derby nämlich. Aber bitte, die Rollen sind total anders verteilt: Da Union, das seit Jahren positiv überrascht, dort die Hertha, die von einem Dilemma ins nächste taumelt und gerade noch die Klasse halten konnte. Jetzt soll es Sandro Schwarz richten, einer von insgesamt sieben neuen Trainern in der Bundesliga. Aber auch er musste mit einem Rückschlag im Pokal leben, die Hertha zählt wieder zu den Abstiegskandidaten.

Der SC Freiburg zählt sich selbst meist zu dieser Kategorie, in diesem Jahr allerdings nicht. Christian Streich war es fast schon peinlich, dass er zum „Trainer des Jahres“ gekürt wurde, er will nicht im Mittelpunkt stehen, freut sich aber natürlich über ein erfolgreiches Team und die Schwarzwälder könnten wieder um die Europaplätze mitmischen. Solche Ambitionen haben Köln, Mainz und Hoffenheim, die dahinter lagen, nicht unbedingt. Köln, mit der Belastung in der Conference League, und Mainz zählen sich eher zum Mittelfeld, in Hoffenheim allerdings sind die Ambitionen anders. Mäzen Dietmar Hopp fordert einen Europaplatz, Trainer Andre Breitenreiter, der Hoeneß-Nachfolger, soll liefern. Abgang Raum soll adäquat ersetzt werden, vielleicht mit dem Ex-Augsburger Max.

Hoffnungen auf Europa hat auch Borussia Mönchengladbach mit dem neuen Trainer Daniel Farke, er hat Schwung in den Verein gebracht, Platz zehn ist nicht der Anspruch, Gladbach will wieder nach Europa. Das gilt auch für den VfL Wolfsburg, auch dort mit Niko Kovac ein neuer Trainer und alte Ziele – Europa. Aber ob die Mannschaft wirklich so stark ist? Das größte Rätsel: Wie geht Kovac mit dem introvertierten Max Kruse um, der für ein Laufspiel eigentlich nicht geeignet ist?

Dahinter beginnt das Feld der Abstiesgkandidaten, am meisten genannt werden neben der Hertha noch der VfL Bochum und der FC Augsburg, die sich aber im Vorjahr noch vor dem letzten Spieltag in sicheren Gefilden befanden. Doch der Kampf gegen den Abstieg geht weiter, Bochum als vorjähriger Neuling muß das „verflixte 2. Jahr“ überstehen, der FCA will nach Turbulenzen zum Saisonschluss in ruhiges Fahrwasser. Mit dem neuen Trainer Enrico Maaßen, noch bundesliga-unerfahren, von Dortmund II, soll es einen Neuanfang geben und im zwölften Jahr hintereinander im Oberhaus keinesfalls einen Abgang. Da muss aber auch US-Stürmerstar Pepi zünden! Für Motivation ist gesorgt: Die Experten Didi Hamann und Felix Magath sahen beide den FCA als Absteiger! Ähnliche Probleme hat der VfB Stuttgart, rund um die Mannschaft gab es viele Wechselgerüchte, aber wenig Wechsel. Bleiben sogar die begehrten Sosa und Kalajdzic sollte es eher nach oben gehen. Die Vereinsführung zeigte starke Nerven und Vertrauen, dass sie an Trainer Pellegrino Matarazzo trotz Rückschlägen festhielt. Das sollte mit einer Fortentwicklung belohnt werden.

Normalerweise zählen Neulinge zu den Abstiegskandidaten. In diesem Jahr nur begrenzt, sind es doch besondere Aufsteiger. Die Traditionsklubs Werder Bremen und Schalke 04 kehrten für Arminia Bielefeld und Greuther Fürth wieder zurück. Sie wurden freudig begrüßt und sollen bleiben. Doch können sie auch? Werder traut man dies zu, Trainer Ole Werner wurde zum Erfolgscoach mit Feeling für das Team. Anders sieht es auf Schalke aus, der neue Trainer Frank Kramer ist nicht unumstritten und musste schließlich den Abstieg der Arminia verantworten. So freut sich der Ruhrpott zwar auf die Derbys zwischen Dortmund, Schalke und Bochum, doch am Ende könnte er sogar Trauer tragen, wenn sogar Schalke und Bochum ihre Aufgaben nicht erfüllen…

Aber wir stehen ja erst am Anfang, allerdings überall nur Fragezeichen, die Antworten gibt es in den 34 Spieltagen, manche vielleicht sogar am letzten Spieltag am 27. Mai 2023. Durch die WM in Katar wird es ja sowieso eine besondere Saison, die nach dem 15. Spieltag am 13. November bis zum 16. Spieltag ab 20. Januar 23 unterbrochen wird. Bereits am 18. November beginnt die WM. Und für die Klubs auf Europas Bühne gibt es ab September nur Stress-Wochen. Wer hält durch, wer kann Verletzungen vermeiden? Auch deshalb steht eine Saison mit vielen Unwägbarkeiten vor uns.

Auch ohne Titel: Fußball-Frauen müssen die Begeisterung nutzen

Deutschland hat eine neue Lieblings-Mannschaft: Die deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Frauen! 17,9 Millionen Zuschauer saßen am Sonntag an den Bildschirmen, um das Endspiel der Europameisterschaft gegen England zu sehen, 64,8 Prozent betrug der Marktanteil, fast zwei Drittel wollten die glorreichen Frauen sehen. Das Happy End blieb leider aus, England siegte mit 2:1, nichts war es mit dem neunten EM-Titel für Deutschland. Und doch war das DFB-Team bei der Europameisterschaft ein großer Sieger. Die Mädchen begeisterten mit ihrem Spiel und ihrem Auftreten, sie stahlen den Männern die Show, England wird die WM im November/Dezember in Katar in punkto Begeisterung schlagen. Doch jetzt kommt eine große Aufgabe auf den Verband, die Vereine und alle Funktionäre zu: Sie müssen die Begeisterung nutzen, der Frauen-Fußball muss endgültig aus einem Schattendasein mit nur etwa 1000 Zuschauern bei den Bundesligaspielen geführt werden.

Mit einem Titel wäre es vielleicht noch leichter gewesen, doch ausgerechnet im Finale verließ das Glück das DFB-Team. So war es eine entscheidende Schwächung, dass sich ausgerechnet die Kapitänin Alexandra Popp beim Aufwärmen verletzte und nicht einsatzbereit war. Sie hatte die Mannschaft mit ihrer Wucht und sechs Toren maßgeblich ins Finale gebracht, so fehlte eine Antreiberin. Und dann die 26. Minute: Ein Handspiel von Englands Kapitän Leah Williamson vor dem eigenen Tor wurde weder von der schwachen Schiedsrichterin noch vom Video-SR geahndet. Parallelen zu 1966 und dem berühmten Wembley-Tor kamen hoch. Dazu kam, dass es die Deutschen nicht schafften, den Ball in einer entscheidenden Szene über die Linie zu stochern, wohl aber die Engländerinnen durch Maggie Kelly in der 111. Minute der Verlängerung nach einem Eckball. Die „Lionesses“ (Löwinnen), wie die Engländerinnen genannt werden, feierten am Ende überglücklich, die deutschen Mädchen sanken in einem Strom von Tränen traurig zu Boden. Nicht einmal Lena Oberdorf brachte ein Lächeln zuwege, obwohl sie zur besten jungen Spielerin gekürt wurde.

Für England ging eine Ära des Schmachs zu Ende. Seit 1966 gelang keiner englischen Nationalmannschaft mehr ein Titelgewinn bei EM oder WM, bis jetzt die Frauen kamen. Und oft stand ihnen Deutschland im Wege, auch bei den Frauen – das ist jetzt alles vorbei! Englands Frauen-Fußball hat einen langen Weg der Entwicklung erfolgreich abgeschlossen, Verband und Vereine haben die Frauen unterstützt, die reichen Klubs der Premier League, vor allem Manchester City, Chelsea und Arsenal London, haben in den Frauen-Fußball investiert. Zur Nationalmannschaft kam mit der Holländerin Sarina Wiegman eine erfahrene Trainerin, die bei der letzten EM 2017 die Niederlande zum Titel führte. Mit England ist sie seit ihrem Amtsantritt im September 2021 ungeschlagen. Das löste auch Begeisterung in England aus, auch dort sahen noch nie so viele Zuschauer den Frauen am Fernsehen zu, über 17 Millionen bei BBC. Aber auch weltweit brach die EM alle Einschaltrekorde im Frauen-Fußball.

England muss jetzt Vorbild für Deutschland sein. Nicht, dass die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg abgelöst werden muss, sie hat erfolgreich gearbeitet und sie hatte schon im Vorfeld gesagt, dass die Entwicklung der jungen Mannschaft noch nicht abgeschlossen sei. Im Visier ist die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr in Australien und Neuseeland. Voss-Tecklenburg würde ihren Vertrag, der bis dahin läuft, gern vorzeitig bis 2027 verlängern. Sie hat es sich verdient.

Wichtiger aber noch ist, dass die Weichen dafür gestellt werden, dass die Mädchen mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommen. Acht EM-Titel verpufften bekanntlich ohne nennenswerte Aufwärtsentwicklung. Da müssen vor allem auch die Medien mithelfen, die jetzt oft scheinheilig urteilen, dass die Frauen mehr Aufmerksamkeit verdient haben, den Frauen-Fußball aber als fünftes Rad am Wagen sehen. Auch hier muss es Gleichberechtigung mit den Männern geben, die manche auch beim Geld fordern. Doch das ist utopisch, denn die Frauen-Teams können dieses Geld nicht einspielen. 30.000 Euro Prämien sollen jetzt für die Finalteilnahme ausgezahlt werden.

Wir werden sehen, ob es Fortschritte schon in der kommenden Bundesliga-Saison gibt, die am 16. September mit dem Eröffnungsspiel Eintracht Frankfurt gegen Bayern München in der großen Arena, dem Deutsche-Bank-Park, beginnt. Die Pause ist kurz, davor gibt es nämlich sogar noch zwei Länderspiele, leider nicht in Deutschland, sondern in der WM-Qualifikation am 3. September in der Türkei und am 6. September in Bulgarien. Deutschland ist Tabellenführer und braucht noch einen Sieg, um zur WM zu fliegen. Die Terminierung zu Beginn der Saison ist allerdings sportlich seltsam und typisch für den Frauen-Fußball. Bei den Auftritten in Deutschland muss es künftig aber auch attraktive Anfangszeiten (bisher meist am Nachmittag) und TV-Übertragungen geben.

Erster Titel für die Bayern

Wer hätte das gedacht, im Schatten der Frauen-EM läutete die Männer-Bundesliga die neue Saison ein. Traditionell mit dem Supercup, mit dem Duell Pokalsieger gegen Meister. Wie meist, ging auch diesmal Bayern München als Sieger vom Platz. Als wollten die Männer zeigen, dass sie wie die Frauen tollen Fußball bieten können, zeigten zuerst die Bayern, dann auch Leipzig ein unterhaltsames Spiel. So lange die Füße trugen nach einer nur kurzen Vorbereitung, zeigten die Münchner, welch flotten Fußball sie künftig zu spielen gedenken, Leipzig schaute fast schon konsterniert zu, vor allem der junge Jamal Musiala und Neuzugang Mané sorgten für Furore. Nach dem 1:4 wachte RB auf und es wurde ein Final-Torreigen wie noch nie. Doch den Titel ließ sich der Meister nicht mehr nehmen, das 5:3 deutet an, welche Sturmkraft die Bayern haben, die Gegentore wiederum weisen auf alte Schwächen hin.

Leipzig gewann nicht auf dem Feld, aber bei den Verpflichtungen. Nach dem verlorenen Finale wurde Verstärkung an Land gezogen, für rund 30 Millionen kommt Nationalspieler David Raum von der TSG Hoffenheim. Mittelfeldspieler Konrad Laimer soll zudem gehalten werden und erst 2023 zu den Bayern wechseln. Außerdem baggert Leipzig an der Rückkehr von Torjäger Timo Werner, der ja bei Chelsea London nicht glücklich wurde, damit RB wirklich als ernsthafter Anwärter für den Titelkampf gilt.

Einen Sieger hatte Leipzig übrigens doch. Vor dem neuen Spieljahr wurden die Besten der letzten Saison gewählt. Der kicker ruft dazu die Sportjournalisten auf. Als bester Spieler wurde Christopher Nkunku (Leipzig) vor Robert Lewandowski (Bayern) und Kevin Trapp (Frankfurt) gewählt, als bester Trainer Christian Streich vom SC Freiburg gekürt (vor Oliver Glasner, Frankfurt, und Steffen Baumgart, Köln). Beste Spielerin wurde Bayerns Torjägerin Lea Schüller vor Alexandra Popp. Schade, dass sich Schüller nicht mit noch einem Titel belohnen konnte.

Favoritenstürze im Pokal

Der Pokal hat seine eigenen Gesetze heißt es, dies wurde gleich wieder in der ersten Runde 22/23 deutlich. Wie im Vorjahr erwischte es drei Bundesligisten (ohne Montagspiele), für Bayer Leverkusen und den 1. FC Köln gab es einen „doppelten Rheinfall“ (kicker). In Leverkusen brannte nach dem 3:4 beim Drittligisten SV Elversberg gleich die Hütte, den jungen Spielern wurde mangelnde Konzentration und Überheblichkeit vorgeworfen. Ist diese Niederlage ein Alarmsignal Richtung Bundesliga oder der Beweis, dass Leverkusen doch kein ernsthafter Bayern-Konkurrent sein kann? Fast könnte man sagen, die Antwort gibt es am Samstag im Duell mit Borussia Dortmund, das beim 3:0-Sieg bei 1860 München erfrischenden Fußball zeigte.

Der 1. FC Köln erlebte bei Jahn Regensburg beim 3:4 (nach 120 Minuten 2:2) im Elfmeterschießen ein Deja-vu, denn schon einmal schieden die Rheinländer mit diesem Ergebnis in Regensburg aus. Jetzt beklagt der finanziell klamme Verein vor allem die fehlenden Einnahmen. Auch hier die Frage: Wird es nach dem Höhenflug im letzten Jahr jetzt eine schwierige Saison? Gleiches erlebte Hertha BSC Berlin mit Eintracht Braunschweig, alle Hoffnungen auf Besserung erhielten mit der Niederlage beim Zweitliga-Neuling einen Dämpfer. Nach dem furiosen 4:4 siegte Braunschweig im Elfmeterschießen mit 6:5. Schon 2004 und 2020 hatte Braunschweig die Hertha ausgeschaltet. Die Berliner werden sich wohl wieder auf einen Abstiegskampf einrichten müssen.

Zur neuen Saison der Bundesliga, die bekanntlich am Freitag mit dem Spiel Eintracht Frankfurt – Bayern München beginnt, gibt es im Laufe der Woche noch einen eigenen Blog mit allen Hintergründen.

Fußball-Frauen begeistern ganz Deutschland

Wer hätte das gedacht, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Frauen, die zuletzt bei Welt- und Europameisterschaft ebenso „gerumpelt“ hat wie die Männer und jeweils im Viertelfinale ausgeschieden ist, begeistert jetzt ganz Deutschland. Die Mädchen sind die Sommer-Sensation und sorgen dafür, dass es im Sport kein Sommerloch gibt. 9,5 Millionen Zuschauer drückten an den Bildschirmen die Daumen und am Mittwoch beim Halbfinale gegen Frankreich werden es wohl noch mehr sein. Eine schwere Aufgabe, aber die EM-Reise und die Begeisterung sollen noch nicht zu Ende sein, es wartet das Finale am Sonntag.

Es ist kein Wunder geschehen rund um die erfolgreiche Mannschaft, sondern Trainerteam und Spielerinnen haben ganz einfach ihre Hausaufgaben gemacht. Sie haben analysiert, nach den Gründen der Problemen gesucht und haben es geschafft, diese zu beseitigen. Mit Teamgeist, großem Willen und natürlich auch einer gewaltigen Portion Können wurde der Erfolgsweg beschritten. „Bei uns kämpft wirklich jede für jede,“ merkt Svenja Huth an, kämpferisches Vorbild überhaupt ist dabei Lena Oberdorf vor der Abwehr, die auch im Viertelfinale gegen Österreich entscheidend dazu beitrug, den 2:0-Sieg nicht zu gefährden. Als die Spannung nachzulassen drohte, grätschte sie wieder den Kampfeswillen herbei und frohlockte, „bei allen war wieder das Feuer in den Augen zu sehen“. Im Gegensatz zu den furchtbaren Waldbränden überall auf der Welt soll dieses Feuer nicht gelöscht werden…

Der Weg ins Halbfinale gegen Frankreich am Mittwoch (21.00 UhrZDF) in Milton Keynes wurde ohne Makel beschritten, noch kein Gegentor erhalten, fast immer das Geschehen bestimmt. Vor allem der Sieg über den Mitfavoriten Spanien machte den Weg und die Gedanken an den Erfolg frei. Frankreich um die überragende Abwehrchefin Wendie Renard ist ein ähnliches Kaliber, die Chancen stehen 50:50. Beim letzten Aufeinandertreffen bei einem Turnier, bei der WM 2015 in Kanada, siegte Deutschland im Viertelfinale in Montreal nach dem 1:1 nach Verlängerung im Elfmeterschießen mit 5:4. Sara Däbritz und Alexandra Popp waren schon dabei. Das letzte Freundschaftsspiel gewann allerdings Frankreich mit 1:0, da war dies aber noch eine andere deutsche Mannschaft!

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat ihr Stammteam bei diesem Turnier gefunden, das immer angefangen hat, wenn alle spielfähig waren, aber es konnte auch immer erfolgreich gewechselt werden, eine große Stärke. Jetzt kann ihr Frankreich-Liebhaberin Sara Däbritz, die in Paris spielte und jetzt nach Lyon wechselt, gute Tipps geben. Außerdem konnten sich die deutschen Mädchen länger ausruhen, Deutschland spielte schon am Donnerstag, Frankreich musste am Samstag 120 Minuten beim 1:0 gegen die Niederlande gehen. Da dürfen Mädchen und Fans wohl vom Traumfinale in Wembley am Sonntag (18.00 Uhr) gegen England träumen. Die Engländerinnen gelten gegen Schweden als klare Favoritinnen.

Erst nach dem Turnier wird sich allerdings zeigen, ob die Euphorie für die Fußball-Frauen auch in die Bundesliga getragen werden kann. Bisher wurde das Nationalteam oft gefeiert, die Vereine aber profitierten davon nicht, die Fans fanden nur in geringem Maße den Weg in die Stadien.

DFB-Pokal als Fest und Test

Die 2. Bundesliga und die 3. Liga haben bereits mit ihren Punktrunden begonnen, aber am kommenden Wochenende geht die neue Saison erst richtig los, als Vorgeschmack steht der DFB-Pokal an. Er ist in der ersten Runde immer ein Fest für die Amateure, die glücklich sind, einmal prominente Vereine bei sich begrüßen zu können. Manchmal erinnern sich Generationen an solche Tage, vor allem dann, wenn die Amateure für eine Sensation gesorgt haben. Die könnte es auch diesmal wieder geben. Gerade die Bundesligisten haben nach einer kurzen Pause und ebenso kurzen Vorbereitung vielfach zwiespältig Gefühle über ihren Leistungsstand. Spielerwechsel standen mehr im Vordergrund, doch wenn es nicht klappt, dann droht das Aus. So wird der DFB-Pokal zum großen Test, bevor am 5. August die Bundesliga beginnt. Der Pokal bleibt aber auch lukrativ, jeder Verein kassiert in der ersten Runde rund 128.000 Euro, in der 2. Runde sind es 257.000, später im Viertelfinale schon eine Million.

Im DFB-Pokal gibt es einige Neuerungen, die Runden müssen natürlich auch an den Spielplan rund um die Weltmeisterschaft in Katar im November/Dezember angeglichen werden. Die 2. Runde wird im Oktober gespielt, das Achtelfinale erst im Januar/Februar und wird dann über zwei Wochen gestreckt (künftig soll dies beim Viertelfinale der Fall sein). 15 Spiele werden im Free-TV übertragen, so viele wie noch nie. Das ZDF feiert sein Comeback, teilt sich die Spiele mit der ARD (alle Spiele live bei Sky im Pay-TV) und startet am Freitag (20.45 Uhr) mit dem Duell 1860 München – Borussia Dortmund im ausverkauften Grünwalder Stadion. Die ARD beschließt den Pokalreigen am Montag, 1. August (20.45 Uhr) mit dem Spiel SC Magdeburg – Eintracht Frankfurt. Verlegt wurden die Spiele von RB Leipzig und Bayern München, denn die kämpfen am Samstag um den Supercup. Leipzig ist ja Titelverteidiger im Pokal und tritt erst am 30. August bei Teutonia Ottensen an (ZDF), die Bayern sind einen Tag später bei Viktoria Köln (ARD).

RB Leipzig feierte überschwänglich mit dem Pokalsieg den ersten Titelgewinn der jungen Vereinsgeschichte und hofft darauf, dass in der Mannschaft endgültig die Siegermentalität Einzug gehalten hat. Das soll sich auch am Samstag (20.30 Uhr) gegen Meister Bayern München im Supercup zeigen. Die Bayern hatten ja keine ideale Saisonvorbereitung, im Gespräch waren vor allem die Neuverpflichtungen nach Mané auch de Light und jetzt auch noch Frankreichs Sturmtalent Mathys Tel. Für den 17.jährigen von Stade Rennes zahlen die Münchner 20 Millionen Euro plus Boni. Trainer Julian Nagelsmann ist sich sicher: „Er wird einmal 40 Tore in der Saison schießen.“ Doch ein Lewandowski-Ersatz ist er derzeit noch nicht. Die Bayern kamen im letzten Testspiel in Green Bay nach Gewitterunterbrechungen gegen Manchester City beim 0:1 nicht richtig auf die Füße. Torschütze Erling Haaland erinnerte sie an die Bundesliga, jetzt müssen sie sich an alte Stärke erinnern. Immerhin, auch beim Supercup sind die Münchner Rekordsieger mit zehn Titelgewinnen, im letzten Jahr gewannen sie in Dortmund 3:1.

Trauer um Uwe Seeler

Die Fußball-Welt trauert um einen ihrer ganz Großen, menschlich gesehen vielleicht sogar der Größte. Uwe Seeler, Ehrenspielführer der Nationalmannschaft, ist im Alter von 85 Jahren im Kreise seiner Familie gestorben. Ihn hat seine Bescheidenheit ebenso ausgezeichnet wie sein fußballerisches Können. Legendär, dass er Millionen-Angeboten standhielt und seinem HSV treu blieb. Dem diente er auch als Präsident, doch das war eigentlich nicht sein Metier. Uwe Seeler war ein Aushängeschild für seine Heimatstadt, für den HSV und auch für den Fußball in Deutschland. Weltmeister wurde er nie, das verhinderte zum Beispiel 1966 das Wembley-Tor in England. Wie er gesenkten Kopfes das Spielfeld im Kreis von Polizisten verlässt, war eines der bemerkenswertesten Sportbilder aller Zeiten.

Der Sport-Grantler begleitete Uwe Seeler bei seinem Abschiedsspiel aus der Nationalmannschaft 1970 in Nürnberg. Er wird sich wie alle an einen großen und sympathischen Sportler erinnern. Sein HSV ehrte Seeler indem er am Sonntag in Trikots mit der Aufschrift „Uns Uwe“ antrat. Das machte die heutige Generation wohl nervös und sie schenkte dem Idol keinen Sieg, sondern musste gegen Hansa Rostock eine unglückliche 0:1-Niederlage hinnehmen. „So ist der Sport,“ hätte Uwe Seeler gesagt, „halt beim nächsten Mal, ich drücke die Daumen“. Es war ihm leider nicht vergönnt, den Wiederaufstieg des HSV in die Bundesliga noch zu erleben. Wer weiß auch, wie lange dies dauert. Uwe Seeler wird auch von oben nicht allzu lange zuschauen wollen…

Neue Bayern + Neue Borussia = Neuer Meister?

Alle Rätsel um Torjäger Robert Lewandowski haben sich am Wochenende aufgelöst, der Wechsel vom FC Bayern München zum FC Barcelona wurde perfekt gemacht. Damit drängte der Pole die erfolgreiche Frauen-Nationalmannschaft aus den Schlagzeilen. Ein Schicksal, das die Fußballerinnen immer wieder hinnehmen müssen, dabei machen sie bei der Europameisterschaft doch beste Werbung für sich. Aber von den Millionen Euro, die bei den Männern umgesetzt werden, können sie nur träumen.

Das größte Wechseltheater ist zu Ende, die Fragezeichen aber bleiben. Es war eigentlich von Anfang an klar, dass das „Basta“ von Bayern-Boss Oliver Kahn nur ein taktisches „Basta“ war, um den Preis in die Höhe zu treiben. Alle spielten ihr Spielchen, Vereine, Berater und Lewandowski selbst, dem eine Rufschädigung schlichtweg egal war. Vom Verein mit Festgeldkonto wechselt er zum Schuldenclub, der durch finanzielle Winkelzüge Millionen locker macht. Der im August 34-jährige Pole erhält in Spanien einen Vertrag bis 2026, in München sollte er zunächst mal um ein Jahr bis 2024 verlängern. Die Bayern kassieren (bei Boni) die 50 Millionen Euro, die als Schmerzgrenze galten. Die Fans vom FCB (jetzt FC Barcelona, nicht mehr FC Bayern) schwärmen vom Neuzugang, der behauptet, er hätte schon immer in der „La Liga“ spielen wollen, als Garant für Erfolg. Wir werden sehen, auch ein fitter Torjäger merkt das Alter.

Bei den Bayern geht eine Ära zu Ende. Lewandowski hinterlässt eine Flut an Rekorden, wurde in seinen acht Jahren in München immer Meister, wurde dreimal Pokalsieger, gewann Champions League sowie Klub-WM und wurde zweimal Weltfußballer des Jahres. Erfolge, die er anstrebte, er blieb lange Zeit nur deshalb in München, weil er sah, dass er sie mit den Bayern erreichen konnte. Der Pole ist eine Ich-AG, ein Egoist, kein Mannschaftsspieler. So wurde er von den Fans geachtet, bewundert, aber nicht geliebt wie einst zum Beispiel Gerd Müller. Als er dessen Saison-Torrekord auslöschte erinnerte er an den „Bomber“, das kam nicht von Herzen, sondern war Kalkül. 312 Tore hat Lewandowski seit 2010 in der Bundesliga erzielt (vorher für Dortmund), da bleibt Gerd Müller immerhin der Rekord mit 365 Treffern, den wird jetzt endgültig niemand mehr erreichen. Aber für dieses Vorhaben wollte Lewandowski dann doch nicht bleiben. Der kicker listet für ihn fast schon sensationelle 14 Bundesliga-Rekorde auf. Allein dies zeigt, welche Lücke der Dauer-Meister schließen muss. Andererseits soll der Pole zuletzt ein Stimmungskiller im Team gewesen sein.

Dies ist jetzt die große Frage, wie geht es weiter in der Bundesliga, bei den Bayern und den anderen Klubs? „Alle gegen Bayern“ titelte der kicker in seinem Bundesliga-Sonderheft (bekanntlich ein Kult-Produkt für alle Fußball-Fans), aber nicht einmal eine handvoll kann sich wirklich Hoffnungen machen. Im Prinzip heißt die Frage: Neue Bayern + Neue Borussia = Neuer Meister?

Die Dortmunder gelten als großer Konkurrent und hatten schon vor Wochen zur Attacke aufgerufen und mit den Verpflichtungen von Süle, Haller, Adeyemi, Nico Schlotterbeck und Özcan bei den Fans Hoffnungen geweckt und die Bayern unter Druck gesetzt. Die ließen den Rivalen erst machen und konterten vor allem mit der Verpflichtung von Sadio Mané vom FC Liverpool, ein Weltklassestürmer als Absicherung gegen den Lewandowski-Abgang. Dazu kamen die Ajax-Spieler Grevenberch und Mazraoui und rechtzeitig zur Team-Vorstellung am Samstag die Vertragsverlängerung bis 2026 mit Serge Gnabry, der sich sogar die Lewandowski-Rolle in der Mitte vorstellen kann. Mit den Lewandowski-Millionen (und noch was draufgelegt) wurde zudem Abwehr-As de Ligt von Juventus Turin gekauft.

Insgesamt ruft Trainer Julian Nagelsmann eine neue Bayern-Ära aus, das Spiel soll schneller, beweglicher und schlechter durchschaubar werden. Nicht einer soll Tore schießen, sondern viele, die Meister-Ära soll fortgesetzt werden. Die Bayern sagen im „mia-san-mia“-Stil: „Auch Gerd Müller und Franz Beckenbauer mussten ersetzt werden, wir waren dennoch weiter erfolgreich“. Aber immerhin nicht immer Meister! Dortmund aber will seine Schwächen ausmerzen, Leverkusen und RB Leipzig wollen angreifen, ein neuer Meister ist für die neue Saison nicht unwahrscheinlich. Wobei sich erst zeigen muss, welcher Verein für die harten Wochen bis zum Beginn der Weltmeisterschaft Mitte November gut gerüstet ist. Dortmund holt sich den letzten Schliff derzeit im Trainingslager in Bad Ragaz, die Bayern haben eine etwas holprige Vorbereitung und gingen am Montag auf USA-Reise. Dort treffen sie am Donnerstag auf Washington United und am Sonntag vor dem Rückflug in Green Bay noch auf Manchester City mit ihrem ehemaligen Trainer Pep Guardiola. „Dazwischen müssen wir unser Spiel einstudieren,“ betont Nagelsmann. Der erste ernste Auftritt ist der Supercup am 30. Juli bei Pokalsieger RB Leipzig.

Die Bundesliga startet am 5. August, die zweite Liga legte bereits am vergangenen Wochenende los (siehe auch den nächsten Kommentar „Die Prominenz will weg: Bald wieder Alltag in der 2. Bundesliga?“) und mancher Favorit musste die erste Enttäuschung hinnehmen. So mussten die Absteiger Fürth (2:2 gegen Kiel) und Bielefeld (1:2 in Sandhausen) erkennen, dass das Unterhaus kein Zuckerschlecken wird. Auffallend: Die Bild am Sonntag rückte von der „Kult-Liga“ wieder ab – Alltag in der 2. Bundesliga. Gefeiert wurde aber dennoch, vor allem in Hamburg, St. Pauli besiegte den Club aus Nürnberg mit 3:2 und der HSV machte beim 2:0 in Braunschweig deutlich, dass er sich auf den Weg nach oben macht. Einiges Glück war dabei, aber ohne das geht es nicht.

Frauen träumen vom Finale

Drei Siege, 9:0 Tore, die Bilanz der deutschen Fußball-Frauen nach der Gruppenphase der Europameisterschaft in England kann sich sehen lassen. Es bewahrheitete sich der Eindruck, dass das Team wirklich eine echte Mannschaft und ausgeglichen besetzt ist. Trainerin Martina Voss-Tecklenburg hat inzwischen alle Feldspielerinnen eingesetzt! Und da sorgten vor allem die „Aushilfskräfte“ als Außenverteidigerinnen, Sophia Kleinherne und Nicole Anyomi, für Aufsehen mit ihren Leistungen und ersten EM-Toren. Nur der Corona-Ausfall von Lea Schüller tut weh, dafür lässt es Kapitänin Alexandra Popp krachen, als erste deutsche Spielerin traf sie in allen drei Gruppenspielen.

So kann es weitergehen, die Frauen träumen jetzt sogar vom Finale. Die nächste Hürde ist am Donnerstag Österreich, das sich überraschend gegen Norwegen durchgesetzt hat. Es ist quasi ein Bundesliga-Duell, denn 13 Mädchen aus dem Austria-Kader spielen in der Bundesliga. Österreich beeindruckte mit spielerischer Klasse und viel Kampfgeist, spielt ähnlich kompakt wie Deutschland. Das kann eine zähe Angelegenheit werden. Seltsam, bisher gab es nur zwei Länderspiele zwischen den beiden Nationen, Deutschland siegte 2016 mit 4:2 und 2018 mit 3:1. Das sollte sich am besten wiederholen. Aber Achtung: Österreich stellt mit Nicole Billa die Bundesliga-Torschützenkönigin der Saison 2020/21 und „Spielerin des Jahres 2021“. Wird Österreich gemeistert, baut sich voraussichtlich Frankreich als nächste große Hürde im Halbfinale auf.

Die Fußball-Frauen haben es aber jetzt schon geschafft, dass die Sportfans in Deutschland auf sie aufmerksam wurden. Die EM-Spiele sind auch ein Quoten-Hit bei den deutschen Zuschauern im Fernsehen, so daß schon Hoffnung besteht, dass der Frauen-Fußball auf Dauer von diesem Turnier profitiert. Und Robert Lewandowski ist ja weg.