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Tag: Formel 1

Träumer Vettel greift nach den Sternen

„Und täglich grüßt das Murmeltier“ – der Film war ein Erfolg, in dem ein Mann in einer Zeitschleife fest hing und eine tägliche Wiederholung erlebte. Ähnlich geht es der Formel 1, die Jahr für Jahr darauf hofft, dass die Rennen spannender und interessanter werden und Mercedes vielleicht einmal nicht Weltmeister. 2019 gilt diese Hoffnung also auch, dass sie in diesem Jahr noch ein bisschen größer ist, hängt mit verschiedenen Regeländerungen zusammen. So machen sich manche Fahrer Mut, „jeder kann Weltmeister werden“, sagt zum Beispiel Max Verstappen und meint damit natürlich sich selbst und Red Bull. Am Sonntag, 17. März, geht es in Melbourne los, am 1. Dezember, wenn in Abu Dhabi das letzte Rennen beendet ist, heißt es vielleicht wieder „Weltmeister Lewis Hamilton, Weltmeister Mercedes“ – und jährlich grüßt das Murmeltier der Formel 1.

Dass dies nicht so wird, davon träumt vor allem Sebastian Vettel und davon träumt Ferrari. Für den Deutschen ist 2019 vielleicht die letzte Chance, die Träume der Italiener Wirklichkeit werden zu lassen, bei einem erneuten Scheitern verlieren sie wohl den Glauben an ihre Nummer 1. Vettel will aber endlich wirklich im doppelten Sinne nach den Sternen greifen und denkt dabei auch an sein Vorbild Michael Schumacher. Der Rekord-Weltmeister holte seinen ersten Titel mit Ferrari auch im fünften Jahr bei den Roten und im Team gab es eine Aufbruchstimmung: Mattia Binotto löste den überforderten Maurizio Arrivabene als Teamchef ab, der 49 Jahre alte Schweizer war einst (gutes Omen!) Motoringenieur bei Schumacher. Dazu soll der neue Mann an Vettels Seite neuen Schwung bringen, der 21-Jährige Jungstar Charles Leclerc anstelle von Routinier Kimi Räikkönen. Viele glauben sogar, dass Leclerc dem Deutschen um die Ohren fahren könnte. Na, davon träumt Vettel nicht.

Im doppelten Sinne nach den Sternen greifen heißt, den Titel gewinnen und Mercedes einen Rekord vermasseln. Die Silberpfeile mit dem Stern holten jetzt fünfmal hintereinander den Titel, sechsmal in Folge schaffte nicht einmal Schumacher mit Ferrari. Trotz dieser Serie gehen die Stuttgarter nicht einmal als Favorit ins Rennjahr, weil eben Ferrari Fortschritte erkennen lässt, was sich in den Testfahrten zeigte, weil ein in Teilen neues Reglement die Kräfteverhältnisse verschieben könnte und auch andere Konkurrenten den Tests nach aufgeholt haben. In erster Linie hofft Red Bull auf mehr Siege, aber auch Renault sieht sich in einer besseren Position.

Es könnte wirklich eine interessante Saison werden, die Korrekturen an den Autos sollen zum Beispiel besseres Überholen ermöglichen. Auffallend sind breitere Heck- und Frontflügel, Fahrer und Autos dürfen schwerer sein. Bei den Reifen ist eine neue Taktik erforderlich, es gibt nur noch fünf statt sieben Reifentypen, drei davon für jedes Rennen. Vorteil Mercedes: James Vowles von Mercedes gilt als bester Rennstratege. Vorteil Mercedes: Nach anfänglichen Problemen hat es Mercedes noch immer verstanden, einen eventuellen Rückstand zu Ferrari in einen Vorsprung umzuwandeln. Lewis Hamilton ist auf die ganze Saison gesehen der nervenstärkere Fahrer gegenüber Vettel. In den Tests beeindruckte Ferrari mit Schnelligkeit, Mercedes mit Haltbarkeit. Ein Extra-Zuckerl noch im Jubiläumsjahr, 70 Formel 1: Für die schnellste Rennrunde gibt es einen Extrapunkt, der Fahrer muss allerdings unter den ersten zehn platziert sein.

Was die Fahrer angeht, so hat sich einiges getan. Zwölf Cockpits sind neu besetzt. Neulinge sind George Russell bei Williams, Alexander Albon bei Torro Rosso und Lando Norris bei McLaren. Im Mittelpunkt aber das Comeback des Polen Robert Kubica, der 2008 in Kanada seinen einzigen Grand Prix gewann, 2011 aber bei der Rallye Andorra schwer verunglückte. Der rechte Arm und die rechte Hand sind in ihrer Beweglichkeit beeinträchtigt, viele zweifeln, ob man unter diesen Umständen einen Rennboliden steuern kann. Kubica galt als großes Talent und war bei Testfahrten schnell, wie aber kann er kritische Situationen meistern. Williams gibt ihm eine Chance. Der spektalulärste Wechsel war wohl der von Daniel Ricciardo von Red Bull zu Renault, wo der Australier Partner von Nico Hülkenberg wird. Der Deutsche kann sich nun beweisen, wie schnell er wirklich ist. Ricciardo hatte wohl die Zusammenarbeit mit Heißsporn Verstappen satt. Red Bull setzt übrigens jetzt auf Motoren von Honda, weil man mit Renault nicht zufrieden war.

Mit einem Schock musste die Formel 1 unmittelbar vor dem Start in Melbourne auch leben, denn Charlie Whiting, der anerkannte und beliebte Renndirektor starb am Mittwoch mit 66 Jahren an einer Lungenembolie. Whiting galt als „Stimme der Vernunft“ und „Eckpfeiler des Sports“, die Formel 1 wird ihn also sehr vermissen.

Die 21 Rennen: 17. März Australien, 31. März Bahrain, 14. April China, 28. April Aserbaidschan, 12. Mai Spanien, 26. Mai Monaco, 9. Juni Kanada, 23. Juni Frankreich, 30. Juni Österreich, 14. Juli Großbritannien, 29. Juli Deutschland, 4. August Ungarn, 1. September Belgien, 8. September Italien, 22. September Singapur, 29. September Russland, 13. Oktober Japan, 27. Oktober Mexiko, 3. November USA, 17. November Brasilien, 1. Dezember Abu Dhabi.

Die Teams: Mercedes: Lewis Hamilton, Valterri Bottas. Ferrari: Sebastian Vettel, Charles Leclerc. Aston Martin Red Bull: Pierre Gasly, Max Verstappen. Renault: Daniel Ricciardo, Nico Hülkenberg. Haas: Romain Grosjean, Kevin Magnusson. McLaren: Lando Norris, Carlo Sainz jr. Racing Point: Sergio Perez, Lance Stroll. Alfa Romeo Sauber: Kimi Räikkönen, Antonio Giovinazzi. Toro Rosso: Alexander Albon, Daniil Kwyat. Williams: George Russell, Robert Kubica.

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Viele offene Fragen sorgen für Spannung 2019

Es gibt keine Olympischen Spiele und keine Fußball-Weltmeisterschaft – 2019 ist wieder eines dieser „Zwischenjahre“ ohne die ganz großen Ereignisse. Das Sportjahr 2019 verspricht aber dennoch Spannung, denn es stehen viele offene Fragen im Raum und außerdem bleibt es immer spannend, zu verfolgen, mit welchen kruden Ideen manche Funktionäre die Öffentlichkeit suchen. So ist eine der interessanten Fragen, ob FIFA-Präsident Infantino es schafft, den Fußball für viel Geld (wohl auch in die eigene Tasche) zu verkaufen…

Aber bleiben wir bei den sportlichen Fragen. Sie betreffen zum Beispiel die deutschen Fußball-Nationalmannschaften. Die Frauen haben eine neue Trainerin, die Männer noch ihren alten Coach. Die Frauen sind bei der Weltmeisterschaft vom 7. Juni bis 7. Juli in Frankreich gefordert und die „Neue“ wird sich beweisen müssen. Martin Voss-Tecklenburg soll nach dem Tiefpunkt unter Steffi Jones wieder an die Erfolge von Silvia Neid anknüpfen, der Titelgewinn wäre allerdings eine unerwartete Krönung. Da hat es Jogi Löw leichter, von ihm und seiner Mannschaft wird nur die problemlose Qualifikation zur Europameisterschaft 2020 verlangt. Nun gut, das sollte gegen die Niederlande, Weißrussland, Estland und Nordirland gelingen, da Platz zwei reicht. Allerdings sind da Siege nicht alles, sondern es soll auch eine Weiterentwicklung der DFB-Elf zu alter Stärke erkennbar werden, zum Beispiel mit einer erfolgreichen Revanche gegen die Niederlande. Wird am Ende des Jahres Löw wieder zum „Erfolgstrainer“ werden oder ist er dann endgültig gescheitert? Spannend.

Offene Fragen machen aber auch andere große Sportarten bzw. Meisterschaften und Turniere spannend. So schauen nicht nur die deutschen Tennis-Fans auf Angelique Kerber, welche Stellung 2019 in ihrem Auf und Ab einnimmt, 2016 schoss Kerber mit zwei Grand-Slam-Siegen nach oben, 2017 verzweifelte sie, 2018 gewann sie Wimbledon. 2019 wollen wir sie nicht verzweifelt sehen… Auch die Golf-Fans schauen gespannt auf das neue Jahr, nachdem Hero Tiger Woods sein Comeback als Turniersieger feiern konnte. Schafft er jetzt auch das Sieges-Comeback bei einem Major-Turnier? Vier Siege fehlen ihm hier noch zur Unsterblichkeit. Wenn nur die Gesundheit mitspielt.

Ansonsten bietet auch 2019 alle Welt- Europameisterschaften von den Verbänden, die auf die jährliche Ausrichtung nicht verzichten wollen, die Biathlon und Eishockey zum Beispiel. Einige Highlights stechen zudem hervor, so ist ein ungerades Jahr immer ein WM-Jahr im Wintersport, vorrangig die alpine Ski-WM vom 5. bis 17. Februar in Are/Schweden und die nordische WM vom 22. Februar bis 2. März im österreichischen Seefeld. Den Start an attraktiven WM-Turnieren macht aber Handball mit der Weltmeisterschaft vom 10. bis 27. Januar in Dänemark und Deutschland. Da träumen deutsche Fans schon wieder von einem Wintermärchen wie 2007, als Deutschland Weltmeister wurde. Heiß wird es bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft, die vom 27. September bis 6. Oktober in Doha/Katar ausgetragen wird. Wieder also ein Verband, der in die Fänge der Pedro-Dollars der Scheichs geriet. Manche Wettbewerbe werden wegen der zu erwartenden Hitze erst um Mitternacht unserer Zeit entschieden.

Am Anfang des Sportjahres steht wie immer auch der Super Bowl, das Finale der American-Football-Profiliga NFL, eines der größten Sportereignisse der Welt, TV-Quoten-Hit in den USA. Ausgetragen diesmal in Atlanta. Die Formel 1 möchte auch gern ein Weltereignis sein, gastiert deshalb überall in der Welt. Deshalb bietet sie diesmal auch etwas Besonderes, nämlich 21 Rennen vom 17. März in Melbourne bis 1. Dezember (Finale spät wie nie) in Abu Dhabi. Aktualisiert wird wieder das technische Reglement, eine offene Frage ist, ob es mal wieder einen neuen Weltmeister gibt, zum Beispiel bei einem Comeback von Ferrari.

Bei allen nationalen und internationalen Meisterschaften werden uns die Schattenseiten des Sports auch 2019 wieder begleiten. Die Doping-Diskussion wird nicht enden, wir dürfen aber auch nicht glauben, dass ein entscheidender Durchbruch zu mehr Ehrlichkeit und Gerechtigkeit gelingt. Eine offene Frage für alle ist doch immer, ist der Sieger gedopt oder nicht? Ähnliches gilt auch für das Wirken der Sport-Funktionäre, die immer noch nicht eingesehen haben, dass der Sport vor allem den Menschen, den Fans, gehört und nicht einigen abgehobenen und geldgierigen Funktionären und Milliardären, die sich im Glanze des Sportes präsentieren wollen. Auch die Hooligans mit ihren Schlägertruppen werden uns weiter beschäftigen, schlimmstenfalls wird der Sport sogar Zielscheibe des Terrors. Auch der Spitzensport ist schließlich Teil einer immer unsicherer werden Welt. Da hilft nur Aufmerksamkeit oder aber ein gewisser Verdrängungsmechanismus, der uns eins lässt: Den Spaß am Sport.

Die Formel E ist das perfekte Versuchslabor

Vor einem Jahr orakelte der Sport-Grantler an dieser Stelle bereits „Die Formel E ist die Zukunft im Motorsport“ (siehe Kommentar vom 25. November 2017), heute darf er sich bestätigt fühlen. Die Elektro-Rennwagen elektrisieren im wahrsten Sinne des Wortes und sollten vor allem die deutschen Rennsportfans hinter dem Ofen hervorholen, denn die Formel E hat einen starken deutschen Anstrich. Dazu kommt, dass die Formel E für die Autokonzerne eine echte Hilfe ist, das, was der Königsklasse, der Formel 1, nämlich fehlt. Auf der Rennstrecke werden wichtige Erkenntnisse für den Alltag gesammelt. Ein BMW-Techniker schwärmt: „Die Formel E ist das perfekte Versuchslabor.“

Wenn am Samstag, 15. Dezember, in Al Diriyah nahe Riad in Saudi-Arabien die neue Saison beginnt, dann ist bei der 2014 gestarteten Serie wieder vieles neu. Die Autos wurden besser und schneller. Die wichtigste Neuerung betrifft aber die Batterie, denn die Techniker konnten die Batterien wesentlich verbessern, so dass sie das ganze Rennen halten und ein Auto-Wechsel, wie es ihn bisher gab, wegfällt. Mehr Reichweite für Elektro-Autos ist bekanntlich auch im Alltag der größte Wunsch. Dazu kommt, dass die Boliden einen optisch guten Eindruck machen. „Das hat etwas von einem Batmobil“, schwärmt der Allgäuer Daniel Abt, ein Mann der ersten Stunde der Formel E.

Neu ist eben auch Riad als Rennstrecke, wobei der Start in Saudi-Arabien nicht jedem schmeckt. Aber der spanische Manager der Rennserie, Alejandro Agag, hat dazu einen Trumpf im Ärmel: „Durch unser Engagement haben wir forciert, dass jetzt in Saudi-Arabien auch die Frauen ans Steuer dürfen.“ Und damit die Scheichs sehen, dass Frauen Auto fahren können, gibt es am Testtag ein Eröffnungsrennen von acht Amazonen am Steuer. Auch da wird die Formel 1 ein bisschen neidisch auf die Formel E schauen. Neu im Rennkalender ist übrigens neben dem chinesischen Sanya auch Bern, ein neuer Stadtkurs also. Die Formel E liebt die Städte, die Städte lieben die Formel E, die ruhigen Rennwagen ohne Abgasen. Nur der Weltverband liebt die Formel E nicht, denn der Status einer Weltmeisterschaft wurde ihr noch verwehrt. Da sollte auch FIA mal elektrisiert werden.

Die deutschen Autokonzerne haben die Formel E entdeckt, sie hilft (siehe oben) beim Fortschritt und Audi, BMW und Mercedes haben ja festgestellt, dass ihnen die Konkurrenz bei den Elektro-Autos davon läuft. Tesla ist die Nummer 1, auch die Japaner haben die Nase vorn. Aber gerade die Amerikaner von Tesla fürchten nun das deutsche Engagement. Audi war über den Partner Abt aus Kempten von Anfang an dabei, BMW startet in diesem Jahr offiziell und Mercedes nächstes Jahr, ist aber mit dem Kunden HWA bereits vertreten. Sie folgen also auf den Spuren von Jaguar und Nissan (für Renault), die schon gute Erfahrungen gemacht haben. Porsche steht zudem angeblich in den Startlöchern.

Auch das deutsche Fahrerfeld ist stärker als in der Formel 1, wo nur Sebastian Vettel und Nico Hülkenberg übriggeblieben sind. Daniel Abt ist das Urgestein, Andre Lotter aus Duisburg ist dabei und neu das Talent Maximilian Günther, dem der Sprung in die Formel 1 zugetraut wird. Von der Formel 1 träumt auch immer noch Pascal Wehrlein, der jetzt ebenfalls in der Formel E untergekommen ist. Aber auch für andere ehemaligen F-1-Piloten wird die Formel E zur Spielwiese, so fährt der Brasilianer Felipe Massa für Venturi, der Belgier Stoffel Vandoorne für HWA. Auch der ehemalige DTM-Champion Gary Paffett (England) greift für HWA ans Steuer. Erfreulich, dass auch alle vier bisherigen Champions am Start sind, nämlich Nelson Piquet jr. (Brasilien), Sebastien Buemi (Schweiz), Lucas di Grassi (Brasilien) und Titelverteidiger Jean-Eric Vergne (Frankreich).

13 Rennen stehen für 2018 auf dem Programm, aber der Terminkalender soll weiter anwachsen. Eurosport überträgt die Rennen im Fernsehen, aber auch ARD und ZDF werden gelegentlich live einsteigen. Die Formel E ist ein Wachstumsmarkt und die zukunftsträchtigste Spielwiese für die Techniker. Wenn das nicht elektrisiert!

Der Rennkalender: 15. Dezember Riad, 12. Januar 2019 Marrakesch, 26. Januar Santiago de Chile, 16. Februar Mexico City, 10. März Hongkong, 23. März Sanya (China), 13. April Rom, 27. April Paris, 11. Mai Monaco, 25. Mai Berlin, 22. Juni Bern, 13. und 14. Juli New York.

Rot träumt, Silber holt Gold

Drei Rennen stehen in der Formel 1 noch auf dem Programm (Mexiko 26.10., Sao Paulo 11.11., Abu Dhabi 26.11.), doch die Spannung ist dahin. Der WM-Titel 2018 ist praktisch vergeben, Lewis Hamilton benötigt gerade noch einen siebten Platz, um die Ernte einzufahren, umgekehrt müsste Sebastian Vettel aber auch alle drei Rennen gewinnen, um seine Chance zu wahren. Wer glaubt daran… Schon ein Sieg von Vettel in Mexiko City wäre ein Wunder, seine Bilanz der letzten drei Rennen: Ausfall, Zeitstrafe, Kollision mit Hamilton und kein Sieg.

Die Saison 2018 hat sich für Ferrari und den Deutschen anders entwickelt, als sie es vorgehabt haben. Dabei ging es gut los und Vettel saß anscheinend im besseren Auto. Doch Ferrari und Vettel blieben sich treu, Fehler auf beiden Seiten. Von einem Vorsprung gegenüber Mercedes konnte in der zweiten Saisonhälfte keine Rede mehr sein und Sebastian Vettel muss anerkennen, dass Lewis Hamilton der bessere Fahrer ist – ein würdiger Weltmeister. Dass Ferrari durchaus gewinnen kann, zeigte ausgerechnet der Finne Kimi Räikkönen, der bekanntlich gehen muss. „Rot“ träumte vom Titel, Vettel hatte wie Hamilton seine fünfte Meisterschaft im Visier, aber anscheinend träumte der Heppenheimer auch auf der Strecke, nur so lassen sich drei Crash in den letzten fünf Rennen erklären. Hamilton behielt die Nerven und so holt jetzt Silber das Gold.

Bei Mercedes wird offensichtlich seriöser und beständiger gearbeitet als bei Ferrari, wo eher mal Luftschlösser gebaut werden. Das Ungestüme der Italiener färbt wohl auch auf Vettel ab, der in den Zweikämpfen gern das Risiko sucht und oftmals der Leidtragende ist, wenn der Gegner nicht – wie von Vettel erwartet – zurückzieht. Vettel kann bei Hamilton eine Lehrstunde nehmen, der blieb vernünftiger und nahm da und dort eine Niederlage im direkten Duell mit einem Konkurrenten hin – um am Ende eben zu gewinnen. Sein Rat für den Deutschen: „Es ist manchmal besser, nicht das Risiko zu suchen.“ So wird man dann Weltmeister.

Sebastian Vettel hat eine Chance vergeben, für die nächste Saison kann er noch einmal träumen, aber er sollte aufmerksam verfolgen, was sein englischer Kontrahent von sich gibt. Lewis Hamilton glaubt nämlich „ich habe das Beste noch vor mir“ und auch der bald fünfmalige Weltmeister, der damit mit der Legende Juan Fangio gleichziehen kann, hat Träume: „Mein großes Ziel sind acht Titel.“ Er möchte den bisherigen Rekordweltmeister Michael Schumacher (sieben Titel) entthronen. Wer kann ihm den Rekord verwehren? Ein Vettel, der ruhiger und vernünftiger wird, oder vielleicht das ebenfalls noch ungestüme Talent Max Verstappen mit Red Bull? Ein Trost für die Formel-1-Fans, dass ein bisschen Spannung schon noch erhalten bleibt, trotz der Dominanz von Mercedes und Hamilton.

Träumen werden auch die Rennsportfans in Deutschland und von Ferrari, dass nämlich die Legende Schumacher wieder auflebt. Wie es dem bei einem Skiunfall schwer verunglückten Rekord-Weltmeister geht, bleibt im Geheimen, aber Sohn Mick hat sich aufgemacht, in die großen Fußstapfen des Vaters zu treten. Der 19-Jährige holte sich die Meisterschaft der Formel 3, was als Sprungbrett in die Formel 1 gilt. Die sogenannte Superlizenz für die Königsklasse hat er mit seinem Erfolg schon in der Tasche. Jetzt fragt sich jeder, wer hat bald Mick in der Tasche? Ferrari träumt, dass der Name Schumacher wieder auf der Siegerliste der Roten stehen könnte. Mercedes will sich hier nicht mit Silber (sprich Zweiter zufrieden geben), sondern arbeitet daran, dass es für Mick eine silberne Ära geben könnte. Auch bei Mercedes träumt man ja ein bisschen, nämlich von einem deutschen Fahrer im deutschen Auto. Mit Michael Schumacher klappte es nicht mehr, Nico Rosberg war die Ausnahme.

Die Formel 1 ist aber kein Traumland, sondern harte Arbeit ist gefragt. Arbeit und Talent, aber auch die entsprechende Vernunft und manchmal eben auch Zurückhaltung. Nicht nur Mick Schumacher muss noch lernen, sondern auch der 31 Jahre alte vierfache Weltmeister Sebastian Vettel.

Formel E ist die Formel der Zukunft im Motorsport

Wachablösung! Am Sonntag, 26. November, ist die Saison der Formel 1 mit dem Rennen in Abu Dhabi beendet, am Samstag, 2. Dezember, beginnt die neue Saison der Formel E in Hongkong. Richtig: Die Rennserie der Boliden mit Elektromotor ist in den Städten der Welt zu Hause. Und das könnte im Rennsport überhaupt zu einer Wachablösung führen: Die Formel E ist nämlich die Formel der Zukunft.

Die Formel E hat das, was die Formel 1 gerne hätte: Sie darf in den Großstädten fahren. 14 Rennen stehen auf dem Terminplan vom 2. Dezember 2017 bis zum 29. Juli 2018. Gastiert wird nach Hongkong (zwei Rennen) noch in Marrakesch, Santiago, Mexico City, Sao Paulo, Rom, Paris, Berlin, Zürich, New York und Montreal (beiden Letztgenannten je zwei Rennen). Die Städte werben mit Rennsport mitten drin, die Formel E wirbt mit ihren Gastspielen in reizvoller Umgebung. Da kann die Formel 1 nur neidisch sein.

Und noch etwas hat die Formel E, was die Formel 1 nicht hat: Die großen deutschen Autokonzerne haben ihr Herz für den Elektromotor entdeckt. Audi ist bereits dabei, BMW steigt 2018 ein und Mercedes und Porsche haben sich schon für 2019 angemeldet. Dem Elektromotor gehört bekanntlich die Zukunft auch im Alltag und da können sich die Autokonzerne für diese Rennserie begeistern, weil sie auch wertvolle Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der Motoren gewinnen können. Formel E könnte am Ende auch für Erfolg stehen. Bezeichnend, dass Mercedes zum Beispiel dafür sein Engagement in der Rennserie DTM aufgibt. Ein Zeichen! Folgt eventuell bald der Rückzug aus der Formel 1? Zumindest dann, wenn der Erfolg mal ausbleiben sollte?

Noch hat die Formel E nicht die Zuschauerzahlen, wie sie die Formel 1 vorweisen kann, der Raum in den Städten ist auch eher begrenzt und was das Fernsehen angeht, da müssen erst einmal Stars gemacht werden. Da könnte die Formel E gewinnen, wenn Größen aus der Formel 1 wechseln. Formel-E-Chef Alejandro Agag bekannte bereits: „Alonso, Hamilton und Co. sind uns willkommen.“

Die Formel E ist aber auch zuschauerfreundlich. Keine Abgase, die leisen Motoren scheinen nicht zu stören, die Formel 1 will dagegen wieder lauter werden. Die Rennen in der Formel E dauern nur eine Stunde, das kommt an. Nur 14 Autos sind am Start, die Zahl soll nicht gesteigert werden, weil der Platz auf den Stadtkursen wohl fehlt. So gibt es auch weniger „Hinterherfahrer“ wie in der Formel 1. Die PS-Zahl wird auf 224 gesteigert, so dass die Rennen schneller werden. Ein letztes Mal wird es in dieser Saison noch einen Wagenwechsel geben, im nächsten Jahr sollen die Batterien ein Rennen durchhalten. Dies zeigt: Eine wertvolle Entwicklung für die Alltagsfahrzeuge.

In der Fernsehpräsenz hat die Formel 1 natürlich noch die Nase vorn, da steht die Formel E zumindest in Deutschland erst am Anfang. Eurosport überträgt und kann an die Zahlen der Formel 1 bei RTL mit manchmal über fünf Millionen Zuschauern nicht heranreichen. Aber das könnte sich ändern, wenn die Formel 1 hier sich selbst das Wasser abgräbt: Die Bosse wollen mehr Rennen ins Pay-TV verlagern, was ihnen vielleicht kurzfristig mehr Geld bringt, im Umkehrschluss aber auch Attraktivität kosten könnte.

Vielleicht heißt es deshalb bald: Freie Fahrt für die Formel E, für den Elektromotor. Möglicherweise sogar auf allen Straßen.

Das Jahr des Lewis Hamilton

Pustekuchen! Da hatten die Formel-1-Fans lange Zeit die Hoffnung, dass die Saison 2017 Spannung bis zum Schluss bringen würde, aber plötzlich gingen Ferrari und Sebastian Vettel die Puste aus und Mercedes und Lewis Hamilton wurden wieder vorzeitig Weltmeister. Und dennoch: In diesem Jahr der Formel 1 war vieles anders.

Was vor Beginn der Saison keiner gedacht hat: 2017 ist das Jahr des Lewis Hamilton. Der Titelverlust 2016 gegen den Konkurrenten im Team, Nico Rosberg, hat den Briten wohl tief getroffen. Er hat an sich gearbeitet, er scheint erwachsen geworden zu sein, ohne aber seinen Spaß am Leben mit der High Society zu verlieren. Mit 32 Jahren hat er jetzt sein Herz auch für die Technik entdeckt, wurde zum Rennwagen-Verbesserer und zur Führungspersönlichkeit. Dass Mercedes nach 2014, 2015 und 2016 zum vierten Mal hintereinander triumphierte und die Konkurrenz in Schach hielt, war ein Verdienst des gereiften Lewis Hamilton. Er bewies, dass er der beste Fahrer im Feld ist und erfüllte auch die Vorbildfunktion, die man von ihm erwartet. Der neue Formel-1-Boss Chase Carey lobte: „Keiner präsentiert den Sport besser als Lewis Hamilton.“ Ein Ritterschlag für das Feier-Biest, bei dem es scheint, als sei der Sport für ihn manchmal Nebensache. Vorbei?

Nico Rosberg wird sich nachträglich noch oft beglückwünschen, dass er mit dem Gewinn des WM-Titels seine Karriere auf dem Höhepunkt beendet hat. Er wird erkannt haben, dass er den Nervenkrieg mit dem ehrgeizigen Konkurrenten nicht ein zweites Mal gewinnen kann. Hamilton wiederum profitierte offensichtlich davon, dass er die unangefochtene Nummer 1 bei Mercedes war und vom neuen Konkurrenten, dem Finnen Valtteri Bottas, nichts zu befürchten hatte. So verlor Hamilton seine Kraft nicht im Kleinkrieg mit dem Kollegen, sondern konzentrierte sich auf Team und Auto. Formel-1-Sportchef Ross Brawn beobachtete: „Lewis ist noch einmal gereift. Es lässt sich nicht mehr so schnell von äußeren Einflüssen von seinem Weg abbringen.“ Insofern hat vielleicht auch Nico Rosberg noch einen nachträglichen Anteil an der Formsteigerung von Hamilton! Der hat jetzt seinen vierten WM-Titel nach 2008 (mit McLaren), 2014 und 2015 errungen, ist der erfolgreichste britische Rennfahrer und steht auf einer Stufe mit Alain Prost und Sebastian Vettel. Nur Michael Schumacher (7) und Juan Manuel Fangio (5) haben mehr Titel errungen.

Diese Wende war wohl auch notwendig, denn Konkurrent Ferrari hatte offensichtlich wesentliche Fortschritte gemacht. Die Italiener und ihr Fahrer Sebastian Vettel wollten Siege und träumten vom Titel. Lange Zeit waren sie auf dem richtigen Weg, schockten Mercedes gleich mit dem Auftaktsieg in Melbourne und Vettel führte zwischendurch die WM-Wertung an. Die Rennen eins, drei, sechs und elf gewann Vettel, dann war es vorbei. Es blieb bei vier Siegen, Hamilton hat zwei Rennen vor Schluss bereits neun. Seit Ferrari nach dem Erfolg am 30. Juli in Budapest quasi der Sprit ausging, siegten nur noch Hamilton und zweimal Max Verstappen.

Sebastian Vettel musste in diesem Jahr erkennen, dass ihm zum großartigen Lewis Hamilton einiges fehlt, vor allem ein starkes Nervenkostüm. Der Brite blieb auch in der Bedrängnis cool, als Vettel führte, während der Heppenheimer hektisch und zum Rambo wurde, als ihm die Felle davon zu schwimmen drohten. Bezeichnend sein Rammstoß gegen Hamilton, bezeichnend aktuell der Startunfall in Mexiko, als Vettel die Karambolage verursachte und die letzte Chance auf den Titelgewinn vergab. Vettel findet nicht das richtige Maß. Gewinnt er, jubelt er mit einem richtigen Kindergeschrei ins Mikrofon, verliert er, wirkt er ratlos. Doch er wird die Hoffnung von Ferrari bleiben, Anerkennung hat er sich dort verschafft, aber die Fußstapfen eines Michael Schumacher sind zu groß für ihn. Es liegt an den Technikern, ob das Ferrari-Hoch 2018 länger hält.

Vielleicht wird Red Bull sogar der größere Konkurrent von Mercedes und Lewis Hamilton. Das Auto ist reif für Siege, wie Max Verstappen bewies. Der 20-jährige Belgier gilt als Mann der Zukunft und wird auf Dauer der größte Konkurrent des Briten sein bzw. ihn langfristig wohl an der Spitze des Feldes ablösen. Vielleicht sogar im Mercedes. Doch das ist Zukunftsmusik. Auf jeden Fall dürfen die neuen Besitzer der Formel 1 schon zwei Rennen vor Saisonende glücklich sein: Die Formel 1 ist zurück, ist wieder interessant und hat Zukunft. Vielleicht sogar mit Elektro-Antrieb, dann schaut sowieso wieder alles anders aus. 2017 war jedenfalls das Jahr des Lewis Hamilton.

Glückliche Formel 1: Nörgler Vettel gegen Lebemann Hamilton

2017 – welch ein Jahr! Genau das hatte sich die Formel 1 gewünscht, endlich wieder Spannung an der Spitze. Ferrari kann Mercedes wirklich herausfordern. Bei Halbzeit, nach zehn von 20 Rennen, führt Mercedes zwar erneut in der Konstrukteurs-Wertung (330 Punkte, Ferrari 275, Red Bull 174), aber in der Fahrer-Wertung hat Ferrari-Pilot Sebastian Vettel mit 177 Punkten noch einen Zähler Vorsprung vor Lewis Hamilton (Mercedes). Das Duell des Deutschen mit dem Engländer elektrisiert endlich wieder einmal die Formel-1-Fans. Hier der Nörgler Vettel, der sich oft benachteiligt sieht, dort der Lebemann Hamilton, der den Sport nicht so ernst zu nehmen scheint. Allerdings sprechen die Ergebnisse eine andere Sprache.

Aber angesichts dieser Duelle, zumal sich auch Red Bull immer wieder mal in den Vordergrund drängt, ist die Formel 1 aus ihrem Dornröschenschlaf wieder erwacht. Es ist auch wieder Leben in der Bude, wenn auch nicht immer im Sinne des Sports, wie Vettels Rammstoss in Baku gegen Konkurrent Hamilton. Der Deutsche hätte viel gravierender bestraft werden müssen als mit einer Verwarnung. Ein Punktabzug wäre gerechter gewesen, hätte aber der Spannung geschadet. Da geht offensichtlich das Geschäft vor den Sport. Zum Sport gehören allerdings auch Reifenplatzer und da war Ferrari in Silverstone im Pech. Vettel fiel auf Rang sieben zurück und büßte gegenüber Sieger Hamilton seinen einst komfortablen Vorsprung fast gänzlich ein. Und nörgelte: „Geht es bei den Reifen mit rechten Dingen zu?“ Man wird ja noch mal fragen dürfen… Beim angeblichen Frühstart von Mercedes-Pilot Bottas in Spielberg vergaloppierte er sich allerdings in der Kritik, schließlich lieferten die TV-Bilder den Beweis, dass der Finne einfach nur schnell und glücklich reagiert hatte. Vettel schießt auf der Strecke und verbal gerne einmal über das Ziel hinaus. So wird er in den Herzen der Fans nicht zum Nachfolger von Formel-1-Ikone Michael Schumacher.

Da setzt Hamilton ganz anders in Szene, der Engländer ist dabei, in den nächsten Rennen einen der legendären Rekorde von Schumacher zu brechen. Er steht bei 67 Pole Positions, Schumacher liegt mit 68 vorn, einst dachte man für die Ewigkeit. Dafür waren dann Mercedes und Hamilton in den letzten Jahren einfach zu stark. Ferrari brauchte zu lange, um den Stuttgarter Paroli zu bieten und seinem einstigen Star den Rekord zu retten.

Die Formel 1 aber schaut nicht nur in eine glückliche Zukunft, sondern hat auch schon wieder Sorgenfalten. Grund dafür ist ein neuer Kopfschutz an den Autos, der die Piloten bei Überschlägen und herumfliegenden Gegenständen (das können sogar Reifen sein) schützen soll. Seltsam, dass sich der Weltverband FIA gegen die Teams, die es ja eigentlich betrifft, durchsetzte und die Einwände ignorierte. Der Schutzbügel sieht wie ein Heiligenschein aus und wird dementsprechend auch „Halo“ (englisch für Heiligenschein) genannt. Mercedes-Teamaufsichtsrat Niki Lauda bringt die Kritik auf den Punkt: „Es ist grundfalsch, diesen Cockpit-Schutz einzuführen. Wir haben neue Autos gebaut, die für den Fan und für den Fahrer wieder attraktiver sind, und jetzt setzt man denen ein Stahlgerüst drauf. Die Autos sind mittlerweile so sicher und das Restrisiko so klein, dass diese Entscheidung nicht gut ist für die Formel 1. Es ist eine Überreaktion.“

Das meint der Sport-Grantler zu „Halo“: Einst liebten die Fans beim Rennsport vor allem den Nervenkitzel. Was ist davon geblieben? Natürlich wollen wir keine Toten mehr sehen, aber ein „Sicherheitskasten“ gehören nicht zum Rennsport!

Die Probleme gehen bei der Formel 1 nicht aus. So hoffen die Fans, dass die Spannung bleibt, zwischen Nörgler Vettel und Lebemann Hamilton, zwischen den roten Ferraris und den Silberpfeilen, am Besten bis zum letzten Rennen am 26. November in Abu Dhabi.