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Tag: Fußball-Europameisterschaft

Der Trend ist nicht immer Dein Freund

Gemeinhin heißt es immer, „der Trend ist Dein Freund“. Doch in der Fußball-Bundesliga trifft das nur bedingt zu. „Der Trend stimmt“, ist allerdings bei Augsburgs Trainer Martin Schmidt fast zum Modewort geworden, seit Wochen erzählt er davon, dass der Trend stimmt, auch nach der Niederlage gegen Schalke am 10. Spieltag. Zwei Siege folgten und jetzt das 1:1 in Köln, das nach einem verschossenen Elfmeter eher eine Niederlage für den FCA im Abstiegskampf war. Aber der Trainer bleibt positiv: „Der Trend stimmt.“ Platz 12 kann aber trügerisch, gegen Mainz gibt es am Samstag wieder ein wichtiges Spiel im Kampf um den Klassenerhalt. Da sollte der Trend also ein FCA-Freund sein.

Bayern-Trainer Hansi Flick wird dem Schweizer nicht zustimmen, auch wenn ein Trend bei den Bayern auch offensichtlich wird. Der Trend nämlich, dass die Bayern gegen schnelle Stürmer der Gegner ihre Schwierigkeiten haben. Leverkusens Leon Bailey war das personifizierte Unheil für die Münchner Abwehr, Javi Martinez wird er im Traum als Ungeheuer erschienen sein. Der Spanier war einfach zu langsam. Die Bayern versiebten ihrerseits hochkarätige Chancen, scheiterten am überragenden Torhüter Hradecky bzw. an Pfosten und Latte. Und da zeigt sich, dass der Trend nicht immer Dein Freund ist, in dem Fall nämlich würden die Bayern auf den Trend gern verzichten, dass sie von allen Vereinen am meisten das Aluminium treffen.

Aber wie können sie dem Trend der Kontertore entgehen? Die Lösung muss bis zum Samstag gefunden sein, da geht es zur Borussia in Gladbach. Eigentlich wollten die Bayern dort mit einem Sieg die Tabellenführung übernehmen, der Plan geht bekanntlich bei wieder vier Punkten Rückstand nicht mehr auf. Jetzt geht es zunächst darum, den Abstand zu verkürzen. Doch die schnellen Stürmer Thuram, Plea, Embolo und Herrmann können Gift für die Bayern-Abwehr sein. Hält der Trend an, ist er kein Freund der Bayern, eher einer von Gladbach, deren Trend heißt „Tabellenführer“. Wie lange bleibt das so? Bis zum Saisonende, siehe Kaiserslautern 1998?

Offen ist noch, wie ein anderer Trend zu beurteilen ist. Der Trend bei den Bayern geht dahin, dass Hansi Flick über die Winterpause hinaus bis zum Sommer Trainer bleibt. Sicher ist dies allerdings nicht, auch wenn voreilige Medien schon melden „Flick bleibt bis Sommer“. Boss Rummenigge hat nur eine bekannte Tatsache bestätigt, dass man in der Winterpause reden will und der spielerische Trend in der Mannschaft stimme. Doch wenn die Tore nicht fallen, ist der Trend nicht Dein Freund. Und wenn die Bayern auch in Gladbach Federn lassen, haben wir plötzlich einen ganz anderen Trend… Allerdings hat Hansi Flick einen gewichtigen Fürsprecher. Trainer-Ikone Jupp Heynckes plädiert für eine Weiterpflichtung des einstigen Löw-Assistenten und meint im kicker: „Der FC Bayern kann mit ihm eine Epoche prägen.“ Das wäre mal ein Trend…

Den Bundesliga-Fans gefällt allerdings der Trend, dass es in der Liga spannend bleibt, nämlich in allen Bereichen, ob oben, in der Mitte (sprich Europa) und unten. Gladbach vor Leipzig und Schalke, die Bayern nur Vierter und Dortmund nur Fünfter, die Tabelle werden sich manche einrahmen. Schlusslicht Paderborn ist das Gegenbeispiel, es freut sich nicht über den Trend, dass trotz guter Spiele die Punkte fehlen. Der Trend ist also nicht der Freund des Aufsteigers. Auch Jürgen Klinsmann, der Überraschungsmann auf dem Trainerstuhl bei Hertha BSC, sieht den Trend nicht als seinen Freund an. Der Trend bei einem Trainerwechsel ist doch, dass eine Wende eintritt. Pech, Dortmunds Trend, unter Lucien Favre nicht gewinnen zu können, hielt nicht an.

Bundestrainer Joachim Löw wird übrigens bestätigen, dass der Trend ein Freund sein kann, wenn das Schicksal allerdings den Trend beendet, sieht es düster aus. So bei der Auslosung zur Europameisterschaft 2020. Bisher galt, dass das DFB-Team sich über Glückslose freuen kann, zumindest vorher, denn bei der WM 2018 war man dann trotzdem nicht glücklich. Der Trend ist vorbei. Vielleicht muss Löw deshalb gelassen auf die Gruppengegner Frankreich und Portugal reagieren (in einer Karikatur heißt es „Mexiko, Schweden und Südkorea waren schwerer“), aber der Weltmeister von 2014, der von 2018 und der Europameister von 2016 in einer Gruppe, das ist ja wirklich der Hammer und deshalb spricht jeder berechtigt von einer „Hammergruppe“. Der EM-Modus ist allerdings so großzügig, dass sogar der Gruppendritte eine Runde weiter kommen kann. Aber was soll erst der vierte Teilnehmer in dieser Gruppe sagen, der erst im März in den Play Offs der Nations League gesucht wird?

Der Trend im Fußball geht scheinbar auch hin zu Super-Torschützen. Robert Lewandowski beeindruckte in Belgrad mit vier Toren beim 6:0-Sieg der Bayern. Doch das war noch gar nichts, einen Rekord erzielte wohl Vivianne Miedema. Die Torjägerin aus der Niederlande, die 2017 von den Bayern zu Arsenal London wechselte und den Bayern-Mädchen arg fehlt, erzielte beim 11:1-Sieg von Arsenal gegen Bristol gleich sechs Tore und gab zu vier weiteren die Vorlage! In der Women’s Super League in England geben übrigens die Spitzenklubs Manchester City, Arsenal und Chelsea London den Ton an. In der Frauen-Bundesliga dominieren auch Bundesligisten, die Frauen des VfL Wolfsburg wurden ungeschlagen Herbstmeister (nur ein Punktverlust beim 1:1 gegen Bayern), liegen aber nur drei Punkte vor dem Überraschungsteam aus Hoffenheim (28) und den Bayern-Mädchen (25), die entscheidenden Boden durch eine Niederlage gegen Hoffenheim verloren. Es fehlt also auch bei den Frauen nicht an Spannung, allerdings fehlt es weiterhin an Zuschauern.

Der Schmach folgt die Hoffnung

Als die deutsche Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 nach der Gruppenphase vorzeitig abreisen musste, da zürnte Deutschland und das Image des DFB-Teams lag am Boden. In jedem anderen Land wäre als Erstes der Trainer geschasst worden, nicht so in Deutschland, Bundestrainer Joachim Löw zehrte noch vom Titelgewinn 2014. Wer Weltmeister wurde, der hat einen Sympathiebonus und einen besonderen Stellenwert. Mehr Entgegenkommen darf er allerdings nicht erwarten, doch die Schonfrist hat er genutzt. Zwar verlief die Neuorientierung im Spielerkader ziemlich holprig und nicht immer logisch, aber am Ende zählen die Ergebnisse und die Aussichten. Löw kann eine ruhige Winterpause genießen, der Schmach folgte nämlich die Hoffung.

Doch stopp: Zu den Titelanwärtern zählt Deutschland bei der Europameisterschaft 2020 noch nicht. Alle Erwartungen diesbezüglich werden von Trainer, Spielern und Funktionären einhellig gedämpft. Die junge Mannschaft ist noch nicht gefestigt genug, zeigte Schwächen in der Abwehr und Ergebnisse können auch trügen. Ein 4:0 und 6:1 hörte sich gut an, doch die Gegner waren eben Weißrussland und Nordirland, nicht Frankreich oder Spanien. Genau die werden aber von Löw und Co. zusammen mit England und Italien auf das Favoritenschild gehoben. Ein Hintertürchen der Hoffnung bleibt aber offen: Die positive Entwicklung der Mannschaft könnte ja schneller als gedacht vor sich gehen. Allerdings bleiben vor dem Turnier im Juni nur zwei Länderspiele (Spanien steht als Gegner im März fest) als Vorbereitung. Immerhin, Sportdirektor Oliver Bierhoff schürt Optimismus: „Da wächst eine Mannschaft heran.“

Jogi Löw hat in der heißen Umbruchphase bekanntlich mit der Absage an die Weltmeister Hummels, Müller und Boateng Staub aufgewirbelt und möglicherweise zu früh gehandelt. Es zeigte sich nämlich, dass die jungen Talente schon Halt durch erfahrene Spieler benötigen würden, siehe das Abwehrdilemma, das auch durch zahlreiche Verletzungen zustande kam. Hummels auszubooten und dafür mit dem Mittelfeldstrategen Emre Can in der Abwehr zu spielen ist einfach nicht logisch. Bezeichnend, dass gerade die Weltmeister Manuel Neuer und Toni Kroos sich zuletzt als Stützen des Teams bewährten. Vor allem in der Abwehr muss Löw Lösungen finden, zumal, wenn der als Chef eingeplante Süle ausfällt. Ginter und Rüdiger könnten das Abwehrpaar bilden, Can und Tah zeigten zu viele Schwächen, Stark und Koch waren wohl eher Experimente. Da steht eher Toni Kehrer parat.

Eine ganze Reihe von Spielern dürften ihre EM-Fahrtkarte sicher haben, manche, obwohl sie – wie viele andere früher auch – ihre Leistungen aus dem Verein im DFB-Team nicht wiederholen können. Marco Reus ist so ein Kandidat, Julian Brandt scheint ein aktueller Fall zu sein. Das Gegenteil ist Torjäger Serge Gnabry, der für Deutschland noch besser trifft als für die Bayern. Er ist zweifellos der Aufsteiger der Saison.

Diese Spieler halten wohl die EM-Fahrtkarte in der Hand: Neuer, ter Stegen, Klostermann, Halstenberg, Ginter, Rüdiger, Kimmich, Kroos, Goretzka, Gündogan, Havertz, Gnabry, Reus, Sane, Werner, Brandt.

Diese Spieler kämpfen um die restlichen sieben Plätze im 23er-Kader: Leno, Trapp, Schulz, Hector, Süle (wenn fit dabei), Tah, Kehrer, Stark, Koch, Hector, Can, Draxler, Rudy, Waldschmidt, Amiri, Demirbay.

Ein Vorteil ist sicherlich, dass die deutsche Mannschaft in der Vorrunde in München Heimrecht genießt. Sollte sich Ungarn qualifizieren, steht ein Gegner fest. Die Gruppen-Auslosung für die EM ist allerdings eine Farce, sie ist so kompliziert, dass sie wohl nicht einmal die Funktionäre selbst verstehen. Am 30. November gibt es quasi eine vorläufige Auslosung, nach den Play offs der Nations League folgt die endgültige Verteilung der Plätze. Ein Procedere, das sich nicht wiederholen sollte. Was die erste Auslosung angeht, so befindet sich Deutschland in Topf 1 und wird nicht auf Belgien, England, Italien, Spanien und die Ukraine treffen, aus Topf 2 kommen aber die möglichen Gegner Frankreich, Polen, Schweiz oder Kroatien, aus Topf 3 Portugal, Türkei, Österreich oder Schweden. Das kann also eine ganz schwere Aufgabe werden. Doch es gibt ja Hoffnung.

Endspurt in der Bundesliga

Zunächst steht aber wieder die Bundesliga im Mittelpunkt, die zum Endspurt der Vorrunde startet. Schlagzeilen machten vor allem spektakuläre Trainerwechsel. Achim Beierlorzer musste in Köln gehen, soll aber jetzt Mainz retten. Was auf den ersten Blick unlogisch klingt, könnte Sinn machen, denn Beierlorzer passt vielleicht besser zu Mainz. Er wird nicht im Sinn gehabt haben: Hauptsache ein Karnevalsverein. Sein Nachfolger in Köln heißt Markus Gisdol, der natürlich vom Verein gepriesen wird, aber ob er im hektischen Umfeld in Köln bestehen kann, muss sich zeigen. An seiner Seite als Sportdirektor als Nachfolger von Armin Veh steht jetzt Horst Heldt. Er hat eine Kölner Vergangenheit, seine bisher Arbeit als Sportdirektor u. a. in Stuttgart und auf Schalke hatte aber Höhen und Tiefen zu verzeichnen. Da gilt halt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Beide Vereine stehen tief im Abstiegskampf, die ersten Aufgaben werden für beide Trainer schwer, Köln muss nach Leipzig, Mainz ist bei Hoffenheim zu Gast. Das Schlagerspiel im Abstiegskampf heißt wohl FCA – Hertha, der Sieger bekommt Auftrieb, beim Verlierer brennt es. Vor allem die Berliner haben sich die Saison mit Investor Windhorst und seinem Geld ganz anders vorgestellt.

An der Spitze wird mit Argusaugen der weitere Werdegang des Überraschungs-Spitzenreiters verfolgt. Kann sich Gladbach der Verfolger erwehren? Selbst Neuling Union Berlin kann eine Prüfung sein. Unter besonderer Beobachtung aber auch die Konkurrenz: Bleibt Bayern (in Düsseldorf) mit Interimstrainer Hansi Flick im Aufwind? Hat sich Dortmund (gegen Paderborn) gefangen oder wackelt Lucien Favre wieder? Wer bleibt aus dem Kreis Freiburg, Hoffenheim, Leverkusen, Hoffenheim und Schalke in der Verfolgerrolle? Die Bundesliga lebt von den Fragezeichen.

Einige Vereine müssen allerdings auch damit leben, dass sich Stammspieler bei den Einsätzen für die Nationalmannschaft verletzt haben. Ein ständiges Ärgernis, zumal die internationalen Aufgaben immer mehr werden sollen. Besonders schwer hat es den Freiburger Waldschmidt erwischt, der ebenso mindestens bis zum Jahresende ausfallen wird wie FInnbogason beim FCA. Auffallend, dass der Isländer dem Verein oft verletzt fehlt und gerade wieder zu den Länderspielen fit wird. Das ist für den Verein eine ärgerliche Diskrepanz. Die Bayern hoffen, dass Coman, der vom Nationalteam Frankreichs vorzeitig zurück reiste, bald wieder einsatzfähig ist. Schließlich warten bis zur Weihnachtspause fünf Wochen mit wichtigen Spielen am laufenden Band.

Das Spiel selbst wurde zur Nebensache

Weihnachten ist bald und die jetzige Adventszeit soll eigentlich eine Zeit der Ruhe und der Besinnlichkeit sein. Davon ist im deutschen Fußball nichts zu spüren. Von Ruhe kann keine Rede sein bei Protesten der Fans in allen Stadien, beim Auflehnen der 3. Liga, bei einer turbulenten Hauptversammlung des FC Bayern München. Der Punktekampf in der Bundesliga ging natürlich weiter, aber das Spiel selbst wurde zur Nebensache.

In den Schlagzeilen natürlich Uli Hoeneß. Ein Fan beging bei der Hauptversammlung des Vereins eine Majestätsbeleidigung und griff den Bayern-Präsidenten verbal an. Als er dessen Verhalten gegenüber Ehrenspielführer Paul Breitner anprangerte (Breitner soll sich nach Kritik am Verein nicht mehr auf der Ehrentribüne sehen lassen) und Hoeneß fast schon zum Rücktritt aufforderte („Der Verein ist nicht ihr Eigentum“) erhielt er lautstarke Unterstützung, was Uli Hoeneß schier aus der Fassung brachte: „So etwas habe ich noch nie erlebt“.

Diese Kritik ist nichts anderes als ein Zeichen der Zeit. Die Fans meutern und nehmen Entscheidungen von Verband oder Verein nicht mehr einfach hin. Der Ton wird rauer, die Frage stellt sich wieder einmal, genauso wie sie der Sport-Grantler schon am 2. November in seiner Kolumne gestellt hat: „Krieg der Fans: Wem gehört der Fußball?“ Vergessen wird bei der aktuellen Kritik, welche Verdienste sich gerade Uli Hoeneß um den FC Bayern erworben hat. Vergessen wird die Erfolgsgeschichte, die zu einem Rekordumsatz von 657,4 Millionen Euro führte, vergessen wird, dass es vor allem Uli Hoeneß als Manager war, der die Münchner mit jetzt 291.000 Mitgliedern zum größten Verein der Welt machte. Diese Turbulenzen zeigen jedoch auch, wie schwierig der Umbruch beim Meister wird, sowohl in der Mannschaft als auch in der Führung. Dies könnte zur größten Aufgabe für Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge werden, aber auch für den möglichen Nachfolger. Ob sich der gehandelte Oliver Kahn das wirklich antut?

Aber die Vergangenheit zählt nicht mehr, in der Gegenwart lassen die Fans mit ihren Protesten nicht locker, damit sie in der Zukunft wieder mehr Spaß an „ihrem“ Fußball haben. Im Visier bleiben vor allem die Montagsspiele, die zwar in der Bundesliga mit dem neuen Fernsehvertrag ab 2021 ad acta gelegt werden sollen, aber das reicht nicht. Auch die 2. Bundesliga und die 3. Liga spielen (für ein gutes TV-Honorar) gern am Montag. In der 2. Bundesliga wurden diese Montagspiele im TV zwar fast Kult, aber eigentlich ist der Montag wirklich der denkbar ungünstigste Tag für Punktspiele. Dortmunds Trainer Lucien Favre sprach es deutlich aus: „Montagspiele gehören verboten“. Mit einem Stimmungsboykott auf den Rängen sorgten die Fans jedenfalls dafür, dass im Fußball doppelt schlechte Stimmung herrschte. Das Spiel selbst war also Nebensache.

Auf der Suche nach einer zufriedenstellenden Lösung in punkto Auf- und Abstieg zwischen 3. Liga und Regionalliga versuchen sich Klubs, Landesverbände und der DFB daran, den gordischen Knoten zu entwirren. Die Fronten sind verhärtet und in der 3. Liga werden immer mehr Stimmen laut, die auf eine Loslösung vom DFB hin zum Profi-Fußball der DFL mit 1. und 2. Bundesliga wollen. Ihre Hoffnung: Dort gibt es mehr Geld. Dies könnte allerdings ein Trugschluss sein, denn schon heute streiten sie auch in der DFL um die Verteilung der Gelder, da wird es an Bereitschaft fehlen, noch etwas abzugeben. Die 3. Liga sitzt ähnlich wie die Regionalliga zwischen Baum und Borke, kein Profisport auf der anderen Seite, aber auch kein reiner Amateursport mehr auf der anderen. Hohe Kosten müssen geschultert werden, aber Anerkennung und entsprechende Zuschauerzahlen fehlen. Die fünf Regionalligen stören sich daran, dass die Meister nicht direkt aufsteigen können, andererseits wollen sie keine Reduzierung auf vier Gruppen. Angesichts dieser Weigerung zieht die 3. Liga ihr Angebot von vier möglichen Absteigern wieder zurück. Der gordische Knoten bleibt also fest, zumal eine zweigleisige 3. Liga auch nicht als Ei des Kolumbus angesehen wird.

Dortmund auf den Spuren der Bayern

Aber natürlich war auch das Geschehen auf dem Rasen interessant. Borussia Dortmund wandelt derzeit erfolgreich auf den Spuren der Bayern, die ja in den letzten Jahren die Bundesliga mit Rekordvorsprüngen schockten. Jetzt haben die Dortmunder freie Fahrt, mit sieben Punkten Vorsprung nach 13 Spieltagen. Das Bayern-Symptom zeigt sich daran, dass die Verfolger keine Konstanz aufweisen und daran, dass die Dortmunder derzeit in der Lage sind, auch mit schwächeren Leistungen Punkte einzufahren. Dazu haben sie wohl auch noch das Bayern-Dusel gepachtet bzw. halt einen entsprechenden Lauf, so wie ihr Torjäger Paco Alcacer, den Favre mit Vorliebe von der Bank ins Rennen schickt und der jetzt – bereits am 13. Spieltag – den Saison-Rekord von neun Jokertoren von Garea (Stuttgart) aus der Saison 02/03 und Petersen (Freiburg) 16/17 einstellte. Spielt er von Anfang an, klappt es nicht so gut, siehe das 0:0 in der Champions League gegen Brügge.

Im Verfolgerfeld ließen Gladbach im direkten Duell in Leipzig, Frankfurt und Hoffenheim mehr oder weniger Federn. Das spielte auch den Bayern in die Karten, die nach dem 5:1 gegen Benfica Lissabon mit dem 2:1 in Bremen ihre Krise vorerst ad acta gelegt haben. Niko Kovac muss wohl vor Weihnachten nicht mehr um seinen Job bangen, zumal auch ein Ruck durch die Mannschaft gegangen ist und Gespräche alle zur Einsicht gebracht haben, dass es nur gemeinsam geht. Kovac wiederum hat eine Stammmannschaft und die richtige Taktik gefunden. Aber gefestigt ist noch nichts und ein Dortmund-Jäger sind die Bayern noch lange nicht. Es schaut aus, als könnten nur Verletzungen den Spitzenreiter Probleme bereiten. Davon blieb er bisher weitgehend verschont.

Im Abstiegskampf werden die Karten neu gemischt. Der VfB Stuttgart landete quasi einen Befreiungsschlag mit dem 1:0 gegen den FC Augsburg und schaffte es damit gleichzeitig, die Rote Laterne abzugeben und den Gegner mit nach unten zu ziehen. Die Augsburger Offiziellen blieben ja vor der Saison zurückhaltend und hatten nur das Ziel Klassenerhalt ausgerufen, die Spieler allerdings wollten mehr, schielten nach oben und hatten es eigentlich satt, nur gegen den Abstieg zu spielen. Die Realität hat sie inzwischen eingeholt, was fast ein bisschen verwundert, denn gute Leistungen und viel Lob waren bisher an der Tagesordnung. Was fehlte, waren Tore und damit auch Punkte. Es wäre ja auch kein Trost, als vielfach gelobtes Team am Ende doch abzusteigen…

Bisher gibt es allerdings zwei noch ernsthaftere Kandidaten: Neuling Fortuna Düsseldorf tat sich schwer nach dem Coup in München (3:3) wieder im Alltag zu bestehen und bei Hannover 96 träumt man von besseren Zeiten, vergisst aber die harte Gegenwart. Auch der Streit um Präsident Martin Kind überdeckt den Sport und am Ende hätten dort auch die Fans einen erheblichen Anteil daran, wenn es mit dem Verein nach unten geht. Auch da wird das Spiel selbst zur Nebensache.

Joachim Löw ist zufrieden

Am Rande des aktuellen Geschehens ging es auch um die Zukunft, nämlich um die Fußball-Europameisterschaft 2020. In Dublin fand die Auslosung der Gruppen für die EM-Qualifikation statt, die an fünf Spieltagen im März, Juni, September, Oktober und November 2019 über die Bühne geht. Dabei zeigt sich, dass es schon fragwürdig ist, dass das Teilnehmerfeld für die Endturniere immer mehr aufgebläht wird. Sportlich leidet nämlich auch die Qualifikation und es wird kaum Spannung geben, nachdem in jeder Gruppe zwei Nationen das EM-Ticket holen können. Da war dann auch Bundestrainer Joachim Löw zufrieden, der zwar den alten Kontrahenten Niederlande als Gegner Nummer 1 akzeptieren muss, aber gegen Nordirland, Estland und Weißrussland sollte die Qualifikation gelingen. Da Deutschland einer Fünfer-Gruppe angehört, bekommt Löw auch noch zwei Testspiele. Optimismus also für das Jahr 2019.

Am Rande der Auslosung wurde aber auch die nächste Erweiterung des Spielbetriebes festgezurrt. Die Verbandsfunktionäre lassen nicht locker, den kleinen Verbänden „Zuckerl“ zu reichen, auch wenn Qualität und Spannung der Wettbewerbe leiden. Hintergrund: Es geht um die Stimmen der Verbände bei den diversen Wahlen. Jetzt wird die Europa League 2 eingeführt. Wer bitte schön, hat daran noch Interesse? 32 Mannschaften spielen in der Champions League, der Königsklasse, 32 sind es in der Europa League, die einst auch als „Cup der Verlierer“ tituliert wurde, aber um was spielen dann die 32 Vereine in der Europa League 2? Das konnten die UEFA-Offiziellen nicht schlüssig beantworten.

Apropos Champions League, da war es letzte Woche so wie so oft in den letzten Jahren – nur die Bayern gewannen. Der Aufwärtstrend der ersten Runden bekam einen Knick, Schalke und Hoffenheim kassierten unnötige Niederlagen, aber am sehr guten Gesamtergebnis ändert sich auch am letzten Spieltag (11./12. Dezember) nichts, neben den Bayern, haben auch Dortmund und Schalke Sprung ins Achtelfinale geschafft. In der Europa League sind Frankfurt und Leverkusen weiter, ausgerechnet RB Leipzig steht nach zwei Niederlagen in den „Bruder-Duellen“ mit Salzburg vor dem Aus. Ein bisschen peinlich für die Sachsen.

Nations League: Sport mit Mehrwert oder Betrug an den Fans?

Vor sieben Tagen war an dieser Stelle von einer „Woche des Fußballs“ die Rede. Der Fußball hört aber nicht auf, sich international ins Gespräch zu bringen. In dieser Woche ist es die Premiere der neuen Nations League, eine Erfindung, um aus Testspielen einen Ernstfall zu machen und die Stadien zu füllen. Am Ende muss also die Frage beantwortet werden, ist die Nations League Sport mit Mehrwert oder nur Betrug an den Fans?

Sieht man sich die ganze Konstruktion an, so könnte die Nations League durchaus ihren Reiz haben, 55 Nationen sind in vier Leistungsklassen unterteilt, die ihren jeweiligen Sieger in vier Gruppen mit je drei oder vier Teams ausspielen. Die Gruppenspiele werden bis November absolviert, im Juni 2019 wird dann der Sieger der Nations League in einem Finalturnier der vier Gruppensieger der Liga A ausgespielt. Zudem soll ein Abstieg für Spannung sorgen, der Gruppenletzte muss in die nächst tiefere Liga zurück. Ein besonderer Anreiz wurde noch für die schwächeren Nationen geschaffen, denn vier Nationen können sich über die Nations League noch für die Europameisterschaft 2020 qualifizieren und zwar in einer Ausscheidung jeweils die Gruppensieger bzw. der Nächstplazierte der Gruppe, der sich nicht schon über die EM-Ausscheidung qualifiziert hat. Ein bisschen kompliziert, es werden aber quasi vier zusätzliche EM-Tickets verschenkt, mit einer Chance für die schwächeren Nationen (je ein Team aus Liga A, B, C und D).

Für Deutschland und die Fans hierzulande wird der Start besonders interessant, ist es doch das erste Auftreten der Nationalmannschaft nach der WM-Pleite in Russland mit dem ersten Fingerzeig, was Bundestrainer Joachim Löw in punkto Einstellung und Einsatz beim DFB-Team wirklich ändern kann. Selten wurde ein Länderspiel mit so viel Spannung erwartet, zumal ausgerechnet Deutschlands Weltmeister-Nachfolger Frankreich am Donnerstag, 6. September, in München der Gegner ist. Wie wird die Stimmung am Abend nach dem Spiel sein. Nationalspieler Thomas Müller bringt die zwei Möglichkeiten auf den Punkt: „Bei einem Sieg wäre es ein Riesenschritt in die richtige Richtung, dass wir die Pleite vom Sommer auswetzen, bei einer Niederlage wird die Diskussion weitergehen.“ Eins ist klar: Das DFB-Team befindet sich auf Wiedergutmachungskurs. Also Sport mit Mehrwert!

Dabei dürfen einige Entscheidungen von Jogi Löw mit besonderer Spannung erwartet werden. Wird er das System ändern? Wie will er die schnellen Stürmer des Weltmeisters stoppen? Mit einem 3-4-3 oder 4-2-3-1 oder 4-4-2? Wer wird den nach dem Erdogan-Skandal zurückgetretenen Mesut Özil ersetzen? Bekommt Thomas Müller eine neue Rolle in der Mitte, wo er sich am wohlsten fühlt und ersetzen ihn echte Flügelflitzer wie Brand oder Sané? Allerdings ist ein Schatten auf Löws Nominierung gefallen. Ausgerechnet Talent Leroy Sané kam negativ in die Schlagzeilen. Bei der WM verzichtete Löw auf ihn und unterschwellig drang durch, dass der Bundestrainer mit seiner Einstellung und Konzentration nicht zufrieden war. Jetzt setzte ihn auch sein Vereinstrainer Pep Guardiola bei Manchester City auf die Tribüne. Die englische Presse will wissen, dass dem Coach die Einstellung seines Juwels missfiel. Im Vorjahr war Sané in England bekanntlich das „Talent des Jahres“. Haben wir hier wieder einen jungen Mann, der sein Talent verschleudert?

Übrigens, zweiter Gruppengegner Deutschlands in der Nations League sind die Niederlande, die am 13. Oktober Gastgeber sind. Nach der WM-Pleite werden sogar Gedanken, dass ein Abstieg möglich wäre, laut. Auch hier also wird das erste Spiel gleich Wegweiser sein. Die öffentlichen-rechtlichen Sender ARD und ZDF haben sich die Austragungsrechte bis 2022 gesichert.

Deutschlands Termine in der Nations League: 6. September Deutschland – Frankreich, 13. Oktober Niederlande – Deutschland, 16. Oktober Frankreich – Deutschland, 19. November Deutschland – Niederlande.

Die weiteren Gruppen der Liga A:
2: Belgien, Schweiz, Island. 3: Portugal, Italien, Polen. 4: Spanien, England, Kroatien.

Das Freundschaftsländerspiel des DFB-Teams am Sonntag, 20.45 Uhr, in Sinsheim gegen Peru wird angesichts der Premiere der Nations League fast vergessen. Da wird der Unterschied deutlich werden, Stars werden fehlen, viele Wechsel werden den Spielfluss stören. Kein Wunder, dass die Zuschauer wegbleiben. Gegenmittel des DFB kann nur sein, die Eintrittspreise zu senken, im Vorfeld Show-Trainings anzubieten und auf diese vielen Wechsel zu verzichten. Bei nur zehn Minuten Einsatzzeit kann der Trainer kaum große Erkenntnisse erlangen. Tests müssen wohl sein, dann aber über die ganze Spielzeit und eben auch nur drei Wechsel wie bei Pflichtspielen. Außerdem wären familienfreundliche, frühere Anfangszeiten für die Kinder dazu angetan, die Stadien zu füllen. Der DFB muss auch hier lernen. Länderspiele dürfen kein Betrug an den Fans sein.

Die nationalen Ligen haben kaum begonnen und müssen schon wieder Pause machen. Der internationale Spielkalender will es so. Die Bundesliga hat gerade mal zwei Spieltage absolviert und es ist wie immer: Bayern München ist Tabellenführer. Aber es gibt nicht nur glückliche Gesichter wie vor allem In Wolfsburg und Berlin (als „Bayern-Verfolger“), sondern auch erste Sorgenfalten wie in Leverkusen, auf Schalke oder Leipzig. Während die „Bullen“ wohl vor allem ihrem internationalen Frühstart wohl Tribut zollen müssen, fliegen in Leverkusen und Gelsenkirchen die großen Pläne davon. Jetzt heißt es erst einmal, einen Fehlstart zu vermeiden, was bei den nächsten Gegnern nicht einfach wird: Leverkusen muss nach München, Schalke nach Gladbach.

Dabei gab es unter der Woche noch zufriedene Gesichter, machbare Gruppen nämlich in der Champions- und Europa League. Sowohl Schalke gegen Porto, Lok Moskau und Galatasary Istanbul, als auch Leverkusen gegen Rasgrad, FC Zürich und Larnaka hoffen auf ein Weiterkommen. Überhaupt haben die deutschen Mannschaften Gruppen ausgelost bekommen, die auf ein besseres Abschneiden als im letzten Jahr hoffen lassen. Die Bayern zum Beispiel haben keinen großen Brocken, sie sind gegen Benfica Lissabon, Ajax Amsterdam und AEK Athen klarer Favorit. Gefahr: Nur nicht überheblich werden.

Eine Art „Outing“ vollzog der große Star Cristiano Ronaldo, er blieb der Ehrung zu „Europas Fußballer des Jahres“ in Monte Carlo fern. Es war unter seiner Würde, mit dem zweiten Platz vorlieb zu nehmen hinter Sieger Luka Modric. Das sagt alles über das Selbstverständnis affektierten Dauersiegers, der ja gestand, am liebsten sich im Spiegel zu sehen. Als Zweiter schaut er da nicht mehr rein…

Die Probleme mit den Länderspielen

Im Volksmund heißt es „wer bezahlt, schafft an“. Das ist im Profi-Fußball keineswegs so. Die Vereine bezahlen die Spieler, aber sie sind machtlos, wenn diese von den Verbänden angefordert werden und oft die Leidtragenden, wenn ihre Profis dann verletzt zu den Klubs zurückkehren, quasi als „totes Kapital“. Kein Wunder also, dass die Vereinigung der Profi-Klubs, die sich praktisch als Schutzgemeinschaft gegründet hat, hier Änderungen anstrebt und die Abstellungen zu Nationalmannschaften reduzieren will. Kein Wunder, dass die Trainer diese Länderspielpausen nicht gerne sehen. „Ich habe Angst vor den Länderspielen“, sagt zum Beispiel Bayern Münchens Coach Carlo Ancelotti, denn er weiß aus Erfahrung, „immer kommt einer verletzt zurück“. Besonders anfällig ist hier Chiles Star Arturo Vidal, der sich für sein Heimatland ins Zeug legt, aber eben auch bei den Bayern als Abräumer im Mittelfeld und Dampfmacher dringend gebraucht wird, wenn der Traum vom Triple (Meisterschaft, Pokalsieg, Gewinn Champions League) Wirklichkeit werden soll.

Gerade die Länderspielpause jetzt Ende März liegt denkbar ungünstig. Es stehen in aller Welt wieder Qualifikationsspiele zur Weltmeisterschaft 2018 in Russland an, die Zeit wird aber auch für Freundschaftsspiele genutzt. Aber nach gerade zwei oder drei Spieltagen (je nach Land, die Bundesliga schiebt am 4./5. April einen Wochenspieltag ein) stehen die wichtigen Spiele im Viertelfinale der Champions League an, die innerhalb von zwei Wochen (11./12. und 18./19. April) durchgepeitscht werden. Es könnte also sein, dass Spieler, die verletzt von ihren Nationalmannschaften zurückkommen, bis zu diesen wichtigen Begegnungen ihres Vereins ihre Blessuren noch nicht auskuriert haben. Sie haben gerade zwei bis drei Wochen Zeit. Die Vereine bezahlen, schaffen aber nicht an!

Freilich, Verletzungen können in jedem Training oder jedem Spiel des Vereins passieren, aber es ist schon seltsam, dass Klubs wie Bayern München fast bei allen Abstellungen Spieler haben, die verletzt von ihren internationalen Einsätzen zurückkommen. Gut, WM- oder EM-Qualifikationsspiele müssen sein (zumindest so lange, bis die Bosse bei FIFA oder UEFA in den Sinn kommt, ein WM-Turnier mit allen Mitgliedsverbänden zu spielen!), aber die normalen Länderspiele, die Freundschaftsspiele, sind in Verruf gekommen. Müssen sie sein? Der Fan lässt sich da nicht mehr begeistern, die Stadien sind nicht mehr voll, weil die Attraktivität fehlt und die Trainer zu Experimenten neigen, also nicht alle Stars auf dem Feld stehen. Ein Teufelskreis, der die Probleme mit den Länderspielen deutlich macht.

Jeder muss Verständnis für die Trainer haben, eine gute Lösung für alle gibt es aber nicht. Die ist auch der Nationen-Cup nicht, der im nächsten Jahr neu eingeführt wird. Hintergedanke: Die normalen Länderspiele sollen aufgewertet werden, der Zuschauer soll den Eindruck bekommen, es geht um was. Viele Trainer haben schon abgewunken und angekündigt, dass sie dann eben bei diesem Wettbewerb auf den Pokal verzichten und die Spiele lieber als Test nehmen. Die Vereine meutern sowieso und wollen einen Riegel vorschieben: Keinesfalls mehr Spiele, lieber weniger. Gibt es künftig also keine Länderspiele mehr?

Der Deutsche Fußball-Bund serviert seinen Fans zunächst einmal attraktive Länderspiele. Könnte sein, dass dann die Stadien trotz der „wertlosen“ Spiele voll sind, weil die Gegner England (Mittwoch, 22. März in Dortmund), Spanien und Brasilien (nächstes Jahr im März)) attraktiv sind. In Dortmund absolviert Publikumsliebling Lukas Podolski zudem sein Abschiedsspiel aus der Nationalmannschaft. Der Jubel ist also gewiss, doch die Probleme um die Länderspiele bleiben. Und nicht nur Carlo Ancelotti wird zittern.

EM: Portugal auf Griechenlands Spuren

 

Jetzt ist es passiert. Niemand glaubte, dass sich 2004 wiederholen könnte. Damals, als Otto Rehhagel, der deutsche Sicherheitsexperte, Griechenland mit einer Mauertaktik zu einem glücklichen EM-Titel führte. Die biederen Griechen Fußball-Europameister und nicht die technisch starken Tschechen, die hoffnungsvollen Portugiesen oder die Favoriten aus Frankreich und den Niederlanden. Deutschland schied bereits in der Gruppenphase nach einem 1:1 gegen die Niederlande, 0:0 gegen Lettland und 1:2 gegen Tschechien aus. Die Griechen aber mogelten und mauerten sich buchstäblich zum Titel, das 2:1 gegen Portugal im ersten Gruppenspiel war der Türöffner. Was folgte, war ein 1:1 gegen Spanien und ein 1:2 gegen Russland. Schon ein 1:3 hätte das Aus bedeutet! In der K.o.-Runde wurde in jedem Spiel das Ende der Griechen prophezeit. Stattdessen 1:0 gegen Frankreich, 1:0 nach Verlängerung gegen Tschechien und 1:0 im Finale erneut gegen Portugal. Minimalisten-Fußball. Angelos Charisteas war der große Held, in Bremen, Nürnberg, Leverkusen und auf Schalke beeindruckte er auch in der Bundesliga. Rehhagel wurde in Griechenland in den Kreis der Götter aufgenommen…

Und jetzt Portugal. Wieder ist es passiert, dass ein Sicherheitsexperte triumphierte. Portugals Trainer Fernando Santos wird sich an Rehhagel erinnert haben. Nicht in Schönheit sterben, sondern mit Kampfgeist und Abwehrriegel triumphieren, war seine Losung, mit der Hoffnung, im Zweifelsfalle wird es Torjäger Cristiano Ronaldo schon richten. Was der unter anderem tat. Man stelle sich vor, Portugal ohne Sieg, nur mit Unentschieden in der Gruppenphase als Dritter glücklich weiter, in der K.o.-Runde 1:0 gegen Kroatien nach Verlängerung, 1:1 und 5:3 gegen Polen im Elfmeterschießen, ein einziger Sieg in 90 Minuten gegen Wales beim 2:0 und schließlich der Glückstreffer von Eder im Finale gegen Frankreich – natürlich in der Verlängerung! Eder wusste nicht wohin mit dem Ball, da hat er geschossen. 2004 hat sich wiederholt.

Bei der Pointe flossen die Tränen, aber sie saß. Superstar Cristiano Ronaldo war 2004 als aufstrebendes Talent dabei und untröstlich, dass das Finale verloren wurde. Seitdem jagte er den Traum, auch mit der Nationalmannschaft und nicht nur im Verein einen Titel zu gewinnen. Der Traum wurde wahr, als Ronaldo gar nicht mehr auf dem Platz stand. Oder gerade deshalb? Als Ronaldo schon nach 25 Minuten verletzt und mit einer entsprechenden Show auf der Bahre vom Feld getragen wurde, da geriet das Spiel vollends durcheinander. Nicht Portugal war geschockt, sondern Frankreich. „Was nun, haben wir schon gewonnen?“, fragten sich scheinbar die Franzosen, während die Portugiesen noch mehr zusammenrückten, noch mehr kämpften, noch mehr um das Glück buhlten. Ein Europameister, der den Titel eigentlich nicht verdient hat, aber am Ende eigentlich doch irgendwie.

Portugal als Sieger war typisch für diese Europameisterschaft des Sicherheitsdenkens, ein Turnier, das nur wenig Höhepunkte hatte und entsprechend in der Spaß-Skala höchstens im Mittelfeld landete (siehe auch den Artikel vorher „Copa America schlägt die EM“). Die Taktik triumphierte über die Kreativität, die sogenannten „Kleinen“ glichen technische Nachteile mit vermehrtem Kampfgeist aus. Motto: Gib dem Gegner keinen Raum und keine Zeit, dann kann er auch keine Tore schießen. Oder eben sehr schwer. Bemerkenswert, dass viele Mannschaften einen echten Torjäger vermissten. Wurde in der Vergangenheit vielfach ein Mangel an Außenverteidigern beklagt, so gesellen sich nun die echten Mittelstürmer dazu. Es hat sich gezeigt, dass mit der „falschen Neun“ ein Abwehrriegel schlecht zu knacken ist, es sei denn, Lionel Messi spielt diese Rolle. Aber nur Messi ist so gut wie Messi.

Taktische Erkenntnisse für die Zukunft: Keine. Hoffnung für die Zukunft, dass die Spielkultur über die Spielzerstörer wieder die Oberhand gewinnt. Hoffnung, dass die Wucht und Begeisterung des südamerikanischen Fußballs auch die spielstarken Europäer bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland mitreißt. Hoffnung, dass wir auch in der Zukunft den Spaß am Fußball behalten können. Skepsis, weil auch auf nationaler Ebene in den Vereinen, ob in der Bundesliga oder in der Premier League oder in den anderen Ligen, die Sicherheitstaktik als Mittel zum Überleben gesehen wird.

Copa America schlägt die EM!

 

Die Fußball-Europameisterschaft holt die Deutschen derzeit auf die Sofas, das Fernsehen feiert hohe Einschaltquoten. Aber die Begeisterung ist dennoch gedämpft, Public Viewing ist nicht mehr der große Renner, da spielt natürlich auch das Wetter eine Rolle. Angst vor Terror und Nässe ersticken ein mögliches Sommermärchen im Keim. Aber auch sportlich lässt die Europameisterschaft Wünsche offen. Und dies, obwohl die sogenannten „Kleinen“ wie Wales oder Island für Begeisterung sorgen. Erstickt wird auch der begeisternde Fußball, nämlich im taktischen Geplänkel. Diesbezüglich könnte die kürzlich beendete Copa America, die „Europameisterschaft“ in Südamerika, als Vorbild dienen. Dort, so beobachtete es Österreichs Ex-Nationalspieler Andreas Herzog als Co-Trainer der USA, „wird der offensivere und technisch feinere Fußball mit der besseren individuellen Klasse geboten“. Klare Aussage: Die Copa America schlägt die Europameisterschaft!

Zum 100-jährigen Jubiläum wurde die „Copa America Centenario 2016“ in den USA ausgetragen und so waren auch die USA ausnahmsweise dabei. Nach anfänglicher Zurückhaltung gab es große Begeisterung im Land des Gastgebers, Erinnerungen an die Weltmeisterschaft 1994 wurden wach und die USA darf diese Copa auch als Bewerbung für die WM 2026 einreichen. Die Copa hatte den Vorteil, dass 16 Nationen am Start waren, so wie bisher ebenfalls bei der EM. Die Aufstockung auf 24 Nationen tat der EM in Frankreich nicht gut, aber eine Reduzierung wird es nicht mehr geben. Bei der Copa fielen auch viel mehr Tore, die Spiele konnten begeistern. Mit dem Ausscheiden von Brasilien bereits nach der Gruppenphase gab es ebenfalls einen großen Favoritensturz. Die Copa bot alles!

Die USA unter Jürgen Klinsmann schaffte es sogar ins Halbfinale, hatte aber beim 0:4 gegen Argentinien keine Chance. Im zweiten Halbfinale trafen sich die Mannschaften, die neben Argentinien am meisten begeisterten, nämlich Kolumbien und Chile, der Titelverteidiger und erneute Meister. Wieder setzte sich Chile (angeführt vom Bayern-As Arturo Vidal) im Finale gegen Argentinien im Elfmeterschießen durch und unterstrich, dass es in Südamerika die Rolle der Fußball-Großmacht von Brasilien übernommen hat. Im Land vom einstigen Super-Star Pele ist die Trauer groß, aber auch Argentinien jammert, weil Lionel Messi nach Final-Niederlagen in Serie mit der Nationalmannschaft die Lust verloren hat und seinen Rücktritt erklärte. Die Copa bot also alles, Begeisterung und tiefe Niedergeschlagenheit.

Was wird am Ende der Europameisterschaft nach dem Finale am 10. Juli stehen? Welche Fußball-Größen haben danach die Niederlagen satt? Einige Trainer haben schon ihren Abschied verkündet, weil ihre Mannschaften die Erwartungen nicht erfüllen konnten. Das Brasilien von Europa war wohl England, das mit einer vermeintlich hoffnungsvollen Mannschaft in Frankreich antrat und am Ende gegen Island hoffnungslos unterging. Was noch fehlt für die letzte Woche ist spektakulärer Fußball frei von taktischen Zwängen, getragen von Begeisterung. Doch ist das in Europa überhaupt möglich?