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Tag: Fußball-Nationalmannschaft

DFB-Team 2018: Der Absturz und ein bisschen Hoffnung

Die Bilanz der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Jahr 2018 ist furchterregend und deshalb bestimmt ein Ausdruck die Diskussionen um das Team von Bundestrainer Joachim Löw: Ein Horrorjahr. Der stolze Weltmeister von 2014 hat 2018 einen Absturz erlebt. Zwei offizielle Turniere, zweimal Gruppenletzter, sowohl bei der Weltmeisterschaft in Russland als auch bei der neu geschaffenen Nations League. Da gab es nicht einmal einen Sieg, sondern nur zwei Unentschieden und zwei Niederlagen gegen Weltmeister Frankreich und Gruppensieger Niederlande. Das letzte Spiel gegen die Holländer sollte „das Beste zum Schluss“ bringen, wie Jogi Löw hoffte, doch nach 80 Minuten, die Mut machten, und nach einer 2:0-Führung brachten die letzten Minuten erneut einen Absturz. Wieder nur 2:2, bezeichnend, dass der Ausgleich in der Nachspielzeit fiel. Eben ein Horrorjahr.

Die Jahresbilanz ist wirklich erschreckend für eine einst so stolze Mannschaft wie die DFB-Elf: Gerade mal vier Siege und drei Unentschieden, aber sechs Niederlagen. Die bittere Erkenntnis für Jogi Löw, der gern an seinen treuen (und lange Zeit überragenden) Weggefährten festgehalten hätte, den Weltmeistern von 2014. Doch die Zeit des Tempo-Fußballs ließ die einstigen Rennpferde wie lahme Gäule ausschauen. Spät, fast zu spät und eigentlich nur gezwungenermaßen hat sich Löw zum Umbruch entschieden und erntet am Ende für die Zukunft auch ein bisschen Hoffnung. Die jungen Wilden können es richten, wenn sie noch ein bisschen Erfahrung sammeln und auch entsprechend gelenkt werden. Diese richtige Mischung zu finden, ist die Hauptaufgabe des Bundestrainers, um nach dem Absturz den Aufbruch in eine glorreiche Zukunft zu schaffen.

Joachim Löw hat bereits Zeit verloren, weil er eben zu lange an den Weltmeistern festgehalten hat. Jetzt beklagt er, dass er 2019 mit der Qualifikation zur Europameisterschaft 2020 (12. Juni bis 12. Juli) keine Testspiele mehr hat. Kommt Deutschland bei der Auslosung am 2. Dezember in eine Sechser-Gruppe, wird es für das DFB-Team in den Länderspielpausen mit Doppelspieltagen im März, Juni, September, Oktober und November nur Pflichtspiele geben. Keine Zeit für Experimente also.

Eine Basis hat der Bundestrainer allerdings gefunden. Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sane sind ein modernes Tempo-Trio, das jede Abwehr zur Verzweiflung bringen kann, weil eben jeder unberechenbar ist. Bezeichnend, dass den Deutschen der Sieg aus den Händen glitt, als diese drei vom Feld gegangen waren. 80 Minuten lang hatte Jogi Löw gegen die Niederlande quasi seine Mannschaft der nahen Zukunft auf dem Feld mit Neuer – Süle, Hummels, Rüdiger – Kehrer, Kimmich, Kroos, Schulz – Werner, Gnabry, Sane. In der Abwehr sollte Boateng noch nicht abgeschrieben sein, stehen auch Ginter und Hector auf der Liste, in Mittelfeld und Sturm gehört die Zukunft vor allem dem 19-Jährigen Kai Havertz, Julian Brandt und ein bisschen auch Marco Reus. Alle anderen, vor allem auch Thomas Müller, der dies ausgerechnet in seinem 100. Länderspiel erkennen musste, müssen sich hinten anstellen. Spieler wie Goretzka oder Rudy suchen ihren Platz und bekommen Konkurrenz aus der U21, die in diesem Jahr ungeschlagen blieb und 2019 nach dem EM-Titel greift. Auch da also ein bisschen Hoffnung für die Zukunft.

Die Niederlande machte es den Deutschen vielleicht vor, denn bei den beiden letzten großen Turnieren fehlte das Land und es durchschritt ein tiefes Tal. Jetzt das strahlende Comeback mit dem Gruppensieg in der Nations League gegen die Weltmeister von 2014 und 2018. Wer hätte das gedacht. Überhaupt zeigte die viel kritisierte Nations League, dass sie eine Zukunft haben kann, die Großen müssen um ihre Pfründe kämpfen, die Kleinen haben ihre Erfolgserlebnisse gefeiert, siehe Zwerg Gibraltar. Eine Endrunde der Liga A (im Juni 2019 in Portugal) mit Gastgeber Portugal, Niederlande, Schweiz und England hätte so keiner erwartet. Aber Trost ist das für Deutschland nicht.

Der Bundestrainer hat jetzt die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Deutschland nicht so tief fällt und nicht so lange unten bleibt wie die Niederlande, also bei den großen Turnieren fehlt. So weit sollte der Absturz dann doch nicht gehen. Bei der EM 2020 muss Deutschland dabei sein, zumal in jeder Quali-Gruppe der Erste und Zweite weiterkommt (mit einem dicken Brocken ist zu rechnen). Bei der nächsten Austragung der Nations League wird sich das DFB-Team in der ungewohnten Umgebung der Zweitklassigkeit bewegen, in Liga B mit Gegnern wie Island, Polen, Österreich, Tschechien, Finnland aber auch Vizeweltmeister Kroatien. Mal sehen, wie dann die Fans auf die Gegner reagieren, die ja keine Großen sind. Auf Schalke war es erstaunlich stimmungslos.

Wir sehen, die Zukunft ist ein Stück weit sehr ungewiss, aber nach dem Absturz bleibt auf jeden Fall ein bisschen Hoffnung.

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Mit Tempo an den Bayern vorbei

Die Fußball-Bundesliga befindet sich in einer Art „Glücksrausch“. Endlich ist es so weit, die Alleinherrschaft des FC Bayern München ist beendet. Der „Glücksrausch“ wird aber auch befeuert, weil sich Dortmund und die Bayern beim 3:2 des Tabellenführers ein hochklassiges Spitzenspiel geliefert haben, das via Fernsehen beste Werbung für die Bundesliga in rund 200 Ländern rund um den Globus war. Der „Glücksrausch“ wird aber auch befeuert, weil Dortmunds Verfolger Mönchengladbach, Leipzig und Frankfurt einen attraktiven Tempo-Fußball spielen und die Hoffnung keimen lassen, dass es nach einem sechs Jahre langen Alleingang der Bayern an der Spitze nun kein Solo der Dortmunder geben wird. Die Bayern schauen von Rang fünf zu und müssen konstatieren, dass die Konkurrenz mit Tempo an ihnen vorbei gezogen ist.

Im Hinblick auf die Bundesliga und die Bayern ist jetzt von Machtwechsel und Umbruch die Rede. Schlagwörter für Gegenwart und Zukunft. Selbst die Dortmunder wehren ab, dass dies schon ein Machtwechsel sein kann. Noch ist die Meisterschaft in weiter Ferne, vielleicht schnaufen die Bayern vor dem nächsten Großangriff nur ein wenig durch. Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat die Richtung schon vorgegeben: „Wir müssen nicht in jedem Jahr Meister werden“ und „wir werden im Sommer das Mannschaftsgesicht ziemlich verändern“. Da schwingt die Erkenntnis mit, dass man in diesem Jahr mit dem Verzicht auf größere Verpflichtungen wohl falsch lag. Pflichtgemäß will man den Kampf um den Titel natürlich nicht aufgeben, auf der Bayern-Homepage heißt es „Die Jagd hat begonnen“ und Hoffnung gibt es: Nach elf Spieltagen ungeschlagen waren die Dortmunder zuletzt in der Saison 2002/03, Meister wurde am Ende – Bayern München.

Das Zauberwort in der Bundesliga heißt derzeit aber „Tempo“. Ein Zauber, der an den Bayern vorbei ging, Ihr Kredo Ballbesitz ist veraltet. Die Bayern feierten eine Halbzeit lang in Dortmund zwar eine Wiederauferstehung, zeigten einen Kampfgeist wie noch nie in dieser Saison und bewiesen, ganz abschreiben sollte man sie nicht. Und dennoch gab es Szenen, die einen Machtwechsel ebenso deutlich machen wie den notwendigen Umbruch. Zum Beispiel als Franck Ribery vor dem entscheidenden 3:2 den Ball in der gegnerischen Hälfte verlor und dem schnellen Sancho nicht folgen konnte. Die Bayern hielten an Robben, Ribery und auch Martinez fest, jetzt haben sie den Salat bzw. das fehlende Tempo. Die Hoffnungsträger sind verletzt, die Franzosen Coman und Tolisso nämlich. Sie stehen für Höchstgeschwindigkeit.

Die Bayern müssen sich aber auch fragen, ob ihre Scoutingabteilung nicht einiges verschlafen hat. Stürmer wie Sancho und Alcacer in Dortmund, Plea in Gladbach, Nelson in Hoffenheim oder gar das Frankfurter Duo Jovic und Rebic sorgen für Tempo und Aufmerksamkeit. Warum landete keiner von ihnen in München? Gerade Pokalsieger Eintracht Frankfurt wurde zu Saisonbeginn unterschätzt, als es beim Wechsel von Trainer Niko Kovac zu Adi Hütter kriselte. Doch inzwischen hat der Österreicher die Eintracht in Schwung gebracht, Kovac die Bayern dagegen nicht. Haben die Bayern den falschen Trainer? Coach Dieter Hecking und Manager Max Eberl haben in Gladbach nach einer enttäuschenden Saison die richtigen Schlüsse gezogen und an den richtigen Stellschrauben gedreht, Gladbach spielte sich mit Tempo an die Spitze, da schnaufen die Bayern wie eine Dampflok hinterher. Es gibt aber zwei Hoffnungen: Die Bayern-Stars haben endlich erkannt, dass es nur mit vermehrten Einsatz und Mannschaftsgeist geht. Und: Die Bayern haben ihre Krise mit Verletzungen schon hinter sich, die Konkurrenz blieb bisher weitgehend davon verschont. Außerdem müssen die anderen erst noch eine gewisse Konstanz beweisen. Die Jagd könnte sogar erfolgreich sein, ausgeschlossen ist das nicht.

Die Bundesliga insgesamt aber im „Glücksrausch“, sie wehrt sich erfolgreich gegen Langeweile, auch am Tabellenende. Dort gab es einen „Aufstand“ der Schlusslichter, und urplötzlich sind auch Mannschaften, die man eigentlich oben sucht, unten dabei, nämlich Bayer Leverkusen und der vorjährige Vizemeister Schalke 04. Da ist Spannung garantiert.

Auch Jogi Löw braucht Tempo, Tempo

Die Bundesliga muss ihren „Glücksrausch“ ein bisschen konservieren, denn es steht erst mal wieder einmal eine Länderspielpause an. Und was die deutsche Nationalmannschaft betrifft, da kann von einem „Glücksrausch“ keine Rede sein. Bundestrainer Joachim Löw und seine Mannen stehen nämlich sogar vor einem Abstieg aus der Liga A der neuen Nations League. Deutschland braucht die Schützenhilfe von Frankreich gegen die Niederlande und am Montag, 19. November, zudem einen Sieg gegen den Kontrahenten. In Amsterdam hat Deutschland bekanntlich 0:3 verloren, ein Tiefpunkt. Ein Sieg muss in Gelsenkirchen auch deshalb her, um für die nächste EM-Qualifikation als Gruppenkopf gesetzt zu sein und schweren Gegnern aus dem Weg zu gehen.

Auch Bundestrainer Jogi Löw muss mit der Zeit gehen und seinem Team eins verpassen: Tempo, Tempo. Da heißt es möglicherweise Abschied nehmen von verdienten Spielern, denn für Tempo stehen zum Beispiel Toni Kroos und Thomas Müller nicht. Tempo garantieren dagegen der gerade überragende Marco Reus, Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sane. Erfolg garantieren sie damit freilich noch nicht, könnte auch sein, dass Deutschland nach der WM-Pleite allzu schnell schon die nächste Pleite erlebt.

Bayern und Löws Jungs: Kampf gegen die Verunsicherung

Länderspiel-Wochenenden waren in früheren Zeiten in Deutschland eher eine Art Fest- oder Feiertage, doch diese Euphorie rund um das Team mit dem Adler auf der Brust ist vorbei. Frust statt Fest ist angesagt, Werbung für den Fußball macht die Nationalmannschaft derzeit nicht. Muss die Krise an Bundestrainer Joachim Löw festgemacht werden? Ist es eine Krise des deutschen Fußballs schlechthin? Oder tragen die formschwachen Bayern die Schuld? Tatsache ist: Beide haben eines gemeinsam, die Bayern und die Nationalmannschaft kämpfen gegen die Verunsicherung an.

Die Bundesliga nimmt am kommenden Wochenende wieder Fahrt auf, Vier Spieltage stehen neben Champions- und Europa-League sowie DFB-Pokal am 30./31. Oktober bis zur nächsten Länderspielpause am 17./18. November auf dem Programm. Die Bundesliga wird die Fans eher in ihren Bann ziehen, als es das DFB-Team derzeit kann. Die Augen werden aber vor allem auf Bayern München gerichtet sein, denn dort werden die Fragen der Zukunft beantwortet: Gelingt den Bayern selbst der Weg aus der Krise und damit vielleicht danach auch der Nationalmannschaft für das wohl entscheidende Rückspiel gegen die Niederlande in der Nations League? Beide Mannschaften leiden unter der Formkrise der Weltmeister, den Bayern ging die Achse der Führungsspieler ebenso verloren wie Jogi Löw, der ja unverdrossen weiter auf die Bayern-Achse setzte und nun einen Achsschaden beim 0:3 in Amsterdam erlitt.

Für Bayern-Trainer Niko Kovac ist die Aufgabe ungleich schwerer, weil er im sowieso schon dezimierten Münchner Kader schlecht auf Neuer, Boateng (aktuell verletzt), Hummels oder Müller verzichten kann. Er muss sie jedoch in Form bringen! Aber die Verunsicherung ist groß, von der wurde jetzt sogar der einst beste Torhüter der Welt erfasst, Manuel Neuer. Nach seinen Fehlern fielen zuletzt zu viele Gegentore (auch in Amsterdam das 0:1), in der Bundesliga weisen nur zwei Torhüter eine schlechtere Paradequote als Neuer auf! Seine Vorderleute machen die Verunsicherung mit einer hohen Fehlpassquote deutlich (Boateng und Hummels), die Stürmer treffen nicht mehr. Spaßvogel Thomas Müller ist der Spaß vergangen, Robert Lewandowski ist ein Torjäger der traurigen Gestalt, er traf auch für Polen nicht mehr, das nun als erster Absteiger aus der Nations League A feststeht. Wie heißt es so schön, für Tore gibt es keinen Ersatz. Darum wird im Gegensatz dazu der Dortmunder Paco Alcacer gefeiert, der nicht nur im Verein trifft wie er will, sondern jetzt auch für Spanien. Eine andere Welt.

Das Bundesliga-Programm im Oktober und November könnte für Bayern fast ein Aufbauprogramm sein, um die Verunsicherung zu verscheuchen. Die beste Therapie sind da Siege, die könnten mit ein bisschen mehr Kampfgeist und Disziplin in Wolfsburg und Mainz sowie gegen Freiburg gelingen, ehe es zum Showdown der Spitzenteams am 10. November in Dortmund kommt. Aber nur, wenn die Bayern bis dahin die Verunsicherung abgelegt haben.

Dortmund ist derzeit das Gegenteil der Bayern (deshalb auch Tabellenführer) und könnte Vorbild für Jogi Löw sein, denn Dortmund holte sich Schwung durch junge Spieler, ähnlich wie eben die Niederlande. Dieser Mut fehlt offensichtlich dem Bundestrainer, der erst verspätet die Talente Sane, Brandt und Draxler gegen die Niederlande ins Gefecht warf, mit allerdings zwiespältigen Ergebnissen. Sane und Draxler brachten zwar frischen Schwung, Sane vergab aber eine klare Chance, Draxler leitete nach erfrischendem Anfang die endgültige Niederlage mit zwei dicken Patzern ein. Unverständlich aber, dass Löw mit dem nachnominierten Emre Can einen der noch besseren Spieler vom Feld nahm. Ist das „Löws Kurs ins Verderben“ wie das Fachblatt kicker schreibt, jedenfalls trauen 91,9 Prozent der Kicker-Leser dem Bundestrainer die Wende nicht zu. Ein erschreckender Vertrauensverlust.

Mehr zur Nationalmannschaft und die Zukunft des deutschen Fußballs im Laufe der Woche.

Noch ein Blick aber auf die Bundesliga: Sieben Spieltage sind gespielt, nach zehn, so heißt es oft, könne man die ersten wirklichen Tendenzen erkennen. Fast genau (dann elf) zur nächsten Länderspielpause. Bis dahin will zum Beispiel der VfB Stuttgart wieder in die Erfolgsspur gefunden haben. Beim Schlusslicht gab es den ersten Trainerwechsel der Saison, Markus Weinzierl übernahm wie erwartet das Kommando von Tayfun Korkut. Er galt ja schon vor Korkut als Wunschtrainer, wird aber mit einem schweren Startprogramm leben müssen, mit den Aufgaben gegen Dortmund und in Hoffenheim, ehe Frankfurt kommt. Natürlich macht Weinzierl in Optimismus und nun nimmt praktisch eine Anleihe in England: „Warum soll nicht der Letzte den Ersten schlagen können“. Das sah man bisher in der Bundesliga fast als undenkbar an und verwies darauf, dass das in der Premier League keineswegs unmöglich sei. Der VfB könnte die Bundesliga ins Gespräch bringen.

Löws Problem: Ohne Tore keine Siege

Mit Spannung wurde das erste Auftreten der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach der verpatzten Weltmeisterschaft im Sommer erwartet. Und, wie ist jetzt die Stimmung? Die Antwort: Sie könnte unterschiedlicher nicht sein! Auf der einen Seite monieren Kritiker, warum die Nationalspieler bei der wichtigen WM nicht den doch möglichen Einsatz gezeigt haben, auf der anderen Seite die Erleichterung nach dem 0:0 gegen Weltmeister Frankreich und dem 2:1 gegen Peru. Motto: Sie können es also doch noch. Zumindest ein bisschen, denn noch war nicht alles Gold, was da glänzte.

Bundestrainer Joachim Löw hat sicherlich die richtigen Lehren aus der Pleite in Russland gezogen und vor allem gegen Frankreich auf eine starke Defensive gesetzt, nach der Devise: Nur nicht verlieren. Das hat geklappt. Gegen Peru durfte gestürmt werden, doch da zeigten sich wieder die alten Probleme: Fehler in der Abwehr, mangelnde Abschlussqualität im Angriff. Künftig werden wir wohl vor allem zwei taktische Varianten sehen: Gegen scheinbar starke Gegner heißt es „Sicherheit zuerst“, bei Spielen, die man gegen schwächere Gegner unbedingt gewinnen muss wiederum „freie Bahn nach vorn“.

Die taktischen und personellen Varianten, die Löw diesmal ausprobierte, lassen nur einen Schluss zu: Er hatte bei der Nominierung des Kaders die Konzepte noch gar nicht erarbeitet. Sonst hätte er eigentlich einen Kimmich-Vertreter als Rechtsverteidiger nominieren müssen, wenn er schon den Plan hatte, den Münchner als „Sechser“ zu testen. Dass Joshua Kimmich das kann und gerne spielt, war bekannt. Der Bundestrainer hat ein Loch gestopft und andere aufgerissen: Jetzt sucht er gleich zwei starke Außenverteidiger, denn links kann er mit den Lösungen um Stammspieler Hector sowie die möglichen Vertreter Plattenhardt und jetzt Nico Schulz auch nicht unbedingt zufrieden sein. Da bietet sich schon ein Versuch mit dem Augsburger Philipp Max an, der als Vorlagen-König in der Bundesliga glänzte.

Löws Hauptproblem: Ohne Tore keine Siege. Die Abschlussschwächen dauern schon allzu lange an und man darf nicht darauf vertrauen, dass immer der gegnerische Torhüter dem DFB-Team den Sieg schenkt, wie jetzt Perus Schlussmann. Ein neuer Gerd Müller oder Miroslav Klose oder Mario Gomez (als er noch in Form war) wird gesucht. Nur mit schnellen Stürmern und Positionswechseln allein geht es halt doch nicht. Timo Werner und Marco Reus zeigten sich leider nicht als Torjäger, sondern eher als Chancentod.

Wo sind die Torjäger? Namen gibt es viele, aber wer schafft den Sprung? Naheliegend wäre der nächste Versuch mit Stoßstürmern wie Daniel Ginczek (Wolfsburg), Mark Uth (Schalke) oder sogar Niclas Füllkrug (Hannover), nachdem der nominierte Nils Petersen (Freiburg) ein bisschen zu gehemmt wirkt. Aber auch Junioren, also U21-Kandidaten, sollte Löw im Blick haben, wie Davie Selke (Hertha), Aaron Seydel (1,99 m groß!), Janni Serra (beide Holstein Kiel) oder den Augsburger Marco Richter, ein technisch beschlagener Stürmer. Da sollte Jogi Löw der Mut nicht verlassen, schlechter kann die Torausbeute ja wohl kaum werden.

Auffallend ist, dass die neugeschaffene und mit viel Kritik begleitete Nations League offensichtlich Gefallen gefunden hat. Europas Fußball war im Gespräch, Pflichtspiele statt uninteressante Freundschaftsspiele war ein guter Tausch, die Trainer kamen an ihrer stärksten Mannschaft nicht vorbei und sogar Dänemark setzte den Streik aus. So hat die Nations League Zukunft, doch alle Gedanken an eine Ausdehnung sollte man ad acta legen.

Der heiße Herbst beginnt

Der Fußball in Europa bleibt im Gespräch, nein, er nimmt jetzt erst richtig Fahrt auf, die Nations League war quasi nur ein Vorgeschmack, denn am 18. September beginnt auch die Champions League, der heiße Herbst kommt. Das bedeutet für Vereine, Spieler und Fans, es geht Schlag auf Schlag. Das Beispiel Bayern München, zwischen dem 15. September und 6. Oktober stehen sieben Spiele in 22 Tagen auf dem Programm. Langeweile kommt da nicht auf.

Zunächst gehört das Wochenende den nationalen Meisterschaften. Die Bundesliga wird da mindestens so interessant sein wie die Nations League, wenn zum Beispiel die Partie Wolfsburg – Hertha schon zum Spitzenspiel wird, weil eben zwei der bisher drei Teams ohne Punktverlust aufeinandertreffen. Der Dritte im Bunde ist Bayern München und der hat Bayer Leverkusen zu Gast. Oft ein unangenehmer Gegner, aber jetzt? Leverkusen verpatzte den Start, hat null Punkte und das Problem, dass Trainer Heiko Herrlich schon in Frage gestellt wird. Ähnlich sieht es auf Schalke aus, zwei Niederlagen ließen die Stimmung in den Keller sinken. Was ist aus dem stolzen Vizemeister geworden? Erinnerungen an einen ähnlichen Absturz werden wach. Schalke liebt ja bekanntlich die Extreme. Kommt die Wende ausgerechnet in Gladbach (und dann kommen die Bayern!). Und auch in Stuttgart sehnt man sich nach einer Wende, die Euphorie war groß und dann zwei Niederlagen zum Start! Ausgerechnet beim Derby im Ländle, in Freiburg, soll das Ruder herumgerissen werden. Also: Die Vorzeichen sind gut, die Bundesliga ist interessant und liefert sicherlich den richtigen Start in den heißen Herbst.

Die Zukunft von Jogi Löw: Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Es war die längste Pressekonferenz des Deutschen Fußball-Bundes aller Zeiten. Es war ja auch die größte Schmach des deutschen Fußballs aller Zeiten, die Pleite bei der WM in Russland. Also warteten alle in Deutschland, nicht nur die Fans, auf die Erklärungen von Bundestrainer Joachim Löw. DFB-Präsident Grindel hatte nach dem Bericht des Bundestrainers vor dem DFB-Präsidium gelobt, es sei eine umfassende und erstklassige Aufarbeitung der WM gewesen. Was Jogi Löw jetzt präsentierte, war nicht viel mehr, als jeder selbst in Russland gesehen hatte. Insofern fragt man sich, warum sich Jogi Löw nicht früher geäußert hatte. Diese Analyse hätte er auch innerhalb von 24 Stunden erstellen können.

Jeder hat es bei den Spielen gesehen: Deutschland hatte keine Begeisterung, das Spiel war zu langsam, die Abstimmung fehlte und die taktische Einstellung war oftmals falsch. Das Resultat dementsprechend erschütternd: Tabellenletzter in einer Gruppe mit Mexiko, Schweden und Südkorea. Angeblich eine eher leichte Gruppe. Immerhin wollte der Bundestrainer nichts beschönigen, er streute Asche auf sein Haupt und gestand, „wir waren teilweise zu arrogant, wir haben in der Summe versagt.“ Klar war auch, der Mannschaftsgeist, der vier Jahre zuvor in Brasilien den Titel gebracht hatte, war diesmal nicht vorhanden.

Jetzt geht es um die Zukunft. Jetzt muss Joachim Löw wirklich zeigen, was er kann, dass er den Schalter umlegen und die Spieler begeistern kann. Die kleinen Korrekturen rund um die Mannschaft, dass aus dem Co-Trainer Thomas Schneider jetzt der Chef der Scouts wird und dass der Betreuerstab verkleinert wird (einige wie Teamarzt Müller-Wohlfahrt scheiden sowieso aus Altersgründen aus) bringen noch keine gravierenden Verbesserungen oder einen Stimmungsumschwung. Der muss im Spiel kommen, der muss aus der Mannschaft kommen. Noch nie war der Spruch von Altmeister Otto Rehhagel wohl so treffend: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Die Wahrheit zeigt sich am 6. September zum Start der Nations League gegen Weltmeister Frankreich. Tempo, Einsatz und Begeisterung müssen als Grundvoraussetzung zu sehen sein. Löw verspricht, in der Taktik künftig flexibler und variabler zu sein, das Risiko möchte er reduzieren. Damit auch das Risiko eines nahen Ende seiner Amtszeit reduziert wird.

Einen Umbruch im Team wird es allerdings nicht geben, kann es eigentlich auch gar nicht geben, denn neue Talente bieten sich kaum an. So sind 17 WM-Teilnehmer gegen Frankreich und am 9. September im Testspiel in Sinsheim gegen Peru wieder dabei. Einziges „Bauernopfer“ wurde Sami Khedira, aber er ist nicht ohne Zukunft. Die für die WM verschmähten Tah, Petersen und vor allem Flügelflitzer Leroy Sane sind wieder dabei, dazu die drei Neulinge Thilo Kehrer, Nico Schulz und Kai Havertz. Der Leverkusener könnte der Özil-Nachfolger werden.

Allerdings muss sich nicht nur auf dem Spielfeld einiges ändern, sondern auch einiges rund um die Mannschaft. Teammanager Oliver Bierhoff gestand zwar seine Fehler nicht so offen ein wie Jogi Löw, sondern schob viel auf andere ab, aber auch er gestand, verstanden zu haben: Der DFB will sich wieder um mehr Fan-Nähe bemühen, das heißt, wieder mehr öffentliche Trainingseinheiten, mehr Zeit für Autogramme oder Selfies. Was noch fehlt: Gerade für Testspiele muss der DFB moderatere Eintrittspreise anbieten, zumal in solchen Spielen selten die erste Garnitur zu sehen ist (sind eben Testspiele). Mal sehen, ob der DFB auch hier verstanden hat.

Deutlich wurde Jogi Löw auch in Sachen Mesut Özil, einst sein Lieblingsschüler. Auch ihm zeigte der in Wut zurückgetretene Spielmacher die kalte Schulter, auch für den Bundestrainer hieß es „kein Anschluss unter dieser Nummer“. Es wird immer deutlicher, dass sich der Deutsch-Türke von seinen Beratern und anderen Gestalten um ihn herum falsch steuern lässt, angeblich soll er sich für die EM-Bewerbung der Türkei für 2024 gegen Deutschland vereinnahmen lassen. Das würde dann das Bild abrunden.

Die Wahrheit liegt auf dem Platz, warten wir die Wahrheiten gegen Frankreich und Peru ab und die Vergabe der EM 2024 am 27. September. Danach wird es möglicherweise im DFB eine erneute Aufarbeitung geben.

Die weiteren Termine in diesem Jahr: 13. Oktober in Amsterdam Niederlande – Deutschland (Nations League), 16. 10. in Paris Frankreich – D (NL), 15. 11. in Leipzig Testspiel D – Russland, 19. 11. in Gelsenkirchen D – Niederlande (NL).

Wussten Sie schon? Wir haben die Woche des Fußballs!

Keine Weltmeisterschaft, keine Europameisterschaft, egal, ob die Formel 1 ihre Sommerpause beendet hat oder was in der Politik passiert – hätten Sie gewusst was in diesen Tagen dominiert? Wir haben die Woche des Fußballs!

Da werden manche sagen, der Fußball ist doch immer im Gespräch, aber was in den nächsten Tagen alles auf uns zukommt, hat schon besondere Bedeutung für die Zukunft (des Fußballs, nicht für das sonstige Weltgeschehen!). Das gilt nicht nur für Deutschland, hat aber andererseits schon eine besondere Wichtigkeit für den Fußball hierzulande. Das gilt nicht nur für die Bundesliga, die am Wochenende endlich ihre neue Saison gestartet hat. Leider mit erneuten unsäglichen Diskussionen über den Videobeweis. Doch dazu später mehr.

Schauen wir auf die nächsten Tage, im Mittelpunkt steht Bundestrainer Joachim Löw, der am Mittwoch in München offenlegen wird, wie er sich die Zukunft der Nationalmannschaft vorstellt. Die Pläne tangieren natürlich auch die Bundesliga. Löw muss die Weichen stellen, damit der Fußball die bei der WM verlorene Anerkennung wieder zurückgewinnt. Die spannende Frage also, wie verändert er den Kader der Nationalmannschaft und wie verändert er den Kader der Mitarbeiter und Trainer rund um das DFB-Team (oder wie der DFB will „Die Mannschaft“). Es wird ein erster Fingerzeig sein, wie Löw die Taktik in der Zukunft ändern will. Die erste Bewährungsprobe steht dann unmittelbar bevor, am 6. September in München gegen Weltmeister Frankreich zum Start der neuen Nations League.

Am Donnerstag geht es um die nahe Zukunft in Europas Fußball und um Ehrungen. Die Auslosung der Champions League in Monaco wird sicherlich mit mehr Spannung erwartet als die Ehrungen zum Fußballer und Fußballerin des Jahres. Was die Champions League angeht, da bangen manche Favoriten, ob sie trotz Setzliste mit harten Gegnern rechnen müssen. Das Los entscheidet auch darüber, ob wir interessante Gruppenspiele erwarten dürfen.

Die Wahl zum Fußballer des Jahres hat ihre Spannung allein darin, ob der ewige Cristiano Ronaldo wieder Erster ist oder den Juroren doch mal ein anderer Name eingefallen ist. „Fußballer des Sommers“ war ja Ronaldo schon, also sind wohl die Chancen der Herausforderer Luka Modric und Mohamed Salah wohl gering (das Ergebnis steht fest, wird nur erst am Donnerstag in Monte Carlo verkündet). Erstaunlich, Lionel Messi landete nur auf Rang fünf (eine kleine Wachablösung!), davor auf Rang vier ist Antoine Griezmann zu finden, immerhin mit Atletico Madrid Sieger der Europa League und Weltmeister. Ihn hatte der Sport-Grantler eigentlich als größten Herausforderer von Ronaldo erwartet. Unter den Top ten befindet sich übrigens kein deutscher Spieler. Hoffnung auf den Titel „Fußballerin des Jahres“ dürfen sich die Dänin Pernille Harder (Wolfsburg), die Norwegerin Ada Hegerberg und die Französin Amandine Henry (beide Lyon) machen.

Ja, und dann kommt der 31. August und damit in den meisten Ländern das Ende der Transferzeit. Große Hektik auf dem Spielermarkt ist in den nächsten Tagen noch zu erwarten und der eine oder Manager wird wohl trotz modernster Technik den Transferschluss um einige Minuten oder sogar Sekunden verpassen und als Depp der Nation dastehen. Das Ende der Transferzeit birgt ja einige Überraschungen und Kuriositäten in sich. Zum Beispiel wird dann auch bei Bayern München endgültig die Frage beantwortet, ob Jerome Boateng den Verein noch verlässt oder nicht. Der 31. August bringt es an den Tag.

Am Samstag gebührt ein wenig Aufmerksamkeit der deutschen Damen-Nationalmannschaft. Die DFB-Mädchen tragen da ihr entscheidendes Spiel der Saison aus, sie müssen nämlich ein Missgeschick vom Oktober in der WM-Qualifikation reparieren. Damals war eine 2:3-Niederlage gegen Island der Tiefpunkt einer negativen Entwicklung des einstigen Welt- und Europameisters sowie amtierenden Olympiasiegers. Steffi Jones erwies sich als Bundestrainerin als Fehlgriff, nun soll es der alte Kämpe Horst Hrubesch als Nothelfer richten, bevor Martina Voss-Tecklenburg (mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht) ihr Amt antritt. Hrubesch und seine Mädchen müssen noch zweimal gewinnen, um die direkte WM-Qualifikation zu schaffen, nämlich Samstag in Island und Dienstag auf den Faröer. Der Tabellenzweite muss in die Play-Offs. Hrubesch hat Vertrauen: „Wir werden gewinnen, das ist klar.“ Vor Monaten noch hätte es darüber auch keine Zweifel gegeben.

Der Bundesliga-Start leitete die Woche des Fußballs ein und er sorgte für Diskussionen. Schon das Auftaktspiel der Bayern gegen Hoffenheim (3:1) hatte es in sich, mit umstrittenen Entscheidungen rund um den Videobeweis, mit Wild-West in punkto Härte, wie es Karl-Heinz Rummenigge bezeichnete, und mit einer schweren Verletzung von Coman nach einer „Blutgrätsche“ von Gegner Schulz (das hätte eigentlich Rot geben müssen). Am Samstag und Sonntag ging vor allem der Ärger mit dem Videobeweis weiter. Dabei war die Hoffnung groß, dass es ähnlich wie bei der Weltmeisterschaft in Russland klappen würde. Doch anders als bei der FIFA, war es in Deutschland zu unruhig. Der „Keller in Köln“, wo die Video-Referees residieren, wollte wohl seine Berechtigung dokumentieren und meldete sich viel zu oft. Es wurden die Fehler wie am Anfang gemacht: Der Video-Schiedsrichter verdrängte den Schiedsrichter auf dem Feld ins zweite Glied und verunsicherte ihn. So ist der Videobeweis sinnlos! Es sollen nur grobe Fehler repariert werden, das heißt, der Videobeweis dürfte höchstens drei- bis viermal pro Wochenende zum Einsatz kommen! Also mäßigt Euch, ihr Möchtegerns im Kölner Keller.

Ansonsten sind ein paar Dinge zum Saison-Start aufgefallen: Dortmund kann sich für seine Transferpolitik schon jetzt feiern lassen, das Mittelfeld-Duo Witsel/Delaney erweist sich als Volltreffer. Mit dem 4:1 gegen Leipzig profilierte sich die Borussia (als erster Tabellenführer) gleich als Bayern-Jäger Nummer 1. Die Bayern selbst mussten erleiden, wie die Konkurrenz die Jagd angehen will: Mit Härte. Hoffenheim sei gesagt, bei der Jagd auf den Meister geht es um Punkte, nicht um die Beine der Bayern-Spieler. Ein besonderes Glücksgefühl erlebte man beim FC Augsburg: Im achten Jahr der Bundesliga gelang der erste Sieg am ersten Spieltag. Leidtragender war Neuling Fortuna Düsseldorf und auch Mitaufsteiger Nürnberg verlor unglücklich in Berlin. Den Neulingen wurde also gleich verdeutlicht, wie hart das Brot in der Bundesliga ist.

Im Fall Özil waren viele schlecht beraten

Er hat es getan, aber seine Aussagen hatten einen anderen Inhalt, als es der DFB und die Öffentlichkeit erwartet hatten. Nach wochenlangem Schweigen zu den umstrittenen Erdogan-Fotos meldete sich Fußball-Nationalspieler Mesut Özil am Sonntag im Internet zu Wort und lederte los. Nicht einmal, nicht zweimal, nein dreimal. Häppchenweise lieferte er eine Abrechnung mit dem Verband, mit den Medien, praktisch mit allen. Die Abrechnung endete mit Rücktrittsforderungen von DFB-Präsident Dr. Reinhard Grindel und mit dem eigenen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Das Kapitel Özil ist beim DFB beendet, das Thema rund um den 29-Jährigen Deutsch-Türken wird uns aber noch lange beschäftigen. Je nach dem, wie sie es brauchen, werden vor allem rechtsgerichtete Kreise das Thema Özil am Leben erhalten.

Es begann mit den unglücklichen Fotos der Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem Präsidenten der Türkei, Erdogan. Die Öffentlichkeit kritisierte diese Fotos als Wahlhilfe für einen Präsidenten, der Menschenrechte missachtete, entsprechend groß war die Unruhe im deutschen Team, was als Teil des enttäuschenden Abschneidens bei der Weltmeisterschaft in Russland ausgemacht wurde. Während Gündogan Stellung bezog, schwieg Mesut Özil beharrlich. Somit sorgte er dafür, dass das Thema immer am köcheln blieb, es kam keine Ruhe in die Mannschaft, zumal es keinen sportlichen Erfolg gab, der die politischen Strittigkeiten hätte überdecken können. Özil sorgte mit seinem Verhalten auch dafür, dass das Image der Nationalmannschaft als Vorbild für Integration Schaden nahm (dafür erhielt Özil sogar den Bambi). Vorbild für gelungene Integration wurde dann Frankreich als neuer Weltmeister. Vier Jahre zuvor in Brasilien wurde dafür noch Deutschland gefeiert, also eine Wachablösung auf der ganzen Linie!

Eines steht fest: Im Fall Mesut Özil waren viele schlecht beraten. Zunächst einmal Özil selbst (und natürlich auch Gündogan), dass sie die Fotos mit Erdogan nicht abgelehnt hatten. Möglich, dass ihre Berater diese Fotos sogar forciert hatten, doch die Publicity hatten sie vollkommen falsch eingeschätzt. Die Spieler wiederum, die sich von politischen Aussagen distanzierten, standen als Naivlinge da.

Mit Mesut Özil spielten die Berater auch ein schlechtes Spiel, dass sie ihn zunächst mal lange (zu lange) schweigen ließen und jetzt mit einer geballten Abrechnung in drei Teilen Tabula rasa machten. Özil fühlt sich seinen türkischen Wurzeln verpflichtet, fühlt sich missverstanden und schlechter behandelt als andere, weil er eben türkischen Wurzeln habe. Hier verwechselt einer Tatsachen und Wirkung, Einsicht zeigt er nicht. Özil beklagt sich über zu wenig Respekt, zeigt aber keinen Respekt gegenüber dem Nationaltrikot, gegenüber der Öffentlichkeit in Deutschland. Özil wurde ganz einfach schlecht beraten und warf seine Karriere im Nationaltrikot einfach weg. Da hat sich einer ganz schön verdribbelt.

Die Rücktrittsforderung gegenüber dem DFB-Präsidenten kommt nicht überraschend, Reinhard Grindels Rücktritt hatten auch schon andere gefordert, was nach dem schlechten Krisenmanagement des Verbandes auch logisch ist. Auch Grindel war schlecht beraten, ebenso Teammanager Oliver Bierhoff. Von Anfang an hatten die Verantwortlichen des DFB ebenso wie die Spieler die Wirkung der Erdogan-Fotos unterschätzt. Die einzige richtige Konsequenz wäre gewesen, die Özil und Gündogan aus dem WM-Kader zu streichen, um für Ruhe zu sorgen. Da hätte auch Bundestrainer Joachim Löw handeln können. Jetzt trägt er nämlich den Rucksack Özil mit sich rum. Wehe, die schlechten Leistungen wiederholen sich in den nächsten Spielen (immerhin ist Weltmeister Frankreich der nächste Gegner), dann wird es heißen „und Özil fehlt halt doch“.

Allerdings: Özil muss mit einem Makel leben, auch in seinem Verein Arsenal London erntete er oft Kritik, dass er besonders in wichtigen Spiele oft „abtauche“, nicht zu sehen sei, statt das Heft in die Hand zu nehmen. Diesbezüglich war Özil vor der WM wirklich ein Wackelkandidat im Hinblick auf die Nominierung (ganz im Gegensatz zu 2014). Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat zwar in seiner Art übertrieben, aber ganz unrecht hat er mit seiner Bemerkung „Özil habe seit 2014 keinen Zweikampf mehr gewonnen“ nicht. Gewonnen hat Özil jetzt auch nicht.

Wie auch immer, der Fall Özil zeigt sehr deutlich, wie Berater die Fußball-Stars beeinflussen können und wichtig für die Karriere sind. Leider ist es so, dass viele Berater die Eignung für diese wertvolle Aufgabe abgeht. Der Ruf, es handle sich bei ihnen meist von Abkassierern, kommt nicht von ungefähr. So darf sich derjenige Spieler glücklich schätzen, er gut beraten wird. Mesut Özil macht jedenfalls keinen glücklichen Eindruck.