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Tag: Italien

Ein Streifzug durch die Fußball-Ligen Europas

Die Spiele der Qualifikation zur Fußball-Europameisterschaft stehen in diesen Tagen im Mittelpunkt, die nationalen Profi-Ligen machen zwangsläufig eine Pause. Da ist es der richtige Zeitpunkt, wieder einmal einen kleinen Streifzug durch die großen Ligen Europas zu wagen. Dabei zeigt sich Erstaunliches.

Auf den ersten Blick sieht alles normal aus. Die Tabellenführer heißen FC Liverpool (England), Real Madrid (Spanien), Juventus Turin (Italien) und Paris St. Germain (Frankreich). Nur die Bundesliga stellt mit Borussia Mönchengladbach die große Ausnahme. Doch bei den anderen ist nicht alles Gold was glänzt. Vielfach haben sich Sorgen breit gemacht, vor allem in Spanien. Real Madrid ist zwar mit drei Punkten Vorsprung an der Spitze, weil es das Schlagerspiel gegen Aufsteiger FC Granada (!!!) mit 4:2 gewonnen hat. Dennoch sprachen Beobachter von einer „phasenweise Enttäuschung“, dennoch geriet sogar der „heilige“ Trainer Zinedine Zidan in den letzten Wochen in die Kritik. Die Stars machen Probleme, Torhüter Thibaut Courtois befindet sich in einem (psychologischen?) Tief, Vertreter Areola (von Paris im Tausch mit Navas gekommen) patzte, Toni Kroos verletzt, der einstige Weltfußballer Luka Modric oft nur Ersatz. Den Abgang von Cristiano Ronaldo haben die Königlichen immer noch nicht ganz verkraftet. In der Champions League ist Real in der Gruppe A nur Letzter nach einem 0:3 in Paris und 2:2 gegen Brügge. Das drückt die Stimmung.

Eigentlich müsste die Konkurrenz diese Schwächen nutzen, doch Titelverteidiger FC Barcelona hat selbst Sorgen und ist nur Vierter. Leo Messi verletzt, Torjäger Grießmann noch nicht richtig angekommen, den Kampf um Neymar verloren. Der Glanz der vergangenen Jahre ist auch bei Barca verblasst. Atletico Madrid hat andere Sorgen, nämlich den Umbruch in der Mannschaft, viele Stars sind gegangen. Platz zwei (vor Granada) ist da schon ein gutes Trostpflaster, aber kein Ruhekissen.

Paris und Juventus sind in ihren Ligen zwar Tabellenführer, aber keineswegs so dominierend wie in den letzten Jahren, wobei Trainer Thomas Tuchel bei seiner Mannschaft vor allem Verletzungssorgen hat und zwangsläufig auf junge Talente setzen muss. Retter in den letzten Spielen war mit entscheidenden Toren ausgerechnet Neymar, der eigentlich neben Messi in Barcelona dem Ball nachjagen wollte. Der umstrittene Star und Schwalbenkönig sammelte immerhin Sympathiepunkte, er lässt sich nicht hängen.

Die alte Dame Juve ist erstaunt, dass plötzlich Konkurrenz auftaucht, erst im direkten Duell mit Inter Mailand und mit einem 2:1-Sieg konnte der angestammte Platz an der Sonne zurückgeholt werden. Inter ist auf dem Weg zu altem Glanz, ganz im Gegenteil zum Lokalrivalen AC Mailand, der auch vorn mitmischen wollte, aber als 13. erst einmal den Trainer gewechselt hat. Ein großer Star in Italien ist übrigens Franck Ribery. Der Ex-Bayer will kein Fußball-Rentner sein und genießt die Verehrung in Florenz, wurde in Italien sogar zum „Spieler des Monats“ gekürt.

Keine Sorgen muss sich derzeit Jürgen Klopp in England machen. Mit dem FC Liverpool hat er nach acht Spieltagen sage und schreibe acht Punkte Vorsprung vor Titelverteidiger Manchester City. Hochgerechnet bedeutet dies am Ende 38 Punkte Vorsprung! Nein, so wird es nicht kommen, aber logisch, dass die Fans wieder einmal von der „Erlösung“ träumen, der ersten Meisterschaft seit 1990. 2020 wäre dafür das perfekte Jahr 30 Jahre danach und Jürgen Klopp endgültig unsterblich bei den „Reds“. Die Rollen werden vielleicht anders verteilt. Pep Guardiola bescherte den Fans von Manchester City zuletzt den nationalen Titel, sie aber wollen (wie der Trainer) vor allem die Champions League gewinnen, was ja eben Klopp mit Liverpool gelang. Da bahnt sich also ein englischer Tausch an!

Cristiano Ronaldo beschäftigte Europas Fußball

Cristiano Ronaldo und sonst nichts! So ungefähr sah Europas Fußball-Bühne im Sommer aus. Hitze, Dürre und als deren Folge verheerende Waldbrände traten in den Schlagzeilen – diesen Eindruck hatte man fast – in den Hintergrund. Juventus Turin und den Fiat-Eignern war auf jeden Fall ein großer Coup gelungen, der nur möglich war, weil der Torjäger vor dem spanischen Finanzamt fliehen wollte und wohl auch ein Faible für die alte Dame Juve hat. So wurde der Portugiese zum PR-Knüller und er küsste gleichzeitig die Serie A in Italien wach. Natürlich waren auch die Ligen in Spanien und England im Gespräch, dagegen spielte die Bundesliga auf Europas Bühne keine Rolle. Es passt zum Dilemma: Vorbei ist es mit der Weltmeister-Liga, der Glanz ist verblasst.

Italien hat sich mit Cristiano Ronaldo auf Europas Bühne zurückgemeldet, allerdings ist dort auch nicht alles Gold was glänzt. Dazu kam ausgerechnet zum Saisonstart der Schicksalsschlag der Nation mit dem Brückeneinsturz in Genua. Das lähmte natürlich auch die Fußball-Begeisterung. Doch der Mensch vergisst schnell und die Fans, die Tifosi, sowieso. Leider vergessen sie manchmal auch den Anstand, wie die Ultras von Lazio Rom, die mit Flugblättern Stimmung gegen Frauen machten. Bisher schockten sie mit Nazi-Parolen. So kann der Fußball in Italien statt Aufwind wieder Gegenwind bekommen. Nicht zu vergessen, dass im Verband sowieso Chaos herrscht und in den unteren Ligen oft kein geregelter Spielbetrieb stattfindet.

Bei den Spitzenklubs aber wieder Hoffnung. Neben den Klubs aus Rom und Neapel (mit Trainer Carlo Ancelotti) wollen auch beide Mailänder Klubs an alte Erfolge anknüpfen. Inter und Milan kämpfen mit Geldern aus China und den USA um den Anschluss an die großen Vereine in Europa. Die Bundesliga darf sich also warm anziehen, nachdem Italien in der UEFA-Fünfjahreswertung sowieso schon vorbeigezogen ist.

Spanien und England standen zwar ein bisschen im Schatten, aber eine Nebenrolle spielten sie keineswegs. In Madrid drehte sich ja auch alles um Cristiano Ronaldo, doch anders als in Turin stand dort die Frage im Vordergrund, wer den Torjäger auf Dauer ersetzen kann. Es erstaunte schon, dass beim Star-Ensemble sogar vom Kollektiv die Rede ist. Die im Schatten von Ronaldo standen sollen jetzt groß aufspielen. Das scheint vor allem bei Gareth Bale angekommen zu sein. Der Waliser wirkt von einer Last befreit und glänzt als Torschütze. Doch der eher schüchterne Flügelflitzer wird Showman Ronaldo nicht ersetzen können. Das zeigte sich schon beim Liga-Start: Real Madrid spielte vor halbleeren Rängen.

Die Engländer setzen ihre ausgeglichene Liga dagegen. Viel Geld ist natürlich wieder geflossen, aber keineswegs in dem üppigen Ausmaß wie in den vergangenen Jahren. Ein bisschen ist der Markt halt auch gesättigt. Ein Rekord muss allerdings sein und so überboten sich Liverpool und Chelsea bei den Verpflichtungen von Torhütern und schließlich holten die Londoner für 80 Millionen Euro mit Kepa aus Bilbao den teuersten Torhüter der Welt. Ging ja auch nur, weil Ronaldo diese Position keineswegs einnehmen kann.

Wie die Bundesliga steht auch die Ligue 1 in Frankreich im Schatten der anderen, doch sie hat nun das Pfund in der Hand, mit dem die Bundesliga vier Jahre lang werben durfte: Die Weltmeister-Liga! Für Glanz sorgt dazu Paris St. Germain und weltmeisterlich zeigte sich am ersten Spieltag Jungstar Kylan Mbappe. Er wird Trainer Thomas Tuchel sicherlich noch viel Freude bereiten, wenn ihn nicht Verletzungen stoppen. Das ist die Crux der Bundesliga, dass ihr die großen Stars abgehen, weil auch Bayern München nicht alle Preissteigerungen auf dem Spielermarkt mitmachen will. Allein Robert Lewandowski, der weiterhin als einer der besten Mittelstürmer der Welt gilt, und der Kolumbianer James, der vor allem in Südamerika viele Fans hat, können ein bisschen Glanz verbreiten, der auch bei den Altstars Robben und Ribery inzwischen verblasst. Schade, die Bundesliga hat Cristiano Ronaldo nicht ins Visier genommen. Er wusste: Da kann und will mich keiner bezahlen.

Ereilt Deutschland der Fluch der Weltmeister?

Die Aussage war entlarvend und mag als Beispiel dienen: „Von WM-Feeling haben wir noch nichts mitbekommen“, hieß es aus der deutschen Mannschaft aus dem WM-Quartier Watutinki mitten in einem Wald in der Nähe von Moskau. Dieses Feeling zeigte sich auch beim Auftaktspiel gegen Mexiko beim 0:1: Lasch, ohne Schwung, die gesamte Mannschaft im Schonmodus eines Vorbereitungsspiels. Deutschland reihte sich damit ein in die Gruppe der Favoriten, die fast alle einen verschlafenen Start hatten. Leute, die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland hat bereits begonnen!

Was die deutsche Mannschaft angeht, wurden Bundestrainer Joachim Löw, seinem Trainerteam und den Spielern schmerzhaft die Augen geöffnet. Alle Fehler, die vorher auftraten und angeprangert wurden, konnten nicht abgestellt werden. Die Mexikaner werden sich verwundert die Augen gerieben haben, dass sie so ein Konterfestival feiern konnten. Eine Abwehr war im DFB-Team praktisch nicht vorhanden. War Kompaktheit vor vier Jahren auf dem Weg zum Titel Trumpf, so gab es diesmal einen Tag der offenen Tür. Sinnbildlich Khedira, der die Mitte nicht schließen konnte oder Rechtsverteidiger Kimmich, der stürmte, aber die Abwehr vergaß. Die Warnung für Löw und seine Jungs: Es sind zuletzt zweimal die Weltmeister in der Vorrunde gescheitert. 2014 Spanien nach einem 1:5 zum Auftakt gegen die Niederlande und zuvor 2010 Italien nach einem 1:1 im ersten Spiel gegen Paraguay. Ereilt jetzt Deutschland der Fluch der Weltmeister? Wer die Spannung liebt, darf sich freuen, ab sofort ist jedes Spiel der DFB-Elf ein Endspiel! Aber: Es ist keiner im Kader, der Khedira als Abräumer ersetzen kann, es ist keiner im Kader, der Kraft seiner Persönlichkeit für mehr Ordnung im Mittelfeld sorgen kann. Gündogan, Rudy, Goretzka – keiner von ihnen stellt eine echte Alternative dar!

Eine Mauer steht noch

In Deutschland fiel die Mauer, die das Land teilte, im November 1989. Doch eine Mauer steht noch, bei der Fußball-WM. Es ist Mauer der Kleinen gegen die Großen. Und so wunderten sich auch andere Favoriten, nicht nur Deutschland. Sinnbildlich Island gegen Argentinien, als teilweise alle Feldspieler rund um den eigenen Strafraum das 1:1 verteidigten. Motto: Wenn keine Chancengleichheit herrscht, dann müssen wir uns eben verbarrikadieren. Mit dem Mute der Verzweiflung wird gekämpft und der eine oder andere Konter geht immer noch. Dann kommt manchmal ein 1:1 heraus, manchmal gibt es aber dennoch eine unglückliche Niederlage, so wie für Ägypten gegen Uruguay (0:1) oder Australien gegen Frankreich (1:2). Ein begeisterndes Spiel hat es bisher nur einmal gegeben, das 3:3 zwischen Portugal und Spanien, ein Duell auf Augenhöhe mit offenem Visier.

Die WM läuft und wir staunen, dass sich der Videobeweis bisher als wertvoll erwiesen hat und keineswegs für ein Chaos sorgte, wie es noch vor einem Jahr beim Test vom Confed Cup zu erleben war. Die Order, den Videobeweis sparsam einzusetzen, erweist sich als richtig, ebenso, dass die Schiedsrichter großzügig leiten und nicht jeden kleinen Rempler gleich als Foul werten. Eine Tatsache, die vor allem die Bundesliga-Profis verblüfft. Da wunderte sich auch Khedira vor dem entscheidenden Tor gegen Mexiko, als er nach einer harmlosen Kollision in Erwartung eines Pfiffes die Arbeit einstellte. Das Motto „ruhe sanft“ ist nichts für Fußball-Profis!

Ronaldo gegen Messi 3:0

Vor einem WM-Turnier machen sich ja viele immer Gedanken, wer am Ende der Spieler des Turniers sein werde, wer Torschützenkönig usw. Wenn es um den besten Spieler geht, stehen die Weltfußballer natürlich ganz oben auf der Liste und bei den großen Stars steht es nach dem Auftritt glatt 3:0 für Cristiano Ronaldo gegen seinen alten Kontrahenten Lionel Messi. Es war fast eine Demütigung für den kleinen Argentinier. Ronaldo erzielte alle drei Treffer beim 3:3 gegen Spanien für Portugal, auch per Elfmeter und mit Freistoß. Messi aber verschoss einen Elfmeter und setzte den letzten Freistoß, der Argentinien hätte den Sieg bringen können, über die Latte. Und der dritte im Bunde, der Brasilianer Neymar, bekanntlich der teuerste Spieler auf der Welt, der tauchte gegen die Schweiz fast gar nicht auf. Na gut, er muss nach einer langen Verletzung erst in Schwung kommen und betrachtete die Partie wohl für sich erst einmal als Vorbereitung (siehe oben). Außerdem will er mit Ronaldo und Messi gar nicht konkurrieren. „Die sind von einem anderen Stern“, hat Neymar betont und sieht sich gleichzeitig damit als bester Spieler dieser Welt. So einfach ist das. Nur gewinnen, das ist für die Favoriten gar nicht so einfach… Die Fußball-WM kann noch ganz interessant werden.

Der deutsche Vereinsfußball in der Krise

Die alte Diskussion wird nie enden, aber die deutschen Fußball-Fans müssen derzeit ein bisschen zurückhaltend sein, wenn es darum geht, zu bestimmen, welche nationale Liga die stärkste in Europa ist. Gerne haben wir dann auf Deutschland verwiesen, doch mit solch einer Einschätzung macht man sich derzeit gegenüber England und Spanien, ja sogar Italien lächerlich. Die europäischen Wettbewerbe waren ein einziges Desaster für die Bundesliga, Deutschland landete in der UEFA-Wertung nur auf Platz elf. Der deutsche Vereinsfußball befindet sich in der Krise.

Ein Trost zum Advent, weil immer noch ein Lichtlein brennt. Das betrifft zum Beispiel die Nationalmannschaft, die als amtierender Weltmeister derzeit auch die Nummer 1 der Weltrangliste ist. Die Ausnahme ist auch Bayern München, das sich mit dem 3:1-Sieg über Paris St. Germain nach dem blamablen 0:3 im Hinspiel mit der verunglückten Ancelotti-Aufstellung wieder international rehabilitiert hat. Traurig aber, dass der deutsche Meister als einziger Bundesligist ins Achtelfinale der Champions League (CL) einzog. In der Europa League (EL) schieden zudem alle Bundesligisten sang- und klanglos aus, so dass nur die CL-Absteiger Dortmund und Leipzig in der EL vertreten sind.

Die aktuelle Jahres-Rangliste der UEFA spricht Bände. England vor Spanien und Italien, Deutschland, in der Fünfjahreswertung immerhin noch Vierter, aktuell nur Elfter – hinter der Ukraine, Zypern, Türkei und Österreich. Da darf keiner sagen, das liege – mit Blick auf die reichen englischen Vereine – am Geld. Gegenüber den genannten Nationen sind die deutschen Klubs wohl finanziell besser ausgestattet. Es fehlte den EL-Vertretern Hoffenheim, Hertha BSC Berlin und 1. FC Köln vor allem an Ehrgeiz und Siegeswillen. Sie sahen die EL als Spaß an, als Abwechslung zum Bundesliga-Alltag, der absoluten Vorrang genießt. Bei dieser Einstellung brauchen wir nie mehr davon sprechen, die Bundesliga könne die Nummer 1 in Europa sein.

England macht es vor, die Vereine der Premier League haben die Gelder des Fernsehens und der Sponsoren wohl doch gut investiert. Fünf Klubs starteten in der CL, alle fünf sind jetzt im Achtelfinale immer noch dabei, vier davon qualifizierten sich als Gruppensieger. In 30 Spielen gab es 21 Siege und nur drei Niederlagen. Die Bilanz von München, Dortmund und Leipzig ist mit 7 Siegen (davon allein fünf die Bayern, zwei Leipzig), 3 Unentschieden und 8 Niederlagen negativ! In der Europa League sah es nicht besser aus: Nur 4 Siege, 4 Remis, 8 Niederlagen. Gut Nacht deutscher Fußball. Deutsche Urlauber werden sich in Österreich etwas anhören dürfen, bei der besseren Bilanz des Nachbarn.

Es muss ein Umdenken bei den Klubs der Bundesliga geben. Die internationalen Wettbewerbe müssen mit allem Ehrgeiz bestritten werden, auch die Europa League muss angenommen werden. Es wirkt noch immer nach, dass „Kaiser“ Franz Beckenbauer in seiner unnachahmlichen Art den zweitklassigen Wettbewerb einst als „Cup der Verlierer“ bezeichnet hat. Seltsam ist nur, dass während der Saison die Vereine nach den Plätzen für Europa schielen. Nur deshalb, weil sie dann sicher sein können, mit dem Abstiegskampf nichts zu tun zu haben? Auch in der EL lässt sich gutes Geld verdienen, man muss dafür allerdings auch etwas tun.

Bleibt das Umdenken aus, wird sich Deutschland bald aus der Zone der privilegierten Nationen verabschieden, nämlich Rang der 4 der Jahreswertung gegen Frankreich oder Russland verlieren und damit auch vier fixe Starter in der Champions League. Dann allerdings ist das Geschrei in der Liga wieder groß.

Vielleicht gibt es ein bisschen Wiedergutmachung schon in den K.o.-Spielen im Frühjahr, wenn Bayern München der Konkurrenz trotzt, Borussia Dortmund zu alter Stärke zurückfindet und Punkte in der EL holt und RB Leipzig im Lernprozess weiter kommt und die Überraschung gegen Neapel schafft. Auch für die Bundesliga gilt: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ob nur ein vorübergehendes Tief oder eine echte Krise werden wir im nächsten Jahr sehen. Doch von der Bundesliga als bester Liga in Europa wollen wir nicht mehr reden. Da lässt England grüßen.

Der Fußball und die Probleme der Gesellschaft

Die Bilder der vergangenen Woche, die man vom deutschen Fußball sah, waren erschreckend. Chaoten reagierten in den Stadien ihren Frust über Niederlagen und Abstiege ihrer Mannschaften mit Gewalt ab. Leidtragende waren in erster Linie die Ordner der Vereine und die Polizei, die teilweise in Hundertschaften aufmarschieren mussten, Leidtragender war aber auch der Fußball, der von manchen Kritikern als Verursacher der Gewalt hingestellt wird. Doch das falsch. Der Fußball muss diesbezüglich die Probleme der Gesellschaft ausbaden.

Die Bundesliga hat nicht allein mit diesen Probleme zu kämpfen. England hat sie gehabt, Italien kämpft einen verzweifelten Kampf vor allem gegen Rechtsradikale und Schmähungen von den Tribünen aus, in Polen und Russland gehören Krawalle fast zum normalen Spielbetrieb, „Kampfbrigaden“ aus Russland haben schon die Fußball-Welt erschüttert. In Deutschland hieß es bisher immer, „wir haben die Probleme der Hooligans und Chaoten im Griff“, doch die Vorkommnisse der letzten Wochen beweisen das Gegenteil. Platzsturm in Braunschweig, Attacken von den Rängen aus mit dem Werfen von Sitzschalen und Stangen auf das Feld in München, Aufmarsch der „Fans“ von Dynamo Dresden in Kampfkleidung mit einer „Kriegserklärung“ gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) in Karlsruhe, Randale und tätliche Angriffe in Dortmund gegen Anhänger von RB Leipzig schon vor dem Stadion. Nur ein Teil, denn die Liste des Horrors ist lang – zu lang.

Der Fußball leidet, ein Zuschauer-Rückgang wird folgen, weil sich zum Beispiel Familien in diesem Umfeld nicht mehr sicher fühlen. Dazu kommt, dass Großereignisse auch im Sport verstärkt ins Blickfeld der Krake Terror rücken. Und die komplette Sicherheit gibt es nicht, unverständlich, dass zum Beispiel immer noch verbotene Pyrotechnik in die Stadien geschmuggelt werden kann. Sind es demnächst Bomben? Ob jemand Unbeteiligter Schaden nimmt, ist diesen Chaoten egal. Sie wollen bewusst gegen Verbote verstoßen. Ein Experte für Fan-Projekte erläutert in einem Interview aber ganz klar: „Ich erkenne kein fußballspezifisches Problem, sondern generell ein gesellschaftliches. Der schwindende Respekt gegenüber Mitmenschen ist eine bedauernswerte Entwicklung, die ich leider auch in anderen Bereichen des Lebens zunehmend registriere.“

Fast ein Hohn ist es, das zur gleichen Zeit darüber diskutiert wird, ob der Fußball nicht für die Einsätze der Polizei zahlen muss. Das Land Bremen hat eine Vereinbarung zwischen Liga und den Bundesländern ignoriert und die Polizei-Einsätze in Rechnung gestellt. Dies wurde zwar in erster Instanz vor Gericht zurückgewiesen, aber vor allem wegen formeller Fehler. Viele Kritiker sehen aber nur das Geld, das im Fußball verdient und umgesetzt wird, aber nicht, dass Polizei-Einsätze grundsätzlich eine Pflicht des Staates sind. Für den öffentlichen Raum ist nur die Polizei als Gesetzhüter verantwortlich. Im Zuge der Gerechtigkeit müssten künftig alle Veranstalter für die Polizei zahlen. Aber nicht sie – oder eben der Fußball – sind Schuld an den Auswüchsen, sondern die Gesellschaft, in der eine gewisse Verrohung immer weiter fortschreitet. Was ja auch nicht verwunderlich ist, wenn sich schon Staatsoberhäupter als Pöpler gefallen.

Was den deutschen Fußball angeht, so muss der Verband die Relegationsspiele überdenken. Gerade diese Endspiele um Auf- und Abstieg beinhalten ein hohes Konfliktpotential. Die Emotionen sind in diesen Spielen besonders stark. Mit einem ausschließlich direkten Auf- und Abstieg könnten sich DFL und DFB viel Ärger ersparen. Eine Änderung diesbezüglich wäre keineswegs ein Einknicken vor den Chaoten. Außerdem sind harte Strafen gegen diese Chaoten in den Fußballstadien angebracht. Aber auch hier kann der Fußball nur zum Teil tätig werden.

Was bedenklich stimmt, ist die Tatsache, dass in vielen Vereinen die sogenannten „Ultras“, die harten Fans, die für Stimmung in den Stadien sorgen, aber für sich auch einen Teil der Macht reklamieren, tatsächlich eine gewisse Macht erreicht haben und die Vorstände unter Druck setzen. Hier müssen die Vorstände eine Grenze ziehen und notfalls auf Stimmung verzichten. Wie in England könnte man mit der Abschaffung der Stehplätze die Grenze deutlich machen. Weniger Begeisterung bedeutet in diesem Fall auch weniger Krawall. Der Fußball darf nicht den Ultras gehören! Und dann würden sich die Spieler auf dem Feld vielleicht auch nicht mehr so sehr genötigt sehen, den Torjubel teilweise aufreizend und den Gegner missachtend auszudehnen. Auch dies heizt die (negative) Stimmung an.

Trotz allem: Fußballstadien können keine Insel der Glücksseligkeit werden, wenn die Menschheit generell verroht.