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Tag: Joachim Löw

Fast-Blamage weckt WM-Erinnerungen

Ja, es gab sie, die Rufe aus dem Publikum: „Löw raus“. Der Bundestrainer musste sich fühlen wie bei der missglückten Fußball-Weltmeisterschaft vor einem Jahr in Russland. Seine Mannschaft uninspiriert, leidenschaftslos, erfolglos. Der Bundestrainer hilflos. Welche Gedanken sind Joachim Löw da durch den Kopf gegangen? Das hat er nicht verraten, am Ende konnte er ja auch durchschnaufen, doch noch ein 3:0 gegen Estland. Das Wichtigste: Drei Punkte eingefahren, die EM-Qualifikation nicht in Gefahr.

Der Neubeginn in der Nationalmannschaft wird aber immer holpriger, das Verletzungspech hat allerdings auch unerbittlich zugeschlagen. Man darf keinem der Abwesenden unterstellen, dass er nicht kommen wollte (das soll es früher schon gegeben haben). Aber Löw muss sich fragen, ob er in den letzten Wochen alles richtig gemacht, er hat Türen zugeschlagen, die er besser lieber einen Spalt offen gelassen hätte. Bei Mats Hummels und Jerome Boateng zum Beispiel, die in Tallinn hätten helfen können. So spielte mit Emre Can ein Mann in der Abwehr, der dieses Metier nicht sein eigen nennt und darüber hinaus im Mittelfeld in seinem Verein Juventus Turin nur die Rolle des Ersatzmannes inne hat. Seltsam oder, Herr Löw?

In Estland fiel kurz vor dem Spiel auch noch der Retter der letzten Partien aus, nämlich Torjäger Serge Gnabry. Vielleicht ganz gut so, denn deshalb wurden auch manche Schwächen offengelegt. So machte Julian Brandt einmal mehr deutlich, dass das Nationalteam für ihn noch eine Nummer zu groß ist, Mannschaftskamerad Marco Reus bringt im DFB-Trikot nicht die Leistung wie in Gelb-Schwarz in Dortmund und das große Talent Kai Havertz muss noch reifen, eine Verstärkung ist er im Moment noch nicht.

Ein Gewinner und Verlierer war Ilkay Gundagan. Von Pep Guardiola bei Manchester City geschätzt, zeigte er auch im DFB-Trikot Führungsqualitäten. Er öffnete den Knoten, weil er sich ein Herz fasste und endlich aufs Tor schoss, vorher fehlte allen der Mut zum Torabschluss. Zweimal wurden seine Schüsse abgefälscht, zweimal Glück gehabt. Die falsche Entscheidung fällte er im Vorfeld, als er seine Zustimmung deutlich machte zu einem unsäglichen Foto eines Militär-Grußes der türkischen Nationalmannschaft. Wie schon vor der WM in Russland zeigt das die Unterstützung von Türkeis umstrittenen Ministerpräsident Erdogan, ein Zündler im Nahen Osten, wenn Gündogan (das gleiche gilt für Can) auch abschwächt, er sah keine politische Tat. Dumm gelaufen und nichts gelernt, auch hier WM-Erinnerungen.

Joachim Löw muss um seinen Job nicht bangen, noch nicht. In den letzten Qualifikationsspielen gegen Weißrussland und Nordirland am 16. und 19. November wollen wir aber bessere Leistungen sehen. Sonst heißt es „ohne Hoffnung fahr’n wir zur EM“.

Brisanz in der Bundesliga

Nach den Länderspielen ist vor den Länderspielen, dazwischen gibt es vier Spieltage der Bundesliga voller Spannung, voller Brisanz, nämlich mit einer Art Vorentscheidung. Bis zur nächsten Pause nach dem 10. November liegen 11 Spieltage hinter uns und die Karten auf dem Tisch: Wer darf sich nach oben orientieren, wer befindet sich im Abstiegskampf. Und bis dahin jede Menge Schlagerspiele und mit Sicherheit jede Menge Schlagzeilen über unzufriedene Spieler.

In vorderster Front dabei derzeit Thomas Müller. Logisch, er ist der prominenteste und beliebteste Spieler auf der Bank. Ein Luxus-Problem, das sich Bayern München leistet, aber auch logisch, weil Thomas Müller derzeit zu den Verlierern zählt. Der Hoffnungsträger heißt Coutinho, der Weltklasse-Spielmacher auf der Müller-Position. Wohin mit Müller, wohin mit der schlechten Laune und wie wieder für gute Stimmung sorgen – bei allen Spielern im Bayern-Kader? Diese Rätsel zu lösen ist die schwierigste Aufgabe für Bayern-Trainer Niko Kovac, der in den drei Wochen zwischen dem 19. Oktober und 9. November (Schlager gegen Dortmund!) in sieben Spielen eigentlich immer punkten muss. Am Ende wird der Trainer vielleicht aufatmen und im Geheimen denken „zum Glück gibt es Verletzungen und müde Krieger“. Verkehrte Welt.

Vier Spieltage und an jedem unzählige Schlagerspiele, in den meisten Partien geht es für viele beinahe um Alles, egal ob oben oder unten. Zum Beispiel am Samstag Dortmund – Gladbach, der gefühlte Tabellenführer gegen den wahren Tabellenführer, Dortmund muss sich zeigen oder Trainer Lucien Favre gerät immer mehr in Bedrängnis. Am gleichen Tag Leipzig gegen Wolfsburg, der Sieger kann neuer Tabellenführer werden, natürlich auch die Bayern bei einem Erfolg in Augsburg. Ist der logisch? In der Bundesliga ist nichts mehr logisch, Augsburg hat den Bayern schon oft Probleme bereitet. Und am Tabellenende gibt es auch ein Schlagerspiel: Köln – Paderborn, Vorletzter gegen Letzter, nur für einen heißt es weg vom Tabellenende. Union Berlin (gegen Freiburg) und Düsseldorf (gegen Mainz) sind punktgleich mit Köln, wer nicht punktet bleibt im Tabellenkeller und wer dort am 11. Spieltag steht, für den hat der Abstiegskampf endgültig begonnen.

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Sieben Tore wecken falsche Hoffnungen

Was war das für ein Festtag: Mit 7:2 fegten die Bayern Tottenham Hotspur aus dem eigenen Stadion, Fußball-Europa horchte auf. Was war das für eine Enttäuschung: Überheblich, ohne Einsatz und Disziplin ließen sich die Bayern von Hoffenheim und vor allem vom Bundesliga-Lehrling Sergis Adamyan mit 1:2 düpieren. Zwei Tore durch die Beine von Jerome Boateng, schlimmer geht’s nimmer. Der Ex-Nationalspieler als Lehrling, die Bayern als Ex-Tabellenführer und die Frage aller Fragen: Wie stark sind die Bayern wirklich? Die sieben Tore gegen Tottenham weckten jedenfalls falsche Hoffnungen. Der grandiose Sturm (jeder Schuss ein Treffer) hatte sich gelegt und wurde ein laues Lüftchen. Sturm gibt es bei den Bayern höchstens abseits des grünen Rasens.

Gewiss: Vor einem Jahr ging es Trainer Niko Kovac noch schlechter, vor dem Besuch auf dem Oktoberfest gab es eine 0:3-Niederlage gegen Gladbach, es war die vierte sieglose Partie in Serie. Da war Feuer auf dem Dach, das allein mit Oktoberfestbier nicht gelöscht werden konnte. Diesmal bleibt noch alles ruhig nach der ersten Niederlage nach 20 Spielen, aber der Coach macht beileibe nicht alles richtig und Fragen werden gestellt. So nach dem Umgang mit den Spielern, zum Beispiel Thomas Müller. „Mister Bayern“ aufs Abstellgleis gestellt und eine dumme Aussage von Kovac: „Wenn Not am Mann sein sollte, wird er mit Sicherheit seine Einsatzzeiten bekommen.“ Müller schwieg, für den Trainer war es ein Eigentor. Die Arbeit im Team macht es nicht leichter, liegt denn Kovac wirklich richtig, Joshua Kimmich im Mittelfeld werkeln zu lassen und dafür auf seine Power auf der Außenposition zu verzichten? Neben Thiago gehört in der Mitte ein Abräumer, doch Javi Martinez leidet wie Müller auf der Ersatzbank. Die Bayern haben Abwehr- und Abstimmungsprobleme, die sollte der Trainer abstellen, sonst wiederholt sich das Feuer vom Vorjahr. Die Euphorie von London ist schnell verflogen.

Die Bayern nur Dritter, eine Dichte wie noch nie an der Tabellenspitze, sieben Teams nur zwei Punkte auseinander, normal müsste man urteilen „Fußball-Herz, was willst Du mehr“. Doch es überwiegen eher die Zweifel, auch nach zweifelhaften Auftritten auf Europas Bühne. Wie bei den Bayern heißt die Frage: Wie stark ist die Bundesliga wirklich? Die Spannung weckt falsche Hoffnungen, die Favoriten schwächeln und nur deshalb kommen die Mannschaften aus dem Mittelfeld plötzlich an die Spitze. Mönchengladbach war einst Stammgast auf dem Platz an der Sonne, doch seit dem 3. Spieltag der Saison 2011/12 war dies nicht mehr der Fall! Jetzt ebneten erschreckend schwache Augsburger den Weg. Und dahinter folgt der VfL Wolfsburg: Mit biederen Leistungen schaffte er es trotzdem bisher ungeschlagen zu bleiben – als einzige Mannschaft!

Großes Rätselraten also, vor allem in Dortmund nach drei 2:2 in Folge, jeweils mit eigener Führung. Die Borussia ist kein Spitzenteam , im Moment zumindest nicht. Da gerät auch Trainer Lucien Favre immer mehr in die Kritik. Dortmund ist wohlgemerkt nur Achter. Beobachter haben aber recht: Die derzeitige Konstellation sorgt für ein Spitzenspiel nach dem anderen, Dortmund gegen Gladbach zum Beispiel. Schade, dass die Länderspielpause ansteht. Nur die Teams am Tabellenende werden vielleicht froh sein, um nach Lösungen zu suchen. Vor allem Augsburg muss sich sammeln, die hohen Niederlagen mehren sich und als nächster Gegner kommt Bayern München. Einzige Hoffnung für den FCA: In welcher Form? Mit Köln – Paderborn steht aber auch das nächste große Kellerduell an, Vorletzter gegen Letzter, gegen Mainz verpasste Paderborn seinen ersten Saisonsieg. Auffallend: Die drei Aufsteiger liegen hinten.

Länderspiele sind für die Fans kein Spaß mehr

Länderspiele müssen sein, aber die Länderspiele sind keine Feiertage mehr, eher eine unwillkommene Unterbrechung der Punktrunden. Die Verbände und die Trainer sind aber selbst schuld, allerdings ist es auch verständlich, dass diese Spiele für Experimente und Tests genutzt werden. Die Teams treten meist nicht in Bestbesetzung an. Allerdings müssten dann die Eintrittspreise angepasst und vor allem die unseligen vielen Wechsel in der zweiten Halbzeit abgeschafft werden. So sind die Länderspiele für die Fans kein Spaß mehr. Der Test von Deutschland gegen Argentinien am Mittwoch in Dortmund ist der Beweis: Argentiniern verzichtet auf seine Stars, auch Messi fehlt, Deutschland beklagt viele Verletzte. Jogi Löw entlarvend: „Das Ergebnis steht nicht im Vordergrund.“ Von einem Fußball-Feiertag kann keine Rede sein.

Auch deshalb gab es keine Kritik an dem neuesten Coup der UEFA, die in der Nations League die beste Gruppe aufstockte, künftig spielen in Liga A je vier Mannschaften statt drei, Deutschland muss deshalb nicht absteigen. Es wird also 2020 keine Freundschaftsspiele mehr geben, weil auch die Verbände erkannt haben, dass sich der Spaß in Grenzen hält. So gibt es in allen Länderspielpausen Pflichtspiele der Nations League. Testen kann (muss) der Bundestrainer dennoch, es müssen ja nicht gleich mehrere Spieler auf einmal sein.

Testen kann oder muss Joachim Löw gegen Argentinien aber auch am Sonntag in Estland, weil zahlreiche Stammspieler fehlen, neben Sane, Schulz, Draxler, Goretzka und Rüdiger musste auch Toni Kroos absagen, der Einsatz von Ginter, Werner und Gündogan ist fraglich. Feststeht, dass gegen Argentinien Torhüter Marc-Andre ter Stegen seine Chance bekommt, wenn es am Sonntag in der EM-Qualifitkation wieder ernst wird, steht Kapitän Manuel Neuer im Tor. Damit wird die leidige Torhüter-Debatte allerdings nicht beendet sein. Einer wird sich wohl beweisen dürfen, Talent Kai Havertz von Bayer Leverkusen, den viele schon besser als Toni Kroos einstufen.

Uli Hoeneß und andere Auffälligkeiten

Der Fußball hat eigentlich genug Aufmerksamkeit, so dass er übertriebene PR-Aktionen gar nicht braucht. So war auch die Aufregung um eine Beschwerde von Torhüter Marc-Andre ter Stegen über eine mangelnde Berücksichtigung in der Nationalmannschaft eigentlich gar nicht nötig. Was muss nur Bayern-Präsident Uli Hoeneß geritten haben, dass er aus einer harmlosen Aussage eine Affäre machte. Die „Abteilung Attacke“ des FC Bayern ist wieder einmal über das Ziel hinaus geschossen und hat nur eines deutlich gemacht: Der angekündigte Rückzug aufs Altenteil ist richtig.

Barcelonas Torhüter beschwerte sich in Spaniens Medien darüber, dass sein Aufenthalt bei der DFB-Elf eine „schwere Zeit“ gewesen sei. Er hätte gern einen Einsatz gehabt, den ihm ja Bundestrainer Joachim Löw auch öffentlich zugesagt hat („ter Stegen wird seine Einsätze bekommen“). Jetzt hätte ter Stegen nach starken Leistungen (auch in Dortmund wieder) gern mal gespielt. Unklar ist, ob ihm Löw Hoffnung auf das Spiel in Nordirland gemacht hat, richtig war, dass Löw in dem vorentscheidenden Match der EM-Qualifikation auf Nummer Sicher ging und mit Manuel Neuer ein Experiment ausschloss. Kapitän Neuer konterte die Attacke von ter Stegen kühl („wir sind eine Mannschaft, das war nicht der richtige Zeitpunkt“) und damit wäre alles erledigt gewesen. Wenn da nicht Uli Hoeneß eine Laus über die Leber gelaufen wäre…

Der Bayern-Boss fühlte Manuel Neuer und Bayern angegriffen und wollte sich in übertriebener Väterlichkeit vor seinen Spieler stellen, machte sich dabei aber fast zur Lachnummer. Aus einer Mücke einen Elefanten zu machen ist dann sinnvoll, wenn man in die Schlagzeilen will, um endlich mal wieder Aufmerksamkeit zu bekommen. Das haben aber weder die Bayern noch Hoeneß nötig. Die Medien ließen natürlich alle möglichen interessanten und uninteressanten Menschen zu Wort kommen und bauschten das Thema auf. Nur einer meldete sich nicht, der wichtigste Mann, nämlich Joachim Löw. Der Bundestrainer wird mit Schrecken an die nächsten Länderspiele gedacht haben, am 9. Oktober das Testspiel gegen Argentinien, am 13. 10. in der EM-Qualifikation in Estland. Ter Stegen wird auf jeden Fall einmal spielen, dann wird es heißen, „man muss sich nur beschweren…“. Schließlich gibt es so gleich wieder eine schöne Schlagzeile. Dies ist das einzig Negative, ter Stegen hat Löw unter Druck gesetzt, aber Uli Hoeneß ist schier geplatzt.

Es gab aber nicht nur Uli Hoeneß, sondern auch noch andere Auffälligkeiten. So zum Beispiel die Pleiten der Bundesligisten auf Europas Bühne. Leverkusen blamierte sich beim 1:2 gegen Lokomotive Moskau in der Champions League, Borussia Mönchengladbach verkam beim 0:4 gegen den Wolfsberger AC aus Österreich zur Lachnummer. Frankfurt mühte sich dagegen gegen Arsenal London, wenn am Ende auch ein 0:3 stand. Trotz Siegen von Bayern, Leipzig und Wolfsburg (allerdings Zuschauerpleite) und dem achtungsvollen 0:0 von Dortmund gegen Barcelona hat die Bundesliga also insgesamt keine gute Figur in der ersten Runde der Europapokalwettbewerbe abgegeben.

Apropos Europa, auffällig ist, dass einige Star-Klubs schwächeln. So Real Madrid, das beim 0:3 in Paris unterging, sich national aber wieder gefangen hat, dafür gibt es jetzt Krach in Barcelona nach einer 0:2-Pleite in Granada und nur Platz acht in der Liga. Da tobte sogar der sonst so ruhige Lionel Messi. Dafür sorgt der umstrittene Brasilianer Neymar in Paris für Auffälligkeiten, mit Toren dankt er Trainer Thomas Tuchel dafür, dass dieser den Wechselwilligen in Gnaden wieder aufgenommen hat. So kann St. Germain eine Verletzungsmisere kaschieren. Auffällig auch, dass Serien-Meister Juventus Turin in Italien nicht die Nummer 1 ist, sondern derzeit Inter Mailand. Deutet sich da ein Erdbeben an? In Spanien ist es Athletic Bilbao (!), in England dagegen der FC Liverpool. Der hat sogar nach dem 2:1 bei Chelsea weiter fünf Punkte Vorsprung vor Verfolger Manchester City, das zuletzt gegen Neuling Norwich patzte. Da nützte es nichts, dass sich die Pep-Schützlinge gegen Watford mit 8:0 den Frust von der Seele schossen.

Auffällig in der Bundesliga die Verletztenmisere bei Werder Bremen. Ungefähr zehn Stammspieler fehlen Trainer Florian Kohfeldt, für den vor allem der Ausfall von Torjäger Niclas Füllkrug ein Schock war. Da war das 0:3 gegen Leipzig nur logisch und jetzt geht es auch noch nach Dortmund. Auffällig aber, dass RB Leipzig damit weiter von der Tabellenspitze grüßt, Dortmund aber die erste Verfolgerrolle mit dem 2:2 in Frankfurt an die Bayern abtrat. Bei den Bayern läuft nicht alles rund, aber das wird überdeckt von der Tormaschine Robert Lewandowski und von der Freude über Neuzugang Coutinho, der immer mehr andeutet, welche Verstärkung er für die Münchner sein kann.

Eine besondere Auffälligkeit auch außerhalb des Fußballs: Sebastian Vettel hat in Singapur in der Formel 1 sein erstes Rennen nach über einem Jahr gewonnen! Zuletzt hatte der Heppenheimer mehr mit Fehlern und Hinterherfahren für Schlagzeilen gesorgt, er wurde zum Sorgenkind. Vielleicht hat ihm jetzt deshalb Ferrari den Sieg geschenkt, denn eine verkorkste Stallregie bremste den führenden Charles Leclerc aus und brachte Vettel nach vorn. Die Folge: Krach bei Ferrari, Leclerc will sich das nicht gefallen lassen. Auch Mercedes half gnädigerweise mit einer verpatzten Stallregie für Hamilton und Bottas mit, als wenn man sagen wollte, wir müssen diesen mutlosen Sebastian Vettel ein bisschen aufzubauen. Hoffentlich hält sich Vettel nicht gleich wieder für den Größten. Andererseits wird es mal wieder an der Zeit, dass Mercedes zeigt, dass es noch siegen kann, nachdem jetzt Ferrari dreimal vorn lag und damit eine Wiederauferstehung feierte. Die Formel 1 aber freut sich über die Spannung vor dem nächsten Rennen am Sonntag in Sotschi.

Ein Hinweis: In dieser Woche noch ein Kommentar zur bevorstehenden Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Katar.

Wie stark oder schwach sind die Löw- Jungs?

Die Fußball-Welt rätselt und es gibt keine gültige Antwort. Es war die meistgestellte Frage nach den EM-Qualifikationsspielen der deutschen Nationalmannschaft, nach dem 2:4 gegen die Niederlande und nach dem 2:0 in Nordirland: „Wo sehen Sie die deutsche Mannschaft?“ Soll heißen, in der Weltelite oder eher bei den Mitläufern? Die Antwort könnte heißen: Für die Starken zu schwach, für die Schwachen zu stark! Die Löw-Jungs krebsen ja auch in der Weltrangliste derzeit um Platz 15 herum, mal geht es nach oben, mal nach unten.

Der hoffnungsvolle Kader machte im Spiel gegen die Niederlande viele Hoffnungen kaputt. Die Niederländer waren schneller, cleverer, robuster und technisch besser. Es war eine Lehrstunde für die Löw-Jungs und hinterher warb der Bundestrainer um Geduld: „Wir sind in einer Phase Lernens.“ Doch wie lange dauert der Lernprozess? Dabei war die Hoffnung nach guten Spielen und dem 3:2-Sieg in Amsterdam schon groß. Doch die Zweifel an der Qualität bleiben. Die erfahrenen Boateng, Hummels oder Müller wieder zurück zu holen, davon will Löw nichts wissen. Eher fehlt ihm Wirbelwind Sane. Der einzige, der Wirbel macht, ist derzeit Bayern-Stürmer Serge Gnabry, er trifft zuverlässig, glänzt mit Positionswechseln, hat gute Ideen und beim Bundestrainer einen Stein im Brett: „Gnabry spielt immer.“

Dagegen haben einige Spieler Löw im Stich gelassen, die Stützen oder Hoffnungsträger sein sollten. Marco Reus in erster Linie, in beiden Spielen kam er nicht an die Leistung heran, die er in Schwarz-Gelb in Dortmund zeigt. Fremdelt er vielleicht bei Löw? Tino Kroos war nicht der große Halt und Timo Werner andererseits nur ein Schatten seiner selbst und träumte wohl von seinen Bundesliga-Toren, Jonathan Tah stabilisierte die Abwehr nicht, sondern brachte sie durcheinander. Ein Glück, dass wenigstens Torhüter Manuel Neuer wieder seine alte Klasse zeigt. Taktisch ging auch einiges schief, gegen die Niederlande wurde das 2:2 nicht verteidigt, das 2:4 kann noch bitter werden, denn die Niederlande hat jetzt den besseren direkten Vergleich und wird Gruppensieger werden, heißt, Deutschland wird bei der Europameisterschaft 2020 auf jeden Fall einen dicken Brocken in die Vorrunden-Gruppe zugelost bekommen.

Das Deutschland bei der EM 2020 dabei ist, davon darf man ausgehen,. Die Schadensbegrenzung ist gelungen, der 2:0-Sieg in Belfast öffnete die Tür, schließlich haben die Nordiren noch zweimal die Niederlande vor der Brust und eventuell am 19. November ein Endspiel um Platz zwei in Deutschland. Löws Jungs müssen außerdem noch in Estland und gegen Weißrussland antreten. Für die Schwachen sind sie ja zu stark. Was aber für die nächsten Spiele wichtig ist (zum Beispiel am 9. Oktober gegen Argentinien): Wir wollen eine Weiterentwicklung sehen, Herr Bundestrainer!

Der erste Schlager der Bundesliga

Am kommenden Wochenende werden wir aber wieder gebannt auf die Bundesliga blicken, denn da steht auch der erste große Schlager an: Wenn sich am Samstag, 14- September, um 18.30 Uhr in einem wahren Spiel des Tages RB Leipzig und Bayern München, also Erster und Zweiter, gegenüberstehen, dann werden erstmals die Karten auf den Tisch gelegt. Haben die Bayern das Zeug zum achten Titel in Folge bzw. ist Leipzig (einzige Mannschaft mit drei Siegen) im Kampf um die Meisterschaft neben den Bayern und Dortmund wirklich der Dritte im Bunde? Das Umschaltspiel der Leipziger könnte den Bayern weh tun, die zudem meist nach Länderspielpausen schwächeln und mit dem neuen Star Coutinho nach seinen Länderspieleinsätzen für Brasilien nur bedingt rechnen können. Aber zwischen Leipzig und den Bayern ging es meist eng her, in der letzten Saison hieß es 0:0 und 1:0 für die Bayern. Dortmund hat übrigens Bayer Leverkusen zu Gast, das nächste Duell zweier Spitzenteams.

Aber auch am Tabellenende steht ein Schlagerspiel an: Schlusslicht Mainz erwartet den Vorletzten Hertha BSC, es ist das Duell der Enttäuschten. Hier will jeder die Wende zum Guten schaffen. Mainz erhoffte sich schließlich eine Saison ohne Zittern, in Berlin wurde eher nach oben als nach unten geguckt. Vorerst Pustekuchen. Es sind ja aber auch erst drei Spieltage absolviert, vier weitere stehen an, bevor es wieder in eine Länderspielpause geht. Dann sind wir schon wieder um einige klüger.

Der Traum von Olympia

In den letzten Tagen war auch die Basketball-Nationalmannschaft im Gespräch, die im fernen China bei der Weltmeisterschaft allerdings eine große Enttäuschung erlebte und dennoch mit Hoffnung nach Hause flog. Die Fußball- und Basketballteams vereint dies: Zwei hoffnungsvolle Mannschaften, die von einer glorreichen Zukunft träumen, aber die bittere Wahrheit des aktuellen Scheiterns in der Gegenwart verdauen müssen. Derzeit heißt es bei beiden: Für die Starken zu schwach, für die Schwachen zu stark.

Im Fußball gibt es den Traum vom Gewinn der Europameisterschaft, im Basketball den Traum von Olympia. Das war der versöhnliche Abschluss von Dennis Schröder und Co.: Die Teilnahme an den Qualifikationsturnieren wurde geschafft, aber die Hürden sind hoch. In den Sechser-Gruppen schafft nur der Gruppensieger das Ticket für Tokio 2020 und große Kaliber vom Format von Griechenland, Litauen, Italien und Brasilien sind dabei. Was den Unterschied von Fußball und Basketball ausmacht: Im Fußball scheint der Teamgeist zu stimmen, im Basketball gibt es Zweifel, zumal der NBA-Star Dennis Schröder eine Art Eigenleben spielt. Das sind keine guten Aussichten für die Erfüllung eines Traumes und bedeutet viel Arbeit für Bundestrainer Hendrik Rödl. Mit Medaillenträumen im Gepäck war man schließlich auch nach China geflogen!

Manchmal ist Erfolg nur eine Frage des Willens

Eine ereignisreiche Woche des Fußballs liegt hinter uns. Es würde den Charakter dieser Kolumne sprengen, auf alle Geschehnisse einzugehen. Deshalb richten wir unseren Blick lieber auf Ereignisse am Rande der großen Geschichten, die vor allem eines zeigen: Manchmal ist Erfolg auch nur eine Frage des Willens!

Na gut, der Sensationssieg von Union Berlin gegen den selbst ernannten Titelkandidaten Borussia Dortmund stand natürlich schon im Mittelpunkt. Aber beweist eben die oben genannte These: Manchmal ist Erfolg eine Frage des Willens. Den zeigte der Aufsteiger, denn vor allem der Willen führte zu dem überraschenden 3:1-Erfolg, Spieler packten allen Mut zusammen und überraschten die Dortmunder. Für die allerdings war es kein neues Erlebnis, denn von den letzten sechs Auswärtsspielen gegen Neulinge gewann die Borussia nur eines, holte ein Unentschieden, handelte sich aber vier Pleiten ein. Jetzt ist die Aufregung beim Vizemeister groß, denn im letzten Jahr verspielte Dortmund den Titel vor allem durch Punktverluste gegen sogenannte Kleine. Die Bayern sehen es mit Freude.

Union stand nicht alleine da, überhaupt hauten die Aufsteiger auf den Putz und sendeten das wichtige Signal aus: Hallo, wir sind gekommen um zu bleiben. Der 1. FC Köln landete einen überaus wichtigen 2:1-Sieg in Freiburg und Paderborn erkämpfte sich ein 1:1 in Wolfsburg. Keiner der Neulinge steht damit auf einem Abstiegsplatz! Ruhe also in der Länderspielpause, aber es sind ja auch erst drei Spieltage vorbei.

Der „Mann des Tages“ spielt aber nicht in der Bundesliga, sondern eine Etage tiefer – Bakery Jatta vom Hamburger SV. Der Flüchtling aus Gambia sieht sich einer unvergleichlichen Hetzjagd ausgesetzt, die Fachzeitschrift Sport-Bild setzte diese in Gang mit der Meldung, Jatta spiele unter falscher Identität und heiße in Wirklichkeit Bakary Daffeh und sei zwei Jahre älter. Ehemalige Trainer wollen das bezeugen. Jatta hätte sich für das Asylverfahren jünger gemacht. DFB und Ausländerbehörde in Hamburg gingen der Sache natürlich nach, Nürnberg, Karlsruhe und Bochum, die gegen den HSV Niederlagen hinnehmen mussten, legten Protest ein. Eigentlich unsportlich und von den Medien eine unmenschliche Hexenjagd. Jatta legte schließlich Papiere vor, die als gültig anerkannt wurden, jetzt durch seinen Anwalt auch die Geburtsurkunde. Und siehe da, das Bezirksamt Hamburg-Mitte bestätigte nun nach erneuter Prüfung die Echtheit der Dokumente und stellte das Verfahren ein.

Sportlich steht die Klärung aus, eine Anhörung hat der DFB für den 9. September angesetzt. Aber was die Proteste der Vereine angeht, so sind die seltsam, denn dem ist HSV kein Verschulden nachzuweisen, ein Punktabzug eigentlich also unmöglich. Wird bei einem Spieler zum Beispiel Doping nachgewiesen, wird der Spieler gesperrt, der Verein aber nicht bestraft.

Der 21-Jährige Gambier hat in seinem Leben offensichtlich schon vieles mitgemacht, über seine Flucht will er nicht reden. Eigentlich müsste er sich im siebten Himmel fühlen, jetzt muss er mit dieser Schmutzkampagne leben. Doch der junge Mann zeigt, wie stark er ist, mit seinem Tor zum 3:0 gegen Hannover löste er eine besondere Sympathiewelle für ihn aus, das Volksparkstadion wurde in seinen Grundfesten erschüttert und Trainer Dieter Hecking bewundert seinen Schützling: „Wie Baka mit der Sache umgeht, ist sensationell.“ Trotz dieser Anschuldigungen seine sportliche Leistung zu bringen, zeigt einen besonders starken Willen! Diesbezüglich kann Jatta sogar Vorbild sein.

Die Bayern standen auch wieder im Mittelpunkt, nämlich mit Uli Hoeneß der über seinen endgültigen Abschied sprach und Robert Lewandowski, der seinen Vertrag bis 2023 verlängert hat. Dazu die Niederlage von Dortmund, die Münchner gehen vergnügt in die Länderspielpause. Danach wird es sofort wieder Ernst, denn das Duell mit Tabellenführer RB Leipzig steht an. Die „Bullen“ sind der lachende Dritte im Titelkampf, nachdem Dortmund und München schon Punkte abgegeben haben. Vorteil der Nagelsmann-Schützlinge: Die Bayern haben nach einer Länderspielpause mit vielen Abstellungen oft Probleme.

Vorentscheidung in der EM-Qualifikation

Im Herbst ist die Bundesliga-Punktrunde immer ein Etappenrennen, dreimal wird im September, Oktober und November für internationale Länderspiele unterbrochen. Für die deutsche Nationalmannschaft geht die Qualifikation zur Europameisterschaft 2020 weiter und es stehen sogar vorentscheidende Spiele an. Gegner sind am Freitag in Hamburg die Niederlande und am Montag in Belfast Nordirland. Tabellenführer in der Gruppe C ist überraschend Nordirland, das alle seine vier Spiele gewann, allerdings bisher nicht auf die Favoriten Niederlande und Deutschland traf. Da sich nur zwei Mannschaften qualifizieren, ist für die Löw-Schützlinge verlieren nicht erlaubt.

Der Bundestrainer feiert quasi sein Comeback, nachdem er zuletzt wegen einer Rippenverletzung fehlte. Im Aufgebot gab es nur eine Überraschung mit der Nominierung des Freiburgers Luca Waldschmidt, allerdings immerhin Torschützenkönig der letzten Europameisterschaft der U21. Verzichten muss Löw auf die verletzten Sane, Draxler und Kehrer. Gegen die Niederlande gilt es, die gute Ausgangsposition zu behalten, den Nordiren sollten dann die Grenzen aufgezeigt werden. Klappt das, ist die EM ziemlich nahe.

Bei der U21 sieht die Sache für Bundestrainer Stefan Kuntz ganz anders aus, der muss ein neues Team basteln, nachdem die meisten der Vize-Europameister altersmäßig ausgeschieden sind. Kein Wunder, dass Kuntz 19 Neulinge nominierte, verwunderlich eher, dass nur zehn seiner 23 nominierten Schützlinge erstklassig spielen. Gibt es da in der Nachwuchsarbeit der Bundesliga Versäumnisse? Getestet wird am Donnerstag in Zwickau gegen Griechenland, am 10. September steht in Wales das erste Qualifikationsspiel an.

Zwei Niederlagen und doch Hoffnung für die Zukunft

Die sommerlichen Temperaturen dämpften sicherlich ein bisschen die Begeisterung und doch war Deutschland in den vergangenen Wochen wieder eine Fußball-Nation. Die TV-Einschaltquoten bestätigten dies. Doch der krönende Abschluss fehlte leider. Die Frauen schieden bei der Weltmeisterschaft im Viertelfinale gegen Schweden aus, die U21 konnte ihren Titel bei der Europameisterschaft nicht verteidigen und unterlag im Finale Spanien. Zwei Niederlagen also und doch bleibt für beide Mannschaften einige Hoffnung für die Zukunft.

Wer war jetzt näher dran am Erfolg? Zweifellos die U21, denn die stand im Finale, aber beim 1:2 gegen Spanien fehlte das Spielglück, aber der Gegner war auch den Tick besser, routinierter, mit wenigen Fehlern und schaffte so die Revanche für die Finalniederlage vor zwei Jahren. Beim ersten Gegentor patzten gleich mehrere Abwehrspieler, beim zweiten der bis dahin überragende Torhüter Alexander Nübel, als er einen Ball abprallen ließ, den er eigentlich festhalten muss. Der junge Schalker vergoss danach Tränen, aber er hat ein großes „Vorbild“ im Leid, wenn er sich an Oliver Kahn erinnert, der bei der Weltmeisterschaft 2002 in Südkorea zum besten Torhüter und besten Spieler des Turniers gewählt wurde, dann aber im Finale so einen Ball eben auch abprallen ließ, Ronaldo das Tor ermöglichte und damit die Final-Niederlage einleitete. Geschichten wiederholen sich also, Wiederholt sich Geschichte dann auch in einer großen Karriere für Alexander Nübel? Er erinnert stark an einen anderen überragenden Torhüter, an Manuel Neuer.

Interessant, dass im Vorfeld des Finales die Öffentlichkeit vor allem darüber spekulierte, welcher der 23 Spieler aus dem EM-Kader denn eine große Karriere machen könnte. Wer tritt in die Fußstapfen der Neuer, Hummels, Khedira oder Özil, die einst mit der U21 Europameister wurden. Für eine große Karriere reicht aber Talent allein nicht, man braucht Einsatz, Willen und ein wenig Glück und Verstand, zum Beispiel bei der Karriereplanung. Eine ganze Reihe der Jungen, die bei der EM hätten spielen können, sind bekanntlich bereits Stammspieler bei Joachim Löw. Anklopfen dürfte Torjäger Luca Waldschmidt, der mit sieben Treffern die Torjägerkanone gewann. Tah und Klostermann gehören schon zum Kreis des A-Teams, Maximilian Eggestein, Henrichs und Dahoud sind im Visier, Amiri meldet Ansprüche an, bei allen anderen wird man sehen. Einige der EM-Teilnehmer haben ja das große Los gezogen, denn sie könnten altersmäßig auch bei Olympia 2020 in Tokio spielen. Das Halbfinale war die Eintrittskarte.

Bei der Frage nach der Zukunft spielt auch Trainer Stefan Kuntz eine Rolle. Er hat mit seiner Arbeit für sich geworben, lässt vergessen, dass er eigentlich als Trainer und Funktionär schon als gescheitert galt. Jetzt ist er sogar als möglicher Nachfolger von Jogi Löw im Gespräch, weil er zeigte, dass er mit Spielern gut umgehen kann, gute Laune verbreitet und sich in der Öffentlichkeit gut verkauft. Sein Vertrag läuft vorerst bis nach Olympia, DFB-Manager Oliver Bierhoff will ihn auf jeden Fall länger halten. Was die Hoffnung angeht, da bestehen für einige jüngere Nachwuchsteams des DFB Zweifel, da waren zuletzt kaum Erfolge zu verzeichnen.

Gehalten werden soll auch die Bundestrainerin der Frauen, Martina Voss-Tecklenburg. Sie ist ja recht kurzfristig ins Boot geholt worden und hat trotz des Aus im Viertelfinale in ihrer Arbeit schon mal Zeichen gesetzt, wenn auch nicht alles geklappt hat. Es war eigentlich abzusehen, dass die routinierten und abgezockten Schwedinnen die besseren Karten in der Hand hatten gegen das junge deutsche Team und auch das Omen sprach gegen die Deutschen, die 24 Jahre lang gegen Schweden in Turnieren nicht mehr verloren hatten. Wir wissen es und die Skandinavierinnen wussten es, jede Serie reißt einmal. Deshalb war ihr Ehrgeiz auch besonders groß.

Was der deutschen Mannschaft fehlte, war in den entscheidenden Phasen mehr echte Führungspersönlichkeiten, die allein in Alexandra Popp zu finden ist, abseits des Feldes auch Torhüter Almuth Schult, doch damit hat es sich schon. Dzsenifer Marozsan als große Hoffnungsträgerin (trotz gebrochenen Zeh) kann diese Rolle nicht spielen. Die Mädchen kompensierten die Vakanz mit erhöhtem Einsatz und hatten auch das nötige Spielglück auf dem Weg ins Viertelfinale, doch ab da wird es eng in der Weltklasse. Deutschland ist noch Weltklasse, aber nicht mehr die Nummer 1, die beansprucht die USA für sich, siehe Weltrangliste. Andere Nationen haben aufgeholt, England, die Niederlande, Spanien und Italien stehen mit dem DFB-Team auf einer Stufe. Frankreich ist sogar stärker einzuschätzen, musste aber wie Deutschland die bittere Pille schlucken, dass Olympia ohne die große Nation stattfindet. Pech beim Spielplan mit den USA als Stoppschild.

Für den Frauen-Fußball in Deutschland ist die Absenz bei Olympia besonders bitter, weil wieder eine Werbemöglichkeit verloren geht. 7,9 Millionen Zuschauer (43,2 Prozent Marktanteil!, das Finale der U21 sahen 9,2 Mill., 32,2 %)) bangten mit den Mädchen, aber sie werden nicht zu alltäglichen Fans, die zum Beispiel die Spiele der Bundesliga sehen wollen. Da verlieren sich im Schnitt rund 900 Besucher auf den Rängen. So bleibt also die Hoffnung, dass die junge Mannschaft Routine und die eine oder andere Verstärkung gewinnt (wichtig vor allem in der Abwehr) und bald wieder das nötige Spielglück bis ins Finale hat. Der Bundestrainerin ist für die Mannschaft auch ein glückliches Händchen zu wünschen.

Zwei Niederlagen für deutsche Nationalmannschaften, aber beide Teams geben dennoch zu Hoffnungen Anlass.

Das Motto beim DFB heißt Jugend forsch

„Jugend forscht“ heißt ein Wettbewerb in Deutschland, der bei den jungen Leuten den Erfindergeist wecken soll und sie zu außergewöhnlichen Ideen führen soll. Der deutsche Fußball hat auch die Jugend entdeckt, beim DFB heißt es in Anlehnung daran „Jugend forsch“. Das fällt nämlich bei den Nationalmannschaften auf: Jogi Löw hat bei den Männern endlich den Neuaufbau eingeleitet und ähnlich verfuhr bei den Frauen die neue Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Das Ergebnis kann sich bisher sehen lassen. Zu diesem Motto gehört aber auch die U21 der Männer, die vor der Europameisterschaft steht. Jugend forsch stimmt deshalb, weil eine erfolgreiche Titelverteidigung anvisiert wird.

Bundestrainer Joachim Löw war bei der Nationalmannschaft zwar nicht dabei, aber der Heilungsprozess seiner Verletzungen nach einem Sportunfall wurde angesichts der Ergebnisse und Leistungen seiner Schützlinge sicherlich beschleunigt. 2:0 in Weißrussland und 8:0 gegen Estland waren mehr als nur Pflichterfüllung. Erfreulich vor allem, dass die junge Mannschaft mit Elan, spielerischer Leichtigkeit und Freude beeindruckte. Es wurde deutlich, dass nach der Ära von Lahm, Schweinsteiger und Co. mit dem WM-Titel 2014 als Höhepunkt jetzt eine neue Zeitrechnung begonnen hat, die verheißungsvoll aussieht. Ob es erneut zu Titelgewinnen reicht, muss sich erst zeigen. Die Europameisterschaft 2020 könnte zu früh kommen.

Vor allem die flexible Angriffsreihe macht Freude, aber da heißt es Vorsicht: Leroy Sane, Serge Gnabry und Marco Reus sind alle verletzungsanfällig. Wie sie aber mit Spielfreude, technischem Können und Tordrang die gegnerischen Abwehrreihen unter Druck setzen macht beim Zuschauen Spaß. Sie sind die Gewinner des Neuaufbaus, aber sie sind nicht allein. So hat sich Joshua Kimmich als Chef im Mittelfeld etabliert (obwohl er bei Bayern München als Rechtsverteidiger auch nicht wegzudenken ist), Ilkay Gündogan hat Werburg für sich betrieben und könnte einen Toni Kroos verdrängen, der ein Spiel eher aufhält. Auch Leon Goretzka hat gezeigt, dass er ein Gewinn für das Team sein kann, ebenso Julian Draxler. Und dahinter drängen Kai Havertz, Julian Brandt und Timo Werner auf einen Einsatz. Die Offensive ist fast ein Schlaraffenland für Jogi Löw, anders sieht es bei der Defensive aus, die wird im September getestet.

In der EM-Qualifikation hatte bisher nur das 3:2 in den Niederlanden besonderen Wert, die Siege über Weißrussland und Estland waren Pflichtaufgaben. Die Weichen werden am 6. September beim Rückspiel gegen die Niederlande und am 9. September in Nordirland gestellt. Nordirland entledigte sich seiner Pflichtaufgaben bisher ohne Punktverlust, wenn auch mit Glück und Können mit Toren oft in den letzten Minuten. Das ist auch eine Qualität. Der Härtetest folgt also erst, mit einer Begeisterung wie jetzt im Juni sollte es aber auch im September zu Beginn der neuen Saison klappen.

Olympia 2020 in Tokio lockt

Die U21 und die Frauen-Nationalmannschaft haben eines gemeinsam: Bei ihren Turnieren geht es nicht nur um den Titelgewinn, sondern vor allem auch um die Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio. Das Halbfinale muss jeweils dafür erreicht werden.

Die U21 tritt bei der Europameisterschaft in Italien und San Marino vom 16. bis 30. Juni als Titelverteidiger an. 2017 besiegte das Team von Bundestrainer Stefan Kuntz Favorit Spanien mit 1:0. Es war der zweite Titelgewinn nach 2009. Damals hatte Coach Horst Hrubesch eine erfolgreiche Generation, denn die Neuer, Hummels, Boateng, Khedira, Özil und Höwedes wurden später 2014 Weltmeister. Von den 17ern wurde bisher nur Gnabry Stammspieler bei Jogi Löw, Niklas Stark und Thilo Kehrer befinden sich im weiteren Kreis.

Und 2019? Auffallend, dass Jogi Löw bei seinem Motto „Jugend forsch“ der U21 die Stars geklaut hat: Leroy Sane, Julian Brandt, Kai Havertz, Thilo Kehrer und Timo Werner könnten nämlich Stefan Kuntz helfen, leichter an den Pokal zu kommen. Das A-Team geht halt vor. Immerhin wurden Lukas Klostermann und Jonathan Tah vom A-Team wieder zur U21 beordert, weil sie dort schon in der Qualifikation Führungsfiguren waren. Und wer könnte künftig noch bei Jogi Löw auftauchen? Torhüter Alexander Nübel (Schalke) vielleicht, Maximilian Eggestein (Bremen) spielte schon mal vor, ebenso wie Benjamin Henrichs (Monaco) und auch Mahmoud Dahoud (Dortmund) macht sich Hoffnungen.

Gruppengegner sind Dänemark (17.6.), Serbien (20.6.) und Österreich (23.6., jeweils 21.00 Uhr). Insgesamt sind 12 Nationen am Start, aufgeteilt in drei Gruppen, nur die Gruppensieger und der beste Gruppenzweite kommen ins Halbfinale. Bei den Gegnern trifft Deutschland auf bekannte Gesichter, wie Brunn Larsen (Dortmund) bei Dänemark und Luka Jovic (Frankfurt, bald Real Madrid) bei Serbien. Österreich ist überhaupt erstmals dabei und hat sechs Bundesligaspieler nominiert. Die Gegner sind nicht zu unterschätzen, aber als Favoriten gelten eher Spanien (das seinen 5. EM-Sieg will), England und Frankreich.

Die Frauen haben ihre Weltmeisterschaft begonnen, das 1:0 gegen China wurde mit Hängen und Würgen erzielt, allerdings stoppte die kanadische Schiedsrichterin nicht die Härte der Chinesinnen, die ihnen von ihrem Trainer mit deutlichen Gesten verordnet wurde. Das war Treten und kein Fußball. Leidtragende vor allem Spielmacherin Dzsenifer Marozsan, die mit einem Zehenbruch vorerst ausfällt.

Mit Elan soll es dennoch in die nächste Runde gehen, Jugend forsch gilt auch bei den Frauen, Deutschland stellt mit einem Durchschnittsalter von 25 Jahren und 10 Monaten das fünftjüngste Team. Das älteste Team hat die USA, nämlich 29 Jahre genau. So alt ist auch ihre Torjägerin Alex Morgan, die beim 13:0 gegen Thailand den Rekord von fünf Toren in einem Spiel einstellte. Alter schützt also vor Leistung nicht, das 13:0 bedeutet ebenso Rekord, wie die Tatsache, dass die USA sieben verschiedene Torschützinnen hatte. Ansonsten waren die ersten Spiele eher von biederer Qualität, die schwächeren Teams stemmten sich mit Härte und Abwehrarbeit gegen Niederlagen. Es kann nur besser werden. Eine erste Bilanz ist nach der Gruppenphase fällig.

Die Nations League der Männer hat ihren ersten Sieger und Cristiano Ronaldo ist glücklich. Beim 1:0 gegen die Niederlande erzielte er ausnahmsweise nicht das goldene Tor, er freute sich dennoch über einen ersten Pokal, den er auf heimatlichen Boden in Portugal erringen konnte (bei der Europameisterschaft war ihm das nicht vergönnt). So hat die Nations League zumindest einen glücklich gemacht, allerdings hat der Wettbewerb durchaus seine Daseinsberechtigung gezeigt, ist aber auch noch nicht zu Ende. 2020 werden noch Fahrkarten für die EM 2020 ausgespielt.