Der Sport – Grantler

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Tag: Peter Sagan

Strafe muss sein! Im Sport nicht immer!

„Der Sport hat seine eigenen Gesetze“ heißt es oft bei strittigen Entscheidungen. Manchmal werden dann auch allgemeine Lebensregeln außer Kraft gesetzt, zum Beispiel die Weisheit „Strafe muss sein“. Die gilt zwar auch im Profisport, aber eben nicht immer. Drei Beispiele, die in der letzten Zeit zu Diskussionen in der Öffentlichkeit führten.

Nummer 1 die Attacke von Sebastian Vettel gegen Lewis Hamilton in der Formel 1. Der Deutsche wurde zum Rächer, als ihn Konkurrent Lewis Hamilton vermeintlich widerrechtlich ausbremste, was für ihn eben nur in der Wahrnehmung galt, aber nicht wirklich so war. Vettel ließ seinem Wutausbruch freien Lauf, die Vernunft hatte Pause und zudem ignorierte er die Regeln und fuhr Hamilton als Revanche seitlich ins Auto. Eine Aktion, die im Rennsport überhaupt nicht geht, wo es immer wieder Todesopfer zu beklagen gibt und sich Fahrer und Verbände Gedanken machen, wie die Sicherheit erhöht werden kann. All diese Bemühungen konterkarierte Vettel. Seine Strafe: Zehn Sekunden „Nachsitzen“, eine Wartezeit, die nicht ausreichen kann, um sein Mütchen zu kühlen. Weil Konkurrent Hamilton dann auch noch technische Probleme hatte, wurde „Rambo“ Vettel zum punktemäßigen Gewinner des Laufs in Baku. Der Weltverband beschäftigte sich zwar im Nachhinein noch einmal mit dem Vorfall, beließ es aber nach einer Entschuldigung von Vettel bei einer Verwarnung. Hier wurde die Weisheit „Strafe muss sein“ außer Kraft gesetzt, Vettel hätte zumindest die WM-Punkte für diesen Lauf verlieren müssen oder eine Sperre für wenigstens ein Rennen zur Abkühlung gebraucht. Den Gerüchten sind Tür und Tor geöffnet, profitierte Vettel davon, dass sein Rennstall Ferrari oft Sonderbehandlungen erhält oder von der Nähe des FIA-Präsidenten Jean Todt zu Ferrari? Vettels Vorbild Michael Schumacher hat für einen ähnlichen Rammstoß mal alle WM-Punkte einer Saison verloren. Noch Fragen?

Nummer 2 im Finale des Fußball-Confed-Cup in Russland. Deutschland brachte den selbsternannten Favoriten Chile zur Verzweiflung und der Ehrgeiz der Südamerikaner wurde ebenso wie die Ungeduld immer größer. Da schlägt man schon mal über die Stränge, Gonzalo Jara tat dies eine halbe Stunde vor Schluss mit einem Rammstoss mit dem Ellenbogen in das Gesicht des Deutschen Timo Werner. Bilder zeigen, wie sich dessen Gesicht verformte. Die Fernsehbilder sprachen eine deutliche Sprache. Nicht für Schiedsrichter Mazic. Der Serbe konnte auf den Videobeweis zurückgreifen und griff dann mit seiner Karte daneben, nachdem er die Tätlichkeit zuvor sogar ignoriert hatte: Gelb statt Rot. Die Weisheit „Strafe muss sein“ wurde also auch hier außer Kraft gesetzt, ein Sträfchen statt Strafe. Immerhin siegte ja Deutschland dennoch mit 1:0. Ein bisschen Gerechtigkeit.

Nummer 3 betrifft den Radsport, nach dem Motto, die Tour de France muss doch dabei sein. Aber gerade dort, wo in Sachen Doping lange Zeit viel zu wachsweich gehandelt wurde und auch heute noch die Augen gerne verschlossen werden, wurde als Zeichen „wir wollen Gerechtigkeit“ hart durchgegriffen. Für viele, selbst für die Konkurrenten, zu hart. Weltmeister Peter Sagan fuhr im Zielsprint die Ellenbogen aus, brachte Mitstreiter Mark Cavendish zu Fall und kassierte die härteste Strafe, die es nur geben kann: Ausschluss von der Tour de France. Im Radsport wird immer hart gesprintet, sind Stürze im Gewühl des Zielsprints fast schon an der Tagesordnung, da hat die Tour-Leitung über das Ziel hinausgeschossen. Das Zeichen für die Öffentlichkeit, „schaut, wir greifen durch“ war daneben, denn im führenden Team Sky, das die Tour bisher dominiert und dies wahrscheinlich bis zum Schluss in Paris auch weiter tun wird, fahren die Doping-Verdächtigungen weiter mit. Gültige Antworten auf die Anschuldigungen hat es bisher nicht gegeben, sondern nur Ausflüchte. „Strafe muss sein“, aber nicht für den Falschen.

So zeigt sich wieder einmal, dass wir im Spitzensport die Gerechtigkeit leider viel zu selten finden. Im Vordergrund steht das Geschäft und es herrscht eben oft auch trotz aller Regeln die Willkür, dass gerecht ist, was dem Geschäft dient. Ein Wunder, dass der Profisport weltweit noch so viele Anhänger hat. Zugegeben: Auch der Sport-Grantler ist einer

Bei der „Tour der Leiden“ leiden viele

Das Dutzend wird voll. Ist das ein Grund zum Feiern? Früher wäre die Begeisterung übergeschwappt, heute herrscht Zurückhaltung. Die Tour de France macht zum zwölftem Mal Station in Deutschland. Das größte Radrennen der Welt, angeblich das drittgrößte Sportereignis überhaupt, startet am Samstag, 1. Juli in Düsseldorf, als vierter Startort nach Köln (1965), Frankfurt (1980) und Berlin (1987). Die Stadt am Rhein lässt sich das einige Millionen Euro kosten und hofft auf die entsprechende Werbung weltweit. Diese wird vielleicht geringer ausfallen als erhofft. Schon die erwartete Zuschauerzahl wurde reduziert. Früher war von einer Million Fans die Rede, jetzt werden vorsichtig 700.000 erwartet. Am Ende wird die Stadt vielleicht ein bisschen leiden, weil die Erwartungen nicht erfüllt wurden. Bei der „Tour der Leiden“ werden viele leiden, nicht nur die Fahrer.

Die Fahrer stehen natürlich an erster Stelle. Sie leiden wirklich, wenn sie sich die Berge hinauf quälen, wenn sie in sengender Hitze in die Pedalen treten. Erstmals seit Jahren sind wieder alle Bergmassive im Programm, aber nicht alle „Berge des Leidens“. Doch schwer genug wird die Tour dennoch, sie muss ihrem Namen schließlich gerecht werden. Früher wurden die Fahrer ob ihrer Qualen bedauert und für das Durchstehvermögen bewundert. Die Bewunderung ist weniger geworden, seit bekannt wurde, dass es auch eine „Tour des Dopings“ ist. Da hat die Tour viel an Renommee verloren und die neue Generation der Rad-Profis leidet immer noch unter dem schlechten Ruf. „Wir sind sauber“, betonen die vier deutschen Spitzenfahrer Tony Martin, John Degenkolb, Marcel Kittel und Andre Greipel fast verzweifelt. Wir möchten ihnen ja glauben, aber Zweifel bleiben halt immer. So leiden halt auch die Fans, sie möchten gern unbefangen jubeln, aber die Zweifel…

So wird eben auch der Sieger leiden. Er kann sich nicht unbeschwert über seinen Erfolg freuen, denn gegen die Zweifel kann er nicht anfahren. Ganz im Gegenteil, siegt er überzeugend, werden die Zweifel eher größer. Startet er einen großen Coup, ist die erste Frage, „wie ging das?“. Der Star der letzten Jahre war der Brite Christopher Froome, er holte sich das berühmte Gelbe Trikot 2013, 2015 und 2016 und gilt wieder als Favorit. Ist diese Überlegenheit ohne Doping möglich? Die Zweifler horchten auf, als im Umfeld des Teams Dopingverstöße aufgedeckt wurden. Der Radsportverband will das Doping verbannen, kämpft aber gegen eine Krake. Jeder Fall, der aufgedeckt wird, ist ein Erfolg und ein Verlust zugleich. „Prima, dass der Sünder entdeckt wird“, sagen die einen, „wussten wir es doch, es wird immer noch gedopt“, sagen die anderen. Doping-Leiden ohne Ende.

Leiden werden auch die Fernsehanstalten. Die ARD hat sich nach einer Doping-Pause wieder für den Radsport entschieden, überträgt jeden Tag, auf ARD One sogar ebenso live wie Eurosport. Und dennoch will keine Begeisterung aufkommen, die Zuschauerzahlen erreichen nicht die Quoten früherer Jahre. Was war das für eine Begeisterung, als Jan Ullrich vor 20 Jahren als erster Deutscher die Tour gewann. Heute ist er ein Geächteter, er wurde des Dopings überführt. Ullrich hat nie gestanden, sich immer nur auf die Aussage „ich habe niemanden betrogen“ zurückgezogen. Er wird leiden, wenn die Tour in Deutschland startet und er nicht dabei sein kann.

Leiden müssen auch die zwei Rennställe, die unter deutscher Flagge starten. „Bora hansgrohe“ gehört mit Weltmeister Peter Sagan (Slowakei) und dem Polen Rafal Majka als Top-Zehn-Kandidaten sogar zu den auffälligsten Teams, das „Team Sunweb“ wird eher um diverse Aufmerksamkeiten bei einzelnen Etappen buhlen. Sie aber wünschen sich keine Zweifel in Deutschland, sondern Begeisterung. „Deutschland ist eine Radsport-Nation“, hat Bora-Sportchef Ralph Denk, ein ehemaliger Rennfahrer, erkannt und meint die vielen Freizeitsportler. Aber damit allein lässt sich keine Begeisterung für die Profis auslösen, solange das Damoklesschwert Doping über dem Radsport hängt. Ein Teufelskreis. Viele leiden angesichts der „Tour der Leiden“.