Der Olympia-Winter ist da: Mit Frust und Lust nach Peking

von knospepeter

Es sind keine 100 Tage mehr bis zum Start der Olympischen Winterspiele 2022. Vom 4. bis 20. Februar wird in Peking und Umgebung um Medaillen gekämpft, doch die Grundlagen für einen möglichen Erfolg müssen bereits im Sommer oder jetzt in den verschiedenen Weltcup-Wettbewerben gelegt werden. Es wird ernst, nach einigen Vorgeplänkeln kann man sagen, der Olympia-Winter ist da, der Wintersport rückt wieder in den Mittelpunkt, die Athleten blicken aber mit Frust und Lust nach Peking.

Frust deshalb, weil kaum jemand mit Begeisterung nach Peking reist, wo wegen der Corona-Pandemie strikte Vorsichtsmaßnahmen gelten und Kontakte auf ein Minimum reduziert werden, andererseits aber zudem, weil die Diskussionen um die mangelnde Beachtung der Menschenrechte in China natürlich geführt werden müssen und für eine ablehnende Stimmung sorgen. Auf der anderen Seite bleibt natürlich die Lust auf Olympia bestehen, Olympische Spiele sind nun einmal der absolute Höhepunkt in einem Sportlerleben. Allerdings hat das IOC zuletzt wenig Rücksicht darauf genommen, dass die Athleten auch in einem demokratischen Umfeld antreten können bzw. in einem Land, das den Wintersport auch liebt. Skispringer Andreas Wellinger bringt es auf den Punkt, der sich nach Sotschi in Russland 2014, Pyeongchang in Südkorea 2018 (Gold und zweimal Silber) jetzt auch für Peking qualifizieren will: „Wenn ich mich qualifizieren würde, wären es meine dritten Olympischen Spiele und zum dritten Mal in einem Land, in dem die Wintersporttradition überschaubar ist. Es ist sehr schade und traurig, dass nicht mehr der Sport im Mittelpunkt steht.“

Zunächst also geht es um die Qualifikation, bei allen Wettbewerben leuchten im Hintergrund die Olympischen Ringe. Die Kriterien für die Nominierung haben sich im deutschen Team nicht geändert, einmal unter den besten Acht oder zweimal unter den besten Fünfzehn sind die erste Voraussetzung für das Flugticket, darüber hinaus stellen natürlich die Trainer die Mannschaft auf. Eigentlich bedeutet das, dass alle Frauen und Männer von der ersten Minute an in Form sein sollten, andererseits muss aber auch auf den Formaufbau geachtet werden, denn die Bestform soll schließlich in Peking erreicht werden. Dies kommt der Quadratur eines Kreises gleich, ist aber seit Jahren das Problem der Spitzensportler. In Südkorea war das Ergebnis mit 14 Goldmedaillen am Ende beachtlich. Lässt sich das in Peking wiederholen?

Es wäre zu früh, auf die Medaillenchancen einzugehen, aber ein kurzer Überblick kann nicht schaden. Eins ist sicher, der Eiskanal mit Rodeln, Bob und Skeleton soll zur Goldgrube werden. Vor allem Bobpilot Franceso Friedrich beherrschte in den vergangenen Jahren die Konkurrenz und er schürt bereits wieder die Hoffnung nach Testrennen auf der als schwierig bezeichneten, außergewöhnlichen Olympia-Bahn: „Ich habe ein gutes Gefühl.“ Er gewann die ersten Testrennen und vermutet: „Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass es bei Olympia keiner schafft, in allen vier Läufen komplett sauber runterzufahren.“ Auch die Rodler werden ihre Probleme haben, Olympiasieger Natalie Geisenberger klagte bei den Tests aber über die Bedingungen mit Abschottung und schlechtem Essen sowie wenig gemeinsamen Aktivitäten, was alles sportliche Bestleistungen erschwert. Zunächst wollen alle aber in den Weltcups erfolgreich sein und den Gegnern das Fürchten lehren. Vor Peking wissen wir mehr.

Ansonsten ist auf dem Eis nichts los, Medaillenaussichten erhoffen sich allein die Eishockey-Cracks, die sich im Aufwind befinden, eher unter einem skandalumwitterten Präsidenten leiden. Ansonsten sorgt höchstens die Eisschnelllauf-Oma (oder Zicke, wie man will) Claudia Pechstein für Schlagzeilen, die auch mit 49 Jahren nichts ans Aufhören denkt und in Deutschland immer noch Spitze ist – traurig genug. International läuft sie hinterher, beim ersten Weltcuprennen wurde sie Letzte.

Auf dem Schnee sieht es besser aus, vor allem die Könige der Lüfte machen sich Hoffnungen. Die Skispringer haben zweifellos eine starke Mannschaft, mit den „Vorspringern“ Karl Geiger und Markus Eisenbichler. Da ist nicht einmal mehr für den alten Recken Richard Freitag Platz. Am Wochenende geht es im russischen Nischni Tagil los, da werden erstmals die Karten aufgedeckt. Geiger war schon auf den Sommerschanzen mit vorn dabei. Die Skispringer haben aber vor Olympia zunächst die Vierschanzen-Tournee im Auge und träumen davon, dass endlich 20 Jahre nach Sven Hannawald wieder ein Deutscher die Tournee gewinnt. Der Tourneesieg ist für sie genauso wertvoll wie ein Olympiasieg. Die Frauen versuchen den Anschluss an die Spitze zu halten. Die Nordisch Kombinierer haben im Winter wieder die Norweger mit dem überragenden Jarl Magnus Riiber vor der Nase. Die Asse Vinzenz Geiger, Eric Frenzel und Fabian Rießle müssen sich vor allem im Springen verbessern, um Gold und Weltcup-Siege zu holen. In der Loipe darf man von Frauen und Männern nicht viel erwarten. Da ist eher der nächste Olympia-Winter 2026 im Visier.

Die alpine Mannschaft hat dagegen durchaus einige heiße Eisen im Feuer, die vorne mitfahren können. Ein bisschen mager vielleicht bei den Damen, wo allein die Speedläuferin Kira Weidle vorne mitfahren kann, während die Männer sowohl in den schnellen als auch in den technischen Diszplinen Chancen auf vordere Plätze haben, allerdings selten wirklich zu den Favoriten gehören. Thomas Dreßen, Andreas Sander oder Romed Baumann haben schon positiv überrascht, aber auch Linus und Stefan Luitz können durchaus vorne mitfahren.

Der Olympia-Winter ist da, deutsche Überraschungen sollen möglichst folgen. Über das, was sich im Biathlon tut, nächste Woche mehr. Es ist noch immer die beliebteste Winter-Disziplin, wenn man nach den TV-Einschaltquoten geht. Doch bleibt das so? Am 27. November geht es in Östersund/Schweden los.