Vorbild München 1972 und Vorbild München 2022! Das IOC muss sich ändern!

von knospepeter

Ein berauschendes Fest, das keiner so vom Sport erwartet hatte, ist am Sonntag in München zu Ende gegangen. Die European Championships 2022 (EC) waren mehr als nur Europameisterschaften von neun Sportarten, es waren kleine Olympische Spiele mit begeisternder Atmosphäre, mit etablierten und jungen Sportarten, mit Spiel und Musik für das Publikum, locker und heiter. Wie etwa die ersten Tage der echten Olympischen Sommerspiele 1972, die am 26. August vor genau 50 Jahren im Olympiastadion in München begannen. Die Erinnerungen wurden wach und schon geht wieder die Diskussion los, dass Deutschland, vor allem der Olympiapark in München, bereit sei, Olympische Spiele zu organisieren. In der Euphorie wird dabei das Hirn ausgeschaltet: München 1972 war Vorbild, München 2022 war Vorbild, doch das IOC muss sich erst ändern bzw. zurückbesinnen darauf, dass Olympia ein Fest für alle sein soll und kein Vehikel dafür, dass das Internationale Olympische Komitee einen großen Reibach macht. Es geht schon damit los, dass die Veranstalter Knebelverträge unterschreiben müssen und ihnen immense Kosten aufgehalst werden. Nein, kleiner ist auf jeden Fall feiner.

Ein Blick zurück: Die Olympischen Spiele haben mal klein angefangen, mit neun (!) Sportarten, 43 Wettbewerben und 241 Athleten, nämlich 1896 in Athen. In den 126 Jahren bis heute galt beim IOC das abgewandelte Motto vom Sport „größer, teurer, reicher“. Aus dem Sportfest wurden eher sterile Veranstaltungen, Fernsehunterhaltung für die Welt, aber kein Fest der Begegnung. Insofern war München 2022 die Rückbesinnung auf den Ursprung. Ein überschaubares Format, ein Funken der Begeisterung, der überspringen konnte, der die Zuschauer ebenso in den Bann zog wie die Athleten, die erstaunt feststellten: „Das habe ich so noch nie erlebt.“ Die Präsidentin des Vereins Athleten Deutschland, die Beachvolleyballerin Karla Borger, stellte fest, das Konzept der EC von München 2022 wäre ein Modell der Zukunft, andererseits hat sie Zweifel an Olympia in Deutschland: „Der Wunsch wäre schon da, aber ich weiß nicht, ob das nicht zu groß ist im Moment.“ Wobei: München war größer als olympische Winterspiele, was die Anzahl der Entscheidungen und Athleten angeht!

Der Olympiapark erwies sich als überragende Veranstaltungsstätte und war einmal mehr ein Kompliment an die Macher von 1972. „Back to the roofs“ hieß das Motto und stellte das einmalige Zeltdach in den Mittelpunkt. Dazu Königsplatz und Odeonsplatz als Publikumsmagneten, teilweise freier Eintritt schürte das Interesse und die Begeisterung. Bei Olympia undenkbar. Getragen von der Begeisterung zeigten auch die Sportlerinnen und Sportler überragende Leistungen, lieferten persönliche Bestleistungen ab. Junge Sportarten wie BMX und Klettern stahlen etablierten die Show. Beachvolleyball auf dem Königsplatz war ein Ereignis besonderer Art. Am Ende feierte sich Deutschland als beste Nation, führte den Medaillenspiegel 26mal Gold, 20mal Silber und 14mal Bronze vor Großbritannien (24/19/17) und Italien (14/19/17) an. 28 Nationen konnten zumindest eine Goldmedaille gewinnen.

Aber auch das strahlende Sportfest zeigte, dass das Problem oft die Funktionäre sind. Die Veranstaltungen und vor allem der tägliche Sportbetrieb müssen organisiert sein, was vor allem in den Händen von Millionen ehrenamtlichen Helfern liegt. Die Funktionäre an der Spitze werden aber immer mehr eher zu einem Krebsgeschwür. Sie halten ihre Hand auf, ignorieren Missstände in ihren Sportstätten, kehren sogar sexuellen Missbrauch unter den Teppich. Persönliche Befindlichkeiten werden ausgelebt, anstatt, dass sie alle Kraft für ein Gedeihen ihrer Sportart einsetzen. Marion Schöne, Chefin des Olympiakparks plauderte in der Süddeutschen Zeitung aus dem Nähkästchen, dass einzelne Sportarten auf ihren Internetseiten nicht einmal Reklame für das Großereignis machten, dass sie nicht an eine Zukunft glauben, weil ihre Sportart doch im Mittelpunkt stehen müsse. Damit meinen sie vor allem sich selbst! Bezeichnend die Leichtathletik. DLV-Präsident Kessing spricht vom Ausstieg, hält nichts von Multisportevents. Auch nicht von Olympia? Dabei zeigte vor allem der DLV Schwächen, das Leistungssportkonzept ist offensichtlich eine Katastrophe, wie die Weltmeisterschaft in Oregon/USA zeigte (nebenbei: München hatte viel mehr Stimmung). Bezeichnend auch, für den europäischen Präsident Karamarinow war ein BMW i3 nicht das adäquate Fortbewegungsmittel. Es musste schon etwas größeres und eleganteres sein. Auffallend zudem, dass oft Sportlerinnen und Sportler oder sogar Teams erfolgreicher sind, wenn sie sich privat organisieren und nicht im Verbandskader trainieren! Das sagt alles!

Zum Unterschied zu Olympia, konnte die lokalen Organisatoren in der Vorbereitung mitreden, weil die EC eben privat in Verbindung mit den teilnehmen Verbänden veranstaltet werden. Auch die Europäischen Fernsehunion, national ARD und ZDF, sitzt mit im Boot, so das Sendezeiten garantiert sind. Wie die Zukunft aussieht, ist fraglich. Schwimmen hat schon nicht mitgemacht, die Leichtathletik als Mittelpunkt denkt ans aussteigen. Für 2026 gelten Budapest und Birmingham als Bewerber, es darf aber als sicher gelten, dass München auch für die European Championships einmalig bleiben wird.

Eine tolle Idee von Willi Daume

Das hatten wir schon einmal, nämlich 1972. Auch da war München einmalig! Die Idee zu den Spielen in München hatte der damalige DSB- und NOK-Präsident Willi Daume. Der besuchte am 28. Oktober 1965 Münchens Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel und unterbreitete ihm diesen Vorschlag. Vogel war erst einmal baff, der Vorschlag traf ihn unvorbereitet, doch die Idee wurde immer konkreter. Daume wollte sein Land und seinen Sport mit einem Weltereignis aufwerten, Vogel seine Stadt modernisieren. Beides gelang, weil München am 26. April 1966 bei der Sitzung des IOC in Rom den Zuschlag bekam – mit einer Stimme Vorsprung vor Montreal, das mit den Spielen 1976 entschädigt wurde.

München aber nutzte seine Chance, die Stadt wurde wirklich modernisiert, machte quasi einen Sprung um 50 Jahre mit dem Ausbau der Verkehrsnetze. Ein brachliegendes Gelände erwies sich als Glücksfall, der Olympiapark entstand, das einmalige Zeltdach gilt heute noch als Wunderwerk und ist wohl auch die Basis dafür, dass der Olympiapark sogar Weltkulturerbe werden soll. Heitere Spiele wurden ausgerufen, sie waren es auch im Design mit leichten Farben. Alles passte und München kann heute noch als Vorbild gelten, weil die Sportstätten genutzt werden, weil keine Ruinen entstanden und die Stadt eben von Olympia profitierte, ebenso die Deutschland. Die Idee von Willi Daume war ein Volltreffer.

Auch die deutschen Sportler waren erfolgreich, zwei deutsche Mannschaften am Start, die DDR und die Bundesrepublick. Die Stimmung war lange Zeit überragend, heitere Spiele wie gewünscht. Im Mittelpunkt aus bundesdeutscher Sicht der goldene Sonntag in der Leichtathletik, als das Olympiastadion kochte, als Heidi Rosendahl in der 4×100-m-Stafffel gegen die überragende DDR-Läuferin Renate Stecher den Vorsprung hielt, den Christiane Krause, Ingrid Mickler-Becker und Annegret Richter herausgelaufen hatten und Gold holte. Speerwerfer Klaus Wolfermann wuchs ebenso über sich hinaus und schlug Favorit und Freund Janis Lusis aus Lettland um zwei Zentimeter. Dazu gewann Bernd Kannenberg das Gehen über 50 Kilometer. Heide Rosendahl siegte auch im Weitsprung und war Zweite im Fünfkampf. Zum Star der Spiele wurde auch die 16jährige Ulrike Meyfarth, die überraschend den Hochsprung gewann und mit 1,92 m sogar am Ende Weltrekord sprang. 1,88 war ihre damalige Bestleistung. Beachtlich, zwölf Jahre später 1984 in Los Angeles gewann Meyfarth noch einmal Gold.

Es waren wirklich einmalige Spiele, die UdSSR ging mit 50mal Gold, 27mal Silber, 22mal Bronze als stärkste Nation hervor, vor dem Dauerrivalen USA (33/31/30) der DDR (20/23/23) und Deutschland (13/11/16). Die Spiele dauerten eigentlich vom 26. August bis 11. September, die heiteren Spiele endeten aber abrupt am 5. September. Am Morgen überstiegen acht Palästinenser den Zaun vom Olympischen Dorf und überfielen die israelische Mannschaft. Sie nahmen Geiseln, von Sport konnte keine Rede mehr sein, auch wenn erst später abgebrochen wurde. Sie forderten vor allem die Freilassung von 200 in Israel inhaftierten Palästinensern. Verhandelt wurde den ganzen Tag, Innenminister Genscher wollte sich sogar zum Austausch der Geiseln zur Verfügung stellen.

Der Tag endete mit einer Katastrophe, die Geiseln sollten am Flughafen Fürstenfeldbruch befreit werden, doch das misslang. Fünf der acht Attentäter wurden erschossen, aber insgesamt starben elf israelische Sportler und ein deutscher Polizist. Die deutsche Polizei war für diesen Überfall überhaupt nicht vorbereitet und wird ihnen Naivität vorgeworfen, doch diese Art von Terror war bis dahin völlig unbekannt. So bleibt ein Schatten auf den heiteren Spielen zurück, ein Schatten der bis in die heutigen Tage hineinreicht, weil es immer noch Streit um Schadensersatzzahlungen gibt, auch vor dem Gedenktag am 5. September. In vielerlei Hinsicht wird München 1972 also unvergessen bleiben.