Die Bayern finden Gefallen an der Null
von knospepeter
Mit der Null will sich Harry Kane nicht abfinden, er will viele Tore schießen und am Ende der Saison endlich etwas in den Händen halten. Tore schießt der Engländer genug, er glänzt auch als Vorbereiter und dennoch haben die Bayern plötzlich Gefallen an der Null gefunden. Noch vor einigen Wochen kritisiert, ja geschmäht, steht plötzlich die Abwehr im Mittelpunkt, zum fünften Mal in Folge stand die Null und die Münchner befinden sich auf Erfolgskurs. Das Lob gilt Upamecano und Kim, aber das ganze Team arbeitet defensiv besser. Das 1:0 ist das neue Erfolgserlebnis, sowohl in der Champions League, als auch in der Bundesliga. Die Tendenz ist positiv, in der CL sind die Bayern nach dem 1:0 gegen Benfica Lissabon wieder im Geschäft, in der Bundesliga nach dem souveränen 1:0 bei St. Pauli haben sie an der Spitze ihre Führung ausgebaut, weil die Konkurrenz (mit Ausnahme von Frankfurt) schwächelt. Dagegen befindet sich bei den Bayern Jamal Musiala in Bestform und sorgt für das 1:0 aus allen Lagen, einmal mit dem Kopf, einmal aus ca. 27 Metern. Er hat nicht einfach nur einen Lauf, sondern: „Wir trainieren das.“
Die neue Zufriedenheit in München ist das Ergebnis der Arbeit vom neuen Trainer Vincent Kompany mit seinem Team. Was vor allem auch wichtig ist, es stimmt in der Mannschaft und es stimmt die Fitness, im Gegensatz zu vielen Spitzenteams in Europa und zur Konkurrenz haben die Bayern derzeit wenig Verletzungen, ganz im Gegensatz zum Vorjahr. Kompany setzt den gesamten Kader ein und sorgt für manche Überraschung: Am Samstag stand plötzlich wieder Leon Goretzka in der Startelf, er war bereits aussortiert, sollte sich einen neuen Verein suchen. Kompany sagt jetzt: „Wir brauchen jeden Mann, wir brauchen Frische.“ Nicht viele Vereine gehen mit diesem guten Gefühl in die Länderspielpause.
Da sieht es in Dortmund ganz anders aus. Zwei glückliche Siege sorgten zuletzt zwar für etwas Entspannung, doch nach dem 1:3 in Mainz sind alle Sorgen wieder da, es war die sechste Auswärtsniederlage hintereinander in Pflichtspielen. Da kann man nicht zur Tagesordnung übergehen, zumal Fehler vom Trainer bis zum Kapitän für diese Horrorserie mitverantwortlich sind. In jedem Spiel leistet sich ein anderer einen Fauxpas, Sahin verwechselte sich in Madrid, Emre Can setzt seine Serie von Fehlern nach vorübergehender Besserung mit einem üblen Foul in Mainz fort. Rot war die logische Folge für einen Tritt mit offener Sohle, die Niederlage das Resultat. Borussias Probleme sind in der Bundesliga-Tabelle abzulesen: Rang 7, zehn Punkte Rückstand auf die Bayern.
Gute Stimmung herrscht auch beim Meister nicht, das war in Leverkusen vor einem Jahr ganz anders. Da gewann Bayer auf dem Weg zum Titel Spiele oft in den letzten Minuten, jetzt werden da Punkte verloren, so auch in Bochum, wo der neue Trainer Dieter Hecking mit dem 1:1 des Schlusslichts gegen den Meister zum Held wurde: „Der Alte kann es noch,“ wurde gewitzelt. Gewitzelt wird in Leverkusen nicht, sondern nach der Ursache der Schwächen gesucht, Trainer Xabi Alonso scheint plötzlich ratlos zu sein, die Spieler kritisieren selbst, „die Gier fehlt“. Meister werden ist leichter, als Meister zu sein. Das macht wieder einmal deutlich, welche großartige Leistung der Bayern die Serie von elf Titeln hintereinander war. Leverkusen hat derzeit bei neun Punkten Rückstand den Anschluss verloren.
Aber auch der erste Bayern-Verfolger schwächelt, Leipzig blieb jetzt drei Pflichtspiele in Folge ohne Sieg, der Rückstand in der Bundesliga zu den Bayern vergrößerte sich auf fünf Punkte. Besser in Schwung ist Eintracht Frankfurt, das seinen Aufwind vor allem den Sturm-Assen Omar Marmoush und Ekitiké verdankt, ein Duo, das die Gegner überrennt, jetzt auch den VfB Stuttgart beim 3:2. Die Stuttgarter haben ähnliche Probleme wie Leverkusen, der Vizemeister muss in dieser Saison kleine Brötchen backen, liegt nur auf Rang 11, der Rückstand zu einem CL-Platz beträgt allerdings nur vier Punkte, zur Relegation sind es immerhin fünf.
Ein „zu Null“ wird nicht überall positiv gesehen. Das 0:0 in Augsburg kostete nun Trainer Pellegrino Matarazzo in Hoffenheim den Job. Er kam im Februar 2023 und rettete Hoffenheim vor dem Abstieg, führte den Verein danach auf Rang sieben und in die Europa League – und dennoch gab es Kritik an ihm, weil er kein Wunschcoach von Mäzen Hopp sein soll. Jetzt dreht sich das Rad der Geschichte zurück, Hoffenheim hängt wieder unten drin, gerade mal einen Platz vor der Relegation. Also muss der Trainer gehen, offensichtlich soll jetzt ein österreichisches Erfolgstrio für Aufwind im Kraichgau sorgen. Sportgeschäftsführer Andreas Schicker ist schon länger da, er holte Paul Pajduch als Techn. Direktor nach und jetzt ist als neuer Coach Christian Ilzer im Gespräch – alle drei arbeiteten vier Jahre lang bei Sturm Graz erfolgreich zusammen und führten den Verein sogar zur Meisterschaft, die bis dahin in Österreich von RB Salzburg dominiert wurde. Träumen sie jetzt in Hoffenheim sogar von dem Titel?
Von Titeln träumen die Bundesligisten in den europäischen Wettbewerben, doch unbedingt auf Erfolgskurs sind sie nicht. Bei Halbzeit der Ligen befinden sich unter den Top 10 immerhin Eintracht Frankfurt (4. – Hoffenheim 19.) in der Europa League, der 1. FC Heidenheim (6., noch ungeschlagen!) in der Conference League und (erstaunlich) Borussia Dortmund (7.) in der CL. Dort haben Bayer Leverkusen (13.) und Bayern München (17.) noch Nachholbedarf, Stuttgart (27.) und Leipzig (32.) müssen um den Einzug in die Play-Offs (Rang 24) bangen.
Saisonabschluss für Nagelsmann
Das Jahr, in dem die Fußball-Nationalmannschaft sich wieder in die Herzen der Fans gespielt hat, will Bundestrainer Julian Nagelsmann jetzt zu einem erfolgreichen Abschluss führen. Zwei Spielen stehen noch in der Nations League an, am Samstag in Freiburg gegen Bosnien-Herzegowina und am Dienstag, 19.11., in Budapest gegen Ungarn. Deutschland führt mit zehn Punkten die Gruppe 3 der Liga A vor den Niederlanden (5) an, ein Sieg bedeutet Platz 1 und bringt Vorteile bei der nächsten WM-Auslosung. Das sollte gegen Bosnien gelingen (Hinspiel 2:1 für Deutschland). Nagelsmann muss allerdings wieder mit Absagen leben, zuletzt musste der Stuttgarter Undav absagen, dafür kommt Leroy Sané von den Bayern zu seinem Comeback. Ebenso kehrten die Dortmunder Brandt und Nmecha zurück, sie können beim DFB-Team ihre Nerven beruhigen.
Die große Überraschung bei der Nennung des Aufgebots war die Nominierung von Stefan Ortega Moreno als dritter Torhüter. Er hat es sich schon lange verdient, war aber bisher außen vor, weil er bei Manchester City keinen Stammplatz inne hat. Aber immer wenn er im Einsatz war, glänzte er, so dass sein Trainer Pep Guardiola schon damit liebäugelte ihn zur Nummer 1 zu machen. Jetzt bekam er aber ein besonderes Geschenk zu seinem 32. Geburtstag.
Das Aufgebot: Tor: Baumann, Nübel, Ortega. – Abwehr: Gosens, Henrichs, Kimmich, Koch, Mittelstädt, Rüdiger, N. Schlotterbeck, Tah. – Mittelfeld: Andrich, Brandt, Führich, Groß, Musiala, Nmecha, Stiller, Wirtz. – Angriff: Gnabry, Havertz, Kleindienst, Sané.
Wölfinnen beißen wieder
Bemerkenswertes tut sich gerade in der Frauen-Bundesliga. Meister Bayern München schwächelt und die Wölfinnen beißen wieder. Dazu profilierte sich Eintracht Frankfurt als dritte Kraft. Die Bayern-Mädchen haben das „Dortmund-Syndrom“ vom vergangenen Jahr, stark in der Champions League, nicht so stark in der Bundesliga. Nach der Niederlage in Wolfsburg kamen sie jetzt auch in Freiburg nur zu einem glücklichen 2:2 und fielen auf Rang drei zurück, nachdem Frankfurt Gegner Köln mit 8:0 abfieselte. Die Wölfinnen aber beißen wieder und übernahmen mit einem 3:0 bei Hoffenheim die Tabellenspitze mit jetzt zwei Punkten Vorsprung vor Frankfurt und München (je 20). Am Tabellenende wartet Schlusslicht Potsdam nach neun Spielen immer noch auf sein erstes Tor!
In der Champions League trumpfen die Bayern-Mädchen aber auf, schlugen bekanntlich Juventus Turin und Arsenal London. Jetzt ist zweimal das bisher punktlose Team von Valerenga Oslo der Gegner, zunächst am Dienstag in München. Allerdings sollten die Bayern dabei nicht ihr Bundesliga-Gesicht zeigen! Frankfurt schaffte es ja nicht in die Gruppenspiele, Wolfsburg muss nach Niederlagen gegen AS Rom und Lyon um den Einzug ins Achtelfinale bangen. Nun gibt es die Duelle mit dem ebenfalls noch sieglosen Galatasaray um die letzte Chance. Mittwoch wird zunächst in Istanbul gespielt.