Das Nagelsmann-Wunder: DFB-Elf reif für einen Titel

von knospepeter

Das Länderspieljahr ist noch nicht beendet, doch die letzte Aufgabe am Dienstag in Budapest gegen Ungarn ist nur Beiwerk, quasi ein Pflichtspiel (fast) ohne Bedeutung. Selbst eine Niederlage kann die positive Bilanz nicht schmälern, das Jahr 2024 wird einmal rückblickend in der Fußball-Geschichte als das Jahr des Comebacks der Nationalmannschaft bezeichnet werden. Julian Nagelsmann schaffte als Bundestrainer ein Wunder, aus einem verlorenen „Haufen“ machte er eine Gemeinschaft mit der Gier und Lust auf Sieg. In der Tat ist die DFB-Elf Marke 2024 reif für einen Titel. Über die Nations League soll der Weg zum großen Ziel Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Mexiko und Kanada führen. Keiner lacht mehr, wenn es heißt, „wir wollen gewinnen“.

Man muss ein Jahr zurück blicken, um die große Wandlung zu verstehen. Im November 2023 verlor Deutschland in den ersten Wochen von Nagelsmann als Bundestrainer gegen die Türkei und Österreich. Diese Niederlagen waren Alarmsignal und Weckruf zugleich. Nagelsmann krempelte das Team komplett um, legte Wert auf gute Stimmung und legte mit seinem Team eine gelungene Europameisterschaft hin, die zwar nicht ins Finale führte, aber doch die Fans zufrieden stellte. Das Aus gegen Spanien schadete nicht, Deutschland war zurück im Kreis der Großen, Fußball war zurück auf Platz eins in der Beliebtheitsskala des Sports.

Nagelsmann verabreichte den Spielern die richtige Medizin für eine erfolgreiche Zukunft. Jedes Spiel ist wichtig, man muss sich an das Siegen gewöhnen, um große Titel zu holen. So gewann die vorher ungeliebte Nations League plötzlich an Bedeutung, mit dem Ziel Platz eins ließ sich die DFB-Elf auch von den Niederlanden nicht aufhalten und lieferte mit dem 7:0 gegen Bosnien-Herzegowina die Krönung nach Toren von Musiala, Wirtz (2), Kleindienst (2), Havertz und Sané. Selbst Chefkritiker Lothar Matthäus sprach bei der Torflut in Freiburg von „einem der besten Länderspiele aller Zeiten“, lobte die Ball-Künstler Musiala, Wirtz und Havertz über den grünen Klee. Mit ihnen verbindet sich die Hoffnung auf eine gute Zukunft, die Abgänge von Neuer, Kroos, Müller und Gündogan, Stützen der letzten Jahre, sind vergessen. Natürlich war Bosnien kein Gegner der ersten Güte und dennoch wurden Erinnerungen an das 7:1 gegen Brasilien bei der WM 2014 wach, was damals bis zum Titelgewinn führte. Es war übrigens das vierte 7:0 bei einem Länderspiel in Freiburg (vorher Luxemburg 2006, Malta 2004 und Kuwait 2002)!

Erstaunlich wie der jetzige Kader selbst Ausfälle verkraftet. Immerhin fehlte zuletzt mit Füllkrug der Torjäger, doch Nagelsmann zauberte Tim Kleindienst aus dem Hut, der mit seinen Leistungen und Toren auch einen gesunden Füllkrug auf die Bank drängt. Mit Undav, Pavlovic und Stiller fehlten drei Spieler der Zukunft, doch das fiel in der Gegenwart nicht auf. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass auch das Team um das Team für gute Stimmung und Erfolge wesentlich mit verantwortlich ist. Hier bangen Spieler und Verband allerdings darum, ob Co-Trainer Sandro Wagner abgeworben wird oder nicht. Der eigentlich redselige Ex-Nationalspieler gilt als neuer Stern am Trainer-Himmel bleibt aber ruhig im Hintergrund. Trotz zahlreicher attraktiver Angebote könnte es sein, dass er erst alle Trainerscheine machen will und die WM 2026 für ihn ein großer Anreiz ist.

Vorher geht es aber im nächsten Jahr um die Nations League, quasi ein Probe-Titel für die WM. Am Freitag ist die Auslosung für die K.o.-Runde, für welche die Gruppensieger Portugal, Frankreich, Spanien und Deutschland (alle mit 13 Punkten!) qualifiziert sind, sie treffen auf einen Gruppenzweiten, das sind Italien, die Niederlande, Kroatien sowie Dänemark oder Serbien, die am letzten Spieltag in der Gruppe 4 direkt den Platz ausspielen. Absteigen müssen die Gruppenletzten Polen, Israel, Bosnien-Herzegowina und die Schweiz. Den Aufstieg sicher haben England mit zwei Siegen am Wochenende und Norwegen, das mit Siegen gegen Slowenien und Kasachstan Österreich von Platz 1 in der Gruppe 3 der Liga B verdrängte. Österreich dominierte im letzten Spiel zwar Slowenien, verpasste mit einem 1:1 aber den direkten Aufstieg. Der ist über die Play-Offs gegen die Gruppendritten der Liga A noch möglich. Das Viertelfinale der Nations League wird mit Hin- und Rückspielen vom 20. bis 25. März 2025 ausgetragen, die Finalrunde der besten vier Teams folgt vom 4. – 8. Juni in einem Land, das dafür qualifiziert ist. Deutschland hat sich schon einmal beworben, für den Fall, dass es dabei ist. Im Moment zweifelt da keiner, doch Italien könnte als Gegner ein Stolperstein sein. Auch dort laufen Neuaufbau und Verjüngung des Teams erfolgreich.

Ohne Pause bis Weihnachten

Das Fußball-Jahr 2024 geht in den letzten Wochen noch einmal in die Vollen, es geht ohne Pause bis Weihnachten durch, beginnend mit der Bundesliga und den Spieltagen 11 bis 15, die Hinrunde wird im Januar abgeschlossen. Dazu kommen noch zwei europäische Spieltage im November und Dezember sowie der DFB-Pokal. Am kommenden Bundesliga-Wochende dürfte besonders die Partie Dortmund gegen Freiburg im Mittelpunkt stehen, wo die Borussia beweisen muss, ob mit der Länderspielpause die Krise ad acta gelegt wurde. Immerhin ist es ja ein Heimspiel. Den Spieltag läutet das Derby München – Augsburg am Freitag ein, da taten sich die Bayern oft schwer. Im Mittelfeld gibt es plötzlich nach den Ausfällen von Pavlovic und Palhinha Besetzungsprobleme, da könnte der fast schon abservierte Leon Goretzka wieder der Glückliche sein.

Am meisten getan hat sich in der Pause bei der TSG Hoffenheim, die sich eigentlich in Sturm Hoffenheim umbenennen müsste. Gleich sechs Funktionäre und Trainer haben die Kraichgauer von Österreichs Meister Sturm Graz abgeworben. Sportgeschäftsführer Andreas Schicker machte den Anfang, Trainer Christian Ilzer wird im Mittelpunkt stehen, beide Co-Trainer Deutschl und Hölzl sind auch dabei und zum Schluss kommt im Dezember Athletikcoach Angeler. Rund vier Millionen Euro soll Hoffenheim als Ablöse auf den Tisch gelegt haben. Der Tabellenzweite Leipzig ist für den Fünfzehnten ein echter Prüfstein. Schließlich geht es gegen den Abstieg. Mal sehen, wer überhaupt nach der Länderspielpause gleich wieder in Schwung ist.

Spannung bei den Frauen

In der Frauen-Bundesliga ging es wohl selten so spannend zu wie diesmal. Wolfsburg hat als Tabellenführer nach dem 3:1 gegen Schlusslicht Potsdam (der erste Treffer!) ein kleines Polster von zwei Punkten, aber danach liegen Frankfurt und München mit je 23 Punkten gleichauf, Leverkusen folgt mit 20 Punkten, weil der 3:2-Sieg in Freiburg annulliert wurde (Verfahren noch anhängig). Gerade jetzt macht die Bundesliga aber Pause, am Wochenende wird das Achtelfinale im Pokal ausgespielt, danach ist Länderspielpause und erst am 6. Dezember geht es mit dem Spitzenspiel Leverkusen – Wolfsburg weiter.

Im Pokal muss Titelverteidiger Wolfsburg zum Regionalligisten Mainz 05, eine wesentlich schwerere Aufgabe hat Herausforderer Bayern München am Sonntag (16.00 Uhr) in Freiburg. In der Bundesliga gab es gerade ein glückliches 2:2 für die Bayern-Mädchen in Freiburg. Inzwischen zeigten sie sich aber beim 5:0 gegen Jena gut erholt. Allerdings gab es im Team auch Betroffenheit, denn Stammtorhüterin Mala Grohs machte eine schwere Erkrankung öffentlich, sie leidet an einem bösartigen Hirntumor. Die 23-Jährige wird lange ausfallen, der Verein verlängerte ihren Vertrag demonstrativ um ein Jahr bis 2026, um ihr zu zeigen, dass er hinter ihr steht. Im Tor erhält jetzt die 20-jährige Ena Mahmutovic ihre Chance, die als größtes Torwarttalent in Deutschland gilt. Sie war im Sommer von Duisburg nach München gekommen.

Mahmutovic wird vorher noch in der Champions League gefordert, da steht am Donnerstag das Rückspiel in Oslo gegen Valerenga an. Zu Hause hatten die Bayern keine Probleme, siegten 3:0 und sollten sie weiter ungeschlagen bleiben, würde das den Einzug ins Viertelfinale bedeuten, wenn Arsenal London seinen Auswärtssieg bei Juventus Turin zu Hause wiederholt. Wolfsburg hat schlechtere Karten, immerhin gelang in Istanbul der erste Sieg und bei einer Wiederholung bleibt die Chance auf Platz zwei intakt, dafür aber muss AS Rom in Lyon verlieren. Auch da gibt es also genug Spannung.