Nagelsmann verdrängt alle Sorgen mit viel Optimismus

von knospepeter

Die Endspiele in Europas Fußball-Wettbewerben sind Vergangenheit, jetzt haben die Nationalmannschaften das Wort (bevor es zur Klub-WM geht). Bundestrainer Julian Nagelsmann wird dabei nicht müde, die Nations League in den Rang eines wichtigen Turniers zu erheben. Die gleiche Nations League, die seine Vorgänger nur als bessere Testspiele bezeichnet haben. Aber Nagelsmann sieht vor allem das Endturnier, das Final Four, als beste Generalprobe, um im nächsten Jahr mit Rückenwind zur Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko zu fliegen. Also peilt der Bundestrainer den Titelgewinn an, damit die Spieler quasi ein Titel-Gefühl bekommen. Wie heißt es so schön, „erst ein Titelchen, dann der Titel“!

Bei der Vorbereitung auf das Endturnier von Mittwoch bis Sonntag in München und Stuttgart vertraut der Bundestrainer auf die bewährte Atmosphäre im Home Ground von Partner Adidas in Herzogenaurach. Mit viel Optimismus verdrängt er dabei die Sorgen im Kader, weil er laufend mit Verletzungsproblemen konfrontiert wird. Gegenüber den spektakulären Spielen gegen Italien im Viertelfinale mit dem 3:3 in Dortmund am 23. März wird die Mannschaft ein anderes Gesicht haben. Tim Kleindienst und Nico Schlotterbeck sind nach wie vor verletzt, Antonio Rüdiger und Jamal Musiala noch nicht fit. Aktuell fallen aus dem Aufgebot auch noch Amiri, Bisseck und der nachnominierte Burkhardt verletzt aus. Dafür wurde Thilo Kehrer (Monaco) nachgeholt. Im Tor gibt es allerdings ein Comeback, Nagelsmann gab dem lange verletzten Marc-Andre ter Stegen, seine nominelle Nummer eins, eine Einsatzgarantie, Oliver Baumann rückt wieder ins zweite Glied. Für ter Stegen sollten die Spiele gut für seine Psyche sein, er kam in Barcelona noch nicht oft zum Einsatz und jetzt wird auch seine Zukunft dort trotz Vertrag in Frage gestellt. Hoffentlich kehrt er bei diesen Problemen mit der gewohnten Sicherheit als Rückhalt ins Tor zurück. Der Trainer als Vorbild: Optimismus ausstrahlen!

Portugal ist der Halbfinalgegner am Mittwoch (21 Uhr) in der Allianz Arena, am Donnerstag wird in Stuttgart zwischen Frankreich und Spanien der Finalgegner für Sonntag (21 Uhr, in München), gesucht (Spiel um Platz drei Sonntag, 15 Uhr, in Stuttgart). Die Bilanz gegen Portugal ist positiv, in den 21 Spielen gab es 13 deutsche Sieg, 5 Unentschieden und nur 3 Niederlagen. Beim letzten Aufeinandertreffen in der Gruppenphase der EM 2021 siegte Deutschland 4:2, die letzte Niederlage gab es 2000 ebenfalls in der EM-Gruppenphase mit 0:3. Einen Favoriten gibt es eigentlich nicht, mit Schwung will Nagelsmann dem Gegner trotz des „ewigen“ Cristiano Ronaldo (40) keine Chance lassen. Vorbild ist die erste Halbzeit gegen Italien, als es 3:0 stand, auf keinen Fall will man die Schwächen der zweiten Halbzeit wiederholen. Nur das schöne Gesicht zeigen…

Aber es wird ja eine andere Mannschaft sein. In der Abwehr werden Anton oder Koch den verletzten Rüdiger ersetzen, im Mittelfeld fehlt Angelo Stiller, so dass wohl wieder Groß und Goretzka das Duo bilden werden, Pavlovic und Nmecha stehen parat. Wie aber sieht das Puzzle in der Offensive aus? Musiala und Kleindienst fehlen, dafür kehrt Niclas Füllkrug zurück, dürfte aber eher als Joker zum Zug kommen. Anders sieht es bei Nick Woltemade aus, der 23-Jährige Stuttgarter ist der Spieler der Stunde, „er hat das Momentum auf seiner Seite“, sagt Nagelsmann. Er könnte Musiala oder Kleindienst ersetzen, während auf den Flügeln Sané, Gnabry und Adeyemi zur Verfügung stehen. Einige Fragen sind offen, die DFB-Elf muss die richtigen Antwort finden.

Während die Nationalmannschaft für einen erfolgreichen Saison-Abschluss sorgen will, herrscht bei den Vereinen Hochbetrieb bei der Vorbereitung für die neue Saison. Dabei standen in den letzten Tagen vor allem die Trainer im Mittelpunkt. Mit Erik ten Hag bei Bayer Leverkusen und Sandro Wagner in Augsburg gab es die erwarteten Verpflichtungen. Wagner steht Nagelsmann beim DFB-Team letztmals zur Seite, sein Nachfolger wird Benjamin Hübner, der in Hoffenheim drei Jahre unter Nagelsmann gespielt hat. In Bremen wird Horst Steffen Nachfolger von Ole Werner, der nach unterschiedlichen Ansichten über die Zukunft vorzeitig gehen musste. Steffen wurde vom Verlierer zum Sieger, mit Elversberg schaffte er den Aufstieg in die Bundesliga nicht, scheiterte am 1. FC Heidenheim, der sich über sein drittes Jahr im Oberhaus freut. Der SVE-Coach landet also dennoch in der Bundesliga. Auch der 1. FC Köln hat mit Lukas Kwasniok einen neuen Coach gefunden, der zuletzt erfolgreich in Paderborn gearbeitet hat. Für die größte Überraschung bei der Trainerwahl sorgte Altmeister Schalke 04, denn Miron Muslic ist hierzulande ein unbeschriebenes Blatt. Der 42-jährige Bosnier, in Österreich aufgewachsen, arbeitete zuletzt bei Plymouth in England. Schalke ist seine vierte Trainer-Station, er hielt es allerdings nirgends ein ganzes Jahr aus! Das passt zu Schalke mit drei Trainern in einer Saison.

Optimismus auch bei den Frauen

Die Frauen-Nationalmannschaft ist schon einen Schritt weiter als die Männer und näher dran am Turnier, die Europameisterschaft beginnt am 2.Juli in der Schweiz. Beim 4:0-Sieg über die Niederlande in der Nations League zeigte sich die DFB-Elf bereits in EM-Form und steht damit als Gruppensieger fest. Das konnte nicht unbedingt erwartet werden, denn im Vorfeld kam es zu Unstimmigkeiten. Bundestrainer Christian Wück blieb allerdings gelassen, beruhigte die Gemüter, weiß aber auch, „bei der Nominierung muss ich einigen wehtun.“ Eine Stammschaft für die EM zeichnet sich ab, das größte Fragezeichen ist die Besetzung der „Zehn“ mit Linda Dallmann oder Laura Freigang. Gegen die Niederlande avancierte Dallmann zur besten Spielerin, sorgte für Tempo, und für die Führung. In Bestform auch Torjägerin Lea Schüller, die zwei Treffer beisteuerte, dazu traf mit Sarai Linder eine Verteidigerin, um deren Nominierung es Diskussionen gegeben hat. „Das war unser bestes Heimspiel“, jubelte Linda Dallmann und Kapitän Giulia Gwinn stellte fest: „Wir sind definitiv in EM-Form.“ Am Dienstag in Wien geht es gegen Österreich nur noch um die Bestätigung der Leistung, danach gibt es einen kurzen Urlaub, bevor der EM-Lehrgang beginnt.

So dürfte die Stammelf ausschauen: Berger – Gwinn, Minge, Knaak (Hendrich), Linder – Nüsken, Senß – Brand, Dallmann (Freigang), Bühl – Schüller.

Auch bei den Frauen-Bundesligisten ist die neue Saison schon im Visier, Meister Bayern München präsentierte seinen neuen Trainer Es ist der Spanier José Barcala, zuletzt Trainer in Genf, der die erfolgreiche Arbeit von Alexander Straus fortsetzen soll. Auch Verstärkung steht bereits fest, für die Abwehr kommen Vanessa Gilles (29/Kanada) zuletzt von den Angel City an Lyon ausgeliehen, und Stina Ballisaga (31/Dänemark) vom AC Florenz. Die an den FC Sevilla ausgeliehene Stürmerin Natalia Padilla Bidas (22/Polen) kehrt nach München zurück.

Paris vom Bösewicht zum Vorbild

Was wurde nicht über Paris St. Germain geschimpft, eine auf dem Papier geplante Mannschaft, die mit viel Geld aus Katar und Stars aus aller Welt Titel gewinnen soll. Doch egal unter welchem Trainer (u. a. Thomas Tuchel) oder ob mit Messi, Neymar oder Mbappe, es klappte nicht. Plötzlich wurde aus dem Bösewicht das Vorbild. Motto: Eine Chance für den Nachwuchs. Die Stars weg, die Jungen da und plötzlich auch der Sieg in der Champions League. Das 5:0 gegen Inter Mailand war ein Pariser Fußballfest, der höchste Sieg aller Zeiten, aber auch eine Demütigung für die Italiener, die nie zu ihrer Form fanden. Held war einerseits Trainer Luis Enrique, der vor zehn Jahren bereits mit dem FC Barcelona den Titel geholt hatte, andererseits Jungstar Desiré Doué, der an den ersten drei Toren beteiligt war und Nummer 2 und 3 selbst erzielte. Der Franzose war im Sommer übrigens auch in München im Gespräch, doch die Bayern hatten nach unnötigen Verpflichtungen nicht mehr das nötige Geld. Paris legte dafür 50 Millionen Euro hin, die sich jetzt bezahlt machten. Auch die jungen Spieler kosteten Geld, Paris hatte sich für immerhin 240 Millionen verstärkt.

Die Bayern haben übrigens für Doué jetzt einen neuen Flügelflitzer im Visier, Rafael Leao vom AC Mailand. Der Portugiese stellt sich mit seinem Nationalteam am Mittwoch in München vor…

Hoffentlich ist beim Länderspiel der Rasen in der Allianz Arena wieder in bestem Zustand, Pariser Fans haben ihn ziemlich ramponiert, weil sich einige Grün als Souvenir herausschnitten, Schade, dass die Siegesfeiern in Frankreich nicht nur fröhlich waren, sondern von Chaoten auch zu Krawallen missbraucht wurden. Ein Problem, unter dem der Fußball immer wieder leidet.