Wer sind die Lieblinge der Nation: Bayern, BVB, die U21 oder die Frauen?

von knospepeter

Der Fußball-Sommer hat es in sich, von Erholung keine Spur, nicht nur wegen der Hitze, wie es scheint, derzeit überall auf der Welt. Bei den Turnieren geht es sowieso hitzig zu und was die deutschen Teilnehmer angeht, da steht die Frage im Raum: Wer sind denn wirklich die Lieblinge der Nation?

Eine Mannschaft hat sich zweifellos in die Herzen der Fans gespielt. Ein Team, von dem man es nicht erwartet hatte, denn wer interessierte sich bisher schon groß für die U21. Die Stars von morgen waren Mitläufer im Heute. Doch diesmal war bei der Europameisterschaft in der Slowakei alles anders. Die Jungs um Noah Antubolu, Rocco Reitz und Nick Woltemade begeisterten mit ihrem erfrischenden Spiel die Nation, der übertragende TV-Sender SAT1 hatte ungeahnt gute Einschaltquoten, über sechs Millionen Fans drückten beim Endspiel an den Bildschirmen die Daumen. Sie eroberten die Herzen, gewannen am Ende aber doch keinen Titel, das Aluminium stand bei der 2:3-Niederlage nach Verlängerung im Finale gegen England zweimal in den entscheidenden Minuten im Wege. So gab es nach zwei Jahren und 20 Spielen erstmals wieder eine Niederlage. Helden waren sie am Ende also nicht. Woltemade konnte sich damit trösten, dass er mit sechs Treffern bester Torschütze des Turniers wurde, am Ende bremste ihn aber, dass er ungewollt mit Wechselgerüchten im Mittelpunkt stand. Als bester Spieler des Turniers wurde der Engländer Elliott gewählt, der seine Mannschaft zum zweiten Titelgewinn in Folge führte. Trost spendete Bundestrainer Julian Nagelsmann: „Sie hätten den Titel verdient gehabt. Ich bin mir sicher, dass wir einige in der A-Nationalmannschaft sehen werden.“ Kollege Antonio Di Salvo war dagegen geknickt, auch für ihn platzte ein Traum, aber er hat an Geltung gewonnen. Nun geht es mit dem nächsten Jahrgang an den Neuaufbau, sieben aus dem Team können altersmäßig bleiben (Stichtag 1.1.2004).

Die Klub-WM stand demgegenüber fast im Schatten, aber die deutschen Klubs Bayern München und Borussia Dortmund kämpfen noch darum, die Herzen der Fans daheim zu gewinnen. Von begeisternden Spielen kann bisher allerdings kaum die Rede sein, allerdings bremsten Hitze und Unwetter vielfach die Stars auf dem Rasen, die sich eher als Grillhähnchen fühlten. Die Bayern hatten im letzten Gruppenspiel einen Hänger, als sie mit einem 0:1 gegen Benfica Lissabon den Gruppensieg aus der Hand gaben. Sie gingen zwar Chelsea aus dem Weg, handelten sich aber die schwerere Seite des Spielplans ein. Na ja, Benfica schied mit einem 1:4 n. V. gegen Chelsea aus, die Bayern blieben dagegen mit einem beeindrucken 4:2 gegen Flamengo aus Rio de Janeiro im Rennen. Nun geht es am Samstag (18 Uhr MESZ) im gekühlten Stadion von Atlanta gegen den WM-Favoriten Paris St. Germain. Aber: Wer Weltmeister werden will, muss jeden schlagen. Harry Kane war mit zwei Treffern der maßgebliche Faktor, Leroy Sané verabschiedete sich mit einem letzten Einsatz nach Istanbul.

So weit wie die Bayern ist Borussia Dortmund noch nicht, da steht im Achtelfinale am Mittwoch (3 Uhr) die Hürde CF Monterrey aus Mexiko noch bevor. Begeistern konnte die Borussia bisher nicht, aber sie ging Stück für Stück ihren Weg. „Wir müssen uns allein auf uns besinnen“, hat Trainer Niko Kovac als Losung ausgegeben. Für ihn ist klar, dass nicht der beste Fußball nach der langen Saison gezeigt werden kann. „Keiner kann hier Höchstleistungen zeigen.“ So will man sich Stück für Stück weiter hangeln. Ein deutsches Halbfinale wäre möglich.

Bei den Bayern geriet allerdings die Klub-WM ein wenig in den Hintergrund, weil die Transfergerüchte um Nick Woltemade die Schlagzeilen beherrschten. Kontaktaufnahmen lassen sich bei der heutigen Medienlandschaft nicht mehr verheimlichen und so kam raus, dass es gegenseitige Sympathien gibt: Die Bayern wollen Woltemade, Woltemade will nach München. Der große Mitspieler ist der VfB Stuttgart, bei dem der Jungstar noch einen Vertrag bis 2028 hat. Wenn er gehen will, sind 100 Millionen Euro Ablöse aufgerufen, die Bayern gehen von 50 Millionen aus. Heikel ist Verhandlungsposition mit Sebastian Hoeneß und Vater Dieter auf der einen und Onkel/Bruder Uli auf der anderen Seite. Der hat noch einen anderen Mitspieler abgekanzelt. Lothar Matthäus, bekanntlich Experre auf allen Kanälen, hat verlauten lassen, dass Woltemade 80 bis 100 Millionen wert sei, was Uli Hoeneß mit „der hat nicht alle Tassen im Schrank“ kommentierte. Matthäus sorgt mit seiner Aussage dafür, dass am Ende einer immer als Verlierer dasteht.

Den Bayern geht es lieber um Siege und da feierten sie in der Heimat ein Erfolgserlebnis. Die Basketballer gewannen doch noch im fünften Spiel gegen Ulm die Deutsche Meisterschaft, die nach Pokal-Aus und Verpassen der Euroleague-Play-Offs ein bisschen die Saison rettete. Präsident Herbert Hainer strich eine Besonderheit heraus: „Ich bin der erste Präsident, der alle drei deutschen Titel gewonnen hat, im Fußball bei Frauen und Männern und jetzt im Basketball.“ Basketball-Fan Uli Hoeneß hatte das nicht geschafft.

Frauen wollen den Titel

Wie man Fans begeistern kann, das wissen die deutschen Fußball-Frauen. Am Montag kamen sie in ihrem Fünf-Sterne-Quartier in Zürich an und stellten gleich mal klar: „Wir wollen den Titel gewinnen.“ Zu den Favoritinnen gehört die Mannschaft von Bundestrainer Christian Wück auf jeden Fall, auf gleicher Stufe stehen bei der Europameisterschaft in der Schweiz mindestens auch England und Spanien. Aber die Frauen können auch ohne Titelgewinn begeistern, das letzte EM-Finale 2022 in Wembley verfolgten in Deutschland 17,95 Millionen Zuschauer in der ARD. Das wird kaum zu wiederholen sein, aber die Herzen werden ihnen wieder zufliegen, noch mehr als der U21, wenn sie erfolgreich sind. „Wir wollen die Fans begeistern“, sagt DFB-Sportdirektorin Nia Künzer. Begeisterung gibt es auch bei den Einheimischen, ein neuer Zuschauerrekord ist sicher, in England waren es 574.875 Besucher, in der Schweiz sind von 630.000 Tickets bereits an die 600.000 verkauft. Vielleicht gibt es sogar südländische Stimmung auf den Rängen!

Zurück zum Spiel. In Wembley unterlag Deutschland Gegner England mit 1:2 nach Verlängerung, den letzten Titelgewinn gab es 2013, es war der sechste in Folge seit 1995, außerdem gewann Deutschland 1989 und 1991, ist also mit Abstand Rekordhalter. Schweden gewann zum Start 1984, Norwegen 1987 und 1993, England 2022 und die Niederlande davor 2017. Weltmeister Spanien war also noch nie Europameister, da wird der Ehrgeiz besonders groß sein.

Die große Stärke der Wück-Schützlinge ist die mannschaftliche Geschlossenheit. „So eine gute Stimmung haben wir noch nie erlebt,“ heißt es aus Mannschaft. Der Trainer musste sich erst an die Frauen gewöhnen (und sie an ihn), aber er hat Erfahrung mit Titelgewinnen. 2023 führte Wück die U17-Jungs sensationell zum Europa-Titel und danach sogar zum Gewinn der Weltmeisterschaft. Der Bundestrainer hat in der Mannschaft nach Irritationen bei der Nominierung jetzt rechtzeitig für Klarheit gesorgt, „jede kennt ihre Rolle“. Die Mannschaft hat sich in den letzten Länderspielen abgezeichnet, dass es jetzt über Wochen keinen Test gab, war der Wunsch vom Trainer. „Wir simulieren das im Training, wir sind bestens vorbereitet.“

Das Team steht, aber es gibt auch eine starke zweite Reihe. Das Stammteam dürften so lauten: Berger – Gwinn, Minge, Knaak, Linder – Nüsken, Senß – Brand, Dallmann, Bühl – Schüller. Wechsel wird es immer geben, Talent Kett könnte für Linder kommen, Lohmann und Däbritz warten im Mittelfeld, Freigang könnte Job-Sharing mit Dallmann machen, Cerci, Zicai und Hoffmann stehen im Angriff bereit. Start in Gruppe C ist am Freitag (21 Uhr) in St. Gallen gegen Polen, danach folgen Dienstag, 8.7. (18 Uhr) in Basel Dänemark und am Samstag, 12.7. (21 Uhr) in Zürich Schweden. Eine starke Konkurrenz, dennoch sollte der Gruppensieg möglich sein. In Gruppe A spielen Gastgeber Schweiz, Norwegen, Island und Finnland. in Gruppe B Spanien, Portugal, Belgien und Italien, in Gruppe D ist der größte Konkurrenzkampf zwischen England, Frankreich und den Niederlanden, dazu kommt Wales. ARD und ZDF haben die TV-Übertragungsrechte und werden alle Spiele live übertragen (teilweise in der Mediathek). Schon im Vorfeld wurde Werbung für das Turnier betrieben. Es ist also angerichtet, dass die Frauen zu den Lieblingen der Nation werden. Doch entscheidend ist – wie immer – auf dem Platz!