WM-Titel in weiter Ferne: Ecuador wird für Nagelsmann zur Falle

von knospepeter

Jetzt geht die Fußball-Weltmeisterschaft erst richtig los! Am Sonntag beginnt mit dem Sechzehntelfinale die K.o.-Runde, das Vorgeplänkel der Gruppenspiele ist vorbei. Der WM-Modus ist mit 48 Mannschaften allerdings so kompliziert, dass am Tag vorher noch nicht alle Teilnehmer und Paarungen feststehen. Die Aufstockung von 32 auf 48 hat Vor- und Nachteile. Natürlich waren viele Nationen glücklich, weil sie bei 32 Teams hätten zu Hause bleiben müssen, ihre Fans sorgten vielfach für echte WM-Stimmung. Also ein Gewinn. Allerdings ist der Modus kompliziert, die Reisen werden mehr, die vielen Flüge schaden der Umwelt und die Spannung hält sich anfangs meist in Grenzen. Man hätte auf die Aufstockung verzichten können, doch eine Reduzierung wird es nie mehr geben, eher ist es umgekehrt, die Verbände aus Südamerika, Asien und Afrika haben schon 64 Teilnehmer im Visier. Dahinter steckt eben die Chance der Teilnahme und – Geldgier. Die meisten der „kleinen“ Nationen sind ausgeschieden, u. a. Curacao, das aber tapfer mithielt, Haiti, Katar, Neuseeland, Irak, Usbekistan und Panama müssen wieder heimreisen. Noch dabei sind sensationell die Kap Verden, die Punkte gegen Uruguay und Saudi-Arabien holten und die Saudis schließlich heimschickten. Logisch, da wird gefeiert, dass die Inseln fast untergehen… Nun geht es gegen Titelverteidiger Argentinien, aber erst am 4. Juli. Überraschend ausgeschieden sind dagegen auch die Türkei und Tschechien, dort beendete Patrick Schick seine Nati-Karriere.

Deutschland ist noch dabei, anders also als 2018 und 2022, aber das Weiterkommen wurde erleichtert. Im deutschen Team gibt es aber Ernüchterung statt Euphorie, die 1:2-Niederlage gegen Ecuador hat Spuren hinterlassen, der vorzeitige Gruppensieg hat nicht gut getan, Deutschland gibt Rätsel auf. So ist der WM-Titel in weite Ferne gerückt. Vor allem für Bundestrainer Julian Nagelsmann wurde das letzte Spiel zur Falle. Anfangs hatte er den richtigen Plan, die Stammformation aufzubieten, „Einspielen“ war das Motto, der Flow sollte genutzt werden. Doch der Kampfeswille blieb in der Kabine, Nagelsmann griff zur Rotation und brachte endgültig alles durcheinander. Es war leicht zu greifen, Ecuador brauchte den Sieg und wollte den Sieg, die Deutschen wollten nur ein bisschen spielen, kamen meist einen Schritt zu spät. So auch Torhüter Manual Neuer beim Siegtreffer, als er zu langsam nach dem Ball griff, die Fußspitze des Stürmers war schneller.

Kapitän Joshua Kimmich sah es richtig: „Man hatte das Gefühl, dass der Gegner mehr gewinnen wollte als wir“. Nagelsmann tat dies als „Quatsch“ ab und gestand, „wenn wir hätten gewinnen müssen, hätte ich anders gewechselt“. Mit der Aussage machte er zwei Fehler auf einmal: Erstens waren die Einwechslungen für Stiller, Thiaw, Beier und Groß (Ausnahme Undav) wohl nur ein „Zuckerl“, damit sie ihr WM-Spiel haben. Aber warum musste Woltemade draußen bleiben? Weil er noch gebraucht wird? Nagelsmann sagte damit nämlich nichts anders, wenn wir hätten gewinnen müssen, wären eher Leweling, Anton, Goretzka oder Amiri gekommen. So disqualifiziert sich Nagelsmann als Bundestrainer selbst. Wie kalauerte Jürgen Klopp: „Nagelsmann ist der Bundestrainer – noch“.

Der nächste Gegner ist am Montag (22.30 Uhr in Boston) in der ersten K.o.-Runde Paraguay, der Dritte der Gruppe D, der gegen die USA (1:4), Türkei (1:0) und Australien (0:0) keine Bäume ausriss, aber gut mit Ecuador zu vergleichen ist. Paraguay war Sechster in der Südamerika-Qualifikation, punktgleich mit Kolumbien (28:18 Tore), Uruguay (22:12) und Brasilien (24:17). Paraguay schoss nur 14 Tore, musste aber auch nur zehn Gegentreffer hinnehmen und hatte damit nach Ecuador (14:5) die beste Abwehr. In zwölf Spielen gab es nur eine Niederlage, vor der Qualifikation wurde der Argentinier Gustavo Alfaro als Trainer installiert, der 63-Jährige steht auf Defensive. Wie aber kann Deutschland diesmal ein Abwehrbollwerk knacken? Da müssen Havertz, Wirtz und Musiala endlich in Form kommen und die gesamte Mannschaft schneller und ballsicherer operieren. Paraguay bevorzugt zudem das körperliche Spiel und das machte den Nagelsmännern gegen Ecuador besonders zu schaffen. Der Bundestrainer ist hier ratlos: „Das kann man so schnell nicht lernen.“ Keine guten Aussichten also, es gibt nur einen Trost: Bei einem WM-Turnier kann alles schnell anders aussehen. 2002 schlug Deutschland bei schwachen Gruppenspielen Paraguay durch eine Tor von Oliver Neuville kurz vor Schluss mit 1:0 – und wurde dann Vizeweltmeister (0:2 gegen Brasilien). Na, geht doch!

In der nächsten Runde wartet wahrscheinlich Frankreich als Gegner (Dienstag Duell mit Schweden), das bisher den besten Eindruck hinterlassen hat, das Sturmtrio Olise, Mbappé und Dembele nimmt jede Abwehr auseinander. Titelverteidiger Argentinien lebt dagegen von seinem Star Lionel Messi, der alle fünf Tore erzielt hat, Spanien und Brasilien schwächelten zwischendurch, die USA überraschte mit einem Gruppensieg gegen Parguay, die Türkei und Australien. Mexiko ist ebenso Gruppensieger und dort schwärmen alle von der größten Begeisterung. Kanada wurde Zweiter hinter der Schweiz und trifft am Sonntag (21 Uhr) in Los Angeles auf Südafrika. Damit ist Kanada in der WM-Geschichte das erste Gastgeberland, das auswärts antreten muss!. Auch dies ein Nachteil der Aufstockung!

Als weitere Spiele im Sechzehntelfinale stehen zur Stunde fest: Brasilien – Japan, Niederlande – Marokko, Elfenbeinküste – Norwegen, USA – Bosnien-H., Australien – Ägypten und Argentinien – Kap Verde.

Die Machenschaften des Gianni Infantino

Er fühlt sich als „König der WM“ und das zeigt er zu gerne. FIFA-Präsident Gianni Infantino ist fast allgegenwärtig, jettet mit einem von Katar zur Verfügung gestellten Flieger von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Zwei Spiele am Tag will er unbedingt sehen, was auch die Klimaschützer kritisiert haben. Aber einen Klimawandel gibt es für Trump-Jünger Infantino offensichtlich nicht. Er spricht von einer klimaschonenden WM. Besonders gern präsentierte er sich mit hohen Gästen, wie dem niederländischen Königspaar. Besondere Inszenierungen hat er laut Süddeutscher Zeitung bei den Spielen. Er lässt sich in den ersten 15 Minuten jeder Halbzeit umringt von Staatschefs und Kicker-Legenden ablichten, seine Mitarbeiter müssen dafür sorgen, dass die TV-Kameras auf ihn gerichtet sind. Die prominenten Fußballer werden von der FIFA eingeladen, teure Hotels werden natürlich bezahlt und für das Kommen gibt es noch stattliche Honorare! Den Kniefall vor Trump wird es auch beim Finale geben, Trump soll den WM-Pokal überreichen, als erstes Staatsoberhaupt überhaupt. Dies sollte immer die Aufgabe des FIFA-Präsidenten sein.

Dass Infantino möglichst viele Spielen sehen will, hat auch den Grund, dass er die Repräsentanten aller Verbände treffen will. Dort geht es ihm vor allem um Wahlwerbung, denn bei den Neuwahlen 2027 will der Schweizer wieder kandidieren und da muss er Zustimmung gewinnen. So macht er den Funktionären deutlich, wie sie von ihm profitieren können, er sorgt für Geld, lebt selbst gut davon, aber verteilt es auch an die Nationen. So müssen immer mehr Milliarden her, der Hauptgrund auch, warum die Trinkpausen eingeführt wurden. Die TV-Sender können attraktive Werbung verkaufen und die FIFA höhere Übertragungsgebühren verlangen – ein Kreislauf des Geldes. Also müssen wir uns nicht wundern, wenn die WM mit 48 Nationen hochgelobt wird und bald über 64 abgestimmt wird. Mehr Teilnehmer, mehr Nationen, die ihren Spaß haben, mehr Geld und noch mehr Infantino… Über den Sport spricht dabei niemand. Aber lassen wir uns die WM nicht vermiesen, hoffen wir weiter auf gute Spiele.