DFB-Neustart: Jürgen Klopp erhält mehr Macht

von knospepeter

Der Heilsbringer des deutschen Fußballs bestimmte in den letzten Wochen die Schlagzeilen. Jetzt darf er erst einmal Urlaub machen, aber ab dem 15. August wird es ernst. Jürgen Klopp wird mehr als „nur“ ein Bundestrainer beim Deutschen Fußball-Bund sein, er soll auch aufräumen und den Verband in bessere Bahnen lenken. Der 59-Jährige wird der 13. Bundestrainer der DFB-Geschichte (eine Glückszahl?), aber keiner zuvor wurde mit so viel Macht ausgestattet. Das geht so weit, dass sogar sein Berater Marc Kosicke als „Co-Trainer für Strategie, Entwicklung und Innovation“ zusätzlich eingestellt wurde, allerdings nicht vom DFB bezahlt. Es geht unter anderem um bessere Abläufe rund um die Nationalmannschaft. Die Richtung hat Jürgen Klopp vorgegeben und betont, „wir werden jeden Stein umdrehen“.

Der DFB-Neustart wird auch durch die gleichzeitige Verpflichtung von Per Mertesacker deutlich, der am Jahresende Andreas Rettig als Geschäftsführer Sport nachfolgen wird. Der Weltmeister von 2014 hat Erfahrung als langjähriger Leiter der Nachwuchsakademie von Arsenal London. Dazu ist das Trainerteam ganz auf Klopp ausgerichtet mit seinen langjährigen Begleitern Peter Krawietz und Pepijn Lijnders als Co-Trainer, dazu kommt überraschend Sven Bender, der zuletzt Unterhaching trainiert hatte und unter Klopp in Dortmund gespielt hat. Bei der Vorstellung der Trainer-Mannschaft herrschte Aufbruchstimmung, Deutschland will zurück in die Weltspitze. Die Hoffnung der Fans: Wenn es einer schafft, dann Jürgen Klopp.

Mitte September wird der neue Bundestrainer sein erstes Aufgebot benennen, im Vorfeld werden Gerüchte und Spekulationen an der Tagesordnung sein, Klopp wird mit Empfehlungen der Medien und Trainer überschüttet werden. Er selbst spricht davon, dass er sich bereits Gedanken gemacht hat und 57 Kandidaten im Auge hat, „von denen einige gar nicht ahnen, dass ich sie im Visier habe“. Neue Namen sind also gewiss und der künftige Coach betont „ich will mutig sein“. Er muss vor allem die bei der WM offenbarten Schwächen ausmerzen. „Wir brauchen Spieler, die auf dem Platz Verantwortung übernehmen“, rät ARD-Experte Bastian Schweinsteiger und schielt auf die Nachwuchsarbeit von Verband und Bundesliga: „Welche Spielertypen wollen wir in den nächsten Jahren ausbilden“. Zunächst werden die Spiele in der Nations League gegen die Niederlande (24. September), Griechenland (27. September und 4. Oktober) sowie Serbien (1. Oktober) erste Fingerzeige geben. Glückt die Premiere, weckt Klopp neue Euphorie, glückt sie nicht, muss er bis zum nächsten Länderspielfenster im November mit großen Zweifeln leben. Hinwerfen kann er nicht gleich wieder, allerdings warnt er die Medien: „Wenn meine Privatsphäre nicht geachtet wird, schmeiße ich hin“. Diese Kampfansage hätte er sich sparen können. Dass ein Bundestrainer in der Öffentlichkeit besondere Aufmerksamkeit erfährt, weiß er. Vorgänger Julian Nagelsmann war da recht unbeholfen, Klopp zeigte sich in der Vergangenheit durchaus aggressiv, aber er weiß auch, wie man sich verkauft.

Beim DFB-Neustart kommt auf Per Mertesacker fast die wichtigere Aufgabe zu, denn es geht um die Nachwuchs-Ausbildung, also wirklich zum die Zukunft. Da muss es neue Ausrichtungen geben, Spanien und Frankreich dienen dabei als Vorbild. Das Problem: In der Bundesliga sind die Führungsspieler meist Ausländer und auch deutsche Torjäger muss man mit der Lupe suchen. Mertesacker und die DFB-Nachwuchstrainer sind gefordert. Es kann nur besser werden.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf muss sich beim Theater um Jürgen Klopp, der vorwiegend mit seinem Vertrauten aus Dortmunder Zeiten,Hans-Joachim Watzke sprach, als Außenstehender gefühlt haben. Er ist aber auch Sinnbild dafür, dass es im Verband in den letzten Jahren eher abwärts ging. Ein Zeichen dafür, dass im Präsidium nichts vorwärts geht, ist die verschleppte Neuordnung der Regionalligen, seit Jahren eine Hängepartie. Auch hier muss endlich eine Lösung her. Fünf Regionalligen und nur vier Aufsteiger, das ist ein Missverhältnis und Ärgernis bei den Vereinen, die fordern, dass alle Meister auch aufsteigen müssen. Fünf Absteiger aus der 3. Liga wehrt der DFB ab, also kann die Lösung nur vier Regionalligen heißen, doch der Länderproporz verhinderte bisher alle Reduzierungen und Neuverteilungen.

Die beste Lösung erreichte nicht die erforderliche Mehrheit, obwohl 50,6 Prozent der betroffenen Vereine zustimmten. Der Vorschlag ist ein sogenanntes Kompassmodell, das eine jährlich neue Zusammenstellung nach der Landkarte vorsieht mit möglichst kurzen Fahrten. Das hätte auch den Reiz, dass es in jedem Jahr immer wieder neue Gegner gäbe, die Derbys aber erhalten blieben. Bisher kuschte die DFB-Führung vor den Regional-Fürsten, dann muss sie auch in den sauren Apfel beißen, die 3. Liga aufstocken und fünf Absteiger festlegen, damit alle Regionalliga-Meister aufsteigen können. Eine Entscheidung muss es noch in der kommenden Saison geben, damit die neue Lösung ab 2028/29 greift.

Wechselfieber in der Bundesliga

Die neuen Trainer sind natürlich in Amt und Würden, die neuen Mannschaften der Bundesliga stehen aber bei weitem noch nicht. Zeit ist ja noch, die Wechselfrist endet erst Ende August. Keine Hektik gibt es bei Meister Bayern, mit Brown (Frankfurt) und Saibari (Eindhoven) wurden die wichtigsten Verstärkungen für je 55 Millionen Euro getätigt, es geht nur noch um Ergänzungen. Wichtiger sind Verkäufe, die bisher verliehenen Boey, Palhinha, Sieb und Zaragoza sollen endgültig abgegeben werden. Dagegen darf Ibrahimovic (zuletzt Heidenheim) auf Wunsch von Trainer Kompany bleiben und seine Chance suchen. Den Abgang von Goretzka im Mittelfeld kompensieren die Münchner mit dem Talent Bara Sapoko Ndiaye aus der mit den Bayern kooperierenden Fußball-Akademie in Gambia. Der Nationalspieler des Senegal soll hinter Kimmich, Pavlovic und Bischof herangeführt werden. Deshalb wurde auch Talent Aseko nach Frankfurt verkauft.

Am meisten los war in Mainz, wo es sechs neue Spieler, aber auch 13 Abgänge gab. Bremen, Augsburg und Gladbach freuen sich über sieben neue Spieler, andere sind zurückhaltender oder bangen sogar noch. So könnte RB Leipzig seine großartige Flügelzange verlieren. Aufsteiger Yan Diomande ist verstärkt bei Real Madrid im Gespräch, das angeblich 100 Millionen Euro zahlen will. Aber auch Antonio Nusa wird umworben und könnte in Paris landen, das sich bei Diomande zurückgezogen hat. Das größte Geschäft machte bisher der SC Freiburg, der Shootingstar Monzambi für 50 Millionen Euro zu Aston Villa verkaufte. Neu ist Mio Backhaus als Torhüter, der bisherige Stammkeeper Atubolu sucht dagegen noch einen neuen Verein. Interessant auch Dortmund, die Borussia will Said El Mala vom 1. FC Köln holen, den viele im WM-Kader erwartet hatten. Er soll Adeyemi ersetzen, den es zum FC Barcelona zog. Die Dortmunder buhlen aber auch um den 18-jährigen Griechen Karetsas vom KRC Genk. Für ihn ist die frei gewordene Stelle von Julian Brandt vorgesehen. Wir dürfen insgesamt gespannt sein, wie das neue Gesicht der Bundesliga aussehen wird.

Kleine Nachlese zur Weltmeisterschaft. Beim Turnier in den USA, Mexiko und Kanada war die Bundesliga mit insgesamt 106 Spielern vertreten, die meisten, nämlich 17, stellte natürlich Meister Bayern, danach folgen Dortmund (11) sowie Frankfurt, Stuttgart und Hoffenheim (je 8). Die Bayern-Spieler absolvierten 5792 Minuten, erzielten 8 Tore und gaben 16 Assists. Die Dortmunder kamen auf 2306 Minuten (3+4), die Frankfurter auf 1444 Minuten (1+3), die Stuttgarter auf 1119 Minten (3+2) und die Hoffenheimer auf 956 Minuten (0+1). Besser waren noch die Asse aus Leipzig (1311 Minuten/1+2) und Leverkusen (1182 Minuten/2+1). Auch diese Bilanz lässt nur einen Schluss für die neue Saison zu: An Bayern München führt kein Weg vorbei!