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Kategorie: Fußball-Bundesliga

Nie war die Tabellenführung so wertvoll wie heute

Das gibt es doch noch in dieser Fußball-Saison: Der FC Bayern München kämpft um die Tabellenführung. Aber hallo, werden sich da manche sagen, wie geht das denn, bei neun Punkten Rückstand in der Bundesliga? Nun ja, es geht um die Champions League und da stehen in dieser Woche die finalen Spiele in den Gruppen an. Dabei geht es einmal um den Einzug in das Achtelfinale, für einige vor allem um eine gute Ausgangsbasis für die nächste Runde. Das Motto in diesem Fall in Anlehnung an einen alten Werbespruch: Noch nie war die Tabellenführung so wertvoll wie heute.

Zum Abschluss der ungeliebten Gruppenphase ist ja eher Langeweile Trumpf, weil in den meisten Gruppen die Entscheidungen bereits gefallen sind. Die große Ausnahme bildet die Gruppe C, wo mit dem SSC Neapel (9 Punkte), Paris St. Germain (8) und dem FC Liverpool (6) noch drei prominente Klubs um das Weiterkommen kämpfen. Dabei gibt es sogar ein echtes Endspiel, denn Jürgen Klopp muss mit seinen Reds unbedingt gewinnen, um eine Runde weiterzukommen. Wäre es nur in allen Staffeln so. Seltsam: In der Champions League verlor Liverpool alle drei Auswärtsspiele (in Neapel mit 0:1, in Paris 1:2 und sogar in Belgrad 0:2) und steht jetzt unter Zugzwang. In der doch so starken Premier League ist Klopp mit seinen Mannen dagegen seit Sonntag Tabellenführer und noch ungeschlagen!

Für Klopp geht es also in erster Linie ums Weiterkommen, für die Bayern eben um die Tabellenführung, denn dann ist im Achtelfinale die Wahrscheinlichkeit größer, mit einem Zweiten einen leichteren Gegner zu erwischen. Die Namen der derzeitigen Tabellenführer lesen sich fast wie die Liste der Favoriten: Atletico Madrid, FC Barcelona, SSC Neapel, FC Porto, Bayern München, Manchester City, Real Madrid, Juventus Turin. Mehr oder weniger alles Gegner, die man gern frühestens im Halbfinale hätte. Die Auslosung für das Achtelfinale ist übrigens am Montag, 17. Dezember.

Die Münchner brauchen am Mittwoch bei Ajax Amsterdam noch eine Unentschieden, um Gruppen-Erster zu bleiben. Das 1:1 zu Hause im Hinspiel wirkt nach, wobei sich die Kräfteverhältnisse wohl ein bisschen gewandelt haben. „Damals waren wir in einer schlechten Phase, Ajax in einer guten, jetzt sind wir auch gut drauf“, heißt es in München. Dazu kommt, dass Ajax von Verletzungsproblemen geplagt wird. Da haben die Bayern sogar einen neuen Rekord im Visier: Noch nie erreichte eine deutsche Mannschaft 16 Punkte in der Gruppenphase. Die Bayern haben bisher 13.

Trainer Niko Kovac hat einen Sinneswandel vollzogen. Erklärte er zu Saisonbeginn Gegner der Rotation zu Unwissenden, die vom Fußball keine Ahnung hätten, weil die Rotation die absolute Notwendigkeit sei, so erzählt er jetzt das Gegenteil: Die Rotation wurde abgeschafft, damit die Mannschaft ihre Form und die Erfolgsspur findet. Hat geklappt, aber ganz ohne Rotation wird es halt auch nicht gehen. Alles zu seiner Zeit. Kovac muss dabei aber auch eine Niederlage eingestehen. Hatte er die Rotation u. a. doch damit begründet, in seinem Luxus-Kader alle Spieler bei Laune halten zu wollen. Das hat trotz Einsatzzeiten für alle nicht geklappt, Bankdrücker meuterten dennoch. Und jetzt? Die Stars Hummels, Martinez und James schauen meist zu und laufen mit düsterer Miene durch die Gegend. Weihnachtsfreude sieht anders aus.

In Dortmund bleibt die Rotation an der Tagesordnung, Trainer Lucien Favre sieht sie als Notwendigkeit, kann sich dies als nationaler Tabellenführer aber auch leisten. Die Borussia sonnt sich an der Spitze der Bundesliga, sieben Punkte vor Gladbach. Am Samstag winkt gegen Bremen die „Weihnachtsmeisterschaft“. In der Champions League ist die Borussia weiter, doch führt an Atletico wohl kein Weg mehr vorbei, deshalb hat Favre die große Rotation angekündigt. Das Derby gegen Schalke hat Kraft gekostet, aber Punkte gebracht. Da dürfen sich sogar Reus, Witsel und Co. ausruhen.

Der Ruhrpott-Kontrahent Schalke liegt dagegen fast am Boden, da gilt die Champions League als schöne Abwechslung, zumal das Achtelfinale erreicht ist. Gut, dass die Qualifikation in trockenen Tüchern ist, denn von einer CL-Form kann keine Rede sein. Trainer Domenico Tedesco sind die Stürmer ausgegangen, aber auch die guten Ideen. Der Vizemeister des Vorjahres ist jetzt ein Abstiegskandidat. Und da steht auch ein „Endspiel“ am Samstag an: Schalke (14) muss in Augsburg (13) antreten und der Verlierer gesellt sich endgültig zu den Abstiegskandidaten Düsseldorf, Hannover, Stuttgart und Nürnberg. Im Vorjahr gewann Schalke beide Duell mit dem FCA, der gegen eine Minusserie ankämpft mit zuletzt vier Niederlagen am Stück. Mal sehen, wem die Wende gelingt.

Experten und ihre Probleme mit den Regeln

Das vergangene Wochenende brachte wieder einmal den Beweis, dass die Fußballregeln ganz schön kompliziert sind. Da kommen sogar die Experten ins Schleudern, die Schiedsrichter einerseits auf dem Feld, die Kommentatoren andererseits an den Mikrofonen. Die kritisieren zwar vielfach, blamieren sich dabei aber ebenso wie manche Referees. Typisch eine strittige Szene, als sich Hannovers Wimmer den Ball selbst an die Hand köpfte. Schiedsrichter Hartmann lag richtig, gab auch nach dem (unsinnigen) Einspruch des Video-Schiedsrichters keinen Elfmeter für Mainz. Ein Kommentator sah darin eine „krasse Fehlentscheidung“, der andere wertete sie, was sie war „als regelkonform“. Experten unter sich eben. Oder man zieht sich als Kommentator bedeutungsschwer so aus der Bredouille: „Den Elfmeter kann man geben, die Frage ist, ob man ihn geben muss!“ Alles klar?

Übrigens: Der Blick über den Teich lohnt sich für den deutschen Fußball, denn deutsche Spieler feierten mit Atlanta United die US-Meisterschaft (2:0 gegen Portland). Mit 73109 Zuschauern gab es beim Finale der MLS im Mercedes-Benz-Stadium eine Rekordkulisse und Julian Gressel und Kevin Kratz waren dabei. Gressel müsste eigentlich fast im Notizbuch von Bundestrainer Joachim Löw stehen, obwohl er seine Karriere weitab von Deutschland absolvierte. Er spielt bereits seit College-Zeiten in den USA und wurde im Vorjahr zum „Rookie of the year“ gewählt und absolvierte wieder eine starke Saison. Kratz, früher in Braunschweig und Sandhausen, war im Finale nur Ersatz.

Weltmeister Bastian Schweinsteiger wird ein bisschen neidisch auf die deutschen Kollegen schauen. Er hängt noch ein Jahr in Chicago dran und träumt da auch von einem Wunder, er will es Gressel und Kratz nachmachen. Aber er sorgte auf jeden Fall schon mal mit dafür, dass der Fußball (Soccer) sich in den USA weiter im Aufwind befindet.

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Das Spiel selbst wurde zur Nebensache

Weihnachten ist bald und die jetzige Adventszeit soll eigentlich eine Zeit der Ruhe und der Besinnlichkeit sein. Davon ist im deutschen Fußball nichts zu spüren. Von Ruhe kann keine Rede sein bei Protesten der Fans in allen Stadien, beim Auflehnen der 3. Liga, bei einer turbulenten Hauptversammlung des FC Bayern München. Der Punktekampf in der Bundesliga ging natürlich weiter, aber das Spiel selbst wurde zur Nebensache.

In den Schlagzeilen natürlich Uli Hoeneß. Ein Fan beging bei der Hauptversammlung des Vereins eine Majestätsbeleidigung und griff den Bayern-Präsidenten verbal an. Als er dessen Verhalten gegenüber Ehrenspielführer Paul Breitner anprangerte (Breitner soll sich nach Kritik am Verein nicht mehr auf der Ehrentribüne sehen lassen) und Hoeneß fast schon zum Rücktritt aufforderte („Der Verein ist nicht ihr Eigentum“) erhielt er lautstarke Unterstützung, was Uli Hoeneß schier aus der Fassung brachte: „So etwas habe ich noch nie erlebt“.

Diese Kritik ist nichts anderes als ein Zeichen der Zeit. Die Fans meutern und nehmen Entscheidungen von Verband oder Verein nicht mehr einfach hin. Der Ton wird rauer, die Frage stellt sich wieder einmal, genauso wie sie der Sport-Grantler schon am 2. November in seiner Kolumne gestellt hat: „Krieg der Fans: Wem gehört der Fußball?“ Vergessen wird bei der aktuellen Kritik, welche Verdienste sich gerade Uli Hoeneß um den FC Bayern erworben hat. Vergessen wird die Erfolgsgeschichte, die zu einem Rekordumsatz von 657,4 Millionen Euro führte, vergessen wird, dass es vor allem Uli Hoeneß als Manager war, der die Münchner mit jetzt 291.000 Mitgliedern zum größten Verein der Welt machte. Diese Turbulenzen zeigen jedoch auch, wie schwierig der Umbruch beim Meister wird, sowohl in der Mannschaft als auch in der Führung. Dies könnte zur größten Aufgabe für Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge werden, aber auch für den möglichen Nachfolger. Ob sich der gehandelte Oliver Kahn das wirklich antut?

Aber die Vergangenheit zählt nicht mehr, in der Gegenwart lassen die Fans mit ihren Protesten nicht locker, damit sie in der Zukunft wieder mehr Spaß an „ihrem“ Fußball haben. Im Visier bleiben vor allem die Montagsspiele, die zwar in der Bundesliga mit dem neuen Fernsehvertrag ab 2021 ad acta gelegt werden sollen, aber das reicht nicht. Auch die 2. Bundesliga und die 3. Liga spielen (für ein gutes TV-Honorar) gern am Montag. In der 2. Bundesliga wurden diese Montagspiele im TV zwar fast Kult, aber eigentlich ist der Montag wirklich der denkbar ungünstigste Tag für Punktspiele. Dortmunds Trainer Lucien Favre sprach es deutlich aus: „Montagspiele gehören verboten“. Mit einem Stimmungsboykott auf den Rängen sorgten die Fans jedenfalls dafür, dass im Fußball doppelt schlechte Stimmung herrschte. Das Spiel selbst war also Nebensache.

Auf der Suche nach einer zufriedenstellenden Lösung in punkto Auf- und Abstieg zwischen 3. Liga und Regionalliga versuchen sich Klubs, Landesverbände und der DFB daran, den gordischen Knoten zu entwirren. Die Fronten sind verhärtet und in der 3. Liga werden immer mehr Stimmen laut, die auf eine Loslösung vom DFB hin zum Profi-Fußball der DFL mit 1. und 2. Bundesliga wollen. Ihre Hoffnung: Dort gibt es mehr Geld. Dies könnte allerdings ein Trugschluss sein, denn schon heute streiten sie auch in der DFL um die Verteilung der Gelder, da wird es an Bereitschaft fehlen, noch etwas abzugeben. Die 3. Liga sitzt ähnlich wie die Regionalliga zwischen Baum und Borke, kein Profisport auf der anderen Seite, aber auch kein reiner Amateursport mehr auf der anderen. Hohe Kosten müssen geschultert werden, aber Anerkennung und entsprechende Zuschauerzahlen fehlen. Die fünf Regionalligen stören sich daran, dass die Meister nicht direkt aufsteigen können, andererseits wollen sie keine Reduzierung auf vier Gruppen. Angesichts dieser Weigerung zieht die 3. Liga ihr Angebot von vier möglichen Absteigern wieder zurück. Der gordische Knoten bleibt also fest, zumal eine zweigleisige 3. Liga auch nicht als Ei des Kolumbus angesehen wird.

Dortmund auf den Spuren der Bayern

Aber natürlich war auch das Geschehen auf dem Rasen interessant. Borussia Dortmund wandelt derzeit erfolgreich auf den Spuren der Bayern, die ja in den letzten Jahren die Bundesliga mit Rekordvorsprüngen schockten. Jetzt haben die Dortmunder freie Fahrt, mit sieben Punkten Vorsprung nach 13 Spieltagen. Das Bayern-Symptom zeigt sich daran, dass die Verfolger keine Konstanz aufweisen und daran, dass die Dortmunder derzeit in der Lage sind, auch mit schwächeren Leistungen Punkte einzufahren. Dazu haben sie wohl auch noch das Bayern-Dusel gepachtet bzw. halt einen entsprechenden Lauf, so wie ihr Torjäger Paco Alcacer, den Favre mit Vorliebe von der Bank ins Rennen schickt und der jetzt – bereits am 13. Spieltag – den Saison-Rekord von neun Jokertoren von Garea (Stuttgart) aus der Saison 02/03 und Petersen (Freiburg) 16/17 einstellte. Spielt er von Anfang an, klappt es nicht so gut, siehe das 0:0 in der Champions League gegen Brügge.

Im Verfolgerfeld ließen Gladbach im direkten Duell in Leipzig, Frankfurt und Hoffenheim mehr oder weniger Federn. Das spielte auch den Bayern in die Karten, die nach dem 5:1 gegen Benfica Lissabon mit dem 2:1 in Bremen ihre Krise vorerst ad acta gelegt haben. Niko Kovac muss wohl vor Weihnachten nicht mehr um seinen Job bangen, zumal auch ein Ruck durch die Mannschaft gegangen ist und Gespräche alle zur Einsicht gebracht haben, dass es nur gemeinsam geht. Kovac wiederum hat eine Stammmannschaft und die richtige Taktik gefunden. Aber gefestigt ist noch nichts und ein Dortmund-Jäger sind die Bayern noch lange nicht. Es schaut aus, als könnten nur Verletzungen den Spitzenreiter Probleme bereiten. Davon blieb er bisher weitgehend verschont.

Im Abstiegskampf werden die Karten neu gemischt. Der VfB Stuttgart landete quasi einen Befreiungsschlag mit dem 1:0 gegen den FC Augsburg und schaffte es damit gleichzeitig, die Rote Laterne abzugeben und den Gegner mit nach unten zu ziehen. Die Augsburger Offiziellen blieben ja vor der Saison zurückhaltend und hatten nur das Ziel Klassenerhalt ausgerufen, die Spieler allerdings wollten mehr, schielten nach oben und hatten es eigentlich satt, nur gegen den Abstieg zu spielen. Die Realität hat sie inzwischen eingeholt, was fast ein bisschen verwundert, denn gute Leistungen und viel Lob waren bisher an der Tagesordnung. Was fehlte, waren Tore und damit auch Punkte. Es wäre ja auch kein Trost, als vielfach gelobtes Team am Ende doch abzusteigen…

Bisher gibt es allerdings zwei noch ernsthaftere Kandidaten: Neuling Fortuna Düsseldorf tat sich schwer nach dem Coup in München (3:3) wieder im Alltag zu bestehen und bei Hannover 96 träumt man von besseren Zeiten, vergisst aber die harte Gegenwart. Auch der Streit um Präsident Martin Kind überdeckt den Sport und am Ende hätten dort auch die Fans einen erheblichen Anteil daran, wenn es mit dem Verein nach unten geht. Auch da wird das Spiel selbst zur Nebensache.

Joachim Löw ist zufrieden

Am Rande des aktuellen Geschehens ging es auch um die Zukunft, nämlich um die Fußball-Europameisterschaft 2020. In Dublin fand die Auslosung der Gruppen für die EM-Qualifikation statt, die an fünf Spieltagen im März, Juni, September, Oktober und November 2019 über die Bühne geht. Dabei zeigt sich, dass es schon fragwürdig ist, dass das Teilnehmerfeld für die Endturniere immer mehr aufgebläht wird. Sportlich leidet nämlich auch die Qualifikation und es wird kaum Spannung geben, nachdem in jeder Gruppe zwei Nationen das EM-Ticket holen können. Da war dann auch Bundestrainer Joachim Löw zufrieden, der zwar den alten Kontrahenten Niederlande als Gegner Nummer 1 akzeptieren muss, aber gegen Nordirland, Estland und Weißrussland sollte die Qualifikation gelingen. Da Deutschland einer Fünfer-Gruppe angehört, bekommt Löw auch noch zwei Testspiele. Optimismus also für das Jahr 2019.

Am Rande der Auslosung wurde aber auch die nächste Erweiterung des Spielbetriebes festgezurrt. Die Verbandsfunktionäre lassen nicht locker, den kleinen Verbänden „Zuckerl“ zu reichen, auch wenn Qualität und Spannung der Wettbewerbe leiden. Hintergrund: Es geht um die Stimmen der Verbände bei den diversen Wahlen. Jetzt wird die Europa League 2 eingeführt. Wer bitte schön, hat daran noch Interesse? 32 Mannschaften spielen in der Champions League, der Königsklasse, 32 sind es in der Europa League, die einst auch als „Cup der Verlierer“ tituliert wurde, aber um was spielen dann die 32 Vereine in der Europa League 2? Das konnten die UEFA-Offiziellen nicht schlüssig beantworten.

Apropos Champions League, da war es letzte Woche so wie so oft in den letzten Jahren – nur die Bayern gewannen. Der Aufwärtstrend der ersten Runden bekam einen Knick, Schalke und Hoffenheim kassierten unnötige Niederlagen, aber am sehr guten Gesamtergebnis ändert sich auch am letzten Spieltag (11./12. Dezember) nichts, neben den Bayern, haben auch Dortmund und Schalke Sprung ins Achtelfinale geschafft. In der Europa League sind Frankfurt und Leverkusen weiter, ausgerechnet RB Leipzig steht nach zwei Niederlagen in den „Bruder-Duellen“ mit Salzburg vor dem Aus. Ein bisschen peinlich für die Sachsen.

Real, Barcelona, Bayern: Die Krise der Großen

Fußball-Deutschland rätselt über die Schwäche des FC Bayern, die urplötzlich die Bundesliga auch an der Spitze wieder interessant machte. Was ist los mit dem Rekordmeister, der zuletzt sechsmal hintereinander den Titel gewann und ein Ende der Erfolgsserie eigentlich nicht in Sicht war? Und jetzt plötzlich der Absturz, quasi von Hundert auf Null. Aber die Münchner stehen nicht alleine da, vor allem in Spanien reiben sich die Fans ebenfalls die Augen. Tabellenführer dort ist der FC Sevilla, nicht der FC Barcelona und schon gar nicht Real Madrid. Der Fußball rätselt über die Krise der Großen.

Die Diskussionen sind passend, denn in dieser Woche stehen auch die europäischen Wettbewerbe an. Für den einen oder anderen Verein eine willkommene Gelegenheit, aus der Tristesse der nationalen Wettbewerbe wieder ein bisschen in die Sonne zu treten. Zum Beispiel für die Bayern, die mit einem Sieg über Benfica Lissabon den Einzug in die nächste Runde perfekt machen könnten. Allerdings wäre damit der Trainerstuhl von Niko Kovac noch nicht gesichert, aber die nächste Bewährungschance am Samstag in Bremen dürfte er wohl absolvieren. Bei einem erneuten Reinfall wäre wohl die kürzeste Trainer-Ära aller Zeiten bei den Bayern vorbei.

Allerdings stellt sich schon die Frage, welcher Trainer aus den Versagern wieder Meister machen könnte. Jupp Heynckes wird nicht noch einmal aus dem Ruhestand zurückkehren. Ein Name geistert jedoch durch die Gerüchteküche: Arsene Wenger, 69-Jähriger Franzose, früher oft auf der Wunschliste der Münchner, aber von 1996 bis 2018 Arsenal London treu geblieben. Der Elsässer war bei Arsenal lange erfolgreich, am Ende war er jedoch ohne Fortune. Wenger will sich noch nicht aufs Altenteil zurückziehen und außerdem erfüllt er ein wichtiges Bayern-Kriterium: Er spricht neben französisch zudem deutsch, aber auch englisch und ein wenig italienisch, spanisch und sogar japanisch. Multi-Kulti, so wie es in den Mannschaften heutzutage auch zugeht. Kann die Bundesliga ihn reizen? Die Bayern als Verein sollten schon reizvoll sein.

Die Konkurrenz an der Bundesliga-Spitze ist vorsichtig und fürchtet nach wie vor ein Comeback der Bayern, die wie ein Dampfwalze die Konkurrenz noch einmal platt machen könnte, schließlich sind neun Punkte Rückstand nicht so viel, wenn man die 20 und mehr Punkte Vorsprung in den letzten Jahren ansieht. Aber aktuell spielt die Konkurrenz den besseren Fußball und ist glücklicher. So biegt Dortmund Rückstände um, ist Meister der 2. Halbzeit (Bayern Sechster), während Bayern eher in der 1. Halbzeit vorlegt und im ganzen Gegensatz zu früher am Ende noch die Siege aus den Händen gibt. Erster Dortmund-Verfolger bleibt Gladbach, spielt leichtfüßigen und schnellen Fußball, die Bayern im Gegensatz dazu schwerfällig. Eintracht Frankfurt lebt vom neuen „magischen Dreieck“ mit Jovic, Rebic und Haller, bewegliche Stürmer, die sich durchsetzen können, das Gegenteil zu Lewandowski, Ribery oder Robben. Zudem wurde bei Bayern aus dem selbstbewussten „mia san mia“ ein „wer san mia?“ Sie rätseln selbst und finden keinen Weg zu besseren Leistungen. Niko Kovac zaudert, Änderungen stehen bei ihm nicht oben an.

Die Krise der Bayern, die ihre letzten vier Heimspiele nicht gewinnen konnten, ist Teil der Krise der Großen. Real Madrid hat schon zum Trainerwechsel gegriffen und erneut einem Trainer aus der zweiten Reihe eine Chance gegeben. Mit dem Coach der zweiten Mannschaft sollte es wieder aufwärts gehen, Santiago Solari sich auf den Spuren von Zinedine Zidane, der einst auch von der 2. Mannschaft kam, bewegen. Nach ersten Erfolgen erhielt er einen Vertrag – und verlor prompt jetzt beim Provinzklub Eibar mit 0:3. Aber Real steht in Spanien nicht allein, auch der FC Barcelona spielt, egal ob mit oder ohne Messi, holprigen Fußball. Das Resultat: Der Tabellenführer heißt FC Sevilla, hält den Platz an der Sonne mit 26 Punkten vor Barcelona (25) und Atletico Madrid (24). Real ist nur Sechster (20) und käme aktuell gerade mal in die Qualifikation zur Europa League.

Könnte die Krise der Spitzenklubs auch auf die anderen Ligen in Europa überschwappen? National muss sich zum Beispiel Thomas Tuchel mit Paris St. Germain keine Sorgen machen, aber international hängt die Zukunft am seidenen Faden. Das Problem: Die Stars Neymar und Cavani sind sich nicht grün, immer wieder flammt der Streit auf. Keine Erfolgsbasis. In England steht der Kampf um die Meisterschaft im Vordergrund und könnte die Kraft rauben, die in der Champions League dann fehlt. Manchester City kämpft um die Titelverteidigung, der FC Liverpool will endlich wieder Meister werden, bei der Titelvergabe wollen aber auch die Londoner Klubs Tottenham, Chelsea und Arsenal mitsprechen. Von Krise (vorerst?) keine Spur, ebenso wie in Italien bei Juventus Turin. Es muss ja auch Große ohne Sorgen geben.

Bundesliga: Nie mehr am Montag oder doch immer wieder montags?

Haben die Fußball-Fans in Deutschland wirklich einen Sieg errungen? Auf den ersten Blick sieht es so aus, dass die Proteste gegen die Montag-Spiele in der Bundesliga Wirkung gezeigt haben und die Klubs mit der DFL zusammen deshalb entschieden haben, dass im neuen Fernsehvertrag ab der Saison 2021/22 der ungeliebte Montag nicht mehr als Spieltag angesetzt wird. Es ist ein Entgegenkommen, das man als Einknicken bezeichnen kann, es ist aber auch ein Entgegenkommen, das den organisierten Fans, vor allem den Ultras, zeigen soll, wir hören eure Stimme. Doch gewonnen ist damit nicht viel.

Es zeichnet sich nämlich ab, dass Ultras und Konsorten mit dem Entgegenkommen allein nicht zufrieden sind. Sie machen weiter Druck und die Spannungen bleiben bestehen (siehe auch Kommentar vom 2. November: „Krieg der Fans: Wem gehört der Fußball“). Die Ultras haben nämlich die Maske fallen lassen, weil sie ihren Fan-Boykott gegen die Montag-Spiele am 13. Spieltag in allen Stadien aufrechterhalten wollen, besonders beim ersten Montag-Spiel der Saison am 3. Dezember in Nürnberg gegen Leverkusen. Eigentlich hätte es sich gehört, dass dieser Boykott abgeblasen wird. Aber die Protestler wollen ja mehr, sie sind generell gegen Spiele unter der Woche, doch das geht im Profi-Fußball wirklich nicht mehr, so eine Forderung ist weltfremd. Sind sie dann auch gegen die europäischen Wettbewerbe? Aus Termingründen kann die Bundesliga auch nicht auf sogenannte „englische Wochen“ verzichten. Unter der Woche muss mal gespielt werden.

Ein Vertreter der Ultras hat sich und die Seinen auch demaskiert, als in einem Interview die Äußerung fiel, dass die Ultras an der Nationalmannschaft nicht interessiert seien. Dort spielt ja nicht „ihr Verein“, dort macht es offensichtlich auch keinen Spaß, sich selbst auf der Tribüne in Stimmung zu bringen. Der Beweis also, Bundesliga-Spiele sind Mittel zum Zweck, der Protest gehört ebenso wie der Verstoß gegen Verbote (Pyrotechnik und beleidigende Plakate) zum Spaß. Die Ultras akzeptieren nur ihre eigenen Gesetze.

Deshalb heißt es im Fußball nicht „nie mehr am Montag“, sondern eher doch „immer wieder montags“. Die 2. Bundesliga wird Spiele am Montag beibehalten, die 3. Liga hat sich für Montag-Spiele ausgesprochen, weil man sich dadurch höhere Fernsehgelder erhofft. Fan-Proteste sind also inbegriffen, Ruhe wird es im Fußball nicht geben.

Und da sind wir an der Basis. Die Bundesliga wird beim Verzicht auf den Montag am Ende einer Europapokalwoche dafür auf den Sonntag ausweichen, damit die Teams nach einem internationalen Match nicht gleich zwei Tage später wieder um Punkte spielen müssen. Leidtragende sind u. a. die Amateurvereine, die sowieso schon einen Zuschauerschwund durch die zahlreichen Fernsehübertragungen beklagen und jetzt noch mehr Fans verlieren. Dort auf den Dorfplätzen sind übrigens noch die echten Fußball-Fans, aber die sterben wohl langsam aus. Übrig bleibt der Fußball als Event, als Unterhaltungsindustrie. Aber wer an der Basis quasi ausblutet, dem fehlt irgendwann mal der Nachwuchs. Die Euro-Noten in den Augen der Funktionäre sollten den Weitblick nicht trüben. Und die Ultras sollten auch diesen Aspekt im Auge behalten, denn da bröckelt es an den Grundfesten des Sports. Irgendwann erübrigt sich dann die Frage, ob „nie mehr am Montag oder doch immer wieder montags?“.

Zwischenbilanz der Fußball-Bundesliga vor dem Jahres-Endspurt

Elf von 34 Spieltagen sind absolviert, quasi ein Drittel der Saison, Zeit für eine Zwischenbilanz der Fußball-Bundesliga. Die Länderspielpause dient zum Durchschnaufen, bevor der Jahres-Endspurt beginnt, sechs Spiele sind es noch bis zum 23. Dezember, ausgerechnet in der Woche vor Weihnachten müssen die Klubs zusätzlich ran, alles andere als ein Weihnachtsgeschenk für die Fans (erstaunlich, dass es am 24. Dezember kein Montagspiel gibt!). Wer aber hat bisher die Erwartungen erfüllt, wer nicht? Der Sport-Grantler gibt einen kleinen Überblick:

Über dem Soll

Auffallend, fünf Klubs befinden sich über dem Soll, genau fünf aber auch unter dem Soll, dazwischen das breite Mittelfeld. Fangen wir aber mit der Spitze an und damit natürlich mit Borussia Dortmund. Ungeschlagener Tabellenführer mit vier Punkten Vorsprung vor Gladbach und sieben auf Bayern München (Platz 5), was will man mehr. Vor der Saison hatten selbst die Dortmunder nicht damit gerechnet, schließlich musste man erwarten, dass der neue Trainer Lucien Favre mit einer neuen Mannschaft mit vielen jungen Spielern Zeit für den Erfolg benötigen würde. Aber die Konkurrenz wurde praktisch überrannt, die Neuen schlugen ein (kein Wunder, dass der kicker Dortmund als Transfersieger sah, Schlusslicht ist Stuttgart) und alle staunen, auch die Bayern. Für die letzten sechs Spiele der Vorrunde stellt sich die Frage, bleibt die Borussia ungeschlagen? Könnte sein, die Gegner sind Mainz (auswärts), Freiburg (zu Hause), Schalke (A), Bremen (H), Düsseldorf (A) und Gladbach (H).

Dortmund überstrahlt alles, aber über dem Soll sind sicherlich auch die Nächstplatzierten, nämlich Borussia Mönchengladbach, RB Leipzig und Eintracht Frankfurt. Von Leipzig durfte das erwartet werden, unter Trainer-Sportdirektor Ralf Rangnick sollte es doch wieder in die Champions League gehen. Bei Gladbach und Frankfurt bleiben Fragezeichen, ob die Teams ihre Form durchhalten. Bei beiden beeindruckt der Schwung, die Eintracht bestaunt ihr „magisches Dreieck“ mit Jovic, Rebic und Kostic. Kein Wunder, dass die Stürmer bei vielen Großklubs auf der Wunschliste stehen, u. a. auch bei Bayern München. Ja, und zu den Spitzenteams gesellt sich auch der Außenseiter Mainz 05, derzeit auf Rang neun, also im gesicherten Mittelfeld und spielerisch stark, das durfte man so nicht unbedingt erwarten.

Im Soll

Das breite Feld befindet sich quasi im Soll, zum Teil ist der Sprung nach oben noch im Visier (Hoffenheim, Bremen), zum Teil gilt ein einstelliger Tabellenplatz als Ziel (Berlin, Augsburg), zum Teil ist man froh, wenn man nicht im Abstiegskampf steckt (Freiburg, Wolfsburg). Dazu gesellt sich noch Neuling 1. FC Nürnberg, der mit Rang 15 und zehn Punkten im Moment sogar der Relegation entgeht, also mit dieser Platzierung am Saisonende punktgenau das Ziel erreicht hätte: Nur nicht absteigen.

Die Stimmung ist bei den betroffenen Vereinen natürlich ein bisschen unterschiedlich. So haben sich vor allem Hertha BSC und Wolfsburg ihren Aufenthalt im Mittelfeld zu Beginn der Saison verdient. Die Hertha ist jetzt fünf Spiele ohne Sieg (der letzte gelang ausgerechnet gegen die Bayern, dann schlug wohl der „Bayern-Fluch“ zu, denn Bayern-Bezwinger tun sich danach mit dem Siegen schwer), Wolfsburg hat in den letzten acht Spielen gerade einmal gewonnen (in Düsseldorf). Bei beiden heißt es also, den Trend umkehren, sonst sind sie nicht mehr lange im Soll. Trainer Pal Dardai hat Ruhe in Berlin, Bruno Labbadia in Wolfsburg fordert mehr, Ziel war ja, nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben. Von der Relegation hat man die Nase voll,.

Ein Sonderfall ist der FC Augsburg. Platz 10 und 13 Punkte bedeuten das Soll, nur einmal war man in sieben Jahren Bundesliga besser (14/15 Platz 7 mit 15 Punkten, am Ende 5. und in der Europa League). Was die Augsburger ärgert: Sie haben viele Punkte verschenkt, haderten über individuelle Fehler und späte Gegentore. Ohne „Geschenke“ könnte der FCA punktgleich mit den Bayern sein! Der Verein sieht sich immer im Kreis derer, die gegen den Abstieg kämpfen, die Spieler allerdings wollen mehr, Das könnte möglich sein, zumindest nach Weihnachten sollte es mit den Geschenken aber vorbei sein.

Unter dem Soll

Logisch, dass hier der Blick ans Tabellenende geht, aber nicht nur. Der Verein, der gefühlt wohl am meisten von seinen Zielen entfernt ist, heißt Bayern München. Sechs mal in Folge Meister und jetzt nur Fünfter, nicht einmal in der Champions League – ein Wunder, dass Trainer Niko Kovac nicht in Frage gestellt wird. Das Verletzungspech schlägt zwar weiter unerbittlich zu (jetzt fällt auch James aus), aber dennoch soll es im Endspurt ein Punktesammeln ohne Niederlage geben. Die größten Hürden des Restprogramms kommen zum Schluss der Vorrunde: Am 19. Dezember gegen Leipzig, am 22. in Frankfurt.

Gleich nach den Bayern kommt natürlich der VfB Stuttgart, das Schlusslicht. Da hat man sich mehr erwartet, auch wenn klar war, dass sich eine so erfolgreiche Rückrunde wie im letzten Jahr unter Tayfun Korkut, die mit Rang sieben endete, nicht wiederholen lässt. Korkut musste gehen, aber Nachfolger Markus Weinzierl startete mit klaren Niederlagen, bisher hat sich noch wenig geändert. Ruhiger ist es bei Neuling Fortuna Düsseldorf, der ja fast im Soll liegt, denn mit einem Wiederabstieg muss man rechnen, und bei Hannover 96, für das der Kampf gegen den Abstieg nicht unerwartet kommt. Kurios: Die Fans machen wieder Stimmung, aber stimulierend auf das Team wirkt das scheinbar nicht.

Anders sieht es natürlich bei Schalke 04 und Bayer Leverkusen aus. Das internationale Geschäft war das Ziel, Vizemeister Schalke stürzte tabellarisch am meisten ab, aber auch Leverkusen blickte vom letztjährigen Platz 5 eher in die Champions League, als dass man die unteren Regionen im Kalkül hatte. Die Mannschaft hat das Zeug zum begeisternden Fußball, doch zeigt sie ihn zu selten. Schalke war im Vorjahr mit minimalistischem Fußball erfolgreich, jetzt geht das nicht mehr und die Tore fehlen, Dazu fällt ein Stürmer nach dem anderen aus (Uth, Embolo, Burgstaller), da muss Trainer Dominik Tedesco die Leistung vom Vorjahr wiederholen: Viele Punkte mit wenig Toren. Erstaunlich, die Manager auf Schalke und in Leverkusen verteidigen tapfer ihre Trainer gegen die ständigen Anfragen der Medien, wann denn der Coach gehen muss. Wenn aber weiter die Punkte fehlen, könnte es bald ganz anders aussehen.

Lassen wir uns überraschen, wer frohe Weihnachten feiern kann.

Mit Tempo an den Bayern vorbei

Die Fußball-Bundesliga befindet sich in einer Art „Glücksrausch“. Endlich ist es so weit, die Alleinherrschaft des FC Bayern München ist beendet. Der „Glücksrausch“ wird aber auch befeuert, weil sich Dortmund und die Bayern beim 3:2 des Tabellenführers ein hochklassiges Spitzenspiel geliefert haben, das via Fernsehen beste Werbung für die Bundesliga in rund 200 Ländern rund um den Globus war. Der „Glücksrausch“ wird aber auch befeuert, weil Dortmunds Verfolger Mönchengladbach, Leipzig und Frankfurt einen attraktiven Tempo-Fußball spielen und die Hoffnung keimen lassen, dass es nach einem sechs Jahre langen Alleingang der Bayern an der Spitze nun kein Solo der Dortmunder geben wird. Die Bayern schauen von Rang fünf zu und müssen konstatieren, dass die Konkurrenz mit Tempo an ihnen vorbei gezogen ist.

Im Hinblick auf die Bundesliga und die Bayern ist jetzt von Machtwechsel und Umbruch die Rede. Schlagwörter für Gegenwart und Zukunft. Selbst die Dortmunder wehren ab, dass dies schon ein Machtwechsel sein kann. Noch ist die Meisterschaft in weiter Ferne, vielleicht schnaufen die Bayern vor dem nächsten Großangriff nur ein wenig durch. Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat die Richtung schon vorgegeben: „Wir müssen nicht in jedem Jahr Meister werden“ und „wir werden im Sommer das Mannschaftsgesicht ziemlich verändern“. Da schwingt die Erkenntnis mit, dass man in diesem Jahr mit dem Verzicht auf größere Verpflichtungen wohl falsch lag. Pflichtgemäß will man den Kampf um den Titel natürlich nicht aufgeben, auf der Bayern-Homepage heißt es „Die Jagd hat begonnen“ und Hoffnung gibt es: Nach elf Spieltagen ungeschlagen waren die Dortmunder zuletzt in der Saison 2002/03, Meister wurde am Ende – Bayern München.

Das Zauberwort in der Bundesliga heißt derzeit aber „Tempo“. Ein Zauber, der an den Bayern vorbei ging, Ihr Kredo Ballbesitz ist veraltet. Die Bayern feierten eine Halbzeit lang in Dortmund zwar eine Wiederauferstehung, zeigten einen Kampfgeist wie noch nie in dieser Saison und bewiesen, ganz abschreiben sollte man sie nicht. Und dennoch gab es Szenen, die einen Machtwechsel ebenso deutlich machen wie den notwendigen Umbruch. Zum Beispiel als Franck Ribery vor dem entscheidenden 3:2 den Ball in der gegnerischen Hälfte verlor und dem schnellen Sancho nicht folgen konnte. Die Bayern hielten an Robben, Ribery und auch Martinez fest, jetzt haben sie den Salat bzw. das fehlende Tempo. Die Hoffnungsträger sind verletzt, die Franzosen Coman und Tolisso nämlich. Sie stehen für Höchstgeschwindigkeit.

Die Bayern müssen sich aber auch fragen, ob ihre Scoutingabteilung nicht einiges verschlafen hat. Stürmer wie Sancho und Alcacer in Dortmund, Plea in Gladbach, Nelson in Hoffenheim oder gar das Frankfurter Duo Jovic und Rebic sorgen für Tempo und Aufmerksamkeit. Warum landete keiner von ihnen in München? Gerade Pokalsieger Eintracht Frankfurt wurde zu Saisonbeginn unterschätzt, als es beim Wechsel von Trainer Niko Kovac zu Adi Hütter kriselte. Doch inzwischen hat der Österreicher die Eintracht in Schwung gebracht, Kovac die Bayern dagegen nicht. Haben die Bayern den falschen Trainer? Coach Dieter Hecking und Manager Max Eberl haben in Gladbach nach einer enttäuschenden Saison die richtigen Schlüsse gezogen und an den richtigen Stellschrauben gedreht, Gladbach spielte sich mit Tempo an die Spitze, da schnaufen die Bayern wie eine Dampflok hinterher. Es gibt aber zwei Hoffnungen: Die Bayern-Stars haben endlich erkannt, dass es nur mit vermehrten Einsatz und Mannschaftsgeist geht. Und: Die Bayern haben ihre Krise mit Verletzungen schon hinter sich, die Konkurrenz blieb bisher weitgehend davon verschont. Außerdem müssen die anderen erst noch eine gewisse Konstanz beweisen. Die Jagd könnte sogar erfolgreich sein, ausgeschlossen ist das nicht.

Die Bundesliga insgesamt aber im „Glücksrausch“, sie wehrt sich erfolgreich gegen Langeweile, auch am Tabellenende. Dort gab es einen „Aufstand“ der Schlusslichter, und urplötzlich sind auch Mannschaften, die man eigentlich oben sucht, unten dabei, nämlich Bayer Leverkusen und der vorjährige Vizemeister Schalke 04. Da ist Spannung garantiert.

Auch Jogi Löw braucht Tempo, Tempo

Die Bundesliga muss ihren „Glücksrausch“ ein bisschen konservieren, denn es steht erst mal wieder einmal eine Länderspielpause an. Und was die deutsche Nationalmannschaft betrifft, da kann von einem „Glücksrausch“ keine Rede sein. Bundestrainer Joachim Löw und seine Mannen stehen nämlich sogar vor einem Abstieg aus der Liga A der neuen Nations League. Deutschland braucht die Schützenhilfe von Frankreich gegen die Niederlande und am Montag, 19. November, zudem einen Sieg gegen den Kontrahenten. In Amsterdam hat Deutschland bekanntlich 0:3 verloren, ein Tiefpunkt. Ein Sieg muss in Gelsenkirchen auch deshalb her, um für die nächste EM-Qualifikation als Gruppenkopf gesetzt zu sein und schweren Gegnern aus dem Weg zu gehen.

Auch Bundestrainer Jogi Löw muss mit der Zeit gehen und seinem Team eins verpassen: Tempo, Tempo. Da heißt es möglicherweise Abschied nehmen von verdienten Spielern, denn für Tempo stehen zum Beispiel Toni Kroos und Thomas Müller nicht. Tempo garantieren dagegen der gerade überragende Marco Reus, Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sane. Erfolg garantieren sie damit freilich noch nicht, könnte auch sein, dass Deutschland nach der WM-Pleite allzu schnell schon die nächste Pleite erlebt.

Duell Dortmund – Bayern: Es geht um alles!

In der Fußball-Bundesliga sind erst zehn von 34 Spieltagen absolviert, doch das Gipfeltreffen Borussia Dortmund – Bayern München am Samstag (18.30 Uhr) hat bereits den Charakter eines Endspiels. Es geht um alles – vor allem natürlich für den FC Bayern, der als Titelverteidiger dem Rivalen aus dem Ruhrpott hinterher hechelt und am vergangenen Wochenende mit dem 1:1 gegen Freiburg nicht nur Boden verloren hat, sondern auch den Rückkehr der Krise verkraften muss. In Dortmund sieht es ganz anders aus, quasi das Gegenteil ist der Fall: In 15 Pflichtspielen ist die Borussia unter dem neuen Trainer Lucien Favre noch ungeschlagen, Höhenflug statt Krise also. Gewinnt Dortmund, kann es den Vorsprung auf sieben Punkte ausbauen!

Rückblende: In den letzten sieben Jahren waren die Bayern nach dem 10. Spieltag jeweils Tabellenführer! Schlechter sah es nur in der Saison 2010/11 aus, mit Platz 7 und 10 Punkten Rückstand auf Borussia Dortmund. Trainer war damals Louis van Gaal. Am 11. Spieltag gab es ein 3:3 in Gladbach, mit dem Abrutschen auf Platz 9 und12 Punkte Rückstand auf Dortmund.

Früher hieß es bei dem Star-Ensemble der Münchner, diese Mannschaft könnte auch der Platzwart trainieren. Man sah zuletzt, dies gilt nicht mehr. Niko Kovac hat sein „Meisterstück“ mit dem Pokalsieg mit Eintracht Frankfurt (gegen die Bayern!) gemacht und sich damit empfohlen. Mit der Ansammlung der Stars hat er aber offensichtlich seine Probleme. Verloren gegangen ist der spielerische Glanz, mit dem die Bayern einst unter Pep Guardiola beeindruckten, weggeblasen ist das Selbstbewusstsein, das „mia san mia“, das noch unter Jupp Heynckes zum Titelgewinn führte. Abgelöst wurde es von Unsicherheit und Unzufriedenheit, „Markenzeichen“ heute sind schlampige Pässe, Fehler in der Abwehr und mangelnde Chancenverwertung. Klingt eigentlich nach den Sorgen eines Absteigers.

Bezeichnend: Nationaltorhüter Manuel Neuer bekommt kaum einen Ball zu fassen, von den letzten zehn Schüssen waren acht im Netz. Torjäger Robert Lewandowski ging die Selbstverständlichkeit verloren, bei einer entscheidenden Szene vor dem Freiburger Tor musste er nachdenken, ob er den linken oder rechten Fuß nimmt – Chance vorbei. Wenn ein Torjäger nachdenkt, trifft er nicht. Die Versetzung von Joshua Kimmich als Thiago-Ersatz (im Pokalspiel verletzt) ins Mittelfeld erwies sich als Flop, Kimmich produzierte fast nur Fehlpässe, aber Kovac reagierte nicht. Ein Problem ist auch, dass Sportdirektor Hasan Salihamidzic keine Führungsstärke zeigt, um dem Trainer zur Seite zu stehen, die Spieler an die Kandare zu nehmen. Vier Heimspiele in Folge konnten die Bayern jetzt nicht gewinnen, wenn das keine Krise ist. Das lässt auch nichts Gutes erahnen für das Champions-League-Spiel am Mittwoch gegen AEK Athen, obwohl die Bayern das Hinspiel mit 2:0 gewannen. Auswärts sind sie auch in der Bundesliga noch das stärkste Team. Ein Hoffnungsschimmer für Dortmund?

Eins ist sicher: In Dortmund geht es um alles. Es folgt die Länderspielpause und damit Zeit für die Verantwortlichen, sich nach einem Nachfolger für Niko Kovac umzusehen, der die Mannschaft wieder in die Erfolgsspur bringt (Jupp Heynckes wird es wohl kaum sein!). Nur ein Sieg rettet wohl den Coach. Er muss seinem Team endlich seine Handschrift verpassen, er muss taktisch zeigen, dass er der Aufgabe gewachsen ist. Dortmund hat in dieser Woche auch die Leichtigkeit verloren, aber der Tabellenführer machte das, was bisher die Bayern auszeichnete und zum Erfolg führte: Schlechte Spiele dennoch gewinnen.

Von Siegen träumen auch andere Teams, am Tabellenende drohen die Schlusslichter Stuttgart und Düsseldorf (die kurioserweise beide 0:3 verloren und gleichauf blieben) und Hannover (mit sechs Punkten einen Zähler mehr) den Anschluss nach oben zu verlieren. Die Saison ist zwar noch lang, aber sie wird besonders schwer, wenn der Rückstand zu groß wird. Insofern stehen da auch zwei „Endspiele“ an, nämlich Nürnberg gegen Stuttgart und Hannover gegen Wolfsburg, Für Düsseldorf könnten die Punkte gegen Hertha BSC besonders hoch hängen.

Hirngespinst „Super League

Geht es auch für die Bundesliga um alles? In den letzten Tagen geisterte wieder einmal das Hirngespinst einer europäischen „Super League“ durch die Medien. Offensichtlich arbeitet vor allem Real Madrids Vereinsboss Perez an der Umsetzung einer alten Idee der Spitzenklubs, die immer wieder aufmucken, weil sie sich mit dem „Fußvolk“ der nicht ganz so großen Vereine nicht abgeben wollen. Doch der Drang nach der große Kasse wurde bisher immer von der Vernunft und der Realität gebremst und so wird es auch diesmal wieder sein. Allein die gesamte Organisation würde in Unordnung geraten, die Pläne-Schmieder konnten nicht beantworten, was zum Beispiel mit den Nationalspielern passiert, wenn sie die Verbände verlassen wollen. Eine eigene Luxus-Liga gerät schnell an ihre Grenzen.

Und so wird es auch für die Bundesliga nicht um alles gehen, auch wenn Beteuerungen aus Dortmund und München, die nationale Liga nicht verlassen zu wollen, keineswegs eine Garantie für die Zukunft sind. Die Super League könnte nur an die Stelle der Champions League treten, wäre aber auf Dauer selbst bei großer Gewinn-Marge am Ende sportlich und gesellschaftlich eher ein Verlustgeschäft.

Dem Fußball würde es mehr helfen, wenn sich auch die geldgierigen Vereinsbosse damit beschäftigen würden, Korruption und unlautere Geschäfte zu ahnden bzw. zu verbannen. Was rund um FIFA-Präsident Infantino erneut an die Öffentlichkeit kam, lässt nur einen Schluss zu: Beim Weltverband wurde unter dem neuen Präsidenten alles nur noch korrupter und schlechter. Eine Tatsache, die nach der Ära Josef Blatter eigentlich als undenkbar schien. Aber das wurde hier schon oft angeprangert.