Der Sport – Grantler

Kommentare rund um Fußball und anderen Sport

Tag: IOC

Betrug an den Sportlern

Die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Katar sorgt für Aktualität bei einem brisanten Thema, das endlich einmal seriös behandelt und aufgearbeitet werden muss: Der Betrug an den Leistungssportlern, die ein Spielball der Verbände sind. Die Sportler (Gesamtbegriff für Frauen und Männer) sind es, die im Mittelpunkt stehen und die Zuschauer in die Stadien locken (wenn es nicht gerade Doha ist) und die das Geld in die Kasse der Verbände spülen. Natürlich werden sie unterstützt und erhalten Prämien, doch ihre Interessen werden bei weitem nicht ausreichend berücksichtigt. Kein Sportler hätte eine Weltmeisterschaft in das heiße Katar vergeben, wo das Interesse an der Leichtathletik bei Null liegt und die WM eher der Belustigung der Scheichs dient.

Wann gehen die Sportler auf die Barrikaden, wann gründen sie eine Gewerkschaft zur Durchsetzung ihrer Interessen? Es wird Zeit. Schon vor drei Jahren hatte der ehemalige Ski-Star Christian Neureuther gefordert: „Die Sportler müssen rebellieren.“ (Siehe der Sport-Grantler vom 24. Oktober 2016 „Aufruf zur Rebellion im Sport“). Es geht je nach Sportart um Sicherheit, Belastung und Bezahlung. Die Verbände nehmen an Fernsehgeldern und von Sponsoren Millionen Dollar oder Euro ein, schütten aber nur eine geringe Summe an die Sportler aus, die Funktionäre dagegen genehmigen sich selbst schöne Reisen und zweigen hohe Tantiemen für ihre eigenen Bedürfnisse ab. Das Geld aber schaffen die Sportler heran. Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler hat es in einem Interview deutlich angesprochen, weil Verbände wie das IOC oder die IAAF mit den Sportlern verdienen: „Die verkaufen uns“, moniert er, „unsere Leistungen haben Werbe- und Unterhaltungswert, aber die Gelder kommen bei uns nicht an.“

Es ist Betrug am Sport und an den Sportlern, wenn die Bedingungen für den Leistungssport nicht stimmen, wenn die Belastung immer mehr gesteigert wird, so dass sich Verletzungen mehren, Ruhepausen wegfallen, aber die Verbände mehr kassieren. Es ist aber auch Betrug an den Zuschauern, wenn es den Athletinnen und Athleten nicht mehr möglich ist, ihre beste Leistung zu zeigen. Auch Doping ist Betrug am Sport und an den Sportlern, die oft nicht wissen, welche Pillen ihnen wirklich verabreicht werden oder sie werden unter Druck gesetzt, um gegen die Regeln zu verstoßen, nach dem Motto „merkt ja keiner“. Der Sport ist generell schön und reizvoll, gleichermaßen aber ebenso korrupt und verdorben. Das Motto „Sport macht Spaß“ gilt fast nur noch für den Freizeitsport.

Eine Umkehr kann es nur geben, wenn die Sportler sich ihrer Sache selbst annehmen. Alles hat seine Grenzen, so wie die Leichtathletinnen gegen die Kameras in den Startblöcken der WM in Katar protestierten. Sie fühlten sich bloßgestellt und drängten auf eine Abschaltung, die Bilder wurden zumindest eingeschränkt. Ob Fußballer, Handballer oder Basketballer, sie leiden unter einem unsinnigen Terminstress, der ihnen auferlegt wird nach dem Motto „mehr Spiele sind auch mehr Geld“. Erholungsphasen sehen die Verbandsfunktionäre fast nicht mehr vor, warum auch, sie selbst stehen ja nicht auf dem Rasen oder in der Halle.

Eine Umkehr können aber auch Zuschauer und Sponsoren einleiten. Die einen bleiben aus, weil es einfach eine Übersättigung gibt, die anderen könnten aus gleichem Grund ihre Gelder reduzieren, weil der Wert der Ware einfach nicht mehr stimmt. Erst dann kommen die Verbandsfunktionäre vielleicht zur Vernunft. Der Sport muss wieder im Vordergrund stehen, nicht das Geld. Volle Zuschauertribünen gehören zum Profitsport dazu, nicht leere Tribünen mit ein paar Scheichs die gnädig Beifall klatschen.

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Olympia ist nur noch schöner Schein

Es waren glückliche Tage für das Internationale Olympische Komitee (IOC). Am Samstag tanzten die IOC-Granden bei der Eröffnung ihres neuen Hauptquartiers in Lausanne, am Montag gab es den nächsten Jubel bei der IOC-Vollversammlung, als Mailand die Olympischen Winterspiele für 2026 bekam. Die Welt des IOC war wieder in Ordnung, zumal abseits davon neue Sponsorenverträge abgeschlossen wurden. Doch die Zufriedenheit ist nur oberflächlich, Olympia ist nur noch schöner Schein, der Kampf um die echten Werte der Olympischen Spiele ging schon lange verloren. Geblieben ist die Jagd nach Geld und Ruhm.

Früher drängte sich alles um Olympia, der Höhepunkt für die Sportler, eine Auszeichnung für die Städte und Länder. Heute haben die Kritiker die Oberhand, nachdem Olympia immer mehr dem Kommerz verfiel und zur Geldmaschine verkommen ist. Die Bevölkerung ging auf die Barrikaden und heute heißt das Motto eher „Hände weg von Olympischen Spielen“. In Deutschland überwiegt ebenso die Skepsis, wenn es um Olympia geht, wie in anderen Ländern. In München und Hamburg stoppten Olympia-Gegner alle Bewerbungsgedanken. Ebenso war es vor der Vergabe für die Winterspiele 2026 in Innsbruck, Calgary und Sion/Schweiz, die Skepsis überwog, die Bevölkerung zog nicht mit. Olympia schön und gut, aber nicht bei und nicht mit uns.

Und so darf man die Zufriedenheit beim IOC verstehen, es herrscht erst einmal wieder Ruhe, die Spiele sind gesichert bis 2028. Es war ja schon bezeichnend, dass bei der Vergabe der Sommerspiele für 2024 am Ende nur die Kandidaten Paris und Los Angeles übrig blieben und in einem Handstreich gleich beide Städte zum Zug kamen, hier atmete das IOC auf, denn wer weiß, welche Interessenten danach noch zur Verfügung stehen. Bezeichnend, dass vor allem totalitäre Staaten nach Olympia greifen, wo die Menschenrechte eher mit den Füßen getreten werden, aber sie sehen noch die Chance, mit der Ausrichtung der Olympischen Spiele international Glanz zu ergattern. Der schöne Schein eben.

Das IOC hat sich selbst eine gewisse Zurückhaltung auferlegt. So soll das Wettrüsten der Städte beendet werden, Korruption eingedämmt und der Umweltschutz in den Vordergrund rücken. Doch ein Zurück zum Ursprung, zum Beispiel atmosphärisch beeindruckende Spiele wie in Lillehammer 1994, wird es nicht mehr geben. Olympia hat seine Zentralität verloren, ein echtes Olympisches Dorf mit dem entsprechenden Erlebnis für die Sportler ist Vergangenheit, allein damit hat Olympia seine Seele verloren. Mailand gewann gegen Stockholm, weil es mit der Zustimmung der Bevölkerung punkten konnte, während es in Schweden unsicher war, wie Olympia ankommen würde. 47 zu 34 Stimmen machen deutlich, dass den IOC-Mitgliedern Mailand das geringere Übel war. Zumal eines ja gesichert war, Olympia ist zurück in Europa nach der Asien-Tour von 2014 (Sotschi) bis 2022 (Peking).

Denn Mailand als Hauptort der Spiele wird eher ein Nebenschauplatz sein. Die Wettbewerbe im Schnee werden verstreut in den Dolomiten stattfinden, nicht nur in Cortina d’Ampezzo, das als zweiter Austragungsort genannt wird und das den Glanz der letzten Spiele von 1956 zurückgewinnen will, sondern eben auch in Valtellina, im Fleimstal und Antholz. Von Mailand aus sind Strecken über 400 km zurückzulegen und das auf engen, wenig ausgebauten Straßen. Das zeigt die Zerrissenheit der Spiele und die Sportler müssen damit leben, dass Olympia inzwischen zu einer Anhäufung von einzelnen Wettbewerben wurde. Das IOC hat Glück, dass eine Medaille bei Olympia immer noch einen besonderen Wert hat.

Ein großes Fragezeichen bleibt allerdings, nämlich die Entwicklung von Politik und Wirtschaft in Italien, die derzeitige Regierung lebt bekanntlich über ihre finanziellen Verhältnisse. Aber die Italiener werden es schon schaffen, am Ende haben sie immer noch alles hingekriegt. So war es ja auch in Turin 2006.

Olympia: Das IOC ist der Stimmungskiller

Das hat Pyeongchang nicht verdient. Die Südkoreaner freuten sich auf die Olympischen Winterspiele, taten und tun alles, um perfekte, liebenswürdige Gastgeber zu sein und dann das: Meist ziemlich leere Zuschauerränge und Kritik, weil die Stimmung fehlt. Nur dort, wo Südkorea mitkämpft, kommt echte Olympia-Atmosphäre auf, ansonsten herrscht tote Hose. Und dann spielte auch das Wetter nicht mit, die Stimmung erfror buchstäblich. Doch die Organisatoren sind der falsche Ansprecher bei der Kritik. Sie kann sich allein an das IOC richten.

Das Internationale Olympische Komitee hat in vollem Bewusstsein die Spiele nach Südkorea vergeben. Pyeongchang hat sich lange vergeblich darum bemüht und gewann dann den Trostpreis u. a. gegen München, nach dem Motto, wer sich lange bemüht, soll endlich glücklich sein. Da zählte dann nicht, dass das Städtchen abseits der großen Metropolen liegt, da zählte nicht, dass die Südkoreaner mit einem Teil der Wintersportarten, zum Beispiel Biathlon, gar nichts anfangen können. Da zählte auch nicht, dass die Sportfans vor allem in Amerika und Europa sitzen und der Zeitunterschied dafür sorgt, dass kein Olympia-Fieber entstehen kann. Jetzt haben wir den Salat.

Durch den Zeitunterschied begann auch der Kampf um die Startzeiten bei den Wettbewerben. Federführend vor allem der Olympiasender NBC, der 785 Millionen für mehrjährige Übertragungsrechte zahlte und natürlich die amerikanischen Lieblingssportarten zu vernünftigen US-Zeiten haben wollte. In Europa hatte sich Discovery die Rechte für 100 Millionen Euro gesichert und setzte vor allem auf Skispringen und Biathlon. Deshalb wurden bei diesen Sportarten die ansonsten gängigen Anfangszeiten über Bord geworfen, deshalb mussten die Skispringer nach Verzögerungen durch den Wind bis nach Mitternacht springen. Ein Unding! Kein Wunder, dass bei eiskalten Bedingungen die Zuschauer entweder gleich zu Hause blieben oder aufgaben und heimgingen. Der Olympiasieger jubelte am Ende vor leeren Rängen. Schade, beim größten Sieg einer Karriere.

Pyeongchang kann also nichts dafür, das IOC ist der Stimmungskiller und wieder einmal stehen wir vor der Tatsache, dass Geld vor Sport geht. Die Funktionäre behaupten zwar, die Sportler wollen doch auch gut verdienen, doch dafür sorgt weniger das IOC. Das schaut eher auf die eigene Kasse und die füllt vor allem das Fernsehen. Ein Wunder eigentlich, dass die TV-Sender nicht ihr Veto zur Serie der Asienspiele eingelegt haben, dann es folgen ja Tokio 2020 mit den Sommerspielen und Peking 2022 mit den nächsten Winterspielen. Da werden wir also das gleiche Theater haben. Erst dann ist Europa mit Paris 2024 und Amerika mit Los Angeles 2028 im Sommer wieder dran.

Doppelt schade ist das für die deutschen Sportfans. Die deutsche Mannschaft ist so erfolgreich wie seit Jahren nicht mehr, aber richtige Olympia-Stimmung will nicht aufkommen, weil an den Übertragungszeiten eher die Arbeit ruft. Da ist es fast ein Wunder, dass bis über sieben Millionen Zuschauer mit den Biathleten mitfiebern. Aber was wäre erst losgewesen, wenn diese Spiele in München stattgefunden hätten! Es wäre ein Wintermärchen geworden wie damals 1972, als die fröhlichsten Sommerspiele in München leider vom Terror gestoppt wurden und am Ende Trauer trugen. München 2018 hätte dazu beitragen können, dass der Olympische Geist doch noch in der Bevölkerung wach bleibt. Das ist vorbei, die Stimmung hat sich gegen Olympia gedreht. Auch hier war das IOC der Stimmungskiller.

Deutsches Olympia-Team steht vor einer Blamage

Wenn man keine Probleme hat, dann macht man sich welche. Und wenn man Probleme hat, dann ist es ja egal, ob noch ein paar dazu kommen. Nach dem Motto handelt wohl der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), in erster Linie sein unglücklicher Präsident Alfons Hörmann. Der war sich wohl in einer gewissen Einfalt der Tragweite nicht bewusst, als er Partei für die Eisschnelllauf-Oma Claudia Pechstein als Fahnenträgerin der deutschen Mannschaft für die Eröffnungsfeier bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang ins Gespräch brachte. Die 46-jährige ist eine von fünf Kandidaten für diese Ehre, sie ist bekannt, weiß Unterstützung für sich zu mobilisieren, ist aber denkbar ungeeignet Aushängeschild der deutschen Mannschaft zu sein. Alfons Hörmann war der Wegbereiter dafür, dass das Olympia-Team jetzt vor einer Blamage steht.

Wer als FahnenträgerIn ausgewählt wird, sollte olympische Erfolge vorweisen können, populär sein, aber auch eine gewisse Vorbildfunktion haben. Genau diesen Punkt erfüllt Claudia Pechstein nicht. Es ist zwar toll, dass sie bereits fünf Goldmedaillen gewann und jetzt mit 46 Jahren noch einmal aussichtsreich an ihren siebten Olympischen Spielen teilnehmen kann. Aber sie war von 2009 bis 2011 wegen auffälliger Blutwerte gesperrt worden und über ihrer Karriere liegt ein Schatten. Sportrechtlich ist diese Strafe bisher nicht revidiert worden, auch wenn sich Pechstein mit allen möglichen Klagen dagegen gewehrt hat und noch einen Schadensersatzprozess laufen hat. Angeblich steckt eine vererbte Blutanomalie dahinter, wie Experten ihr bestätigten. Allerdings ist es schon seltsam, dass diese „vererbte Leistungssteigerung“ ausgerechnet immer zu den sportlichen Höhepunkten auftrat. Kommt noch hinzu, dass sich Claudia Pechstein lange Zeit nicht gerade als Teil des Eisschnelllaufteams sah, Alleingänge unternahm und eine Sonderstellung im Training für sich beanspruchte. Dies übrigens auch im Olympia-Team, denn nur sie hat ihren Lebensgefährten Matthias Große an ihrer Seite, auf den sie als mentalen Trainer angeblich nicht verzichten kann. Große viel vor allem dadurch auf, dass er Pechstein-Gegner einzuschüchtern versuchte. Vorbildfunktion?

Diese kann man eher den anderen Kandidaten bescheinigen. Zum Beispiel Natalie Geisenberger, die in den letzten Jahren die Rodel-Konkurrenz auf Abstand hielt, Viktoria Rebensburg, Aushängeschild der alpinen Ski-Mannschaft oder Eric Frenzel, lange Zeit der dominierende Mann in der Nordischen Kombination. Alle gewannen sie bereits Olympia-Gold. Und da ist noch Christian Ehrhoff, Abwehrrecke der Eishockey-Nationalmannschaft mit NHL-Erfahrung, der vor seinen vierten Spielen steht. Allesamt gute Kandidaten, alle aber nicht so im Gespräch wie die Eisschnelllauf-Oma, die überall eher in den Medien auftauchte, wenn es um die Meldung über die Wahl des Fahnenträgers oder der Fahnenträgerin ging. Billige Werbung für sie.

Das ist nämlich schon von Gewicht, denn auch die Fans können wählen. Je zur Hälfte haben die Sportler und Fans den Stimmenanteil. Der DOSB hält sich raus und will allen Kritiken vorbeugen, dass er die falsche Wahl getroffen habe. Die falsche Vorauswahl war es aber bereits. Wählen kann man unter http://www.teamdeutschland.de bis einschließlich 4. Februar.

Wenn Claudia Pechstein tatsächlich gewählt werden sollte, dann würde das erstens ein schlechtes Licht auf das deutsche Team werfen, wäre aber auch irgendwie passend zur derzeitigen Situation der olympischen Familie. Dopingsünden von den letzten Winterspielen 2014 in Sotschi sind noch nicht ganz aufgearbeitet, da drohen auch für Pyeongchang gravierende Dopingvergehen. Journalisten deckten auf, dass die Dopingproben leicht manipuliert werden können. Beim IOC und der Dopingagentur WADA wird offensichtlich schlecht oder nur halbherzig im Kampf gegen das Doping gehandelt. So gab es für das erwiesene Staatsdoping von Russland nur wachsweiche Sanktionen. Russland als Nation ist nicht dabei, aber 169 angeblich saubere russische Sportlerinnen und Sportler unter neutraler Flagge.

Da mag eine Fahnenträgerin Pechstein ein kleines Übel sein, für den Ruf der Mannschaft wäre sie dennoch ein großes Übel. Nachdem sich Alfons Hörmann so für Pechstein ins Zeug gelegt hat, sollte der DOSB-Präsident bei einer Wahl Pechsteins Konsequenzen ziehen und seinen Rücktritt erklären. Er wäre dann nämlich dafür verantwortlich, dass die deutsche Mannschaft in einem schlechten Licht erscheint und vor dem ersten Start schon mal eine Niederlage erlitten hätte.

Rückblick 2017: Wenn der Sport zum Witz wird

Der Sport gehört für uns zum Alltag. Den Leistungssport verfolgen wir mehr oder weniger gern, Sport treiben wir, weil es uns Spaß macht und vor allem gesund ist. Also einer der guten Vorsätze für das neue Jahr: Genug Sport treiben.

Was den Profi-Sport angeht, da lieben wir die Wettkämpfe, die Spannung, die tollen Leistungen. Manchmal wird der Sport aber auch zum Ärgernis, wenn Betrug und Korruption im Vordergrund stehen und die ehrlichen Leistungen in den Hintergrund drängen. Manchmal wird der Sport aber auch einfach zum Witz. Der Rückblick auf 2017 hat also nicht Welt- und Europameisterschaften zum Inhalt, sondern einige Blicke auf das Geschehen, bei dem der Sport zum Witz wird, ohne lustig zu sein.

Zu Witzbolden wurden die Medien, als sie im November verkündeten, Deutschland habe 85 Jahre nach Max Schmeling wieder einen Schwergewichts-Boxweltmeister. Der gute Max wird sich im Grab erbost aufgebäumt haben. Der Flüchtling Manuel Charr, im Libanon geboren, angeblich seit 28 Jahren in Deutschland und mit deutschem Pass versehen, holte sich den WBA-Titel. Doch damit begann die Reihe der witzigen Begebenheiten. Die Medien feierten Charr, doch der Weltmeister ist kein richtiger Weltmeister wie Max Schmeling, sondern über ihm thront noch ein „Super-Champion“, also der wirkliche Weltmeister. Er heißt Anthony Joshua, besiegte Vladimir Klitschko und ist Champion der Verbände WBA und IBF. Das Profi-Boxen als Witzveranstaltung kennt ja nicht nur verschiedene „Weltverbände“, sondern kürt auch Weltmeister, die gar keine Weltmeister sind, weil sich damit ein Kampf besser verkaufen lässt. Das ist kein Witz, sondern eigentlich Betrug.

„Weltmeister“ Charr wiederum hat die Öffentlichkeit veräppelt. Den Titel widmete er zuerst Deutschland, seinen WM-Gürtel dann dem türkischen Präsidenten Erdogan. Dann musste Charr kleinlaut zugeben, dass er gar keinen deutschen Pass hat, zuerst hat er ihn angeblich nicht abgeholt, dann war sein Einbürgerungsantrag abgelehnt worden, dann wiederum wird er ihn gleich beantragen. So viel zu einem „deutschen“ Weltmeister, der seinen großen Titel gegen einen 44-jährigen Herausforderer verteidigen will. In Köln, „das ist meine Heimat, ich liebe Deutschland“ sagt Charr, diese Art Witze lieben wir nicht.

Ein Witz ist es auch, dass viele Ausdauersportler unter Asthma leiden. Wer mit echten Asthmakranken zu tun hat, der weiß, wie sie leiden und zu keinem Leistungssport fähig sind. Die asthmakranken Sportler wiederum, wollen nur das Medikament, das die Atemwege öffnet und für mehr Sauerstoffzufuhr sorgt. Um nicht gegen die Dopingregeln zu verstoßen, muss man also ein Attest über die Krankheit vorlegen. Das ist kein Witz, sondern eine traurige Tatsache im Profi-Sport. Den Vogel hat nun Tour-Sieger Christopher Froome abgeschossen, der positiv getestet wurde. Eine Überdosis eines Asthmamittels wurde bei ihm festgestellt. Froome selbst ist sich keiner Schuld bewusst, „mir ging es schlecht, ich brauchte eine höhere Dosis, ich habe keine Regeln gebrochen“. Hier wird der ehrliche Sport mit Füßen getreten, die Tour de France als Asthma-Kur ist nur noch eine Farce oder eben ein Witz. Merke: Wer allen davon fährt, der kann nicht ganz sauber sein… Zur Witzfigur wird auch der Radsport-Weltverband UCI, wenn er diesem Treiben nicht Einhalt gebietet. Froome müssen die Titel aberkannt werden, er befindet sich auf den Spuren von Lance Armstrong. Ihre Gemeinsamkeit: Zuerst schwer krank, dann schwer zu schlagen auf dem Rad…

Zu Witz-Figuren werden auch Politiker und Funktionäre in Russland, die finstere und besonders westliche Mächte hinter ihrem eigenen Staatsdoping vermuten. Ihre kriminellen Machenschaften wurden aufgedeckt, doch die Russen selbst sehen darin nur eine Verschwörung. Ehrliches Doping gibt es nicht. Reihenweise wurden bekanntlich russische Sportler des Dopings überführt und die Olympia-Medaillen einkassiert. „Ihr bleibt unsere Helden“ feiern linientreue russische Medien die ertappten Olympiasieger. Feiern können sie höchstens den Deal mit dem IOC, dass Russland als Nation zwar ausgesperrt wird, aber nachweislich saubere und entsprechend neutral kontrollierte russische Athleten bei den Winterspielen in Pyeongchang unter neutraler Flagge starten dürfen. Russland ist nicht dabei, aber die russischen Athleten mittendrin.

Es ist kein Witz, sondern traurig, dass der Profi-Sport immer mehr nach dem Motto ausgetragen wird „wir sind alle Betrüger, es muss ja nicht jeder gleich merken“. Da wirkt dann eine Kampagne für das Fair Play, wie die vom Fußball-Weltverband FIFA, als größter Witz.

Das IOC zwischen Angst und Verantwortung

Mit Spannung war die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im Hinblick auf die Vorwürfe des staatlichen Dopings von Russland bei den Winterspielen 2014 in Sotschi erwartet worden. Im Hintergrund glühten die Drähte, um zu ergründen, wie ein salomonisches Urteil aussehen könnte, das die 14-köpfige Exekutive des IOC schließlich auch traf. Das IOC zwischen Angst und Verantwortung, Russland für Doping-Betrügereien sanktionieren, aber dennoch nicht gänzlich auf den Fuß steigen. Der Kompromiss, dass Russland als Mannschaft ausgeschlossen wird, einzelne russische Athleten aber starten dürfen, wenn sie den Nachweis erbringen, dass sie unbelastet sind, sieht nach einem Kuhhandel im Hintergrund zwischen IOC-Präsident Dr. Thomas Bach und Russlands Präsident Wladimir Putin aus.

Die Beweise für das staatliche Doping unter Einbeziehung des Geheimdienstes müssen erdrückend sein, sonst hätte Russland die Suspendierung nicht angenommen. Das Donnerwetter aus Moskau war pflichtgemäß inszeniert, Putin sorgte dafür, dass die unangenehmen Schlagzeilen national in den Hintergrund gedrängt wurden, weil er punktgenau seine erneute Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen kundtat. Am Ende konnte sich IOC-Präsident Bach für die konsequente Haltung des IOC feiern lassen, während man in Russland wohl zur Tagesordnung übergehen wird, nach dem Motto „alles nicht so schlimm“, machen wir weiter, wir dürfen uns nur nicht mehr erwischen lassen. Zum Glück gibt es aber immer wieder Leute, wie den früheren Leiter des Moskauer Anti-Dopinglabors, Rodschenkow, die des Betrugs überdrüssig sind und an die Öffentlichkeit gehen. Das IOC und alle Verbände sind dazu aufgefordert, dafür zu sorgen, dass russische Sportler strengen unabhängigen Kontrollen unterliegen. Eine Medaillenflut wie in Sotschi, als Russland die Nationenwertung zunächst offiziell gewann, wird es dann nicht mehr geben. 25 russische Sportler wurden nachträglich gesperrt, elf Medaillen, darunter vier Goldene, aberkannt. Das Ende wird es noch nicht sein.

Gespannt sein darf man, wie die Klagen der russischen Sportler beim Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne enden. 22 wurden wegen Dopings lebenslang gesperrt. Im schlimmsten Falle könnte es sein, dass der Ausschluss Russlands noch einmal ins Wanken gerät, wenn die Beweislast doch nicht hieb- und stichfest ist. Allerdings hätte dann wohl Russland die Sanktionen nicht akzeptiert.

Im Zuge des IOC-Urteils gerät auch der Fußball-Weltverband FIFA und sein Präsident Gianni Infantino immer mehr unter Druck. Russlands Sportminister und Vize-Premier Witali Mutko wurde als Drahtzieher des Staats-Dopings vom IOC lebenslang gesperrt, gleichzeitig lobt aber Infantino die Arbeit Mutkos als Cheforganisator der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Hier hat die FIFA mehr Angst als Verantwortung, denn sonst müsste sie schon lange den Vorwürfen des Dopings in Russlands Fußball nachgehen. Die Nationalmannschaft des Gastgeberlandes 2018 ist schon lange ziemlich erfolglos, soll aber 2018 für Furore sorgen. Mit Unterstützung vielleicht wie die russischen Olympia-Sportler 2014…

Infantino hat Angst vor einer Weltmeisterschaft ohne den Gastgeber und sieht sich nicht in der Verantwortung, den Doping-Anschuldigungen nachzugehen. Dagegen lobt er den Ausrichter, freut sich auf die „beste Weltmeisterschaft aller Zeiten“ und gibt sich damit selbst und die FIFA der Lächerlichkeit preis. Er hofft wohl darauf, dass die Zeit Wunden heilt. Schließlich hat das IOC Putins Reich auch ein Hintertürchen offen gehalten: Bei der Siegerehrung wird bei einem russischer Sportler, der unter neutraler Flagge antritt, genannt, dass er aus Russland kommt. Und bleiben alle brav und sauber, dann wird bei der Olympia-Schlussfeier in Pyongchang in Südkorea doch wieder die russische Fahne wehen. Alles vorbei, alles wieder gut. Infantino setzt darauf, dass bei der Fußball-WM das Doping-Theater nur noch Vergangenheit ist. Er verschließt die Augen und will ein fröhliches Fest feiern. Viel Spaß 2018.

Hat Kim Jong Un vielleicht sogar Olympia in Südkorea im Visier?

Die Welt ist nicht nur durch Wetterkatastrophen in Aufruhr, sondern vor allem durch pubertäre Politiker, die ihrem Spielzeug Macht Geltung verschaffen wollen. So steuern wir auf eine Weltkrise zu und der Sport steckt mittendrin, denn für ihn steht auch eine Katastrophe bevor. Am Ende könnten die Olympischen Winterspiele in Südkorea, die eigentlich vom 9. bis 25. Februar in Pyeongchang ausgetragen werden sollen, gestrichen werden. Grund: Die Gefahr für die Sportler ist zu groß.

Die ersten Verbände und Sportler haben bereits ihre Bedenken geäußert. Pyeongchang liegt nur etwa 100 Kilometer von der Grenze zu Nordkorea entfernt. Was plant Herrscher Kim Jong Un in Nordkorea wirklich? Kommt es zu einem militärischen Streit mit den USA, wo – zum Glück vorerst nur in Worten – bereits der Untergang an die Wand gemalt wird. „Wir werden Nordkorea zerstören“, hatte US-Präsident Donald Trump angesichts der nicht enden wollenden und verbotenen Raketentests Machthaber Kim gedroht. Nordkorea antwortete mit der Möglichkeit, eine Wasserstoffbombe im Pazifik zu zünden und ließ bereits Raketen über Japan fliegen. Noch sind es nur Drohungen, doch das Unwohlsein der Sportler steigt. Ist Angesichts dieser Lage Olympia noch sicher?

Die ersten Verbände haben bereits eine Absage ins Auge gefasst. Frankreich beschäftigt sich damit ebenso wie Österreich, zwei starke Wintersportnationen. Die deutschen Spitzenathleten Laura Dahlmeier (Biathlon) und Felix Neureuther (Ski alpin) ließen bereits Einblick in ihre Gedanken zu. Tenor: Wir wollen nicht unser Leben für Olympia riskieren. Keiner weiß, wie weit die Eskalation in Worten noch geht und welche Konsequenzen sie nach sich ziehen. Kehrt allerdings keine Beruhigung ein, dann werden sich viele Sportler einen Start in Südkorea genau überlegen, selbst wenn ihr Verband nicht im Ganzen zurückzieht.

Vor allem die Organisatoren in Südkorea werden diese Entwicklung mit Sorge sehen. Geraten die Olympischen Winterspiele in Gefahr? Vielleicht ist das sogar die wahre Absicht von Kim Jong Un, dass er nicht nur der Welt seine Macht zeigen will, sondern dass er auch im Hinterkopf hat, dass er mit solchen kriegerischen Spielchen Südkorea verunsichern kann und dem ungeliebten Nachbarn die Olympischen Spiele madig machen kann. Eskaliert die weltpolitische Lage und kehrt nicht der „Olympische Friede“ ein, wie er früher ausgerufen wurde, damit die Waffen schwiegen, dann könnte dem IOC am Ende wirklich nur eine Absage bleiben, um die Gesundheit der Sportler nicht zu gefährden.

Dass das IOC derzeit unerwartet still hält, könnte auch dem Umstand geschuldet sein, dass man nicht noch mehr Feuer ins Öl gießen will. IOC-Präsident Thomas Bach hat als einzige Handlung an die UN die Bitte gerichtet, für die Sicherheit der Spiele einzutreten (siehe auch Kolumne vom 14. September „Letztes Aufbäumen des IOC für Olympia“).

Pyeongchang hat sowieso Sorgen, weil selbst im eigenen Land die Begeisterung für die Spiele nicht so groß ist und der Kartenverkauf den Erwartungen hinterher hinkt. Insofern kommen die Machtspiele aus Nordkorea total ungelegen, da sie die Touristen aus Amerika und Europa abhalten werden, die Winterspiele zu besuchen. Sollte Kim Jong Un tatsächlich den Gedanken haben, Südkorea schaden zu wollen, dann hat er sein Ziel zum Teil sogar schon erreicht. Wie auch immer, von Vorfreude auf Olympia ist jetzt im Herbst und vor dem baldigen Start in das Wintersport-Halbjahr nichts zu spüren.