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Tag: Moskau

Deutschlands WM-Pleite: Die schonungslose Abrechnung

Der Weltmeister bereits in der Gruppenphase ausgeschieden, ein historisches Aus der Fußball-Nationalmannschaft und ganz Deutschland wundert sich. Eigentlich sollte es heißen, „ganz Deutschland trauert“, aber so ist es nicht. Die Leistungen der Löw-Jungs waren einfach zu schwach, so dass der allgemeine Tenor lautet: „Sie haben es verdient“. Aus, aber nicht vorbei. Jetzt folgt die Aufarbeitung und vom Sport-Grantler nach Deutschlands WM-Pleite eine schonungslose Abrechnung.

Verflucht: Wer an böse Geister oder schlechte Omen glaubt, der wusste, dass Deutschland keine Chance hatte, Weltmeister zu werden. Der Fluch der Weltmeister traf auch das DFB-Team, es ist der dritte Weltmeister in Folge, der in der Vorrunde ausscheidet. Außerdem hat noch nie ein Confed-Cup-Sieger den Titel geholt und wer gewann 2017? Deutschland! Also, alles klar, verflucht noch mal… Der Sport-Grantler hat schon am 11. Juni dargelegt „Warum Deutschland nicht Weltmeister wird“.

Überheblichkeit: Jetzt zu den realistischen Gründen. Die Weltmeister sonnten sich auch vier Jahre danach noch im Glanz ihres Titels und litten offensichtlich an Selbstüberschätzung, so dass alle Warnsignale ignoriert wurden. Nach den schwachen Spielen in der Vorbereitung hätte es nicht heißen dürfen, „das wird schon“, sondern eher, „wir müssen aufpassen, dass es keine Bruchlandung gibt“. Alle vertrauten darauf, dass Deutschland eine Turniermannschaft ist und den Schalter umlegen kann. Der Schalter wurde nicht gefunden. Statt Kampf, Einsatzbereitschaft und Ideen lieferte das Team mehrheitlich Lethargie und Ideenlosigkeit. Die Quittung wurde präsentiert. Mit Überheblichkeit lassen sich keine Titel gewinnen.

Joachim Löw: Der Bundestrainer ging auch bei der Überheblichkeit voran. Er gefiel sich als Weltmeister-Coach, schien dem Alltag entrückt, aber es wäre seine Aufgabe gewesen, die Warnsignale zu vernehmen. Löw erkannte die Schwächen im Team nicht, schaffte es nicht, die Mannschaft in Form zu bringen und hielt in Nibelungentreue zu lange an verdienten Spielern fest. Schon die Krisenbewältigung war mangelhaft, nach dem Erdogan-Skandal mit den unsäglichen Fotos von Özil und Gündogan hätte eine Suspendierung der beiden das Team vielleicht aufgerüttelt und in Schwung gebracht. Özil und Gündogan waren auf dem Feld die personifizierte Lethargie. Der größte Fehler des Bundestrainers: Er konnte seiner Mannschaft kein erfolgversprechendes System mit auf dem Weg geben. Stattdessen wurde der Weltmeister von den Kollegen der Gegner Mexiko und Südkorea überrascht und ausgetrickst. Jogi Löw muss sich fragen lassen, ob er noch auf der Höhe der Zeit ist? Moderner Fußball sieht anders aus.

Oliver Bierhoff: Der Teammanager hat in der Krisenbewältigung ebenfalls versagt. Er hätte nicht zulassen dürfen, dass ein Mesut Özil nach der öffentlichen Kritik auf Tauchstation geht. Der Deutsch-Türke tauchte dann auf dem Feld auch nicht auf. Bierhoff setzte sich in der Quartierfrage mit Watutinki bei Moskau gegen Löw, der gerne nach Sotschi gegangen wäre, durch. Logistik und kurze Wege waren das Argument, weil ein Ausscheiden gar nicht in Betracht gezogen wurde, sondern eine lange Verweildauer im Turnier. „Das Endspiel findet schließlich in Moskau statt“, hieß es. Pustekuchen, als ob es eine Gesetzesmäßigkeit gäbe, dass Deutschland da immer vertreten ist. So, wie das Quartier in Brasilien für gute Laune sorgte, so sorgte der Sportschulen-Flair von Watutinki für Lustlosigkeit. Da passten dann die Werbeslogans wie die Faust aufs Auge. „Best never rest“ (der Beste ruht sich nie aus), das tat die Mannschaft schon – auf dem Platz. „#ZSMMN“ sollte das Synonym für Zusammenhalt sein, wie bekannt haperte es mit dem Zusammenhalt im Team, von Grüppchenbildung war die Rede. Slogans allein helfen nicht, sie gaben Bierhoff und den DFB nachträglich eher der Lächerlichkeit preis.

Bayern-Blues: Vollkommen unterschätzten Jogi Löw und sein Trainerteam die Probleme der Bayern-Spieler. Die Bayern-Fraktion, sonst ein Garant für Erfolg, litt sichtbar unter den Rückschlägen zum Saison-Ende, dem Aus in der Champions League und der Niederlage im Pokal-Finale. Form und Selbstvertrauen waren weg, Beispiel dafür Thomas Müller, der für seine unorthodoxe Spielweise gerühmt wird, seine Laufwege zum Erfolg aber nicht fand. Kein einziger Bayern-Spieler schoss in der Vorrunde ein Tor! Müller nicht, Hummels nicht, auch James für Kolumbien nicht oder sogar Lewandowski für Polen. Löw reagierte nicht. Er bäumte sich wie die Mannschaft selbst gegen das drohende Ausscheiden nicht wirklich auf. Er hauchte dem Team kein Leben ein.

Ganz Deutschland wartet jetzt darauf, wie Joachim Löw sich für die Zukunft entscheidet. Bleibt er Bundestrainer (der DFB will an seinem Vertrag bis 2022 festhalten) oder tritt er zurück, weil er erkannt hat, dass er dieser Mannschaft nicht mehr helfen kann und einem Neuaufbau nicht im Wege stehen will? Das wäre eine Entscheidung von Charakter und Vernunft. Der DFB wiederum stünde vor dem Dilemma, das geeignete Kandidaten nicht zur Verfügung stehen, es könnte ein Vakuum vor dem nächsten Spiel, am 6. September in der Nations League gegen Frankreich, entstehen. Wahrscheinlich würde dann Horst Hrubesch als Nothelfer geholt, er ist ja bei den Frauen jetzt wieder frei…

Das Achtelfinale: In Russland geht es weiter, auch wenn die TV-Einschaltquoten in Deutschland drastisch sinken werden. Zudem haben nur wenige Spiele begeistert und die Favoriten haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Aber Frankreich, Argentinien, Spanien und Brasilien haben die Kurve gekriegt. Keiner hat sich bisher allerdings für den Titel empfohlen, am meisten machte noch Kroatien auf sich aufmerksam. Aber halten die Kroaten durch? Ein Achtelfinale heißt zum Beispiel Schweden – Schweiz, es hätte am Dienstag in St. Petersburg auch Deutschland – Brasilien heißen können! Na ja, drücken wir der Schweiz als Bundesliga-Ableger die Daumen. Außerdem spielen bekanntlich Frankreich – Argentinien, Uruguay – Portugal, Spanien – Russland, Kroatien – Dänemark, Brasilien – Mexiko, Belgien – Japan und Kolumbien – England. Schade, dass keine afrikanische Mannschaft mehr dabei ist. Seit Jahren träumt der Kontinent davon, dass er mal den Weltmeister stellen könnte. Die Talente dazu hat er, aber meist fehlt es an der Team-Organisation. Jetzt kann man den ausgeschiedenen Ländern nicht mal mehr raten, nehmt euch an Beispiel an Deutschland.

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Welches WM-Aufgebot hätten’s denn gern?

Die nationalen Fußball-Ligen beenden in diesen Tagen ihre Meisterschaften, das bedeutet, nach der Punktrunde ist vor der Weltmeisterschaft. Die WM 2018 in Russland (14. Juni bis 15. Juli) beschäftigt natürlich seit geraumer Zeit die Öffentlichkeit, die Medien und die Fans. Doch jetzt wird es langsam ernst, denn am 15. Mai müssen die erweiterten WM-Kader gemeldet werden. Höchstens 35 Spieler dürfen auf dieser Liste stehen, Bundestrainer Joachim Löw hat diese Zahl nur selten ganz genutzt.

Jetzt steigt die Spannung und es ist die Zeit der millionenfachen Bundestrainer, die ihren eigenen WM-Kader zusammenstellen und die am Ende wissen wollen, ob sie einen Volltreffer gelandet haben. Das Motto: Welches WM-Aufgebot hätten’s denn gern?

Es gibt auch für Bundestrainer Jogi Löw noch einige Fragezeichen, das dickste steht hinter dem seit September verletzten Kapitän Manuel Neuer, der nach wie vor sein Comeback verschieben muss und vor der WM kaum noch Spielpraxis sammeln kann. Geht der Bundestrainer das Risiko ein, dem Wackelkandidaten einen Platz frei zu halten? Der Welttorhüter gilt auch abseits des Spielfelds als wichtige Figur im Team, doch das allein kann natürlich eine Nominierung nicht rechtfertigen. Aber auch Jerome Boateng und Emre Can sind angeschlagene Wackelkandidaten, nachdem Lars Stindl und Serge Gnabry wegen Verletzungen schon absagen mussten.

Der endgültige WM-Kader muss am Montag, 4. Juni, benannt werden. Davor gibt es das Trainingslager in Eppan in Südtirol vom 23. Mai bis 7. Juni und das Testspiel gegen Österreich am Samstag, 2. Juni (18 Uhr) in Klagenfurt. Da geht es also um die endgültigen Plätze, als sicher gilt nämlich, dass Löw nicht nur 23 Spieler, sondern eher 26 mit ins Trainingslager nehmen wird.

Eigentlich spricht der Bundestrainer davon, dass er jede Position doppelt besetzt haben will, doch das geht nicht eins zu eins auf, wenn er auch drei Torhüter und 20 Feldspieler nominieren darf. Gerade im Mittelfeld ist aber das Angebot größer. Andererseits fehlt Löw auch ein zweiter rechter Außenverteidiger hinter Joshua Kimmich und es ist fraglich, ob Marvin Plattenhardt das WM-Ticket als Backup zu Jonas Hector auf der linken Seite ergattern kann. Gefragt sind deshalb Spieler, die für mehrere Positionen in Frage kommen, Allrounder also, wie es Matthias Ginter einer ist, der nicht nur Innenverteidiger spielen kann, sondern auch Außenverteidiger oder als defensiver Mittelfeldmann agieren kann. Ähnliches gilt für Sebastian Rudy, auch Niklas Süle zeigte sich schon in dieser Rolle. Solche Fähigkeiten könnten also das WM-Ticket bedeuten. Die Frage ist auch, ob Löw gleich zwei klassische Mittelstürmer nominieren wird oder ob er sich zwischen Platzhalter Mario Gomez und Herausforderer Sandro Wagner entscheidet. Das könnte eine typische Bauchentscheidung werden. Der schnelle Timo Werner hat seinen Platz wohl sicher.

Aber es gibt natürlich viele Fragezeichen, nicht nur durch die Verletzungen. Was wird zum Beispiel mit Mario Götze? Der Siegtorschütze von 2014 schlitterte in eine gesundheitliche und spielerische Krise, befindet sich aber auf dem Weg nach oben. Wer sind die besten Flügelflitzer? Thomas Müller findet seinen Platz wohl auf der rechten Seite, obwohl er ja lieber weiter in der Mitte für Unruhe sorgt. Das erweiterte Aufgebot wird also Hinweise geben, aber noch keine endgültige Antwort.

Auch der Sport-Grantler spielt Bundestrainer, so könnte das WM-Aufgebot aussehen:

Torhüter (3+2): Manuel Neuer, Marc-Andre ter Stegen, Bernd Leno (dazu im erweiterten Aufgebot Sven Ulreich, Kevin Trapp). Abwehr (7+2): Mats Hummels, Jerome Boateng, Niklas Süle, Antonio Rüdiger, Joshua Kimmich, Jonas Hector, Matthias Ginter (dazu Shkedran Mustafi, Marvin Plattenhardt). – Mittelfeld/Angriff (13+5): Toni Kroos, Thomas Müller, Sami Khedira, Mesut Özil, Ilkay Gündogan, Julian Draxler, Leroy Sane, Marco Reus, Leon Goretzka, Timo Werner, Sandro Wagner, Mario Götze, Emre Can (dazu Mario Gomez, Julian Brandt, Sebastian Rudy, Julian Weigl, Kevin Volland). Macht 32 Spieler im erweiterten Aufgebot.

Der Fahrplan bis zur WM: 23. Mai bis 7. Juni Trainingslager in Eppan/Südtirol. 2. Juni Testspiel in Klagenfurt gegen Österreich. 4. Juni Meldeschluss WM-Kader. 8. Juni Testspiel in Leverkusen gegen Saudi-Arabien. 12. Juni Anreise ins WM-Quartier Watutinki bei Moskau. 17. Juni erstes Gruppenspiel gegen Mexiko in Moskau (17.00 Uhr).

Fußball-WM: Der Titel geht an…

Die Qualifikation ist gespielt, die Gruppen-Auslosung vollzogen – jetzt beginnt im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft die schönste Zeit für die Fans, nämlich die Zeit der Diskussionen und der Rechenspiele. Jeder kann selbst den Spielplan durchrechnen, tippen und sein Fachwissen prüfen. Am Ende heißt es: Der Titel geht an…

Es passt zur Adventszeit, für die Fußball-Fans ist die Zeit der Vorfreude auf das Endturnier allerdings länger. Nicht nur drei Wochen, wie diesmal vom 1. Advent an bis zum Heiligen Abend, ansonsten etwa vier, sondern sechseinhalb Monate lang, bis zum Eröffnungsspiel am Donnerstag, 14. Juni, in Moskau. Die Paarung mit Gastgeber Russland gegen Außenseiter Saudi-Arabien ist allerdings kein Schlagerspiel. Höchstens für die Russen selbst, die über eine Glücks-Auslosung jubeln dürfen mit Ägypten und Uruguay als weitere Gegner. Viele haben ja im Vorfeld geunkt, das es die Russen schon schaffen werden, die Loskugeln entsprechend zu manipulieren. Halten wir es doch wirklich einfach für Glück (vermutliches Glück, denn ob die Gegner wirklich schlagbar sind, muss sich erst zeigen). Gedopt werden konnten die Kugeln ja nicht…

Eine sogenannte „Hammer-Gruppe“ kam bei der Auslosung nicht zustande, ist allerdings auch fast gar nicht möglich. Es ist das Problem wie auch in der Champions League, dass mit der Aufstockung des Teilnehmerfeldes in den Gruppenspielen die Spannung weniger geworden ist. 32 Nationen in acht Gruppen, die jeweils Ersten und Zweiten kommen weiter, da bleiben nach der Papierform nur wenige Fragen offen. Ein bisschen Spannung gibt es natürlich, vor allem im Kampf um Platz zwei und manchmal straucheln ja auch die Favoriten. Das ist ja das Schöne am Sport und speziell im Fußball – sicher ist nichts.

So warnt auch Bundestrainer Joachim Löw im Vorfeld vor Überheblichkeit und sieht Mexiko, Schweden und Südkorea als Gegner an, die seine Mannschaft fordern werden (aber nicht rausschmeißen). Keine Knüller, machbar, aber eben Vorsicht walten lassen. Alles andere als der Gruppensieg wäre für den Titelverteidiger, der wieder einer der WM-Favoriten ist, eine Enttäuschung. Er könnte auch den weiteren Weg erleichtern, wenn Brasilien in der Gruppe E Erster wird, die Schweiz, Serbien oder Costa Rica wären dann die möglichen Gegner im Achtelfinale. Weitere Mitfavoriten würden dann erst im Halbfinale warten. Papierform eben.

Die Bilanz gegen die Gruppengegner ist positiv. Mexiko ist ein alter Bekannter bei Weltmeisterschaften, stellte aber nie einen Stolperstein dar, insgesamt gab es fünf Siege, bei fünf Unentschieden und einer Niederlage. Knapper ist es mit Schweden, das ja immerhin Italien ausgeschaltet hat und damit auch Deutschlands Angstgegner bei Turnieren. Schlüpfen jetzt die Skandinavier in diese Rolle? Zuletzt gewannen sie 1958 als Gastgeber bei einer WM gegen Deutschland (3:1). Bilanz: 15 Siege, 9 Unentschieden, zwölf Niederlagen. Südkorea ist dagegen der große Unbekannte, scheiterte bei der WM 2002 im eigenen Land im Halbfinale mit 0:1 an Deutschland, verlor zuvor auch bei der WM 1994, siegte aber 2004 in einem Freundschaftsspiel mit 3:1. Ob die Augsburger Koo und Ji ihrem Trainer Tipps geben können? Ulli Stielicke hätte sie nicht gebraucht, musste aber seinen Hut nehmen, als Südkorea nicht mehr die gewohnte Leistung zeigte.

Wie gesagt, es wird gerechnet und spekuliert und gewartet auf das Turnier vom 14. Juni bis zum Finale am Sonntag, 15. Juli. Dann heißt es: Der Titel geht an… Es wird auf jeden Fall ein großartiges Turnier werden, das zumindest prophezeit FIFA-Präsident Gianni Infantino, der Meister des Verdrängens: „Es wird die beste WM aller Zeiten“, jubelte er und lässt außen vor, das in Putins Reich Presse- und Meinungsfreiheit ein kümmerliches Dasein fristen.

Übrigens, das Spekulieren könnte eigentlich ein Ende haben. Geht es nach der Statistik, dann steht der Sieger schon fest. Bei den letzten Turnieren 2006, 2010 und 2014 siegte jeweils die Mannschaft, die in der stärksten Gruppe (nach der Weltrangliste) beheimatet und die dort der Gruppenkopf war. Der Titel 2018 geht also an – Frankreich!

P.S.: Der Sport-Grantler feiert heute ein kleines Jubiläum, dies ist die 250. Kolumne seit dem Start am 20. August 2013. Der Dank geht an die Leser in aller Welt! Die meisten Leser sind natürlich im deutschsprachigen Raum zu finden, in Deutschland, Österreich und der Schweiz, regelmäßige Leser dazu gibt es vor allem in Brasilien, Kanada, Italien und den USA. Aber auch in Russland…