Der Sport – Grantler

Kommentare rund um Fußball und anderen Sport

Tag: Tennis

Bei Merkel und Söder kommt der Sport zu kurz

Corona hat die Welt weiter im Griff, der Kampf gegen das Virus ist noch lange nicht gewonnen, aber die Sehnsucht nach Normalität wächst in der Bevölkerung überall. Natürlich auch in Deutschland, wo der überwiegende Teil der Menschen einigermaßen einsichtig und diszipliniert war, dadurch kam Deutschland bisher besser weg als viele andere Nationen. Dennoch, die Ungeduld wird größer und deshalb hat sich die Politik für erste Lockerungen der Beschränkungen entschieden. Der Sport wartet allerdings auf eine Freigabe zum ersten Schritt in Richtung Normalität. Bei den verantwortlichen Politikern an der Spitze mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder als Wortführer der Länder kommt der Sport jedenfalls zu kurz. Dabei ist der Profisport ein wesentlicher wirtschaftlicher, der Amateursport ein bedeutender gesellschaftlicher Faktor. Beide haben eines gemeinsam: Sie sind durchaus Stimmungsaufheller für viele.

Natürlich müssen wir weiter mit Einschränkungen leben und selbst die Fachleute können nicht sagen, wann und ob überhaupt die Corona-Krise generell zu überwinden ist. Aber selbst im Hinblick auf Kontaktbeschränkungen und Abstandsvorschriften müssen Lockerungen auch beim Sport ankommen. Spaziergänge und Joggen im Freien sind erlaubt, warum nicht Sport generell, zum Beispiel Tennis und Golf, Sportarten, bei denen die Abstandsregelung eingehalten werden kann? Im Tennis müssten Einzelspiele möglich sein, die einzige Corona-Gefahr liegt darin, dass jeder die Bälle in die Hand nimmt, hier müsste ein Desinfizieren vor dem Match helfen. Einfacher ist es sogar im Golf, wo jeder Freizeitspieler allein über den Platz gehen kann, wo auch zu zweit der Abstand eingehalten werden kann und wo es eine Berührung mit anderen Gegenständen höchstens an der Fahnenstange auf dem Grün gibt. Corona-Regel: die Fahnenstange bleibt drin, eingeschränktes Putten also. Auch der in Deutschland so beliebte Schießsport müsste mit genügend Abstand wieder möglich sein. Eins ist sicher: Freizeitsport verbessert die Stimmung in der Bevölkerung.

Anders sieht es natürlich beim Profi-Sport aus. Generell gilt, in Ligen, die maßgeblich vom Erhalt der Fernsehgelder abhängig sind, wird alles unternommen, um die Saison fortsetzen zu können, auf unabsehbare Zeit leider nur mit Geisterspielen ohne Fans. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für alle großen Ligen in Europa, das gilt nicht nur für die Bundesliga, sondern auch für die 2. Bundesliga, 3. Liga und Frauen-Bundesliga hierzulande. Wie Geisterspiele organisiert werden können, das bedarf durchdachter Pläne, notfalls müsste die Bundesliga den anderen Ligen zur Seite stehen, wenn es finanzielle Probleme gibt. Selbst Fachleute sind der Meinung, dass die notwendigen Gesundheitstests für die Spielerinnen und Spieler möglich sind, ohne dass es Einschränkungen für den Rest der Bevölkerung gibt. Das ist ja eine der Grundvoraussetzungen. Wie die Spiele ablaufen können, dazu gibt es viele interessante Vorschläge, sie gipfeln im Rat, alle Spiele in einem Stadion an einem zentralen Ort abzuhalten! Ob das logistisch aber machbar ist? Eins ist klar: Unnötige Reisen sollen vermieden werden, die gesundheitliche Sicherheit geht vor. Fußball wäre auf jeden Fall eine willkommene Abwechslung für die teils kasernierten Menschen. Bei der nächsten Tagung muss die DFL Nägel mit Köpfen machen, wenn es Mitte Mai wieder losgehen soll, 3. Liga und Frauen-Bundesliga werden sich daran orientieren. Die Politik muss großzügig sein.

Den Geisterspielen droht aber eine ganz andere Gefahr, dass sie nämlich eine Gruppe von „Fans“ zu Fall bringen will, weil die meinen, ohne sie dürfte man nicht spielen und die Austragung mit Massendemonstrationen gefährden könnten. Lieber sollen einige Vereine kaputt gehen! Andererseits machen sich echte Fans Gedanken, wie sie dem Verein helfen können, so können sich Fans als „Pappkameraden“ auf die Tribüne stellen lassen, selbst Banner sollen in einigen Stadien aufgehängt werden. An Einfallsreichtum fehlt es also auch nicht, um ein bisschen Stimmung zu erzeugen.

Ganz anders die Situation im Amateurfußball. Hier wird man wohl erst wieder gegen den Ball treten, wenn auch wieder Zuschauer am Spielfeldrand stehen können. In Bayern ist die Saison bis zum 1. September ausgesetzt, möglich auch, dass in diesem Jahr gar nicht mehr gespielt wird und das Jahr 2020 ohne Spiele über die Bühne geht, die Saison 2019/20 würde also erst 2021 beendet werden. Sollte im Herbst gespielt werden können, steht wieder eine alte Idee im Diskussionsfeld: Die Fußballsaison auf das Kalenderjahr umzustellen, statt von August bis Mai soll von April bis November gespielt werden. Aber ob das im Zeichen des Klimawandels und prophezeiten heißeren Sommern und milderen Wintern wirklich so sinnvoll ist?

Wir sehen, Corona hat auch die Sportwelt auf dem falschen Fuß erwischt, das Virus könnte für eine völlige Neuorganisation des Sportes führen. Nichts ist auszuschließen. Politik und Sport sind gefordert, die Fans haben die Sehnsucht nach Normalität. Merkel und Söder sollten den Sport wieder entdecken. Dann kann die Kanzlerin die Nationalspieler bald wieder in der Kabine besuchen.

Keine Konkurrenz für den Fußball

Die Entscheidung des Tennis-Weltverbandes, den traditionsreichen Davis Cup praktisch abzuschaffen, ist typisch, wie die Funktionäre vieler Weltverbände denken und warum es keine Sportart schafft, zu einem echten Konkurrenten für den Giganten Fußball zu werden. Verbände und Funktionäre sehen nur das Geld, verkaufen die Tradition und die Seele ihres Sports. Der Fan wendet sich mit Grausen.

Gut, abgeschafft ist der Davis Cup nicht, er wird in einer neuen Form ausgetragen, aber geblieben ist eigentlich nur der Name. Der Wettbewerb zieht sich nicht mehr über die Saison hindurch, mit wechselndem Heim- und Auswärtsrecht, womit er immer wieder im Gespräch ist, sondern soll in kompakter Form innerhalb einer Woche durchgeführt werden. Der Davis Cup verkommt praktisch zu einem Turnier unter vielen. Möglich machte dies ein finanziell unverschämtes Angebot der Firma Kosmos, hinter der Milliardäre aus Japan und den USA stecken und deren Kopf der spanische Fußball-Profi Gerard Piqué vom FC Barcelona ist. Der umstrittene ITF-Boss David Haggerty leitete den Deal in die Wege, der dem Verband jährlich drei Milliarden Dollar für 25 Jahre bringt.

Die einzige richtige Antwort hatte der Davis-Cup-Sieger von 1993, Michael Stich, parat: „Den Davis Cup wird es in der Form, wie wir sie kennen, nun nie wieder geben, und 118 Jahre werden der Geldgier von Personen geopfert, die keinen Respekt vor Historie und Tradition haben.“

Nun steht Tennis mit der Geldgier nicht alleine da. Auch andere populäre Verbände, die das Zeug dazu hätten, dem Fußball Paroli zu bieten, haben ihre Seele verkauft und sich im Kampf um die Moneten zerstritten. Nehmen wir das Beispiel Basketball in Europa. Da sagten sich schon 2000 einige Spitzenklubs vom Weltverband bzw. Europas Verband los und gründeten ihre eigene Europa Liga. Es ging, natürlich, um Macht und Geld. Die Euroleague (offiziell Turkish Airlines EuroLeague) ist nun die bedeutendste Liga in Europa, gleichzeitig aber so etwas wie eine geschlossene Gesellschaft. Der traditionsreiche Europapokal der Landesmeister war gestorben. Die Klubs der ULEB gingen sogar noch weiter und installierten darunter noch den Eurocup. Der Weltverband FIBA reagierte mit verschiedenen Gegenmaßen und bietet jetzt die Champions League als Gegenstück an. Leider ist die Champions League, dem Namen nach der Spitzen-Wettbewerb, nur zweitklassig, dazu gibt es den FIBA-Europe Cup. Wer soll sich da noch auskennen?

Ähnlich sieht es beim Handball aus. Da streiten sich die Verbände vor allem um Termine, werden die Spieler in unnötige Wettbewerbe gehetzt und Fernsehrechte für viel Geld vergeben, die keine flächendeckende Übertragung garantieren. Wie soll da eine Sportart populär werden oder bleiben? Ein schlimmes Beispiel gab es in der vergangenen Saison, als Europas Verband und der Deutsche Handball-Bund auf Termine keine Rücksicht nahmen und der Fall eintrat, dass ein Klub gleichzeitig auf Europas Bühne und in der Bundesliga antreten musste. Eine Schande. So wurde die internationale Aufgabe mit einer zweiten Mannschaft wahrgenommen. Im Januar richten Deutschland und Dänemark die Handball-Weltmeisterschaft aus, doch die Übertragung im Free-TV ist fraglich, nachdem es schon 2015 und 2017 im öffentlich-rechtlichen Fernsehen schwarze Bildschirme gegeben hatte. Die Agentur, die der Weltverband beauftragt hat, steckt offenbar in finanziellen Schwierigkeiten, die TV-Sender finden keinen Ansprechpartner. Bei den Verhandlungen dominierte beim Weltverband wohl Geldgier vor Seriosität. So muss der Fußball keine Konkurrenz fürchten.

Dabei macht es der Fußball seinen Konkurrenten eigentlich leicht, denn seine Funktionäre tun im Weltverband bekanntlich auch alles, um den Sport in Misskredit zu bringen. Aber der Fußball ist weltweit inzwischen so populär, dass er einfach nicht totzukriegen ist. So kann sich die FIFA sogar lachhafte Entscheidungen leisten. Im neuen Regelwerk kommt das Wort Korruption nicht mehr vor, der Tatbestand also, der dem Fußball-Weltverband Sorgen bereitete und zahlreiche Funktionäre vor Gericht brachte. Die Lösung war einfach und genial: Streichen wir das Wort Korruption, gibt es keine Korruption mehr. Die Gelder werden allerdings weiterhin fließen.

Ein Plädoyer für den Videobeweis

Die Sportfans in Nordamerika lachen über die Diskussionen, die es im europäischen Fußball über die Einführung des Videobeweises gibt. In anderen Sportarten, vor allem eben im Profisport in Nordamerika, gehört der Videobeweis zum Alltag. Gerade im Football, Tennis und Eishockey sind strittige Entscheidungen ohne den Blick auf den Fernsehschirm undenkbar. Denken wir an knappen Entscheidungen im Tennis, ob der Ball im Aus ist oder nicht. Denken wir an das schnelle Eishockey, wo der Puck mit einer Geschwindigkeit unterwegs ist, dass das menschliche Auge gar nicht mehr erkennen kann, ob er im Netz landete oder am Gestänge. Erst der Blick auf den Bildschirm gibt oft Aufschluss.

Warum also nicht im Fußball, nicht nur in Europa, sondern weltweit in allen Profiligen. Es ist viel Geld im Umlauf, es geht nicht nur um Pokale, sondern auch um viel Geld und da müssen die Verbände nun einmal wirklich alles unternehmen, dass Fehlentscheidungen minimiert werden. Ganz ausschließen kann man sie nicht, weil es auch Ermessungsentscheidungen des Menschen gibt. Aber die ersten Spieltage in der Bundesliga zeigten bereits, dass es durch den Videobeweis ein ganzes Stück mehr Gerechtigkeit gibt. Dabei befindet man sich noch in der Testphase, Anfangsprobleme müssen erst noch ausgeräumt werden, aber eines ist sicher: Auf den Videobeweis darf der Profi-Fußball nicht verzichten!

Ein Plädoyer für den Videobeweis waren die Spiele der Mannschaften des FC Bayern München in der Champions League, da waren nämlich Männer wie Frauen Opfer von Fehlentscheidungen. Die Herren konnten das verkraften, die Damen schauten in die Röhre und schieden unverdient aus.

Die Tatsachen. Als die Bayern gegen Celtic Glasgow mit 3:0 gewannen, da war es am Ende egal, ob am Anfang ein Tor korrekt erzielt worden war (der Ball war nicht im Aus) oder nicht, ob es den berechtigten Elfmeter gab oder nicht. Aber es hätte auch anders kommen können und am Schluss könnte doch noch die Tordifferenz entscheidend sein. Aber in so einer wichtigen Liga wie der Champions League gehört der Videobeweis eingeführt. Die Frauen des FC Bayern schieden mit einem 0:1 und 2:1 durch die Auswärtstorregel gegen Chelsea London aus. Sie hätten aber weiterkommen müssen! Das Tor in London fiel aus einer Abseitsposition heraus, in München wurde den Bayern-Mädels ein klarer Handelfmeter versagt und danach noch ein korrektes Tor zum 3:1 wegen eines angeblichen Foulspiels aberkannt. Mit Videobeweis wäre nicht Chelsea in die nächste Runde eingezogen, sondern Bayern München. Krasser geht es nicht und kräftigere Argumente für die Einführung des Videobeweises wird man kaum finden.

Dazu kommt noch, dass die Bedenken vieler Fans, dass die lebhaften Diskussionen um den geliebten Fußball an den Stammtischen kein Futter mehr bekommen, entkräftet werden können. Trotz Videobeweis bleiben genügend strittige Szenen, über die man diskutieren kann. Dass mehr Gerechtigkeit dem Sport aber gut tut, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Deshalb: Im Profi-Fußball muss der Videobeweis eingeführt werden, es darf in den Top-Ligen, in der Champions- und Europa-League, bei Welt- und Europameisterschaften keine Spiele mehr ohne Videobeweis geben.

Der Davis-Cup und andere Probleme im Tennis

Die Trophäe ist ein wuchtiger Pokal, der Wettbewerb hatte einst auch eine wuchtige, eine große Bedeutung. Früher gierten die Spieler danach, im geschichts- und prestigeträchtigen Wettbewerb antreten zu können, heute ist er eher zu einem Ärgernis verkommen, zu einer Belastung. Die Rede ist vom Davis-Cup, dem bedeutendsten Mannschaftspokal im Tennis. Im Zeichen des Profi-Tennis sind geldträchtige Turniere für die Spieler allerdings wichtiger, zumal sie um Weltranglistenpunkte kämpfen müssen. Heute heißt es „Davis-Cup? Ach bitte, das muss auch ohne mich gehen“. Der Davis-Cup ist also zum Problem geworden, aber er ist nicht das einzige Problem im deutschen und internationalen Tennis.

Eines hat Tennis mit vielen anderen Sportarten gemeinsam: Die Belastung für die Profis ist einfach zu groß geworden. Ist der Sport publikumswirksam, also attraktiv, dann drängen sich die Veranstalter an die Fleischtöpfe, um auch ein paar Bissen abzukommen. Attraktiv ist ein Turnier allerdings nur, wenn auch Stars präsentiert werden können. Die jetten dann rund um die Welt, bis sie ein Stoppzeichen bekommen – von ihrem Körper. Die Jagd nach Geld und Punkten findet ein jähes Ende. Siehe das letzte Grand-Slam-Turnier, die US Open: Die Liste der fehlenden Stars war größer als die derer, die auf dem Court zu sehen waren. Andy Murray (Großbritannien), Novak Djokovic (Serbien), Stan Wawrinka (Schweiz), Kei Nishikori (Japan) und Milos Raonic (Kanada) fehlten alle. Da war der Weg frei für Rafael Nadal (Spanien), zumal sich Roger Federer (Schweiz) vorzeitig im Viertelfinale verabschiedet hatte. Die beiden teilten sich übrigens in diesem Jahr die große Titel. Nadal siegte in Paris und New York, Federer in Melbourne und Wimbledon. Wobei vor allem der 36jährige Federer ein Beispiel dafür ist, wie man heute mit seinem Körper umgehen muss: Er legt immer wieder Pausen ein, verzichtet auf Turniere, konzentriert sich auf Höhepunkt.

Wenn im Alter (36 Jahre sind im Profi-Sport ein hohes Alter) der Körper nicht mehr so will, ist mehr der Kopf gefragt, die Geldgier weicht der Vernunft. Junge Spieler wollen in erster Linie eins: Nach oben in der Weltrangliste und in der Geldrangliste. Irgendwann rächt sich die strapaziöse Jagd nach Ruhm und Reichtum. Ein Opfer einer solchen Überbeanspruchung wurde auch der Golf-Star Tiger Woods. Der dominierte einst das Golf-Geschehen, aber dann spielten Geist und Körper nicht mehr mit. Die Veranstalter zahlten horrende Summen, weil nur Tiger Woods die große Publicity garantierte. Der Tiger spielte und kassierte bis es nicht mehr ging.

Zurück zum Tennis. Wenn die Stars sowieso schon ihre Turniere reduzieren müssen, dann zeigen sie eigentlich fast logisch dem zusätzlichen Nationenwettbewerb Davis-Cup ihre kalte Schulter. Die deutsche Mannschaft kann ein Lied davon singen, Die Spitzenspieler Alexander und Mischa Zverev sowie Altstar Philipp Kohlschreiber sagten ab. Schonung war angesagt, kein Davis-Cup. Mit der B-Besetzung gelang mit Ach und Krach dennoch der Klassenerhalt der Weltgruppe, Deutschland blieb erstklassig. Eines ist gewiss: Ärger um die Teilnahme gibt es auch in der nächsten Saison.

So muss der Weltverband über seinen Schatten springen. Warum muss der Davis-Cup jedes Jahr ausgespielt werden? Olympische Spiele gibt es ebenso im Vier-Jahres-Rhythmus wie die Fußball-Weltmeisterschaft. Das würde auch dem Davis-Cup gut tun und könnte sogar noch seine Bedeutung steigern. Wenn der Cup nicht mehr zur Belastung wird, sind die Stars auch wieder dabei und können so wieder die Helden der Nation werden. Heute sind sie bei einer Absage nur die Buhmänner. Das ist weder gut für das Tennis noch für den Davis-Cup.

2017 wird das Jahr der Funktionäre, nicht das der Sportler

 

Für den Spitzensport ist 2017 ein sogenanntes „Zwischenjahr“, es stehen weder Olympische Spiele noch Großereignisse wie Welt- und Europameisterschaften im Fußball an. Dennoch könnte 2017 ein bedeutendes Jahr für den Sport werden, wenn, ja wenn die Sportfunktionäre ein Herz für den Sport und Fans zeigen würden und in ihren Entscheidungen nicht dem Ruf des Geldes folgen. Diesbezüglich wird 2017 also das Jahr der Funktionäre, nicht das der Sportler. Ob es ein bedeutendes Jahr wird, entscheidet sich also am „grünen Tisch“.

Geprägt wird das neue Jahr wohl vor allem wieder durch die Diskussion um das Doping. Russland steht mit dem (vom Land selbst verleugneten) Staatsdoping weiter am Pranger und wir warten auf Entscheidungen. Doping wird auch bei den Großveranstaltungen weiter eine Rolle spielen. Es geht aber auch um die Zukunft der großen Turniere im Fußball, wo der neue FIFA-Präsident Gianni Infantino die Reklametrommel für größere Teilnehmerfelder rührt. Bereits im Januar soll es da erste Entscheidungen geben. Aber auch das IOC muss sich Gedanken um seine Zukunft und die der Olympischen Spiele machen. 2016 war typisch. Brasilien feierte seine Spiele und erleidet jetzt einen olympischen Kater. Das darf es in Zukunft nicht mehr geben, der Sport darf nicht zum Ruin eines Staates beitragen. Hoffnung hat der Sport-Grantler aber nur wenig, dass die Vernunft künftig die Oberhand behält.

Typisches Beispiel ist der Welt-Fußballverband FIFA, der jetzt hat untersuchen lassen, welche Turnier-Form den größten Gewinn verspricht. Angeblich könnte ein Turnier mit 48 Nationen, unterteilt in 16 Dreier-Gruppen, die größten Einnahmen erzielen. Eine Steigerung von 5,5 auf 6,5 Milliarden US-Dollar wäre angeblich möglich. Die Dollar-Zeichen glänzen in den Augen der Funktionäre, die sportliche Qualität und der Anreiz für die Fans spielen mit Sicherheit nur eine untergeordnete Rolle.

Großen Sport wird es aber auch ohne Großereignisse an 2017 geben. Der Wintersport feiert seinen WM-Winter wie immer in ungeraden Jahren. Die großen Tennis- und Golf-Turniere stehen wie jedes Jahr an, wobei der prestigeträchtige Ryder-Cup der Golfer erst wieder 2018 in Paris ausgetragen wird. Dazu gibt es wie immer Formel 1, die Tour de France und die Motorrad-WM.

Verschiedene Welt- und Europameisterschaften werden ihr Interesse finden. Den Anfang macht die Handball-Weltmeisterschaft vom 11. – 29. Januar in Frankreich, wobei die deutschen Fans wohl buchstäblich in die Röhre gucken, weil es im Free-TV wohl keine Fernsehbilder zu sehen gibt. Dabei gehört Deutschland als Europameister mit zu den WM-Favoriten. Im Mai schließt sich die Eishockey-Weltmeisterschaft in Deutschland (Köln) und Frankreich (Paris) an. Der Deutsche Eishockey-Bund erhofft sich positive Schlagzeilen mit Übertragungen bei Sport1. Die Leichtathletik-WM folgt vom 4. – 13. August in London, die Basketballer spielen ihre Europameisterschaft vom 30. August bis 17. September gleich in vier Ländern, nämlich Finnland, Israel, Rumänien und der Türkei. Ob das ein echtes Turnier mit entsprechender Stimmung wird?

Der Fußball ist nicht außen vor und bietet kleinere Turniere, die durchaus Interesse finden werden. Der Confed-Cup vom 17. Juni bis 2. Juli in Russland gilt als Generalprobe für die Weltmeisterschaft 2018. Davon will Bundestrainer Joachim Löw allerdings nichts wissen, er will eher junge Spieler testen. Dabei werden die Trainer beratschlagen, welches Talent sich bei Löw bewähren darf und wer mithelfen soll, Deutschland U21 zum Titel zu führen. Bei der Europameisterschaft der U21 vom 16. – 30. Juni in Polen will Deutschland ganz vorne landen. Das geht aber nur, wenn der neue Bundestrainer Stefan Kuntz seine beste Mannschaft aufbieten kann. Kein Kompetenzgerangel gibt es bei den Frauen, da steht die neue Bundestrainerin Steffi Jones bei der Europameisterschaft vom 16. Juli bis 6. August in den Niederlanden vor ihrer ersten großen Bewährungsprobe.

Also, auch das Sportjahr 2017 kann sich sehen lassen, wir werden Jubel und Enttäuschungen erleben, großen Sport, leider wohl aber auch wieder Lug und Trug, so wie im richtigen Leben halt auch. Wünschen wir den Funktionären den Weitblick, den Spitzensport in eine gute Zukunft zu führen.

Angie Kerber und die Schatten der Nummer 1

 

Deutschland hat wieder eine Nummer 1 im Tennis! Angelique Kerber verlor zwar das WTA-Finale in Singapur weil sie mit ihren Kräften am Ende war, aber sie darf als Nummer 1 im Damen-Tennis überwintern. „Das ist ein Wahnsinn“, sagt die Kielerin über 2016, als bei ihr gewissermaßen alle Knoten platzten. Sie verbesserte ihr Spiel, zeigte plötzlich Nervenstärke und legte noch mehr Kampfkraft in die Waagschale. Das Jahr 2016 war wirklich der Wahnsinn: Sieg bei den Australian Open im Januar, Sieg bei den US Open im Oktober, dazu im Finale von Wimbledon und bei den Olympischen Spielen. Schade, der WTA-Titel, die inoffizielle Weltmeisterschaft, wäre die Krönung gewesen. Wieder einmal Steffi Graf war es, die den Titel als letzte Deutsche genau vor 20 Jahren, 1996, gewann.

Der Schatten von Steffi Graf ist es auch, der Angie Kerber auf ihrem Weg begleitet. Bei jedem Sieg wird davon gesprochen, wann Steffi Graf hier auch gewonnen hat und wie viel mehr das Golden-Girl der 80er- und 90er-Jahre erreicht hat. Der Deutsche Tennis-Bund hofft seitdem auf eine neue Steffi Graf und hat jetzt Angie Kerber, die aber ihre Wurzeln nach Polen pflegt und inzwischen auch wieder in Polen wohnt. Die Herzen der Deutschen hat sie noch nicht erreicht, was auch die Einschaltquoten im Fernsehen beweisen. ARD und ZDF erinnerten sich daran, dass sie vor Jahren einen Shitstorm überstehen mussten, weil sie nicht fähig waren, die deutsche Spielerin Sabine Liesicki in ihrem Wimbledon-Finale zu zeigen. Das sollte ihnen bei Kerber nicht passieren, doch die Tennis-Fans dankten es ihnen nicht. Die Millionengrenze wurde erst beim WTA-Finale am Sonntag überschritten, aber 1,63 Millionen Zuschauer (immerhin 11,7 Prozent der eingeschalteten Geräte) waren nicht die Welt. Das beweist, der DTB muss auf einen neuen Tennis-Boom weiter warten. Aber Angelique Kerber darf man das nicht anlasten.

Wir sollten nicht vergessen, dass die heute 28jährige vor fünf Jahren bereits vor dem Aus ihrer Karriere stand. Sie scheiterte frühzeitig bei einem Turnier nach dem anderen und wollte den Tennisschläger schon in die Ecke werfen. Dann kam sie bei den US Open als Weltrangliste-92. sensationell ins Halbfinale – der Wendepunkt. 2012 stieß Kerber bis auf Rang fünf der Weltrangliste vor, gewann in Paris und Kopenhagen ihre ersten WTA-Titel, besiegte sogar einmal Serena Williams. Auch 2013 und 2014 beendete sie unter den Top Ten und gewann 2015 vier Titel, kam bei den Grand-Slam-Turnieren aber nie über die dritte Runde hinaus.

Nichts deutete darauf hin, dass 2016 das Jahr der Angelique Kerber werden würde. Sie erlebte ihre ersten Glücksmomente bei den Australien Open, als sie im Finale sensationell Serena Williams mit 6:4, 3:6, 6:4 bezwang. „Jetzt weiß ich, dass ich alle schlagen kann“, holte Kerber eine Menge Selbstvertrauen aus diesem Erfolg. Selbstbewusstsein wurde eine ihrer Stärken, auch wenn sie das Wimbledon-Finale gegen Serena Williams verlor. Bei den US Open wurde Kerber dann die Nummer 1 der Welt, aber eine, die mit Schatten leben muss. Da ist nämlich nicht nur der Schatten von Steffi Graf, sondern auch der von Serena Williams, die den Aufstieg der Deutschen dadurch begünstigte, dass sie zum Jahresende hin von einer Schulterverletzung geplagt bzw. außer Gefecht gesetzt wurde. Serena ist eigentlich die natürliche Nummer 1.

Umso spannender wird das Jahr 2017 werden. Angelique Kerber muss ihre Erfolge bestätigen, um auch die Punkte in der Weltrangliste zu verteidigen. Das wird schwer genug. Die Verfolgerinnen sind nicht weit weg, Serena Williams will wieder den Thron besteigen, wird aber ihrem Alter und einer hohen Verletzungsanfälligkeit Tribut zollen müssen. Dazu kommt die gesperrte Maria Scharapowa wieder zurück, das Glamourgirl will beweisen, dass sie nichts verlernt hat. Die Polin Agnieszka Radwanska und vor allem die Slowakin Dominika Cibulkowa werden der Deutschen das Leben schwer machen. Cibulkowa wirkte im WTA-Finale wie gedopt, war aufgeputscht und hielt Hände und Füße keine Sekunde ruhig. Das Powerpaket beweist, dass Kerber in punkto Fitness den Gegnerinnen nicht unbedingt überlegen ist.

Angelique Kerber will und muss die Herausforderung annehmen, sie will und muss ihr Spiel aber auch weiter verbessern. Die „Alte Dame“ des Tennis, Martina Navratilova, rät Kerber dazu, ihr Spiel noch aggressiver zu gestalten und mehr Volleys einzustreuen, nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“. Das hat auch Kerber erkannt, die gesteht, „ich muss sehen, dass ich meine Spiele früher beenden kann“. Das heißt, sie muss Kräfte sparen. 2016 war auch in diesem Punkt der Wahnsinn: Sie hat mit 81 Spielen mehr als alle anderen bestritten, nur 18 davon hat sie verloren.

Jetzt wird die Kielerin erst einmal den verdienten Urlaub machen, sich erholen und sicherlich im Dezember 2016 mit dem Titel als „Sportlerin des Jahres“ abschließen. 2017 muss sie neben Können auch Nervenstärke zeigen, denn als Nummer 1 ist sie die Gejagte. Aber sie sagt mit einem Lächeln: „Es ist schön, die Nummer 1 zu sein.“ Beginnen wird sie das neue Jahr Anfang Januar in Brisbane. Vielleicht gibt es dann 2017 doch noch so etwas wie einen kleinen Tennis-Boom in Deutschland.

Das Sportjahr 2016 fängt ja gut an

 

Es war das Super-Wochenende des deutschen Sports. Eigentlich sollte ja der Wintersport im Mittelpunkt stehen, aber Tennis und Handball haben ihm die Show gestohlen. Die Deutschen, denen nachgesagt wird, dass sie allein ein Faible für Fußball haben, wurden plötzlich Tennis- und Handball-Fans. Sportliche Erfolge lockten die Nation vor die Bildschirme. Die Fans feierten Angelique Kerber für ihren Sieg in Melbourne und die Handballer für den EM-Titel in Krakau.

Als Boris Becker und Steffi Graf in den 80er und 90er Jahren von Sieg zu Sieg eilten und die Tennis-Welt aus den Angeln hoben, da schwappte ein Tennisboom über das Land. Jeder wollte auch zum Racket greifen, jeder ein bisschen Boris und Steffi sein. Mit dem Abtreten der Stars ebbte auch der Boom ab, die Tennis-Klubs haben heute oft nicht mal mehr die Hälfte der Mitglieder. Vor allem der Tennis-Bund lechzte nach einem Nachfolger bzw. Nachfolgerin, doch alle verheißungsvollen Talente blieben irgendwann auf der Strecke. Auch Angelique Kerber wurde der Sieg in Melbourne nicht zugetraut, aber die 28jährige löste ein Versprechen ein. Sie hat ihr Training umgestellt, dazu eine neue Einstellung zu ihrem Sport und sie prophezeite: „Bei den großen Turnieren will ich es krachen lassen.“ Es wurde gleich beim ersten Versuch ein Paukenschlag! 

Kerber: Eintagsfliege oder Nummer 1?

Erstmals seit Steffi Graf 1999 in Paris gab es wieder einen deutschen Grand-Slam-Sieg, aber ein Tennisboom wird so schnell wohl nicht wieder entstehen. Da müsste auch die „Angie“ zur Seriensiegerin werden und selbst dann wird die Einmaligkeit von Boris und Steffi nicht zurückkehren. Für Angelique Kerber beginnt jetzt der Druck, dass sie beweisen muss, dass der Erfolg von Melbourne keine Eintagsfliege war. Stark genug hat sie ja beim 6:4, 3:6, 6:4 gegen Serena Williams gespielt und vielleicht kann sie sich irgendwann auch noch einmal den zweiten Traum erfüllen: Die Nummer 1 der Welt zu werden!

Der Europa-Titel der Handballer war wohl noch sensationeller, wenn man die Vorgeschichte beachtet. Früher war Deutschland eine Handball-Nation, aber da wurde noch Feldhandball gespielt. Aber auch in der Halle waren die Deutschen erfolgreich, umso schmerzlicher der Niedergang in den letzten Jahren. Nach der Europameisterschaft 2007 und dem WM-Wintermärchen 2008 ging es nur noch abwärts. Bei der letzten WM durfte Deutschland quasi nur gnadenhalber starten. 

Handball: Glücksgriff Sigurdsson

Der Umschwung kam mit der Verpflichtung des Isländers Dagur Sigurdsson als Bundestrainer. Der Mann mit dem Händchen für den Nachwuchs und gute Stimmung im Team brachte die Wende. Vor der Europameisterschaft wurde die Mannschaft von Verletzungsausfällen gebeutelt, aber Sigurdsson zauberte immer wieder neue Asse aus dem Hut. Einer fiel aus, der nächste war noch besser und schoss entscheidende Tore. Fürwahr ein Handball-Wunder.

Eigentlich war das „Projekt Sigurdsson“ langfristig angelegt, Gold bei Olympia 2020 war das große Ziel. Vier Jahre zu früh gelang der Überraschungscoup und jetzt ergibt sich die Chance, das Gold auch vier Jahre früher zu holen. Schließlich war der EM-Titel auch die Eintrittskarte für die Weltmeisterschaft 2017 und die Olympischen Spiele im August. Da wird Deutschland die Konkurrenz allerdings nicht mehr überraschen können. Spanien zum Beispiel wird nach dem 17:24 auf Revanche sinnen. Der Favorit, in der Vorrunde noch Sieger, war zuerst überrascht, dann aus dem Tritt und am Ende nur noch frustriert. Die Deutschen dagegen schon zehn Minuten vor dem Abpfiff des Finales in Feierlaune. Und in der Heimat saßen rund 13 Millionen vor den Bildschirmen. Die Fußball-Nation wurde plötzlich Handball-Fan.

Deutschland ein Land der Rodler

Aber auch der Wintersport ließ sich nicht lumpen, ging allerdings angesichts der Sensationen ein bisschen unter. So gewannen die Rodler bei ihrer Heim-WM am Königssee in Berchtesgaden sechs von sieben möglichen Gold-Medaillen und untermauerten, dass Deutschland auch ein Land der Rodler ist. Eric Frenzel schaffte mit einer fast schon unmenschlichen Aufholjagd in der Nordischen Kombination von Seefeld das „Triple-Triple“, er gewann in allen drei Jahren alle drei Wettbewerbe und machte sich quasi unsterblich. Jetzt wird vielleicht sogar eine Straße in Seefeld nach ihm benannt. Viktoria Rebensburg rundete die Erfolgsserie mit einem Sieg beim Riesenslalom in Maribor ab.

Fürwahr, das Sportjahr 2016 fängt gut an. Jetzt hoffen die deutschen Sportfans, dass sie auch im August bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro jubeln und feiern dürfen. Dafür könnten auch Angelique Kerber und die Handballer sorgen!