Hansi Flick und der gordische Knoten

von knospepeter

Na bitte, die Kritiker der Fußball-Bundesliga bzw. des FC Bayern München können jetzt beruhigt sein. Die Bundesliga ist auch an der Spitze wieder spannend und der Serien-Meister der letzten Jahre macht derzeit keine Anstalten wieder einen Alleingang zu starten. Das ist allerdings keine Reaktion auf die Kritiken, sondern der Corona-Pandemie und dem engen Terminplan geschuldet. Acht Spiele in vier Wochen stehen auf dem Programm. Dass es Probleme geben würde, konnte jeder ahnen und jetzt sind sie da. Bayern-Trainer Hansi Flick sieht sich dabei in der schwierigen Aufgabe, einen gordischen Knoten zu lösen. Stellt er seine beste Elf auf, um mit Sicherheit die Punkte einzufahren und riskiert dabei eine Übermüdung seiner Stammspieler oder riskiert zur Erholung des Stammpersonals den Einsatz der zweiten Reihe und damit mögliche Punktverluste. Das kann, muss aber nicht gutgehen. Dies machte das 1:1 gegen Werder Bremen deutlich. Das waren nicht die Meister-Bayern, sondern eher ein von Müdigkeit und Verletzungspech gebeutelter Tabellenführer. So riss die Serie von 19 Siegen in Folge gegen die Bremer, die sich tapfer wehrten und den Punktgewinn verdient hatten. Es war sogar mehr drin, doch Bayern-Kapitän Manuel Neuer hielt wieder einmal Unhaltbare. Er sollte sich nicht auch noch verletzen.

Die Konkurrenz schaut keineswegs mit dem Fernrohr nach München, sondern befindet sich in Lauerstellung. RB Leipzig hätte aufschließen können, doch das verhinderte ebenfalls ein 1:1, nämlich beim Angstgegner Frankfurt. Dortmund meldete aber gleich doppelt Ansprüche an, Boss Watzke betonte in dieser Woche selbstbewusst „wir haben die Meisterschaft immer im Visier“, was Torjäger Erling Haaland mit vier Treffern bei Hertha BSC Berlin unterstrich. Dortmund trumpfte wieder einmal auf, dass selbst die Bayern aufhorchen müssen. Allerdings folgten bei den Borussen solchen Glanztagen oft wieder unverständliche Schwächen. Bleibt es bei Glanztagen könnte auch die Meisterschale glänzen.

Aber nicht der Kampf um die Meisterschaft beherrschte die Schlagzeilen, sondern das Debüt des erst 16-Jährigen Youssoufa Moukoko, der am Freitag Geburtstag feierte und am Samstag um 22.16 Uhr neuer jüngster Rekordspieler der Bundesliga wurde. In der 85. Minute eingewechselt, durfte er noch ein paar Minuten Bundesliga-Luft schnuppern. Der U20-Nationalspieler (!) gehört ab sofort fest zum Bundesliga-Kader der Dortmunder. Es scheint ja ein Kampf um die jungen Spieler bei den Spitzenteams im Gang zu sein. Bei Dortmund etabliert haben sich bereits der 17-Jährige Bellingham und der 18-Jährige Reina. Hansi Flick brachte den erst 17-Jährigen Jarmal Musiala von Anfang an und bald wird wohl der 18-Jährige Nianzou sein Saison-Debüt feiern. In Leverkusen gilt der 17-Jährige Wirtz nach dem Abgang von Havertz als Mann der Zukunft. Bald werden die Klubs ihren Nachwuchs schon im Kindergarten verpflichten.

Die Klubs am Tabellenende müssen erst mal die Gegenwart meistern, die nahe Zukunft sieht zum Teil düster aus. Vor allem bei Schalke 04. Mannschaft und Verein scheinen am Ende, es gibt kein Aufbäumen und keine Lösungen, Trainer Manuel Baum bringt die Probleme nicht in den Griff, es scheint, die gestandenen Bundesliga-Profis haben das Fußballspielen verlernt. 24 sieglose Spiele in Folge können nicht aus dem Kleidern geschüttelt werden, im Hintergrund lauert der „Rekord“ von Tasmania Berlin mit 31 sieglosen Spielen. Gladbach und Leverkusen sind übrigens die nächsten Gegner. Schalke ist Schlusslicht, Schalke verzweifelt, Schalke zerbricht, die zweite Liga droht. Bereits nach acht Spieltagen ist eine Tendenz sichtbar: Die fünf Klubs am Tabellenende, angefangen von Freiburg (das seltsam schwächelt) über Mainz, Bielefeld (der Neuling ist noch nicht angekommen) und Köln bis eben Schalke, werden die Absteiger unter sich ausmachen. Hoffnung darf aktuell allein Mainz haben nach dem 3:1-Sieg in Freiburg.

Im Advent zählt vor allem der Fußball

Vor Weihnachten beginnt normalerweise die stade, die ruhige Zeit, doch von Ruhe kann im Fußball keine Rede sein. Ganz im Gegenteil, auf Europas Bühnen geht der Stress wieder los, im Advent zählt vor allem der Fußball. Drei Wochen hintereinander wird das Restprogramm von Champions League und Europa League durchgepeitscht. Erfolgreich ist, wer durchhält.

Die deutschen Klubs hatten ja bisher eine gute Saison, auch hier gilt durchhalten. Die Bayern, Gladbach und Dortmund grüßen als Tabellenführer, Leipzig ist punktgleich mit Spitzenreiter Manchester United. Hier gibt es noch ein hartes Programm, am Dienstag steht das Rückspiel in Paris bevor. Thomas Tuchel und seine Stars brennen auf Revanche für die 1:2-Niederlage im Hinspiel, sie ist auch ihre letzte Chance auf das Weiterkommen. Die Überraschungsmannschaft ist Borussia Mönchengladbach, das mit Unentschieden nach späten Gegentreffern gegen Mailand und Madrid eine noch bessere Ausgangsposition sogar verspielt hat. Hoffentlich droht kein „Remis-Traum“, denn auch in der Bundesliga gegen Augsburg gab es eine unglückliche wie unnötige Punkteteilung. Am Mittwoch sollte es kein Remis geben, da kommt Donezk, das im Hinspiel mit 0:6 unterging, aber keineswegs so schlecht ist, wie das Ergebnis aussagt. Die Bayern wiederum wollen Unentschieden auch nicht zur Gewohnheit werden lassen und können mit einem erneuten Sieg über RB Salzburg (Hinspiel 6:2) das Achtelfinale buchen. Die Bayern wollen vor allem ihre Rekord-Erfolgsserie ausbauen, die bisher bei 14 Siegen steht, haben aber personelle Probleme, Tolisso und Hernandez sind neben den Langzeitverletzten fraglich.

Nach der Länderspielpause geht es also wieder rund, wobei es in Deutschland nach dem 0:6 in Spanien noch erhebliche Nachwehen gibt. Bezeichnend: Bundestrainer Joachim Löw baute auf Bayerns Abwehr-Ass Niklas Süle, Vereinscoach Hansi Flick verbannte ihn auf die Tribüne, weil er nicht in Form sei. Er sie wohl beim Nationalteam endgültig verloren. Erhebliche Nachwehen hat vor allem Jogi Löw, über den das DFB-Präsidium am 4. Dezember diskutieren oder sogar richten will. Löw wiederum macht deutlich, dass seine Zeit wohl vorbei ist. Seine Lösung sieht so aus: „Wir müssen alles hinterfragen, wir müssen uns auch selbst hinterfragen.“ Das kommt uns bekannt vor, er hat es schon nach der WM-Pleite 2018 gesagt. Lösungen hat er offensichtlich nicht gefunden. Vielleicht sollte er sich ein Beispiel an Andreas Möller nehmen. Der sagte einst, „ich bin selbstkritisch, sogar mir selbst gegenüber“. Es mehren sich die Stimmen, die Ralf Rangnick als adäquaten Nachfolger von Jogi Löw sehen. Der Aufbau einer starken EM-Mannschaft ist dem Weltmeister-Coach nicht mehr zuzutrauen. Mehr zumThema Löw in der nächsten Kolumne „Jogi Löw und DFB-Elf haben sich demaskiert“.

Immer ist von Rekorden die Rede, ein Blick zu Nachbar Frankreich. Dort ist eine beeindruckende Serie zu Ende gegangen. Nach 73 Spielen ohne Niederlage und zahlreichen Titeln haben die Frauen von Olympique Lyon um Dzsenifer Marozsan erstmals wieder verloren. Doppelte Duplizität der Ereignisse: Zuletzt verlor Lyon am 31. Mai 2018 das französische Pokalfinale mit 0:1 gegen Paris St. Germain, am 20. November 2020 gab es jetzt wieder ein 0:1 gegen Paris, den Verein von Sara Däbritz, diesmal in der Punktrunde. Die Torschützin bei beiden 0:1 heißt Marie-Antoiniette Katolo! In der Liga war Lyon sogar 80 Spiele ungeschlagen! Alles hat einmal ein Ende…