Formel 1: Eine Fahrt ins Ungewisse

von knospepeter

Corona trotzen, allen Unkenrufen trotzen, die ihr keine Zukunft geben – die Formel 1 lebt und präsentiert sich zum Start der Saison 2021 so interessant wie selten zuvor. Der Motorsport hat also noch seine internationale Bühne. Tatsächlich befindet sich die Formel 1 auf einer Fahrt ins Ungewisse – und das macht sie für die neue Saison spannend, so spannend wie selten zuvor. Der Vorwurf, dass Langeweile eingekehrt ist, gilt nicht mehr.

Von der Pandemie unbeeindruckt bastelten die Formel-1-Bosse einen Rekordkalender mit 23 Rennen. Ob sie am Ende auch alle stattfinden werden, das steht noch in den Sternen. Schon der Start musste verschoben werden, statt in Melbourne geht es jetzt in Bahrain los. Melbourne soll am 21. November nachgeholt werden, das letzte Rennen ist für den 12. Dezember in Abu Dhabi terminiert. Deutschland ist nicht vertreten, der Nürburgring darf sich dennoch Hoffnung machen, wenn es – wie im Vorjahr – irgendwo nicht klappt. Dafür feiert Saudi-Arabien am 5. Dezember seine Premiere. Die Kritik wegen mangelnder Menschenrechte im Land prallt an der Formel 1 ab.

Wenn schon ein Rekord-Kalender, dann ist es gut, dass es vor dem ersten Start Spannung wie selten gibt. Das Ungewisse für Konstrukteure und Fahrer ist das neue Reglement, das nicht nur eine Kostendeckelung vorsieht, sondern auch neue Autos für 2022. In diesem Jahr sorgt bereits eine Veränderung des Unterbodens für Aufregung, weil viele Rennställe mit der Balance Probleme haben, so auch Mercedes. Weltmeister Lewis Hamilton erlebte es am eigenen Leib, als er bei den Testfahrten im Kiesbett landete. Damit haben wir auch das erste Spannungsfeld: Hat Mercedes Probleme, ist die Dominanz der letzten Jahre vorbei und wer profitiert? Verfolger Max Verstappen hat Hoffnung, warnt aber auch: „Wir wollen sie herausfordern, aber Mercedes hat noch immer alle Probleme in den Griff bekommen.“ Ein unstabiles Auto würde auch Hamiltons Hoffnung zunichte machen. Lange hat er sich wegen einer Vertragsverlängerung geziert, hat nur für ein Jahr unterschrieben und das soll ihn zum alleinigen Rekordhalter machen. Der achte WM-Titel soll es sein, nachdem er Michael Schumacher mit sieben Meisterschaften eingeholt hat. Außerdem hat er runde Rekordmarken im Visier: 100 Siege (bisher 95) 100 Pole-Positions (98), das sollte ihm wohl gelingen. Danach, so klang es durch, könnte er sich zur Ruhe setzen.

Der Name Schumacher sorgt für Gänsehautfaktor. Aber auch für Michaels Sohn Mick wird es eine Fahrt ins Ungewisse. „Unglaublich glücklich“, gibt sich der 22-Jährige, der als Weltmeister der Formel 2 ein Cockpit bei Haas bekam. Allerdings sitzt er in einem der schwächsten Autos des Feldes und ist unter anderem davon abhängig, ob Ferrari, wo er zum Talenteschuppen gehört, wieder einen stärkeren Motor hinbekommt. Im Vorjahr war Haas das zweitschwächste Auto, holte nur drei Punkte, schlechter war nur noch Williams mit einer Nullnummer.

Teamchef Günther Steiner, Metzgersohn aus Südtirol, macht ihm keine Hoffnung: „Wir wissen, dass unser Auto nicht gut sein wird. Wir entwickeln zwei junge Fahrer und parallel dazu das rundum neue Auto für das kommende Jahr.“ Der Name Schumacher elektrisiert zwar die Motorsportfans in Deutschland, aber mit Erfolgen werden sie sich und Mick gedulden müssen. Für den Nachwuchsstar geht es nur darum, den zweiten jungen Fahrer im Team, den Russen Nikita Mazepin, in die Schranken zu weisen. Der Heißsporn, der gerne mal über die Stränge schlägt, hat einen Vorteil im Rücken: Sein Vater ist der Hauptsponsor des Teams, das jetzt Uralkali Haas heißt und für Aufregung sorgte, weil es in den Farben der russischen Nationalflagge lackiert ist. Russlands Bann im internationalen Sport gilt auch für die Formel 1. Angesichts dieses Theaters wird Mick nicht glücklich gewesen sein.

Von Mick reden alle, da vergisst man fast, dass sich gleich vier Weltmeister im Fahrerfeld befinden. Allerdings ist nur Hamilton ein echter Titelanwärter, Sebastian Vettel (4 Titel) will wenigstens zum Verfolgerfeld gehören, das erhofft sich auch Fernando Alonso (2), der bei Renault Alpine sein Comeback feiert, während Kimi Räikkönen (1) mit Alfa Romeo eher im hinteren Feld anzusiedeln ist. Für Vettel ist es ein Neuanfang, der Kalauer machte die Runde, die Ampel schaltet für ihn von Rot auf Grün. Nach den erfolglosen Ferrari-Jahren soll es bei Aston Martin wieder mehr Spaß machen. Unter dem alten Namen Racing Point war das Auto im Vorjahr oft vorne dabei und am Ende nur knapp hinter McLaren Vierter in der Konstrukteurswertung. Mit dem James-Bond-Auto Aston Martin soll es noch mehr Power geben, schließlich steckt ein Mercedes-Motor unter der Haube. Jetzt muss Vettel zeigen, ob seine vielen schwachen Rennen wirklich am Ferrari lagen. Fährt er wieder hinterher, wird es ein Offenbarungseid. Er schaffte es nur in sieben Rennen in die Punkte und war am Ende nur 13. im Gesamtklassement. Wie ernst Aston Martin sein Engagement in der Formel 1 nimmt, zeigt sich daran, dass die Firma auch beim Safety Car beteiligt ist, bisher hatte da Mercedes ein Alleinstellungsmerkmal, jetzt fährt zur Hälfte ein Vantage mit 510 PS. Den hätte auch James Bond gern gehabt.

Seltsam, die Formel 1 wird spannender, aber die Fernsehzuschauer in Deutschland schauen in punkto Free-TV in die Röhre. Nach mehr als 30 Jahren besitzt RTL nicht mehr die Erstrechte, hat sich aus finanziellen Gründen zurückgezogen – jetzt, wo es wieder spannender wird und die Einschaltquoten immer noch überraschend gut waren. Die Königsklasse ist jetzt allein beim Pay-TV-Sender Sky zu sehen, der gleich einen eigenen Motorsportkanal installiert hat und auch andere Serien dort zeigt. Vier Zuckerl gibt es allerdings, laut Vertrag muss Sky vier Rennen im Free-TV zeigen und hat hier RTL ins Boot genommen. Aus Imola, Barcelona, Monza und Sao Paulo wird auch RTL übertragen, ist also nicht ganz verschwunden. Wie verlautet, denkt man bei RTL heute auch schon wieder über eine Rückkehr nach. Sollte es wieder mal eine Schumacher-Euphorie geben, will man halt dabei sein. Aber wie vieles in der Formel 1, dies bleibt ungewiss.

Teams und Fahrer: Mercedes (Hamilton, Bottas), Red Bull (Verstappen, Perez), McLaren (Ricciardo/Norris), Aston Martin (Vettel, Stroll), Renault Alpine (Alonso, Ocon), Ferrari (Leclerc, Sainz jr.), Alpha Tauri (Gasly, Tsunoda), Alfa Romeo (Räikkönen, Giovinazzi), Haas (Schumacher, Mazepin), Williams (Latifi, Russell).

Die Rennen: 28. März Bahrain, 18. April Imola, 2. Mai Portugal, 9. Mai Barcelona, 23. Mai Monte Carlo, 6. Juni Baku 13. Juni Montreal, 27. Juni Le Castellet, 4. Juli Spielberg, 18. Juli Silverstone, 1. August Budapest, 29. August Spa, 6. September Zandvoort, 12. September Monza, 26. September Sotschi, 3. Oktober Singapur, 10. Oktober Suzuka, 24. Oktober Austin/Texas, 31. Oktober Mexiko City, 7. November Sao Paulo, 21. November Melbourne, 5. Dezember Dschidda, 12. Dezember Abu Dhabi.