Die Angst des Trainers vor dem ersten Spiel

von knospepeter

Der österreichische Literaturnobelpreisträger (2019) Peter Handke schrieb bereits 1970 einen viel beachteten Roman mit dem Titel „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. Peter Handke wird damit auch heute noch gern zitiert. Dabei könnte er sich eines neuen, aktuelleren Themas annehmen, nämlich „Die Angst des Trainers vor dem ersten Spiel“. Dies wird vor allem jetzt wieder bei der Fußball-Europameisterschaft deutlich, ist aber schon ein alter Angstzustand der Trainer bei allen Turnieren. Allein der Hinweis, „das erste Spiel ist das wichtigste“, sagt alles. So wird allzu oft auch die Taktik von der Angst vor der ersten Niederlage geprägt. Es steht zu befürchten, dass dies auch bei Bundestrainer Joachim Löw so ist, vor dem deutschen Turnierauftakt am Dienstag (21.00 Uhr) gegen Weltmeister Frankreich.

Jetzt beginnt die EM auch für Deutschland richtig, ein besonderes Ereignis vor allem für Löw persönlich, der sich auf seiner Abschiedstour befindet. Wie lange wird sie dauern? Nur drei Spiele oder sogar sieben, wenn er mit seinen Jungs das Finale schafft? In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob die DFB-Elf wirklich vom Losglück verlassen wurde, nachdem sich am Samstag auch Portugal als Hürde aufbaut. Aber bei Jogi Löw scheint sich Angst vor dem ersten Spiel schon breit zu machen. Für ihn ein Spiel der Wahrheit, alle Anzeichen deuten darauf hin, dass er es nicht selbstbewusst davon ausgeht. Mit welchem System will der Trainer gewinnen? Denkt er überhaupt an einen Sieg? Löw äußert sich eher defensiv, „die Null muss stehen“ oder „wir müssen den Supersturm Frankreichs stoppen“. Die Dreierkette soll es wohl richten, könnte sein, dass er sich wieder vercoacht, wie bei der EM 2012, als er im Halbfinale gegen Italien Toni Kroos als Sonderbewacher für Spielmacher Andrea Pirlo missbrauchte und Deutschland prompt 1:2 unterlag.

Diesmal also offenbar nicht das gewohnte System im 4-2-3-1, sondern ein 3-4-3, wobei diesmal Joshua Kimmich wohl oder übel auf rechts rausrücken muss. Gosens links ist offensiv orientiert und da stellt sich die Frage, ob Kroos und Gündogan die Mitte wirklich dichtmachen können. Es könnte zum Systemfehler führen gegen Mbappé, Griezmann und Benzema mi Pogba in der Hinterhand. Auch die Bilanz macht keine Hoffnung: In 31 Spielen gewann Deutschland nur 9mal, es gab 14 Niederlagen bei 8 Unentschieden (48:49 Tore). Das letzte Aufeinandertreffen m Oktober 2018 in Paris ging mit 2:1 an Frankreich, das auch im bisher einzigen EM-Duell 2016 im Halbfinale gegen den damaligen Weltmeister Deutschland mit 2:0 gewann. Na ja, da kann Jogi Löw schon ein bisschen Angst haben… Übrigens: Von Angstzuständen ist bei den Franzosen nichts zu hören und zu sehen, sie bekunden immerhin Respekt.

Der Bundestrainer hat einen starken Kader zur Verfügung, der es ihm ermöglicht in jedem Spiel entsprechend zu reagieren. Manche Fragen sind offen und werden wohl erst im Laufe des Turniers Klärung bringen. Eben die Sache mit der Position von Kimmich, kann Löw auf einen fitten Gorotzka verzichten und wer schießt die Tore, ist Volland der Retter in der Not oder trifft Werner das Tor doch wieder, bleibt Havertz der Mann für wichtige Tore wie im Finale der Champions League? Wir sind gespannt auf die Antworten.

Eine Antwort hat der DFB bereits gegeben, sollte die Mannschaft tatsächlich Europameister werden, dann erhält jeder Spieler eine Siegprämie von 400.000 Euro, also 100.000 mehr im Vergleich zu 2016. Und das zu Corona-Zeiten, wo das Geld knapp ist und Sparen das Motto. Da hat der DFB wieder einmal ein Eigentor geschossen, auch wenn Manager Oliver Bierhoff betont, dass es keinen Bonus für die Qualifikation gab. Dennoch unverständlich, im Fall des Falles sollten die Spieler freiwillig einen Teil der Prämie spenden und dem Verband zeigen, was Vernunft heißt.

Die Fußball-Europameisterschaft begann in Rom heiter und beschwingt, aber die Hoffnung auf ein Sommermärchen wurde bereits durch den „Fall Eriksen“ getrübt. Die Sorge um den Dänen nach einen Herzstillstand im Spiel gegen Finnland drückt allgemein auf die Stimmung. Auch dieses Drama hinterlässt Fragen, vor allem kann natürlich über die Fortsetzung des Spiels diskutiert werden. Es war ein Weiterspielen im Schockzustand, Dänemarks Torhüter Schmeichel hätte normal wohl das Gegentor verhindert, Höjbjerg den Elfmeter verwandelt. Doch die 0:1-Niederlage war für die Dänen Nebensache, Hauptsache war, dass Christian Eriksen schnell Hilfe erhalten hat und gerettet werden konnte. Mannschaftsarzt Boesen sagte es richtig, „er hatte Glück, dass es im Stadion passierte, in einem Kaufhaus wäre so schnelle Hilfe nicht möglich gewesen“.

Angeblich hatte die UEFA für einen Abbruch und die Fortführung des Spiels am nächsten Tag plädiert, aber die Spieler wollten offensichtlich das Match hinter sich bringen, zumal Eriksen außer Lebensgefahr war und signalisierte „spielt weiter“. So hieß das Motto „spielen für Christian“, doch jeder reagiert auf den Schock eben anders. Psychologen sagen, es wäre auch am nächsten Tag noch ähnlich schwer gewesen. Nachdem Eriksen auf dem Weg der Besserung ist, sollte sich kein Schock-Zustand auf das Turnier legen, darf der Sport wieder die Oberhand gewinnen.

Stoppt den Wahnsinn!

Dass der Sport aber manchmal auf die Gesundheit der Spieler keine Rücksicht nimmt, zeigte sich im Basketball. Da wurde am Sonntag die Deutsche Meisterschaft entschieden, im vierten Spiel der Play-Off-Serie „best of five“ entschied Alba Berlin in München mit zwei Siegen bei den Bayern den spannenden Vergleich (nach zwei Spielen in Berlin stand es 1:1) für sich, es war der zehnte Titel. Für Alba war es das 83. Pflichtspiel der Saison, für die Bayern bereits das 90.! Auch die Bayern standen unter Schock, Nationalspieler Paul Zipser musste am Mittwoch wegen einer Gehirnblutung notoperiert werden. Das bittere Ende einer Saison, die es so eigentlich nicht geben darf. Hintergrund ist der Streit zwischen Basketball-Verband und der kommerziellen Euroleague. Es gibt keine Terminabsprachen, auf die Belastung wird keine Rücksicht genommen. „In Europa sind wir die einzige Liga, die so spielt, ich glaube, wir sind eine Art Versuchskaninchen“, klagt Bayern-Kapitän Nihad Djedovic. Kein Wunder, dass sich die Verletzungen häuften, ein Herzstillstand hat gerade noch gefehlt. „Stoppt den Wahnsinn“ muss es für die Funktionäre heißen.