4:2 – Eintagsfliege oder ein Versprechen?

von knospepeter

So ein Urteil hätte man vor wenigen Tagen noch ins Reich der Fabel verwiesen, einfach nicht möglich: Bundestrainer Joachim Löw hat alles richtig gemacht! Allerdings, das 4:2 gegen Portugal war schon ein seltsames Spiel, erst der peinliche Rückstand, nachdem sich die DFB-Elf nach einem eigenen Standard überrumpeln ließ, zwar dominant, aber ohne Schwung auftrat, dann die Wende mit zwei Eigentoren des Gegners und plötzlich der „Urknall“. Alles klappte, aus einer trägen Angelegenheit wurde ein Spektakel, Deutschland ist wieder im Spiel. Mit ein bisschen Abstand stellt sich allerdings die Frage: War das nun eine Eintagsfliege gegen Lieblingsgegner Portugal, der bei den letzten fünf EM- oder WM-Turnieren Deutschland brav die Punkte abgab, oder ist es ein Versprechen für den Rest des Turniers?

Die Antwort wird es bereits am Mittwoch gegen Ungarn geben. Im letzten Gruppenspiel ist alles noch möglich, vom Gruppensieg bis zum Ausscheiden. In den letzten Spielen bis zum Ende der Gruppenphase wird überall gerechnet, die besten zwei jeder Gruppen und die vier besten Gruppendritten kommen weiter, ein Rätsel, das auf Auflösung wartet. Bei Deutschland wird auf der Suche nach der Lösung eher in Erinnerungen gekramt. Ungarn! Da war doch was, eben, das „Wunder von Bern“, das sensationelle 3:2 als Weckruf für eine ganze Nation nach dem Zweiten Weltkrieg. Seltsam: Bei einer Europameisterschaft ist Ungarn erstmals der Gegner. Auf dem Papier der schwächste im Konzert der Welt- und Europameister, aber ein kampfkräftiger, wie das 1:1 gegen Frankreich bewies. Doch Ungarn spielt diesmal nicht in Budapest vor über 50.000 Fans, sondern in München vor nur 14.000, überwiegend Gegner. Da wird es für die Löw-Schützlinge leichter, dass der Glanz gegen Portugal keine Eintagsfliege bleibt.

Erinnerungen werden aber auch wach an die Weltmeisterschaft 2018 in Russland, an die Pleite, die sich nach dem glücklichen 2:1-Sieg gegen Schweden im zweiten Gruppenspiel nicht abzeichnete. Aufgemerkt: Es war das zweite Gruppenspiel! Allerdings: Diesmal scheint alles ein bisschen anders zu sein, keine Selbstüberschätzung zu sehen, das Team präsentiert sich wirklich als Mannschaft, der gerade gefundene Schwung sollte nicht verloren gehen. Also doch eher ein Versprechen? Seltsam: Zehn aus dem unglücklichen WM-Kader standen auch diesmal auf dem Platz!

Bei Jogi Löw müssen viele also ein bisschen Abbitte leisten. So wurde die Dreierkette verteufelt, aber ohne Dreierkette kann der Bundestrainer nicht auf Robin Gosens setzen. Der Flügelflitzer ist jetzt der Star, der neue Liebling der Fans, aber in einer Viererkette als linker Verteidiger defensiv zu schwach. Also Dreierkette für Gosens, verbunden mit einem Opfer für Joshua Kimmich. Nichts ist es als Mittelfeld-Lenker, dafür präsentiert er sich – wenn er die Rolle annimmt, so wie gegen Portugal – als echtes Gosens-Pendant auf rechts. Deutschlands Flügelzange kommt von hinten, bzw. sie drängt nach vorn und setzt den Gegner unter Druck, zwingt ihn manchmal halt zu Eigentoren… Drei Eigentore in zwei Spielen von einer Mannschaft, noch ein Novum für das deutsche Team. Gosens hat übrigens ein anderes Talent in den Schatten gedrängt, das mehr Aufmerksamkeit verdient hättte: Kai Havertz! Der Champions-League-Held verbannte quasi den hochgelobten Leroy Sané auf die Ersatzbank.

Es war aber schon überraschend, dass Jogi Löw nach der unnötigen Niederlage gegen Frankreich auf die gleiche Elf setzte, aber plötzlich stand doch eine ganz andere Mannschaft auf dem Feld. Plötzlich geht es ohne echten Mittelstürmer und was außerdem aufgefallen ist, Torhüter und Kapitän Manuel Neuer musste noch nicht einmal richtig eingreifen, um Deutschland zu retten. Bisher war er nur ein Nebendarsteller, was aufs Tor kam, war dann meistens drin, leider nicht zu verhindern. Jetzt gibt es nur eins: Den Schwung beibehalten, Ungarn nicht unterschätzen und weiterkommen. Fragezeichen gibt es: Mit Müller, Hummels und Gündogan sind drei Stammkräfte angeschlagen. Vor allem Thomas Müller als Mittelfeldmotor und wortreicher Lenker würde eine Lücke hinterlassen.

Es ist ja immer so bei den großen Turnieren, mit dem Achtelfinale geht es erst richtig los. am Samstag, 26. Juni, zwei Wochen nach dem Start! Vorher meldet sich auch der Sport-Grantler noch einmal. Vorerst wird gerechnet, bei einigen, von denen man es nicht gedacht hätte, zum Beispiel Spanien, das nach Unentschieden gegen Schweden (0:0) und Polen (1:1, Tor Lewandowski) am Mittwoch in Sevilla gegen die Slowakei gewinnen muss, um das Achtelfinale zu erreichen. Als erstes Team ausgeschieden ist die Türkei nach Niederlagen gegen Italien, Wales und die Schweiz. Wer die größten Sprüche macht, fällt tief. Trainer Senol Günes hatte vorher getönt, dass die Türkei zu den Favoriten gerechnet werden müsse. Jetzt droht ihm die Ablösung, notfalls macht es wohl Staatschef Erdogan persönlich.

Die positive Überraschung bisher Italien, neben Wales (dahinter punktgleich die Schweiz, die aber muss noch zittern) und den Niederlanden bereits qualifiziert. Bisher ist Italien sogar noch ohne Gegentor und seit Dezember 2018 auch unbesiegt. Für Jogi Löw hat das alles keine Bedeutung, „die, die in den ersten Spielen perfekt auftreten, haben in den seltensten Fällen ein Turnier gewinnen können“. Wir wissen: Jogi Löw kennt sich aus.