EM-Bilanz: Angst frisst Titel auf

von knospepeter

Das ist wirklich paradox: Die unsinnigste Fußball-Europameisterschaft aller Zeiten hat doch Spaß gemacht und zeigte sich sportlich von ihrer besten Seite. Der europäische Verband UEFA organisierte zwar das paneuropäische Turnier in Corona-Zeiten nach dem Motto „wir leben in einer anderen Welt“, doch nach dem sportlichen Jubel kann das dicke Ende in Form von erhöhten Infektionszahlen der Pandemie nachkommen. Ob die Austragung generell unverantwortlich war, muss jeder für sich entscheiden. Dass es die Fans mit der Verantwortung nicht so ernst nehmen, das konnte sich jeder denken, aber Jubelfeiern ohne Schutz und Maske kann man nur als unverantwortlich bezeichnen.

Bleiben wir aber beim Sport. Das Endspiel zwischen Italien und England war ein typisches Match dieser EM. Es endete mit Verlängerung und Elfmeterschießen. Acht der 15 K.o.-Spiele gingen in die Verlängerung (mehr als die Hälfte also!), vier davon wurden erst vom Punkt entschieden. Italien holte mit dem 3:2 im Elfmeterschießen nach dem 1:1 nach Verlängerung nicht nur den Titel, sondern sorgte für ein Novum, nachdem es im Halbfinale auch Spanien per Elfmeter ausgeschaltet hatte. Das gab es noch nie bei einer EM, dass ein Team zwei Elfmeterschießen hintereinander siegreich beenden konnte. So holte Italien erstmals seit 53 Jahren wieder den Pokal, 1968 siegte man 2:0 im Wiederholungsspiel (noch kein Elfmeterschießen!) gegen Jugoslawien. Torhüter Gianluigi Donnarumma zeigt sich dabei als Könner seines Fachs: Der 22jährige hat in seiner jungen Karriere bereits fünf Elfmeterschießen bestritten und alle gewonnen, drei mit dem AC Mailand, zwei mit der Nationalmannschaft eben jetzt bei der EM! Heißt für künftige Gegner: Ihr braucht gar nicht erst antreten. Nun ja, Italien ist ja auch seit 34 Spielen ungeschlagen.

Was bleibt von dieser Europameisterschaft? Es war kein Turnier der Stars (wer spricht heute noch von Mbappe oder Cristiano Ronaldo?), es war eher ein Turnier der Trainer, da waren die Herren des Finals die besten Beispiele, nämlich Robert Mancini und Gareth Southgate. Es gab aber auch besondere Trends zu beobachten. So galt für die Trainer „Angst frisst Titel auf“. Wer nicht mutig, sondern zögerlich war, der hatte schon verloren. Das galt besonders für Joachim Löw mit Deutschland, aber auch für die Franzosen oder Southgate im Finale, der auf Vorsicht und nicht auf Sturm und Drang setzte. Einen besonderen Fehler beging er noch vor dem Elfmeterschießen, als er mit Rashford und Sancho zwei Spieler als Elfmeterschützen aufs Feld brachte, die vorher kaum zum Einsatz kamen und deshalb nicht richtig im Spiel waren. Er hätte die Stürmer früher bringen müssen, dann hätte sich das Elfmeterschießen vielleicht erübrigt. Anders sein Gegenüber Mancini. Der erzählte seinen Spielern schon zu Beginn der Vorbereitung „wir holen den Titel“. Die Richtung war vorgeben, das weckte den Teamgeist und den Mut.

„Angst frisst Titel auf“ gilt aber auch auf anderer Ebene. Auffallend, dass die Mannschaften erfolgreich waren, die mutig spielten, Begeisterung im Team offenbarten und mit Schwung zu Werke gingen. Besonders Italien hat den Titelgewinn auch seinem überragenden Mannschaftsgeist zu verdanken, aber erkennbar war der Zusammenhalt auch bei Dänemark, Österreich, die Schweiz, Ungarn und Tschechien, sie alle ließen große Begeisterung erkennen und waren nahe daran, ganze Berge zu versetzen. Erfreulich, dass trotz mancher Defensivkonzepte vor allem nach vorne gespielt wurde. Ob Vierer- oder Dreierkette spielte dabei keine Rolle, auf die Interpretation kommt es an und darauf, ob die Taktik einstudiert werden konnte. Das war zum Beispiel bei Deutschland nicht der Fall. Apropos Deutschland: Das Team legte keine Ehre ein, aber das Schiedsrichter-Duo. Daniel Siebert und Felix Brych zeigten ausgezeichnete Leistungen, wie überhaupt die Schiris ein überraschend gutes Niveau hatten, der Video-Assisten wurde wohltuend behutsam eingesetzt. Felix Brych wurde gleich fünfmal nominiert, ein neuer Rekord zu seinem Abschied, nachdem er mit 45 Jahren die Altersgrenze erreicht hat. Auffallend auch die Zahl der Eigentore, mit elf ebenfalls ein Rekord.

Italien kann sich im Moment freuen, jeder Spieler erhält eine Siegprämie von 250.00 Euro, fast 30 Millionen Euro fließen in die Kasse des Verbandes. Die Mannschaft hat wohl am Höhepunkt ihres Wirkens endlich einen Titel geholt, zum zehnten Mal war Italien in einem WM- oder EM-Finale, nur Deutschland hat mit 14 Teilnahmen mehr aufzuweisen. Aber ob Italien die Zukunft gehört? Die Abwehr-Asse Chiellini (der eigentliche Star des Turniers) und Bonucci sind bekanntlich schon 36 bzw. 34 Jahre alt. Italien stellte überhaupt die älteste Mannschaft. Da gehört eher England die Zukunft, das seit 55 Jahren nach einem Titel lechzt und seit 1966 weiter warten muss. Auffallend auch, dass echte Mittelstürmer und Torjäger mit der Lupe gesucht werden.

Für die Zukunft spielt auch Deutschland eine Rolle, ist der DFB doch 2024 Ausrichter des nächsten Turniers. Eine EM über ganz Europa verteilt bleibt hoffentlich eine Einmaligkeit, aber auch die Pläne, das Teilnehmerfeld von 24 auf 32 aufzustocken, sollten schnell wieder in der Schublade verschwinden. Der Fußball muss endlich Abschied nehmen vom Drang, das Teilnehmerfeld bei allen Wettbewerben zu erhöhen, für die Sportler selbst sind die Grenzen schon überschritten, auch die Fans machen da nicht mehr mit.

Auch wenn Cristiano Ronaldo mit fünf Treffern Torschützenkönig wurde, die Stars drückten der EM nicht ihren Stempel auf. Das war in Südamerika anders, dort waren Neymar und Messi die großen Macher und Lionel Messi am Ende der Held. Mit dem 1:0-Sieg von Argentinien über Gastgeber Brasilien wurde die titellose Zeit des Barca-Stars ebenso beendet wie die von Argentinien, das seit 1993 auf einen Turniersieg gewartet hat. Zwar wurde Messi zusammen mit Neymar zum besten Spieler des Turnier gewählt, aber im Finale war wenig von ihm zu sehen. Für den Sieg sorgte Angel di Maria (Paris) mit einer feinen Einzelleistung. Messi aber wird jetzt mit Maradona auf eine Stufe gestellt und gefeiert.

Ab sofort wird der Fußball national wieder die Hauptrolle spielen, in der Bundesliga laufen die Vorbereitungen auf die neue Saison. Auch Meister Bayern München startet wieder, was in dieser Woche noch Thema einer Kolumne sein wird. Was darf man von den neuen Bayern erwarten? Und dann folgen auch die Olympischen Sommerspiele in Tokio, die ohne Zuschauer stattfinden müssen. Die Japaner sind offensichtlich vernünftiger als die UEFA, die um jeden Preis Stimmung in den Stadien haben wollte. Möglicherweise ein zu hoher Preis. Zu Olympia natürlich später ebenfalls mehr.