Fußball-Fans träumen von einem deutschen Finale!

von knospepeter

„Cup der Verlierer“ wurde einst gelästert, als zweitklassig wird die Europa League oft verhöhnt, doch die deutschen Fußball-Fans sind elektrisiert und wünschen sich ein erstklassiges Ereignis: Sie träumen von einem deutschen Finale am 18. Mai in Sevilla. Der Anfang dafür ist gemacht, Eintracht Frankfurt stellte im Halbfinale die Weichen mit einem 2:1-Sieg in London gegen West Ham United (Knauff und Kamada), der RB Leipzig hat mit dem 1:0-Treffer von Angelino gegen die Glasgow Rangers ebenfalls die besseren Karten in der Hand. Der einst ungeliebte UEFA-Cup, der heute Europa League heißt, stellt jetzt sogar die Bundesliga in den Schatten. Zumindest für ein paar Tage.

Zuletzt hatten sich die Bundesligisten in der Europa League meist blamiert, einzige Ausnahme war Eintracht Frankfurt mit einem Einzug ins Halbfinale. Ansonsten aber wurde eher darüber gemosert, dass in der EL bei weitem nicht so viel Geld zu verdienen ist wie in der Champions League. Insofern bleibt die EL zweitklassig, aber das stört die Fans in Deutschland derzeit gar nicht. Frankfurt und Leipzig werden gefeiert, vor allem die Frankfurter Anhänger sorgen mit ihrer Begeisterung für Schlagzeilen in ganz Europa. In London ging es zwar nicht ganz so toll zu wie in Barcelona, aber die Fans beweisen wieder einmal, dass sie der zwölfte Mann sein können. Die dickste Belohnung könnte in Sevilla im Endspiel folgen: Der Sieger der Europa League zieht schließlich in die Champions League ein und darf an den großen Geldtopf.

Die Champions League selbst muss sich hinter dem „kleinen Bruder“ keineswegs verstecken. Manchester City und Real Madrid zeigten beim 4:3-Sieg des Guardiola-Teams eines der besten Spiele der letzten Jahre. Real allerdings hat sich vor dem Rückspiel am Mittwoch richtig gepusht, wurde zum 35. Mal Meister in Spanien und sorgte für einen Rekord von Trainer Carlo Ancelotti: Der 62-jährige Italiener ist der erste Trainer, der in allen fünf europäischen Top-Ligen Meister wurde! Er gewann zuvor 2004 mit dem AC Mailand in Italien, 2010 mit Chelsea London in England, 2013 mit Paris St. Germain in Frankreich und 2017 in Deutschland mit Bayern München. In der CL war er ebenfalls äußerst erfolgreich, holte 2003 und 2007 mit Milano und 2014 mit Real den Henkel-Pott. „Mit Real Madrid Titel zu gewinnen, ist etwas ganz Besonderes“ bekannte Ancelotti und kündigte bei der Meisterfeier vor 150.000 Fans am Cibeles-Brunnen in Madrid an: „Jetzt holen wir uns City und am 28. Mai in Paris den Pokal!“

Nun, Jürgen Klopp wird mit dem FC Liverpool etwas dagegen haben, er hat die harte Nuss FC Villarreal, an der sich die Bayern verschluckt hatten, geknackt. Zwar war beim 2:0-Erfolg Geduld gefragt, die Reds erzwangen ein Eigentor des Gegners und zwei Minuten später machte Mané den Deckel drauf. Noch ist Liverpool nicht durch, hat aber natürlich alle Trümpfe in der Hand.

In der Champions League der Frauen erfüllten sich die deutschen Hoffnungen nicht. Für den VfL Wolfsburg galt mit dem 2:0-Sieg im Rückspiel gegen den FC Barcelona nach dem 1:5 im Hinspiel immerhin „raus mit Applaus“. 22057 Zuschauer sahen die Partie in Wolfsburg und die Tore von Waßmuth und Roord. Damit machten die Wölfinnen aber auch deutlich, dass sie die Nummer 1 in Deutschland sind, Meisterschaft und Pokal (im Finale gegen Potsdam) sollen folgen. Das CL-Finale bestreitet Barcelona gegen Olympique Lyon, das Paris mit 3:2 und 2:1 ausgeschaltet hat.

Zweifel an Julian Nagelsmann

Bei Liverpools Triumph über Villarreal stach vor allem ein Spieler heraus und wurde „Men of the match“: Thiago Alcantara. Er ordnete einst auch bei den Bayern das Mittelfeld und wurde unter Klopp zum perfekten Mittelfeldstrategen, stark in der Abwehr und mit klugen Pässen. So einen wie ihn bräuchten die Bayern jetzt auch oder einen wie Javi Martinez. Joshua Kimmich und Leon Gorotzka werden zwar gelobt, aber was den Bayern fehlt, ist ein echter „Abräumer“ vor der (wackligen) Abwehr. Da könnte es durchaus Sinn machen, Konrad Laimer von RB Leipzig zu holen. Er könnte es dann besser machen als Marcel Sabitzer, der sich eher als Flop entpuppte und wohl gehen soll.

Überhaupt muss sich bei den Bayern einiges ändern, die 1:3-Pleite in Mainz machte jegliche Meister-Lust zunichte. Kimmich schimpfte „solche Spiele passieren uns zu oft“ und Julian Nagelsmann kündigte schon Veränderungen an. Aber zunehmend gerät der Trainer selbst unter Druck. Es rumort in der Mannschaft wegen seiner taktischen Umstellungen, er hat es nicht geschafft, dem Team Abwehrstärke und Sicherheit zu geben. Der Coach glänzte eher in einer Nebenaufgabe, als Sprecher des Vereins, der Schwächen der Bosse ausbügelte. Jetzt muss er gemeinsam mit Kahn und Salihamidzic versuchen, Bayern wieder Konstanz einzuimpfen. Rekorde melden die Bayern dennoch am laufenden Band: Jetzt erzielte Robert Lewandowski seinen 18. Auswärtstreffer in einer Saison, was vorher niemand schaffte. Jupp Heynckes und Timo Werner blieben bei 17 stehen. Bayern stellten mit 47 Auswärtstoren auch den eigenen Rekord von 19/20 ein und können ihn ja noch übertreffen. In 50 Auswärtsspielen in Folge gab es jetzt einen Treffer – Rekord! Die Stimmung hat es aber nicht wesentlich aufgehellt.

So wirkten die Bayern eher wie Borussia Dortmund, dass von den Münchnern eben wegen fehlender Konstanz immer wieder abgehängt wurde und dies auch gegen Bochum zeigte. Die 3:4-Niederlage im „kleinen“ Ruhrpott-Derby war auch eine Blamage, machte aber wenigstens den Gegner glücklich, denn der Neuling durfte den Klassenerhalt feiern. Zur Erinnerung: Auch die Bayern hatte Bochum geschlagen! Wer das schafft, darf bleiben!

Aber wer darf sonst noch bleiben? Da gibt es ein Gerangel im Abstiegskampf und es ist fast wie immer, in den letzten Spielminuten ändert sich das Geschehen. Augsburg war kurz vor der Feier zum Klassenerhalt, als Stuttgart gegen Wolfsburg ausglich und seine Chance wahrte. Ebenso erging es Hertha BSC, das mit einem Sieg in Bielefeld gerettet gewesen wäre, doch den Ausgleich hinnehmen musste. So darf auch Bielefeld noch hoffen, muss aber am Freitag in Bochum gewinnen, zum Finale kommt Leipzig, das vorher Augsburg erwartet, also Zünglein an der Waage spielen kann. Wenn der FCA am Samstag (19.30 Uhr) RB empfängt, könnte der Klassenerhalt doch schon gefeiert werden, nämlich dann, wenn die Bayern ihre Aufgabe erfüllen und mit einem Sieg über Stuttgart die Meisterschale in Empfang nehmen. Alles andere wäre peinlich und das machte auch Hertha-Trainer Felix Magath, der dann auch gerettet wäre, deutlich: „Die Bayern tun so, als ob sie die Bundesliga nichts mehr angehe, sie müssen die Runde seriös zu Ende spielen.“ Ob es dazu passt, dass die Münchner jetzt für zwei Tage Sonntag und Montag zum Feiern nach Ibiza geflogen sind? Team-Building-Maßnahme heißt es an der Isar… Geht es nach der Papierform entscheidet sich zwischen Bielefeld und Stuttgart wer absteigt und wer in die Relegation darf. Stuttgart erwartet im letzten Spiel Köln, das auch noch auf die internationalen Plätze schielt.

Wer geht also in die Relegation und wer aus der 2. Bundesliga schafft den Sprung nach oben? Dort ändert sich das Geschehen laufend, die ersten fünf Mannschaften liegen nur fünf Punkte auseinander, seine Chancen fast verspielt hat allerdings der FC St. Pauli, da zog sogar Stadtrivale HSV wieder vorbei und darf nach drei Siegen wieder hoffen. Die besten Karten haben allerdings Außenseiter Darmstadt (57 Punkte, gegen Düsseldorf und Paderborn) sowie Werder Bremen (57, Aue und Regensburg). Werder vergab eine bessere Ausgangsposition mit der unnötigen 2:3-Niederlage gegen Kiel. Schalke als Tabellenführer hat das wohl schwerste Restprogramm mit St. Pauli und Nürnberg als letzte Gegner. Der Aufstieg könnte trotzdem gelingen, Darmstadt die Bremer in die Relegation verbannen und der HSV wie schon so oft als Vierter dumm aus der Wäsche schauen. Eine Relegation Stuttgart gegen Bremen hätte es in sich. Aber bitte: Sicher ist nichts!

Noch ein kleiner Hinweis auf einen besonderen Torschützen: Bei Union Berlin hat Joker Sven Michel derzeit einen besonderen Lauf, kaum ist er auf dem Feld, trifft er auch. Beim 4:1 gegen Hertha dauerte es 139 Sekunden, beim 2:1-Sieg in Leipzig gerade mal 22 und jetzt traf er gegen Schlusslicht Fürth nach 128 Sekunden und rettete noch einen Punkt und gleichzeitig die weitere Hoffnung auf das internationale Geschäft. Nils Petersen in Freiburg macht es ja vor, Joker können schon eine besondere Rolle spielen. Nicht nur die sind wichtig, die von Anfang an auf dem Feld stehen.